mini|560px|Vom Lainzer Tiergarten oberhalb Hietzings, wo die Villa der Familie Sterk steht, hat man den „Wiener Blick“ Es geht uns gut ist der Titel eines 2005 publizierten und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger.

Handlungsübersicht Haupthandlungsort des Romans mit dem ironischen Titel ist die Villa der Familie Sterk im 13. Wiener Bezirk, Hietzing, die der Enkel Philipp erbt und entrümpelt. In diese Rahmenhandlung, die von April bis Juni 2001 spielt (Kp. 1, 3, 5 + 6, 8, 10 + 11, 13, 15 + 16, 18 + 19, 21), eingeschoben wird die Geschichte der Familie zwischen 1938 und 1989 aus einzelnen Bildern (jeweils aus einer Perspektive) zusammengestellt: die Großeltern Alma und Richard Sterk (Kp. 2 [A], 4 [R], 12 [R], 20 [A]), die Eltern Ingrid und Peter Erlach (Kp. 7 [P], 9 [I], 14 [I], 17 [P]), die Kinder Sissi und Philipp.

Großeltern Das Leben der Großeltern spiegelt die österreichische Geschichte von der Vorkriegs- bis zur Nachkriegszeit (1938, 1955, 1962, 1982, 1989) sowie deren bürgerliches Wertesystem: Richard Sterk (geb. 1901) wird als Sohn einer reichen, konservativen Familie nach den patriarchalischen Strukturen der Kaiserzeit erzogen. Der intelligente junge Mann (genannt Der Römer) studiert, promoviert und macht Karriere als Verwaltungsjurist und Direktor der Wiener städtischen Elektrizitätswerke.

Seine sechs Jahre jüngere Frau Alma Arthofer aus dem benachbarten und deutlich weniger eleganten 12. Bezirk, Meidling, gibt nach der Heirat ihr Medizinstudium auf, führt den Haushalt und kümmert sich um die Kinder Otto (geb. 1931) und Ingrid (geb. 1936): Ihre Schwangerschaft hat sie – Richards Meinung nach – „in Glück umgemünzt“.Arno Geiger: Es geht uns gut. Carl Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20650-7. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. Da Alma außerdem ihrer Mutter bei der Leitung des elterlichen Wäschegeschäfts hilft, erhält sie nach der zweiten Geburt Frieda als Hausmädchen, deren sexueller Attraktivität sich Richard nicht entziehen kann. Er leidet wegen dieser Affäre, die gegen seine Prinzipien verstößt, an Gewissensbissen, ordnet am Samstag, dem 6. August 1938 (Kp. 4), sein Leben mit raschen Entschlüssen neu und stärkt seine zentrale Stellung in der Familie.

Auslöser dafür ist der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Als vormaliges Mitglied der Christlichsozialen Partei gerät er unter Druck und muss, um seine Stellung nicht zu verlieren, unterschreiben, sich nicht mehr politisch zu betätigen. Dem Rechtsstreit mit einem Wachmann, der NSDAP-Mitglied ist, wegen Schädigung des schwiegerelterlichen Ladens durch Unachtsamkeit weicht er aus, indem er ohne Rücksprache mit Alma seine Anteile aus dem Geschäft zieht, worauf es aufgegeben werden muss.

Seine Frau hat nun mehr Zeit für die Familie, und das Kindermädchen ist entbehrlich. Damit hat er auch die Furcht aufgelöst, dass die Frieda-Beziehung entdeckt wird. Alma, nun auf Haus und Garten reduziert, wird mit mehr Freizeit für Musik und Lektüre (Arthur Schnitzler, Adalbert Stifter, Gottfried Keller) sowie mit einem neuen Hobby belohnt: Sie bekommt ein Bienenhaus, das er dem ins Exil gehenden Nachbarn Löwy abkauft. So kann Richard nun die von ihm neu organisierte und dominierte Familienidylle wieder genießen.

Am Dienstag, dem 12. Mai 1955, drei Tage vor der Unterzeichnung des Staatsvertrages (Kp. 9), fungiert die Hietzinger Villa als Handlungsort einer neuen Etappe: Richard hat von der führenden Rolle der Konservativen in der österreichischen Regierung profitiert. Er ist Minister geworden und an den Verhandlungen mit der Sowjetunion über die Souveränität Österreichs maßgeblich beteiligt.

