mini|Dachdeckung mit farbigen Betondachsteinen (Harzer Pfanne) Betondachsteine sind künstlich geformte Steine (so genannte Formsteine) und gehören zur Gruppe der Baustoffe und dienen primär der Herstellung geneigter Dächer.
Betondachsteine werden heute in der Industrie maschinell im Strangpressverfahren aus mineralischen Zuschlagstoffen und hydraulischen Bindemitteln hergestellt.FA Brockhaus 1996, 234. Sie bestehen meist aus Zement, quarzhaltigem Sand und werden auf der Außenseite durch eine Zementschlämme versiegelt, die mit Farb- und Kunststoffpigmenten versetzt ist.Michael Stahr, Dietrich Hinz: Sanierung und Ausbau von Dächern: Grundlagen – Werkstoffe – Ausführung. 2011, S. 306.
Abgrenzung zu Dachziegeln Dachsteine aus Beton werden umgangssprachlich auch als Dachziegel oder Betonziegel bezeichnet, da Laien die Unterschiede zu Produkten aus Ton nicht ohne Weiteres erkennen und mitunter nicht bekannt ist, dass Materialien zur Dacheindeckung häufig nicht aus Ton, sondern aus Beton hergestellt werden. In Fachkreisen wird der Begriff „Dachziegel“ regelmäßig für Produkte aus Ton („Tondachziegel“) verwendet, während für Produkte aus Beton die Bezeichnung „Dachstein“ bzw. „Betondachstein“ gebräuchlich ist. alt=Ein Haufen von Betondachsteinen, die Oberflächenbeschichtung ist großteils durch Verwitterung nicht mehr vorhanden. In einigen Dachsteinen wächst bereits Moos.|mini|Verwitterte, teilweise moosbewachsene, alte Betondachsteine, nach Abriss. Betondachsteine galten seit Einführung der Fließbandfertigung im Vergleich zu Tondachziegeln lange Zeit als deutlich preiswerter. Für Laien ist der optische Unterschied zwischen Tondachziegeln und Betondachsteinen im eingedeckten Zustand zunehmend schwerer zu erkennen. Dazu trägt bei, dass sich die Oberflächen der Betondachsteine immer feiner gestalten und tendenziell in Richtung der Tondachziegel entwickeln, während die traditionell im Vergleich eher kleinformatigeren Tondachziegel seit einigen Jahren auch in größeren Formaten erhältlich sind.
Das Verwitterungs- und Patinierungsverhalten von Betondachsteinen und Tonziegeln ist insbesondere in farblicher und optischer Hinsicht bei nur oberflächlich eingefärbten Betondachsteinen am größten. Im Gegensatz zur Durchfärbung kann eine nur oberflächlich eingebrachte Farbschicht schon nach wenigen Jahren abwittern, womit die rote Färbung verlorengeht. Im Laufe der Zeit entsteht das Aussehen eines algen- und flechtenverwachsenen, nicht eingefärbten Betondachsteins.
Geschichte
Manuelle Fertigung
Anfänge in Staudach – Adolph Kroher Die ersten Betondachsteine wurden um 1840 in Staudach, einem kleinen Bauerndorf in Oberbayern, hergestellt.Geschichte des Beton-Dachsteins, Charles G. Dobson, 1959, 19. Als Erfinder gilt ein junger Mann namens Adolph Kroher (3. Mai 1825–23. April 1892), der in Augsburg Papierhändler war und im Jahr 1858 die bereits einige Zeit zuvor gegründete Staudacher Cementfabrik ins Handelsregister eintragen ließ.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 21, 24.
