mini|Ehemalige Zentrale der Zeitung Zaman () war eine 1986 gegründete Zeitung in der Türkei, die sich selbst als „werteorientiert-konservativ“ bezeichnete.Türkische Zeitung: In die Hauptstadt, Frankfurter Rundschau, 13. Februar 2013 Mit einer Auflage von bis zu einer Million Exemplaren und mehr war Zaman jahrelang die mit Abstand größte Zeitung des Landes; in ihren letzten Jahren wurde sie zugleich oft als „größte oppositionelle Zeitung der Türkei“ bezeichnet.Türkei bringt oppositionelle Zeitung auf Regierungslinie, Focus Online, 6. März 2016 (Näheres dazu siehe unter Auflage.) Sie wurde am 27. Juli 2016 per Regierungsdekret aufgelöst.

Geschichte Überblick 1986 gründeten von Fethullah Gülen beeinflusste Geschäftsleute die Zeitung. Sie erschien im Verlag Feza Gazetecilik. Die Redaktionszentrale befand sich anfangs in Ankara, wurde aber bald nach Istanbul verlegt., Überblick über die Geschichte der Zeitung, ursprünglich erschienen in der Zeitschrift Aksiyon, wieder veröffentlicht auf der Webseite von Fethullah Gülen

Gründungschefredakteur war der Journalist Fehmi Koru, der dieses Amt 1986/87 ausübte, aber bis 1998 Chefkommentator blieb und 2010/11 noch einmal als Autor kurzzeitig zu Zaman zurückkehrte. Als Chefredakteure folgten ihm Mehmet Şevket Eygi (1987–89), Hüseyin Gökçe (1989/90), Mustafa Başarı, Hüseyin Gülerce und Mahmut Çebi (1999–2001).

Im Jahr 2001 wurde Ekrem Dumanlı Chefredakteur, der 1993 in der Kulturredaktion von Zaman zu arbeiten begonnen hatte und in seinen 14 Jahren als Chefredakteur das Blatt entscheidend prägte. Im Oktober 2015 trat Dumanlı von diesem Posten zurück. „Wegen des unrechtmäßigen Drucks der jüngsten Zeit gegen die Presse und meine Person sehe ich mich außerstande, meine Aufgabe als Chefredakteur zu erfüllen“, schrieb er in seiner Rücktrittsbegründung.Ekrem Dumanlı, 14 yıl sonra Zaman Genel Yayın Yönetmenliği'nden istifa etti, T24, 5. Oktober 2015 Letzter regulärer Chefredakteur war Abdülhamit Bilici, der zuvor denselben Posten bei der Nachrichtenagentur Cihan innehatte.Deniz Yücel: „Ein schwerer Schlag für unsere Demokratie“, Interview mit Zaman-Chefredakteur Abdülhamit Bilici, das kurz vor der Erstürmung der Redaktion durch die Polizei geführt wurde, Die Welt, 4. März 2016

Ausrichtung Allgemein wurde die Zeitung der Gülen-Bewegung um Fethullah Gülen zugeordnet. Er selbst verfasste im Blatt eine Freitagskolumne, war aber laut Helen Rose Ebaugh darüber hinaus nie in finanzieller oder administrativer Hinsicht tätig.Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung. Eine empirische Studie. Freiburg 2012, S. 159 ff. Die meisten unabhängigen Beobachter hingegen sehen eine sehr viel engere Verbindung und bezeichnen Zaman als „Sprachrohr“,Volker Siefert: Eine Zeitung als Sprachrohr, Deutschlandfunk, 19. April 2014 „Flaggschiff“Frank Jansen, Ulrike Scheffer und Thomas Seibert: Wie mächtig ist Fethullah Gülen? Und was macht seine Bewegung in Deutschland?, Der Tagesspiegel, 22. Juli 2016 oder „Zentralorgan“Jürgen Gottschlich: Lobet und preiset Erdoğan!, taz, 7. März 2016 der Gülen-Bewegung.