Seine Familie droht dagegen nach dem Tod Ottos, der als Hitlerjunge bei der Verteidigung Wiens ums Leben kam, durch die Auseinandersetzung mit Ingrid wegen ihres unsoliden Freundes Peter zunehmend zerrüttet zu werden: Richard versucht seiner Tochter gegenüber die Kontrolle zu behalten und Alma verfolgt diese Auseinandersetzungen kraft- und hilflos. Ihre Kritik an seiner starren Unnachgiebigkeit und alles, was sie bisher in ihrer großen Höflichkeit und Rücksichtnahme verschwiegen hat, formuliert sie erst 1989 am Krankenbett („Das würde ich gerne zur Sprache bringen“,) als ihr geistig verwirrter Mann, seit drei Jahren in einem Pflegeheim untergebracht, sie nicht mehr verstehen kann: Nach den glücklichen 20er und 30er Jahren sei das Leben zu einem „große[n] Hindernislaufen […], das auf die Dauer müde macht“, geworden. Und in den 50er Jahren, in der großen Zeit der „alte[n] Männer“ mit ihrer unnötigen Strenge, habe es für die Jungen „kein[en] Platz“ gegeben.

In den 1950er und 60er Jahren konzentriert sich Richard auf seinen Beruf und verliert, nachdem er von seiner Partei nicht mehr als Kandidat für die Nationalratswahl aufgestellt wird, den Mittelpunkt seines Lebens: „Er hat für die Arbeit gelebt […] während sich bei ihm zu Hause die Niederlagen summierten“. Die Entfremdung von Ingrid ist trotz gelegentlicher Telefongespräche und Besuche auch nach der Geburt der Enkelkinder Sissi und Philipp irreparabel. Alma führt ihr stilles eigenes Leben, zieht sich auf Imkerei, Flötenspiel und Literatur zurück und hat sich von ihrem Mann emotional gelöst.

An einem Wochenende, am Samstag, dem 19. September 1962 (Kp. 12), sucht Richard wieder einmal das Gespräch mit seiner Frau, als diese gerade ein Buch von Stifter liest. Seinen Auffrischungsversuch der „vage[n] Idee, die er vom Privatleben hat“, betrachtet sie skeptisch und kommentiert seine Frage nach den Voraussetzungen eines Stifter-Lesers in Anspielung auf seine Unsensibilität ironisch mit „Wenn man etwas für Seelen- und Landschaftsbilder übrig hat“. D. h.: „Sie bewegt sich in ihrer eigenen Wirklichkeit, die sich Richard nicht erschließt, in ihrer eigenen Geschwindigkeit.“

Diese Entwicklung verstärkt sich durch Ingrids Tod 1974 und führt zu Richards Doppelleben bis zu seiner beginnenden Demenz 1982 (Kp. 2): Davon erfährt Alma erst 1989 durch aufgefundene Briefe, die bezeugen, dass ihr Mann 1970 gemeinsam mit seiner Sekretärin Christl Ziehrer, seiner Schwester Nessi und ihrem Mann Hermann Urlaubstage in Gastein verbracht hat. Zu diesem Zeitpunkt ist Alma bereits in ihrem musealen, mit Erinnerungsstücken und Tauben gefüllten Haus und dem wuchernden Garten eingesponnen. mini|Nach den verlorenen Kämpfen in der Wiener Innenstadt hofft Peter vergeblich, bei seinen Verwandten im Kahlenbergerdorf (Bild) Unterschlupf zu finden. Darauf flieht er auf einem Donauschiff. mini|Nach ihrer Heirat wohnen Ingrid und Peter in der Pötzleinsdorfer Straße in der Nähe des gleichnamigen Stadtteils (Bild der Pfarrkirche St. Ägyd).

Eltern Die Einführung der nächsten Altersgruppe ist verknüpft mit historischen Ereignissen:

Die Verteidigung Wiens Anfang April 1945 gegenüber der angreifenden Roten Armee (Kp. 7) wird aus der Perspektive des fünfzehnjährigen Peter Erlach dargestellt: bei den anfänglichen Erfolgen im Sprachduktus des Hitlerjungen, der von einem Kriegsabenteuer erzählt („Während der T 34 ausbrennt, wünscht sich Peter, dass ihn sein Vater sehen könnte, dem würde er so gerne gefallen.“)

Dann, nachdem eine Handgranate den halben Kopf des Fähnleinführers abreißt, ein vierzehnjähriger Freiwilliger des Volkssturms stirbt (Otto?) und ihm der rechte Arm durchschossen wird, setzt das Grauen vor dem Tod ein und es folgt zunehmend ernüchtert die Beschreibung des Weges aus der Stadt durch die Kahlenberger Weingärten sowie der vergebliche Versuch, bei seinem Onkel Johann unterzukommen, denn die todkranke Mutter und der nationalsozialistische Vater haben sich nach Vorarlberg abgesetzt. Schließlich gelingt die Flucht zusammen mit ukrainischen Wlassow-Soldaten auf einem Donauschiff. Ihm wird klar, „daß alles Gewohnte und Gehabte und was man ihm beigebracht hat, von diesem Augenblick an nicht mehr zählt.“