Um 1840 traf Kroher während eines Urlaubs im nahe bei Staudach gelegenen Grassau auf zwei nebenberuflich tätige Putzhersteller, die örtliche Mineralablagerungen und andere Materialien in kleinen Mengen mischten, um Wände zu verputzen.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 21–23. Er kaufte einen Bauernhof und bewaldetes Gelände, auf dem später ein Steinbruch zum Abbau der Mineralablagerungen entstand. Die ersten rautenförmigen Dachsteine aus Zement stellte Kroher spätestens 1844 her. Er bediente sich dabei Arbeitern, die im Winter nicht angestellt waren und den schnellbindenden Staudacher Zement verarbeiteten. Der Zement ermöglichte es, die Steine schon nach einigen Stunden aus ihrer Form zu nehmen.Eugen Kroher 1919 in der deutschen Tonindustrie-Zeitung, zitiert nach Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 25. Kroher experimentierte mit verschiedenen von Dachziegeln bekannten Formen und entschied sich letztlich für rautenförmige Platten,Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 27, 29. die in Bayern auch „holländische Pfannen“ genannt werden. Er fand heraus, dass bei dieser Form weniger Feuchtigkeit in die Fugen aneinanderstoßender Steine eindrang und sie weniger zerbrechlich waren als andere Formen. Sie seien zudem leichter auf das Dach zu befördern und von halbwegs geschickten Männern leicht zu verlegen.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 30. Experimente mit Biberschwanzformen hatten gezeigt, dass das Gewicht der Deckung zu groß war, wenn doppellagig gedeckt wurde.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 40.
Die Herstellung der Pfannen erfolgte mit von Kroher erfundenen so genannten Handschlagmaschinen. Auf einer Grundplatte aus Holz lag ein Jutesack, damit die Steine nicht festklebten und so leichter entnommen werden konnten. Auf den bis 1870 hergestellten Steinen zeichnete sich so auf der Rückseite das Muster des Sackgewebes ab.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 29. Ein der Form entsprechender Stahlring lag auf einem viereckigen Holzblock. Der Stahlring ließ sich zangenförmig öffnen. Er war mit einem Scharnier aufwärts beweglich, um Unterlegplatten einzuschieben. An der dem Scharnier gegenüberliegenden Seite konnte er mit einer Klemmvorrichtung zusammengehalten, aber auch auf die Unterlegplatte gedrückt werden.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 36.
Der Mörtel wurde in den Stahlring eingeschlagen, eingerieben und geglättet, bevor der Stahlring ausgeklemmt, auseinandergezogen und nach hinten übergeklappt wurde, damit man die Unterlegplatte mit dem so hergestellten Dachstein entnehmen konnte.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 36–37.
Neben der eigenen Produktion der Dachsteine erstellte Kroher bereits früh eine Do-it-yourself-Anleitung, die Nichtfachleute zusammen mit von ihm gelieferten Zement und Handschlagmaschinen verwenden konnten, um selbst Dachsteine herzustellen.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 35–36. Die Qualität der Dachsteine variierte damit je nach Kenntnis der Anwender und Verwendung ggf. weiterer Zuschlagstoffe.
Kroher selbst stellte Betondachsteine her, indem er dem von ihm gesiebten Staudacher Zement ständig nur wenigen sauberen scharfen zweimal gesiebten Sand der Tiroler Ache hinzufügte.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 74.
Bereits 1873 waren 120 Männer mit der Produktion, aber auch der baulichen Verwendung der Erzeugnisse beschäftigt, die Hälfte kam aus Italien.Paragraph 1 des Ausschusses der Deutschen Gesellschaft der Hersteller von Betonprodukten in Guben im Jahr 1907, zitiert nach Geschichte des Beton-Dachsteins, C. G. Dobson, 1959, 25. In diesem Jahr erhielt Kroher für seine Dachsteine ein Anerkennungsdiplom.Joachim Hoffmann: Die Erfolgsgeschichte von Rudolf H. Braas. In: Friedrichsdorfer Schriften 8, 116. Die Tagesleistung soll rund 125 Stück pro Arbeiter betragen haben.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 28. Die Betondachsteine wurden u. a. für einen Großauftrag der österreichischen Regierung verwendet, die damit alle Dächer von Bahnstationen, Signalstationen, Arbeiterhäusern etc. entlang der seinerzeit neu errichteten Tauernbahn eindecken ließ. 1959 stellte der Autor Dobson (Geschichte des Beton-Dachsteins) fest, dass die meisten diese Gebäude nun mit Asbestzement gedeckt waren.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 26–28. 1865 stellte Kroher erstmals Dachsteine mit Seitenfalz her, um einen besseren Schutz vor Regenwasser zu erzielen.Joachim Hoffmann: Die Erfolgsgeschichte von Rudolf H. Braas. In: Friedrichsdorfer Schriften 8, 116/117. In Arnhem (Niederlande) wurden 1879 bei einer Ausstellung 35 Jahre alte Dachsteine gezeigt, die keine Anzeichen von Verwitterungen oder Durchlässigkeit aufgewiesen haben und fester als neu hergestellte Dachsteine gewesen sein sollen.Joachim Hoffmann: Die Erfolgsgeschichte von Rudolf H. Braas. In: Friedrichsdorfer Schriften 8, 117. Daraus lässt sich in etwa darauf schließen, wann die Herstellung spätestens begonnen hat. Die Staudacher Produktion gilt als weltweit erste Herstellung von Betondachsteinen.