Auch zur Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) und Recep Tayyip Erdoğan bestand lange Zeit eine Nähe. Anfang 2012 hielt Erdoğan, damals noch Ministerpräsident, auf dem Festakt zum 25. Geburtstag der Zaman die Laudatio und bedankte sich bei deren Mitarbeitern dafür, „unsere Stimme in der Welt“ zu erheben.Deniz Yücel: Die Angst vor Erdogans „Diktator-Justiz“ geht um, Die Welt, 5. März 2016

Im Jahr 2011, als Journalisten wie Ahmet Şık und Soner Yalçın im so genannten Oda-TV-Verfahren vorgeworfen wurde, Teil einer Verschwörung gegen Erdoğans Regierung zu sein, schrieb der damalige Chefredakteur Ekrem Dumanlı: „Einige, die sich Journalisten nennen, benutzen diesen Beruf als Rüstung, hinter der sie psychologische Kriege führen.“Zia Weise: Eine der letzten kritischen Stimmen, Zeit Online, 5. März 2016 Und am 7. Juni 2013, zum Höhepunkt der Gezi-Proteste, war Zaman – neben Sabah, Yeni Şafak, Habertürk, Star, Türkiye und Güneş – eine von sieben Tageszeitungen, die mit der identischen Schlagzeile, einer Äußerung des damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan zu den Protesten, erschien. Kritiker werteten dies als Zeichen einer direkten Einflussnahme der Regierung.7 Gazete, 1 Genel Yayın Yönetmeni, Bianet, 7. Juni 2013 Eine eindeutig oppositionelle Haltung zur Erdogan-Regierung nahm das Blatt erst nach dem Zerwürfnis zwischen Gülen und Erdoğan Ende 2013 ein. Im Zuge des Korruptionsskandals Ende 2013 veröffentlichte das Blatt mehrfach detaillierten Enthüllungen, die laut Einschätzung von Beobachtern „eigentlich nur aus den Dossiers der Staatsanwälte kommen“ konnten.Boris Kálnoky: Erdogan droht mit Ende der Beziehungen zum Westen, Die Welt, 21. Dezember 2013

Doch auch wenn es sich bei einem bedeutenden Teil der Autoren und Redakteure – insbesondere der leitenden Redakteure – um Gülen-Anhänger handelte und viele weitere dem islamisch-konservativen Spektrum entstammten, versuchte das Blatt, auch andere Milieus anzusprechen.Kristina Dohrn: Die Gülen-Bewegung. Entstehung und Entwicklung eines muslimischen Netzwerks, Aus Politik und Zeitgeschichte, 24. Februar 2017 Dies spiegelte sich auch in der Autorenschaft wider, zu der neben islamisch-konservativen Autoren wie Fehmi Koru, Hüseyin Gülerce, Ali Bulaç oder Mümtaz'er Türköne auch liberale bzw. linksliberale Autorinnen und Autoren wie Elif Şafak, Şahin Alpay oder Etyen Mahçupyan gehörten.

So erläuterte Elif Şafak, die von 2005 bis 2009 eine regelmäßige Kolumne in der Sonntagsausgabe von Zaman schrieb, ihre Beweggründe wie folgt: „Jahrelang fragten mich Menschen, warum ich für 'Zaman' schreibe. Manchmal resultierte diese Frage aus aufrichtiger Neugier, manchmal aus einem spürbaren Vorurteil. Aber Zaman ist keine andere Türkei. Es gibt nur eine Türkei. Ich habe für Zaman geschrieben, weil sie Möglichkeiten schuf, um Brücken der Empathie zwischen scheinbar unterschiedlichen Menschen zu bilden.“Elif Şafak: Abschiedskolumne in Zaman, zitiert nach Zaman Gazetesi'nden kimler geldi kimler geçti?, gazeteciler.com, 2. November 2009

Charakter, Mitgliedschaften und Auszeichnungen Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung und ihrer Beziehung zur Gülen-Bewegung wurde Zaman oft als Qualitätszeitung charakterisiert.Frank Nordhausen: Erdogan droht unabhängigen Medien, Frankfurter Rundschau, 26. Mai 2015Rainer Hermann: Wie Erdogan die freie Presse mundtot macht, FAZ, 4. März 2016

Zaman und das englischsprachige Schwesterblatt Today’s Zaman waren die einzigen türkischen Mitgliedszeitungen des International Newspaper Color Quality Clubs., World Association of Newspapers, 30. Mai 2012, Solidaritätsaufruf der World Association of Newspapers, 4. März 2016

Zaman wurde mit dem Medienpreis der Society for Newsdesign (SND) ausgezeichnet.

Schwesterzeitungen Eng mit Zaman verbunden waren die Nachrichtenagentur Cihan und das Nachrichtenmagazin Aksiyon.Türkische Polizei dringt in Redaktion der Zeitung „Zaman“ ein. In: Der Standard, 4. März 2016. Seit Dezember 2006 erschien Today’s Zaman als englischsprachige Schwesterzeitung. Im März 2015 kam der boulevardeske Ableger Meydan hinzu. Diese Publikationen erschienen zumindest zeitweise im selben Verlag wie Zaman. Darüber hinaus gab es Überschneidungen zum Fernsehsender Samanyolu TV.