Zehn Jahre später (12. Mai 1955) tritt die Sterk-Tochter aktiv in die Geschichte ein. Aus der Perspektive der neunzehnjährigen Ingrid verfolgt der Leser die vier Phasen der exemplarischen Auseinandersetzung mit dem Vater am Frühstückstisch wegen ihrer Beziehung zum sechs Jahre älteren Peter: Vorwürfe Richards gegen Peter mit innerer Kommentierung Ingrids: „Nichts als Vernunftgründe. Grauenhaft. Grauenhaft.“ offener Schlagabtausch: „So kannst du Mama in die Tasche stecken. Bei mir funktioniert der Trick nicht.“ äußerliche Unterwerfung der Tochter: „Ob wir uns verstanden haben? – Ja, sagt sie kleinlaut, nicht, weil sie eingeschüchtert ist, sondern in der Erkenntnis […], dass sie es […] nicht zuwege bringt, ihn zu einer anderen Meinung zu bekehren. Somit sieht sie auch keine Möglichkeit, ehrlich und glücklich zugleich zu sein.“ versöhnlicher Abschied: „Es ist nur zu deinem Besten.“

Die Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Handlung (Erlebte Rede, s. u.) demonstriert einerseits die Abhängigkeit vom Vater, andererseits die Entschlossenheit der Tochter. Charakterlich ähnelt sie Richard und reagiert in der Eskalationsphase entsprechend unnachgiebig, obwohl sie eigentlich seine Vernunftgründe teilt, wie das anschließende Gespräch mit Peter über dessen „ewige Pleite“ beweist. Konsequent radelt sie („Ich fahr so schnell, wie’s mir passt“) nach dem Konflikt nicht zur Universität, sondern zum Magazin des Freundes, bezahlt dessen Schulden bei der Wirtin und spricht mit ihm über seine finanzielle Lage: „Weil deine ewige Pleite liegt mir bleischwer im Magen, das geht nun schon so, seit ich dich kenne, und ich frage mich manchmal, ob überhaupt Hoffnung besteht, dass es einmal besser wird.“ Sie hält ihm einen sechs Seiten langen Vortrag mit den Argumenten des Vaters und dessen bürgerlichen Wertvorstellungen bezüglich der Mann-Frau-Rollenverteilung in der Familie („Aber ist das ein Zustand, dass das Mädel dem Burschen Geld gibt, damit er durchkommt. Ich kann doch nicht ewig die beiden Omas aussacken für meine Schandtaten.“) Er soll seinen „Wer kennt Österreich?“–Brettspiel-Vertrieb aufgeben und wieder studieren („Papa darf auf keinen Fall recht behalten, das würde ich ihm nicht gönnen“.)

mini|Am Silvesternachmittag 1970 geht Ingrid nach der Rückkehr von der Nachtschicht und der Hausarbeit zusammen mit Sissi, Philipp sowie Hündin Cara durch den schneebedeckten Schönbrunner Park. mini|Aus Richtung Neptun-Grotte dringt Gelächter. Ohne Musik tanzen Jugendliche im Walzerschritt. „Ingrid hat eine riesige Freude […], strahlt […], wirft ihren roten Schal, der gut zu ihren vielen Haaren paßt, zurück über die Schulter und dreht sich ebenfalls zweimal. Mit einem Luftpartner […] Das erste Mal an diesem Tag, daß sie das Gefühl hat, der Boden unter ihren Füßen ist fest.“ mini|Philipps Freundin Johanna arbeitet als Meteorologin auf dem Küniglberg (mit dem schiffartigen Fernsehzentrum) in der Nähe der Hietzinger Villa. Ingrid zieht im Streit aus dem Elternhaus aus, setzt sich aber gegenüber ihrem Vater durch, der sie auch nach ihrer Heirat (1958) weiterhin beim Studium und Hauskauf in der Pötzleinsdorfer Straße unterstützt. Jedoch ist von ihrer Seite aus die Beziehung erstarrt, wie ihre sarkastischen Bemerkungen bei den wenigen, trotz Richards Bemühungen atmosphärisch angespannten Besuchen (Kp. 12) zeigen: „Seit ich hier die Kündigung erhalten habe, hält sich mein Heimweh in Grenzen“.

Peter gibt seinen verschuldeten Betrieb auf, verkauft seine Lizenzen und erhält 1960 eine Anstellung beim Kuratorium für Verkehrssicherheit. Ingrid schließt ihr von den Geburten der Kinder Sissi (1961) und Philipp (1966) unterbrochenes Medizinstudium ab und arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus.