mini|1. September 1992: Erster Gedenkdiener im Museum Auschwitz-Birkenau

Der Gedenkdienst ist ein österreichischer Freiwilligendienst, der als sechs- bis zwölfmonatiger Auslandsdienst in Holocaust-Gedenkstätten, Museen und Forschungseinrichtungen mit Bezug auf Holocaustforschung geleistet werden kann. Die Arbeit an den zahlreichen Einsatzstellen besteht hauptsächlich aus dem Gestalten und Organisieren von Führungen und Veranstaltungen, Archivarbeit, dem Halten von Vorträgen an Universitäten und Schulen, sowie Gesprächen mit Zeitzeugen und deren Dokumentation, um ihre Erfahrungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Der Gedenkdienst wird durch den Staat gefördert und kann nach der Ableistung von mindestens zehn Monaten als Ersatz zum ordentlichen Zivildienst angerechnet werden.

Geschichte mini|hochkant|Andreas Maislinger als ASF-Freiwilliger in Polen (1981)

Der Innsbrucker Politikwissenschaftler und wissenschaftliche Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage Andreas Maislinger setzte sich ab dem Ende der 1970er Jahre und des „Österreichischer Auslandsdienst e.V.“ dokumentieren das erwähnte Engagement für den Gedenkdienst seit 1977. für die gesetzliche Verankerung dieser Art des Militärersatzdienstes ein, die die Aufklärung über den Holocaust zum Ziel hatte. Am 10. Oktober 1980 hatte er auf Einladung von Anton Pelinka die Möglichkeit, in der von Dolores Bauer geleiteten ORF-Sendung „Kreuzverhör“ seinen „Zivildienst in Auschwitz“Andreas Maislinger: , Stattblatt – Linzer Programm- und Belangzeitschrift 22/1980 vorzustellen. Bundespräsident Rudolf Kirchschläger hatte sein Konzept jedoch mit der Begründung „ein Österreicher hat in Auschwitz nichts zu sühnen“ abgelehnt. Später anerkannte Kirchschläger „das positive Ergebnis“ des von Maislinger „durchgesetzten Gedenkdienstes“. In: gedenkdienst.org, 3. Februar 1995

1980 und 1981 war Maislinger mit Joachim Schlör Freiwilliger im von Volker von Törne und Christoph Heubner geleiteten Polenreferat der deutschen Aktion Sühnezeichen Friedensdienste tätig. PROFIL, 12. Juli 1982 Im Museum Auschwitz-Birkenau betreute er deutsche Jugendgruppen. Nach seiner Rückkehr war er noch stärker davon überzeugt, ein ähnliches Programm auch in Österreich zu verwirklichen. Unterstützt wurde er dabei vor allem von Simon Wiesenthal, Teddy Kollek, (Tiroler Tageszeitung, 12. Jänner 1993) Ari Rath, Herbert Rosenkranz, Gerhard Röthler und Karl Pfeifer. Einer der Söhne Röthlers hat später selbst Gedenkdienst geleistet und Pfeifer veröffentlichte ein Interview in der IKG-Zeitschrift „Die Gemeinde“.

Im Mai 1991 informierte Innenminister Franz Löschnak in einem Brief darüber, dass der Gedenkdienst von der österreichischen Regierung als Alternative zum Zivildienst zugelassen wird und die dafür notwendigen Mittel bis zu einem festgelegten Rahmen vom Bundesministerium für Inneres getragen werden., Die Gemeinde, 22. Juli 1991 Am 1. September 1992 konnte der erste Gedenkdiener seinen Dienst im Museum Auschwitz-Birkenau antreten., Tiroler Tageszeitung, 12./13. September 1992

2001 wurde unter Innenminister Ernst Strasser ein übergeordneter Auslandsdienst-Förderverein, Der Standard, 5. März 2001 eingerichtet, der die Mittel an unabhängige Trägerorganisationen weiterverteilt.

Durch die Änderungen des Freiwilligengesetzes im Jahr 2014, können seit 2016 auch Frauen oder nicht-zivildienstpflichtige Männer einen Gedenkdienst leisten und die gleiche staatliche Förderung erhalten. Mit einer neuerlichen Novelle, die im September 2023 in Kraft getreten ist, wurden die finanziellen Mittel für Gedenkdienstleistende erhöht und die Möglichkeit eröffnet, in Katastrophenfällen wie etwa der Corona-Pandemie den Gedenkdienst auch in Österreich fortzusetzen. Außerdem gibt es nun einen zentralen Nachweis über den absolvierten Gedenkdienst.

Heute gibt es mehr als 80 Einsatzstellen in über 40 Ländern.

Trägervereine Zwei Gedenkdienst-Trägerorganisationen bilden ein weltweites Netzwerk für Holocaustgedenkstätten, Museen und Forschungseinrichtungen, die Mithilfe in ihren Archiven, Bibliotheken etc. in Anspruch nehmen wollen.

Die Vereine organisieren die Auswahl und Betreuung von Freiwilligen, die sich für eine der Einsatzstellen im Ausland beworben haben, vor, während und nach deren Dienst. Die Rolle von Österreichern als Täter, Opfer und Zuschauer wird dabei besonders berücksichtigt.

mini|Gedenkdienst-Verein mit Sitz im Eisenbahnerheim in Wien (2013)

Verein Gedenkdienst (seit 1992) Der Verein Gedenkdienst wurde 1992 von Walter Guggenberger (SPÖ), Andreas Hörtnagl (ÖVP) und Andreas Maislinger (parteilos) gegründet, um Aufklärungsarbeit über den Holocaust, seine Ursachen und Folgen zu leisten.

2008 wurden erstmals weibliche Freiwillige aus Mitteln des neu geschaffenen Geschwister-Mezei-Fonds gefördert. Dieser wurde mit dem Ziel eingerichtet, Frauen die Möglichkeit zu bieten, zu den gleichen Bedingungen wie Zivilersatzdienstleistende Gedenkdienst zu leisten. Dies wurde mit der Änderung des Freiwilligengesetzes im Jahr 2014 allen Trägervereinen ermöglicht. Dieser Verein erhielt 2013 den Leon-Zelman-Preis.

Über seine Entsendetätigkeit hinaus bietet der Verein Gedenkdienst Veranstaltungen und Projekte im Bereich der historisch-politischen Bildungsarbeit an.

Verein Österreichischer Auslandsdienst (seit 1998) mini|Gerhard Skiba, Andreas Maislinger und Gedenkdiener erinnern an Gerechte beim Adolf-Hitler-Geburtshaus (2002)

Andreas Hörtnagl und Andreas Maislinger wurden 1997 als Vorsitzende des Vereins Gedenkdienst abgewähltGerhard Marschall: Oberösterreichische Nachrichten vom 18. Juni 1997, Kurier, Tirol, 5. Dezember 1997 und so gründeten sie im Januar 1998 den Verein für Dienste im Ausland, 2005 umbenannt in Österreichischer Auslandsdienst., Oberösterreichische Nachrichten, 2. Februar 1998 Dabei wurde der Gedenkdienst um die Bereiche Sozialdienst und Friedensdienst erweitert.

Im Mai 2023 wurden schwerwiegende Vorwürfe gegen Andreas Maislinger bekannt, wonach mehrere Gedenkdiener von diesem bedroht und eingeschüchtert worden sein sollen. Maislinger soll seine Interessen durch Drohung mit Rechtsmitteln sowie der Androhung seines Suizids durchzusetzen versucht haben. Drei Tage nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gab Maislinger seinen Rücktritt als Vorsitzender des Auslandsdienstes bekannt. Zuvor hatte das Sozialministerium mitgeteilt, dass der Verein kein Geld mehr erhalten würde, solange Maislinger in seiner Position bleibt. Der Oberösterreicher Tobias Aigner folgte ihm nach.

Verein „Niemals Vergessen“ (Tätigkeit eingestellt) Der Verein bot Stellen an insgesamt 19 Gedenkstätten in Deutschland und Polen an. Der Verein Niemals Vergessen war aktiv in der Jugendarbeit gegen das Vergessen tätig und war Mitgestalter des seit mehr als zehn Jahren stattfindenden Hermann Langbein Symposiums „Ideologie und Wirklichkeit des Nationalsozialismus“ zur Lehrerfortbildung. Im Jahr 2017 stellte er seine Tätigkeit aufgrund bürokratischer Mehrbelastung ein.

Anerkennungen mini|hochkant|Władysław Bartoszewski (2005) mini|hochkant|Simon Wiesenthal (1982)