Razzien und Zwangsverwaltung Mitte Dezember 2014, etwa ein Jahr nach dem Zerwürfnis zwischen Gülen und Erdoğan, kam es zu einer Polizeirazzia in der Zaman-Redaktion. Zum ersten Mal in der türkischen Geschichte wurde dabei ein Journalist während einer Live-Übertragung festgenommen. Dabei handelte es sich um den damaligen Chefredakteur Ekrem Dumanlı. Die Festnahme wurde sowohl von der Europäischen Union, der OSZE als auch von Journalistenverbänden stark kritisiert.EU verurteilt Festnahme von Regierungskritikern, Zeit Online, 4. Dezember 2014 Dumanlı wurde nach einem Verhör unter Auflagen wieder entlassen. Die Polizeiaktion war kurz zuvor durch den Whistleblower-Account Fuat Avni bekannt gegeben worden.

Anfang März 2016 bestimmte ein Istanbuler Gericht drei Rechtsanwälte zu „Treuhändern“ von Zaman. Laut einem Bericht von Deniz Yücel in der Welt handelte es sich bei einem davon um Metin Ilhan, einem früheren Funktionär der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD). Am 4. März 2016 stürmte die türkische Polizei das Redaktionsgebäude, um den Zwangsverwaltern Zugang zu verschaffen, und setzte dabei auch Wasserwerfer und Tränengas ein.Polizei stürmt regierungskritische Zeitung „Zaman“, Spiegel Online, 4. März 2016Türkische Polizei stürmt größte kritische Zeitung, Süddeutsche Zeitung, 5. März 2016 Die Zwangsverwaltung verfügt hatte ein „Friedensrichter“.

Am 5. März 2016 erschien eine letzte von der alten Redaktion herausgegebene Zaman. Die Titelseite war ganz in schwarz gehalten, darauf standen die Dachzeile „Zwangsverwaltung für Zaman“ und die Schlagzeile „Verfassung außer Kraft“. Darunter kleiner gedruckt war der Artikel 30 der türkischen Verfassung, welcher die Pressefreiheit garantiert.Kayyum atanan Zaman’ın manşeti: Anayasa askıda, Diken, 4. März 2016

Mit der Zwangsverwaltung wurde Kenan Kıran, zuvor Nachrichtenchef bei Yeni Akit, neuer Chefredakteur.Zaman’ın yeni genel yayın yönetmeni o isim oldu, Sabah, 30. März 2016 Bereits mit der ersten nach der Übernahme durch die Zwangsverwalter veröffentlichten Ausgabe schwenkte die nun größtenteils von anderen Mitarbeitern hergestellte Zeitung plötzlich auf einen eindeutigen Pro-Erdoğan-Kurs.Zaman newspaper: Seized Turkish daily ’now pro-government’, BBC, 6. März 2016 Ähnliches war zuvor schon bei den Zeitungen Bugün und Millet beobachtet worden.Deniz Yücel: „Gekaperte“ Zeitungen feiern plötzlich Erdogan, Welt, 30. Oktober 2015

Nachfolgeblätter und endgültiges Aus Nach der Übernahme von Zaman und Meydan durch staatliche Zwangsverwalter gründeten vormalige Angehörige dieser Redaktion neue Zeitungen namens Yarına Bakış („Blick auf Morgen“) und Yeni Hayat („Neues Leben“).Kemal Hür: Deutsche Ausgabe von „Zaman“: Weiter gegen Erdoğan, taz, 10. März 2016

Bald nach dem Putschversuch vom Juli 2016 wurden im Zuge der anschließenden Maßnahmen 47 ehemalige Mitarbeiter der Zeitung zur Fahndung ausgeschrieben.Haftbefehle gegen 47 „Zaman“-Mitarbeiter, Spiegel Online, 27. Juli 2016 Mit dem Notstandsdekret vom 27. Juli 2016 wurden alle Gülen-nahe Medien verboten und aufgelöst, darunter auch Zaman und Meydan sowie deren Nachfolger Yarına Bakış und Yeni Hayat.Türkei schließt Dutzende Zeitungen und 16 Fernsehsender, Spiegel Online, 27. Juli 2016

Nachwirkungen