Im Jahr 1929 beendete die Familie Kroher die Herstellung von Betonprodukten und verkaufte die Zementfabriken. Sie begründete dies mit der deutschen Inflation, aber auch mit Unrentabilität gegenüber den bereits seit 1840 maschinell hergestellten einfalzigen Tonziegeln.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 33. Mitte des 19. Jahrhunderts von Kroher produzierte und auf seinem Wohnhaus verlegte Dachsteine erfüllten dort auch 100 Jahre später noch ihren Zweck.
Betondachsteinproduktion in Guben Um 1883 begann die Produktion von „Zementdachsteinen“ in Guben (Niederlausitz, südöstlich von Berlin),Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 25. das 1907 als eines der Zentren der Betondachsteinproduktion galt.
Betondachsteine im Norden - Haseldorf, Quickborn und Wedel Der zum Bau eines Mausoleums im Jahr 1871 nach Haseldorf in Schleswig-Holstein gekommene Däne J. P. Jörgensen (1852–1933) meldete 1882 sein erstes Patent „Neuerungen an Dachfalzziegeln aus Cement“ an, das unter der Nummer 20772 vom Königlichen Patentamt am 23. Juni 1882 herausgegeben wurde. Es ging dabei um einen Grundstein und einen Deckstein. Sie ähnelten stark den 1805 und 1855 in England von William Wilkinson bzw. Thomas Taylor Coniam patentierten, in Bridgewater hergestellten Broomhall-Tonziegeln. Ein Beweis für den Zusammenhang der Modelle ist nicht bekannt.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 46–52.
Seine erste Fabrik erbaute er 1883 in Wedel.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 51–52. Dort erhielt er sein erstes Patent „Neuerungen an Dachfalzziegeln aus Cement“. 1902 verkaufte er die Fabrik, die 1907 durch ein Feuer oder eine Explosion zerstört wurde. In 1895 baute er eine zweite Fabrik in Quickborn, die er 1925 an G. Rademacher verkaufte, der selbst am Ort auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der Branche tätig war. Rademachers Cementziegelei und Cementwaren-Fabrik teilte 1901 mit, dass er „nach reiflichen Überlegungen und nach Beratungen mit Behörden beschlossen“ habe, rautenförmige Betondachsteine herzustellen. Er habe sich vor der Gründung seiner Cement-Dachziegelfabrik länger mit der Sache und Gutachten von Autoritäten der Baubranche beschäftigt. Es handele sich um die vielfach patentierten „Reisings Sattelfalzziegel mit Doppelfalze“, „Das Dach der Zukunft.“, „Ohne Mörtelverstrich“. Die Ziegel wiesen auf Ober- und Unterseite eine doppelte Falz und oben auf der Unterseite eine Einhängenase auf. Es gab dazu „Halbe“ und Firstziegel.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 57–59. Der rautenförmige Dachstein wurde auf einer für Reising patentierten Maschine hergestellt, die der von Kröher ähnelt, wobei die Form auf einem Tisch montiert wird, der über eine Pedalerie verfügt. Das Patent wurde für eine verbesserte Form des Falzes erteilt.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 24.
Weitere frühe Zentren der Herstellung von Betondachsteinen Auch Roding, Bad Reichenhall und Oberkassel (Hüser Betonsteinwerke) sind als frühe Zentren der Herstellung von Betondachsteinen bekannt.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 55, 61. Hartwig Hüser gründete bereits 1850 eine Firma, meldete 1878 ein Patent für rautenförmige Betondachplatten an und produzierte sie aus Rheinsand und Portlandzement. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Maschinen verkauft und die Produktion eingestellt.Charles G. Dobson: Geschichte des Beton-Dachsteins. 1959, S. 61. Auch aus dem mittelfränkischen Schallfeld ist die Produktion von Betondachsteinen bekannt.