Einsatzstellen mini|Jüdisches Museum München mini|Gedenkstätte Oradour-sur-Glane mini|Amicale de Mauthausen (Paris) mini|Yad Vashem: Halle der Namen mini|Museo della Deportazione, Prato mini|Denkmal für die Opfer des KZ Jasenovac, „Die steinerne Blume“, entworfen von Bogdan Bogdanović mini|Österreichische Gedenkdiener Auschwitz Jewish Center (2009) mini|Simon Wiesenthal Center in L.A. mini|Virginia Holocaust Museum in Richmond +LandStadtEinsatzstelle (Stand Mai 2024)Buenos AiresAsociación Filantrópica Israelita (AFI) – Hogar Adolfo Hirsch (San Miguel)MelbourneJewish Holocaust Museum and Research CentreBrüsselCegeSoma - Centre d'Ètude Guerre et SociéteEuropean Union of Jewish StudentsSão PauloJüdisches Museum von São PauloPetrópolisCasa Stefan ZweigShanghaiCenter of Jewish StudiesAugsburgJüdisches Museum Augsburg SchwabenBerchtesgadenDokumentation ObersalzbergBerlinAnne Frank ZentrumGedenkstätte Deutscher WiderstandJüdisches Museum BerlinStiftung Neue Synagoge BerlinFürstenberg/HavelMahn- und Gedenkstätte RavensbrückMünchenJüdisches Museum MünchenOranienburgGedenkstätte SachsenhausenWolfenbüttelStiftung niedersächsische Gedenkstätten - Gedenkstätte in der JVA WolfenbüttelTallinnVabamu Museum of Occupations and FreedomOradour-sur-GlaneCentre de la Mémoire d’OradourParisAmicale de MauthausenBibliothèque et archives d'alliance Israélite UniverselleFondation pour la Mémoire de la DéportationAthenJewish Museum of GreeceChaniaEtz Hayyim SynagogueAkkonGhetto Fighter’s House MuseumJerusalemLeo Baeck InstitutYad VashemTel AvivAnitta Müller-Cohen ElternheimThe Liebling Haus - White City CenterWiener Library for the Study of the Nazi Era and the Holocaust - Elias Sourasky Central LibraryZikaron BaSalonMailandCentro Di Documentazione Ebraica ContemporaneaMarzabottoScuola Di Pace Di Monte SolePratoMuseo della DeportazionePredappioComune di PredappioRomFondazione Museo della ShoahJüdisches Museum RomTriestJüdische Gemeinde TriestTokioTokyo Holocaust Education and Resource CenterMontrealHolocaust Education and Genocide Prevention FoundationMontreal Holocaust MuseumTorontoThe Azrieli FoundationToronto Holocaust MuseumVancouverThe Vancouver Holocaust CentreJasenovacJasenovac Memorial SiteRigaMuseum „Juden in Lettland“Museum of the Occupation of LatviaŽanis-Lipke-GedenkstätteVilniusVilna Gaon Museum of Jewish HistorySenneville Riviere des AnguillesIsland Hebrew Congregation Senneville Riviere des AnguillesWellingtonHolocaust Centre of New ZealandAmsterdamAnne Frank StichtingNiederländisches WiderstandsmuseumStiftung Jüdisch Historisches Museum - Jewish Cultural QuarterKrakauGalicia Jewish MuseumLublinKZ-Gedenkstätte MajdanekOświęcimAuschwitz Jewish CenterMuseum Auschwitz-BirkenauWarschauMuseum der Geschichte der polnischen JudenPortoHolocaust Museum of OportoNusfalauHolocaust Museum in NordtranssilvanienMoskauJewish Museum and Tolerance CenterRussisches Forschungs- und Bildungszentrum „Holocaust“BelgradVerband der jüdischen Gemeinden Serbiens – Jüdisches historisches MuseumStockholmSchwedisches HolocaustmuseumUppsalaThe Uppsala Programme for Holocaust and Genocide StudiesZürichHugo Mendel StiftungSingapurThe Jews of Singapore MuseumLaibachNationalmuseum der ZeitgeschichteDurbanDurban Holocaust & Genocide Education CentreKapstadtCape Town Holocaust & Genocide CentreJohannesburgJohannesburg Holocaust and Genocide Education CentreTaipehJeffrey D. Schwartz & Na Tang Jewish Taiwan Cultural AssociationPragInstitut Theresienstädter InitiativeJüdische Gemeinde PragTheresienstadtJugendbegegnungsstätte TheresienstadtBudapestJewish Community Center BudapestTom Lantos InstitutDallasAckerman Center for Holocaust StudiesLos AngelesLos Angeles Museum of the HolocaustSimon Wiesenthal CenterUSC Shoah Foundation for Visual History and EducationNew YorkAmerican Jewish CommitteeAristides de Sousa Mendes FoundationLeo Baeck InstituteMuseum of Jewish HeritageRichmond Virginia Holocaust MuseumWashington, D.C.Capital Jewish MuseumUnited States Holocaust Memorial MuseumLondonNightingale Hammerson - Hammerson HouseNightingale Hammerson - Nightingale HouseJewish Care - Holocaust Survivors’ CenterJW3 Jewish Community Centre Holocaust Memorial Day TrustThe Wiener Library for the Study of the Holocaust & Genocide

Bekannte ehemalige Gedenkdiener (Auswahl) Ralph Gabriel, Architekt, seit 2000 Mitarbeiter Gedenkstätte Sachsenhausen, Gebi Mair, Gedenkstätte Neuengamme 2002/03, Tiroler Landtagsabgeordneter

Literatur Anton Legerer, Judith Pfeifer, Stephan Roth, Martin Horvath: Jenseits des Schlussstrichs. Gedenkdienst im Diskurs über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit. Löcker Verlag, Wien 2002, ISBN 3-85409-367-5. Stefan Stoev: Zeitbrücke – Generationskontakte, Geschichtseinblicke, Freundschaften.