Die vietnamesische Sprache (Vietnamesisch, Annamitisch; tiếng Việt, Hán Nôm ; tiếng Việt Nam, ; oder Việt ngữ, ) ist die Amtssprache in Vietnam. Sie wird von etwa 84 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen, davon etwa 80 Millionen in Vietnam (88 % der Bevölkerung) und schätzungsweise bis 4 Millionen Vietnamesen im Ausland. Sie gehört zur Familie der austroasiatischen Sprachen (Vietische Sprachen). Vietnamesisch ist Muong am nächsten, da beide zum Viet-Muong-Sprachzweig gehören.

Obwohl Vietnamesisch mit Chinesisch nicht verwandt ist, besteht sein Wortschatz zu rund 70 % aus Wörtern chinesischen Ursprungs. Dabei handelt es sich vor allem um Wörter aus dem Bereich der Verwaltung und Politik; im Grundwortschatz ist der Anteil der chinesischen Lehnwörter deutlich kleiner, und grammatische Funktionswörter sind ausschließlich einheimischen Ursprungs. Dabei muss man zwischen den sino-vietnamesischen und den vietnamisierten Wörtern unterscheiden. Letztere werden als einheimisch empfunden, obwohl auch sie tatsächlich chinesischen Ursprungs sind.

Vietnamesisch ist eine Tonsprache und monosyllabische Sprache. Wegen des jahrzehntelangen Vietnamkriegs und der darauf folgenden Abschottung des Landes bis in die 1980er Jahre gehört Vietnamesisch zu den linguistisch wenig erforschten Sprachen.

Klassifikation Die genetische Einordnung der vietnamesischen Sprache ist umstritten, sie gehört zu den Mon-Khmer-Sprachen innerhalb der austroasiatischen Sprachfamilie. Dies geht auf die Sprachwissenschaftler Jean Przyluski und A.-G. Haudricourt zurück, die Vietnamesisch mit der Mường-Sprache (㗂𡙧) verglichen, die zwar keine Tonsprache ist, aber trotzdem nachweislich eng mit dem Vietnamesischen verwandt ist.

In einem viel beachteten Artikel erklärte Haudricourt 1954 die Tonogenese (Entstehung der Töne) der vietnamesischen Sprache, nämlich dass sie ursprünglich keine Tonsprache war und sich die sechs Töne erst später herausbildeten.Haudricourt, A.-G.: „De l'origine des tons en vietnamien“. In: Journal Asiatique, 1954 (242), S. 69–82. (Der Aufsatz, in dem Haudricourt die Entwicklung der Töne in der vietnamesischen Sprache belegt.) Ein neuerer Aufsatz zur Frage: Thurgood, G.: „Vietnamese and tonogenesis. Revising the model and the analysis“. In: Diachronica 19, 2002, S. 333–363. Erst dadurch konnte sich die Klassifikation als Mon-Khmer-Sprache durchsetzen, denn zuvor hatte man das Vorhandensein von Tönen im Vietnamesischen und deren Fehlen in anderen Mon-Khmer-Sprachen als Hindernis für eine Zusammenstellung betrachtet.

Geschichte Die Geschichte der vietnamesischen Sprache ist nicht zweifelsfrei geklärt. Die heute vorherrschende Meinung geht auf Henri Maspero zurück. Nach dieser gab es eine urvietnamesische Sprache, die bezüglich Flexion und Konsonantenverbindungen anderen Sprachen in der austroasiatischen Sprachfamilie ähnlich war. Diese Eigenschaften sind später verloren gegangen; stattdessen hat sich die vietnamesische Sprache ähnlich anderen südostasiatischen Sprachen entwickelt (etwa den Tai-Kadai-Sprachen, welche ebenfalls mit chinesischen Zeichen geschrieben wurden). So kamen Töne und der isolierende Sprachbau im Vietnamesischen auf.

Diese Vorgängersprache war möglicherweise zunächst in der Region um den Roten Fluss im heutigen Nordvietnam beheimatet und kam erst mit der langsamen Ausdehnung des vietnamesischen Einflusses nach Süden in das heutige Mittel- und noch viel später erst in das heutige Südvietnam.

Gleichzeitig zu dieser Ausdehnung kam es zu einer politischen Dominanz Chinas über Vietnam, die 1000 Jahre dauern sollte. Die Chinesen machten die chinesische Sprache zur Literatur- und Amtssprache; sie wurde damit zur Sprache der herrschenden Klasse des Landes. Bis zum 10. Jahrhundert hatte sich eine Art Sino-Vietnamesisch herausgebildet, das eine hohe Anzahl von chinesischem Vokabular enthielt und auch mit chinesischen Zeichen geschrieben wurde. Vor allem aus dem gesellschaftspolitischen und kulturellen Bereich wurden zahlreiche Wörter in die vietnamesische Sprache übernommen.

Nach dem Ende der chinesischen Herrschaft über Vietnam bekam die vietnamesische Umgangssprache wieder höhere Bedeutung. Diese Sprache wurde ebenfalls mit chinesischen Zeichen geschrieben, welche die vietnamesischen Gelehrten jedoch nach und nach an ihre Bedürfnisse anpassten; das Ergebnis war chữ Nôm (𡦂喃). Diese altvietnamesische Schrift erreichte im 16. Jahrhundert ihre Blütezeit; einige Schriftsteller verfassen heute noch bedeutende Werke in chữ Nôm.

Im 17. Jahrhundert entwickelten Missionare aus Europa eine Romanisierung der vietnamesischen Sprache. Gleichzeitig begannen europäische Sprachen, speziell das Französische, die vietnamesische Sprache zu beeinflussen. Langsam entwickelte sich dadurch die mittelvietnamesische Sprache heraus. Als im späten 19. Jahrhundert Vietnam zur französischen Kolonie wurde, wurde die französische Sprache auch Amts- und Bildungssprache. Viele Wörter aus dem Französischen kamen als Lehnwörter in die vietnamesische Sprache, und eine bedeutende Zahl von sino-vietnamesischen Wörtern bekam eine neue, von westlichem Gedankengut inspirierte Bedeutung. Die chinesische Schrift blieb in Verwendung, die romanisierte Schrift breitete sich jedoch im 19. Jahrhundert weiter aus. Im Jahre 1910 führte die französische Kolonialverwaltung die lateinische Schrift offiziell ein. Nach der Unabhängigkeit Vietnams 1945 wurde sie verbindlich und ermöglichte eine schnellere Alphabetisierung großer Bevölkerungsteile.

Geografische Verteilung Offizieller Status Vietnamesisch ist ausschließlich in Vietnam Amtssprache. In Vietnam wird es von der gesamten Bevölkerung gesprochen; die ethnischen Minderheiten des Landes, die ca. 8 % der gesamten Bevölkerung ausmachen (dazu gehören Chinesen, Thailänder und Kambodschaner ebenso wie zahlreiche Bergvölker), sprechen die Sprache entweder als Muttersprache oder als Zweitsprache.

Darüber hinaus hat sich die Sprache mit der Auswanderung von Millionen Vietnamesen in die ganze Welt verbreitet. So wird Vietnamesisch vor allem in den USA, Australien, Kanada und Frankreich von „Überseevietnamesen“ gesprochen. In Deutschland gibt es etwa 100.000 Muttersprachler, in Frankreich etwa 200.000, in Polen sind es etwa 5000.

In Teilen Kambodschas, Laos’ und des südlichen Chinas ist Vietnamesisch eine der dominierenden Sprachen.

Dialekte

right|thumb|Karte der Verbreitung der drei wichtigsten Dialektregionen der vietnamesischen Sprache in Vietnam.

Es gibt drei Hauptdialekte. Sprecher eines der Dialekte können einen Sprecher eines anderen Dialektes verstehen, sofern sie der jeweiligen dialektspezifischen Aussprache und Wortwahl mächtig sind. Die Dialekte unterscheiden sich jedoch nicht in Grammatik oder Syntax. Die drei Hauptdialekte sind: Nordvietnamesischer Dialekt (Hanoi-Dialekt), früher auch Tonkinesisch genannt Zentralvietnamesischer Dialekt (Huế-Dialekt), früher auch Hoch-Annamesisch genannt Südvietnamesischer Dialekt (Saigon-Dialekt), früher auch Cochinchinesisch genannt.

Hauptunterschiede bestehen bezüglich der Aussprache der Töne – die nördlichen Dialekte neigen dazu, die Töne stärker voneinander zu unterscheiden als die südlichen Dialekte; das betrifft besonders den hỏi (𠳨)-Ton und den ngã (我)-Ton.

Der Großteil der vietnamesischen Lieder wird im nordvietnamesischen Dialekt wiedergegeben.

Ebenfalls ist die Rechtschreibung an den Dialekt der Hauptstadt Hanoi, die im Norden liegt, angelehnt.

Phonetik und Phonologie In diesem Abschnitt wird die Aussprache des Vietnamesischen im Norden des Landes bzw. in Hanoi beschrieben.

Silben- und Reimstruktur im Vietnamesischen 440px|right

Konsonanten In der Aussprache von Hanoi gibt es 22 Konsonanten-Phoneme: bi-labial labio-dental dental/alveolar palatal velar glottal Plosive nicht aspiriert () aspiriert Implosive Frikative       Nasale Approxi-manten sagittal lateral

Anmerkungen /p/ am Wortanfang kommt nur in jüngeren Lehnwörtern (vor allem aus dem Französischen) vor. In rein vietnamesischen Wörtern kommt /p/ nur am Wortende vor. Die implosiven Konsonanten sind stimmhaft und werden manchmal auch als präglottalisiert beschrieben: [ˀɓ, ˀɗ]. Dieser Glottisverschluss wird manchmal jedoch schon vor dem oralen Verschluss gelöst, so dass die Aussprache nicht implosiv, sondern nur stimmhaft ist: [ˀb, ˀd]. /tʰ, s, z, l/ werden manchmal als dental beschrieben: [t̪ʰ, s̪, z̪, l̪]. /t, ɗ, n/ werden manchmal als alveolar beschrieben: [t͇, ɗ͇, n͇]. /tʰ, l, t, ɗ, n/ werden manchmal als apikal beschrieben: [t̺ʰ, l̺, t̺, ɗ̺, n̺]. /s, z, c, ɲ/ werden manchmal als laminal beschrieben: [s̻, z̻, c̻, ɲ̻]. /c, ɲ/ werden manchmal als palato-alveolar beschrieben: [ṯ, ṉ]. /c/ wird manchmal als leicht affriziert beschrieben: [ṯʃ].

Phonologische Prozesse Bei Wörtern, die mit einem Vokal oder dem Halbvokal /w/ beginnen, wird ein Glottisverschluss [ʔ] vorangestellt. {| cellpadding="5" style="line-height: 1.0em;" | ăn (𩛖) | „essen“ | /ɐn/ | → | [ʔɐn] |- | uỷ (委) | „delegieren“ | /wi/ | → | [ʔwij] |} Bei den Plosiven /p, t, k/ wird der Verschluss am Wortende nicht hörbar gelöst: [p̚, t̚, k̚]. {| cellpadding="5" style="line-height: 1.0em;" | đáp (答) | „antworten“ | /ɗɐːp/ | → | [ʔɗɐːp̚] |- | mát (𩗂) | „kühl“ | /mɐːt/ | → | [mɐːt̚] |- | khác (恪) | „unterschiedlich“ | /xɐːk/ | → | [xɐːk̚] |} Wenn die velaren Konsonanten /k, ŋ/ auf /u, w/ folgen, werden sie gleichzeitig mit einem bilabialen Verschluss ausgesprochen – [k͡p, ŋ͡m] – oder zumindest stark labialisiert: [kʷ, ŋʷ]. {| cellpadding="5" style="line-height: 1.0em;" | đục (濁) | „schlammig“ | /ɗuk/ | → | [ʔɗuk͡p̚] |- | độc (毒) | „Gift“ | /ɗɜwk/ | → | [ʔɗɜwk͡p̚] |- | ung (癰) | „Krebs“ | /uŋ/ | → | [ʔuŋ͡m] |- | ong (蜂,螉) | „Biene“ | /ɐwŋ/ | → | [ʔɐwŋ͡m]

Konsonanten im Deutschen und im Vietnamesischen border|1000px

Vokale Über das Vokalsystem des Vietnamesischen besteht unter Sprachwissenschaftlern relativ große Uneinigkeit. Die einfachen Vokale können auch als Diphthonge interpretiert werden und es gibt verschiedene Ansichten über die Merkmale Länge und Qualität.

Einfache Vokale   vorn zentral hinten geschlossen halb geschlossen halb offen fast offen   /   /ɜ/ und /ɐ/ werden kürzer ausgesprochen als die übrigen Vokale. Der Unterschied zwischen kurzem /ɐ/ (in vietnamesischer Schrift: ă) und langem /ɐː/ (in vietnamesischer Schrift a) ist bedeutungsunterscheidend. Der Unterschied zwischen kurzem /ɜ/ (in vietnamesischer Schrift: â) und langem /əː/ (in vietnamesischer Schrift ơ) ist bedeutungsunterscheidend. Der Vokal /ɨ/ (in vietnamesischer Schrift ư) wird manchmal auch als [ɨ̞̠] oder [ɯ] beschrieben. Die geschlossenen und halb geschlossenen („hohen“) Vokale /i, ɨ, u, e, əː, o/ sind diphthongisiert, vor allem in offenen Silben: [ɪj, ɨɰ, ʊw, ej, əːɰ, ow]. {| cellpadding="4" style="line-height: 1.0em;" | chị (姊,姉) | „ältere Schwester“ | /ci/ | → | [cɪj] | | quê (圭) | „Land“ | /kwe/ | → | [kwej] |- | tư (四) | „vierter“ | /tɨ/ | → | [tɨɰ] | | mơ (𥊚) | „träumen“ | /məː/ | → | [məːɰ] |- | thu (秋) | „Herbst“ | /tʰu/ | → | [tʰʊw] | | cô (姑) | „Tante väterlicherseits“ | /ko/ | → | [kow]

Diphthonge Alle drei vietnamesische Diphthonge (/ie, ɯɤ, uo/) sind fallend, sowohl in dem Sinn, dass die Bewegung von einem geschlossenen Vokal [i ɯ u] hin zu einem mittleren Vokal [e ɤ o] stattfindet, als auch in dem Sinn, dass der Schwerpunkt auf dem ersten Element liegt (laut Nguyen Van Ai und Vu Ba Hung (1975) „Vergleichende Untersuchungen deutscher und vietnamesischer Vokale“. In: ZPSK 28, S. 377).

Ihre Aussprache:

/ie/: keine vergleichbare Aussprache im Deutschen. Ähnelt iehe in fliehen.

/ɯɤ/: keine vergleichbare Aussprache im Deutschen. Zuerst wird /ɯ/ <ư> ausgesprochen, dann schneller Übergang zu /ɤ/ <ơ>.

/uo/: etwa so wie nur im Deutschen. Zuerst macht man die Lippen rund, um /u/ <u> auszusprechen, dann geht man schnell zu /o/ <ô> über.