Johann Heinrich Emil Heitz (* 29. Oktober 1892 in Straßburg; † 8. Juli 1965 in Lugano) war ein elsässischer, deutscher und später Schweizer Botaniker. In Hamburg profilierte sich Heitz als Pionier der botanischen und zoologischen Zytogenetik. Auf ihn gehen die 1928 geprägten Begriffe Euchromatin und Heterochromatin zurück. Er identifizierte Nukleolus-Chromosomen und entdeckte die selektive Polytänisierung.

Leben Elsässer Emil Heitz war das vierte Kind von Karl Timotheus Paul Heitz (1857–1943), einem Sohn von Emil Heitz, und Mathilde, geb. Schwalb (1862–1892). Die leibliche Mutter starb dreizehn Tage nach seiner Geburt. Daraufhin heiratete Paul Heitz 1894 seine Schwägerin Helene Schwalb (1871–1947); sie bekamen einen Sohn und eine Tochter. Emil nannte Helene, seine Stiefmutter und Tante, stets Mutter.Heitz Emil: 102 Feldpostbriefe und -karten aus dem Jahr 1916. (Privatbesitz; eingesehen 2011). Die Heitz-Dynastie besaß eine große Tradition als Verleger und als Inhaber der Universitätsdruckerei in Straßburg.Heitz Paul: Gedenkschrift zur Zweihundertjahrfeier der Buchdrucker und Verleger HEITZ in Straßburg, 1719–1919. Als Manuskript gedruckt. (J. H. Ed. Heitz,) Straßburg 1918.

Student – Soldat – Professor mini|Hamburger Doppelinstitut: Angewandte Botanik im Ostflügel (li) entlang der Marseiller Promenade; Allgemeine Botanik im Südflügel (re), Jungiusstraße. Architekt: Albert Erbe 1907 und 1914. Erster Direktor: Eduard Zacharias. Seit 2000 Sitz der Bucerius Law School.

Nach einer kurzen Lehrzeit im Familienunternehmen entschied sich Emil Heitz 1912 für ein Studium der Naturwissenschaften, vor allem der Biologie. Nach jeweils zwei Semestern in München und in Straßburg diente er den ganzen Ersten Weltkrieg bei der Fußartillerie, sowohl an der West- als auch an der Ostfront.Heitz Emil: Prof. Dr. phil. nat. Emil Heitz. Lebenslauf in: Nova Acta Leopoldina, Abhandlungen der Deutschen Akademie der Naturforscher. Neue Folge 17/1955, S. 441. Im Mai 1919 nahm er in Basel das Studium wieder auf, ging 1920 zu Ludwig Jost an die Universität Heidelberg und promovierte dort am 7. Juni 1921.Heitz Emil: Untersuchungen über die Teilungen der Chloroplasten nebst Beobachtungen über Zellgrösse und Chromatophorengrösse. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg. Universitätsbibliothek Heidelberg, Signatur 5046029,9. Im Dezember 1921 heiratete er die frühere Studienkollegin Martha Elisabeth Staehelin in Tübingen. Heitz arbeitete an verschiedenen deutschen Instituten, zuletzt an der Universität Greifswald, bevor ihn Hans Winkler 1926 bewog, sein Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Hamburg zu werden. Die Habilitation erfolgte 1926.Emil Heitz: Die Artbildungsfrage im Lichte neuerer Forschung. Antrittsvorlesung, Universität Hamburg 3. November 1926. Zum außerordentlichen Professor wurde er 1932 berufen. Heitz profilierte sich als herausragender Zytogenetiker.

Nazizeit Am 24. März 1933 beschloss der Deutsche Reichstag das Ermächtigungsgesetz. Darauf folgte am 7. April 1933 das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Zu dessen Durchführung mussten die öffentlich Beschäftigen einen Fragebogen ausfüllen, den Heitz am 12. Juni 1933 einreichte. Die entscheidende Frage nach seiner arischen Abstammung hatte er mit „ja“ beantwortet. Der politische Druck zielte gerade auf Personen im Hamburger Bildungswesen. So unterzeichnete auch Heitz wie sein Chef Hans Winkler im November 1933 das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler. Später, am 17. Dezember 1934, schrieb Heitz der Behörde, „dass sein Grossvater mütterlicherseits, der evang. Pfarrer Moritz Schwalb, nichtarischer Abstammung gewesen sei.“Hamburgisches Staatsamt II B 3, P. H. 180: An den Herrn Reichs- und Preussischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Berlin W8, Unter den Linden 69. In: Staatsarchiv Hamburg: Hochschulwesen, Dozenten- und Personalakten IV/384: Heitz, Emil 29.10.1892. Blatt 9–10 vom Juli 1937. → „Der nichtbeamtete ausserordentliche Professor Dr. Emil H e i t z ist jüdischer Mischling 2. Grades, da sein Grossvater mütterlicherseits Jude gewesen ist.“ – „Mit Rücksicht auf die teilweise jüdische Abstammung ist das Dienstverhältnis von Prof. Dr. Heitz als wissenschaftlicher Assistent am Institut für allgemeine Botanik nicht über den 30.9.1937 hinaus verlängert worden. Er wird also mit diesem Zeitpunkt aus seiner Tätigkeit als Assistent ausscheiden. Darüber hinaus erscheint aber auch seine weitere Zugehörigkeit zum Lehrkörper der Hansischen Universität nicht als angängig, da Juden und jüdische Mischlinge nicht mehr als Jugenderzieher und insbesondere auch nicht als Lehrer an deutschen Hochschulen tätig sein sollten. Im Einvernehmen mit dem Rektor der Hansischen Universität wird deshalb gebeten, dem Professor Dr. Heitz, da er hinsichtlich seiner Abstammung nicht den Voraussetzungen des § 25 des D.B.G. entspricht und mithin jetzt auch nach § 8 der Reichshabilitationsordnung nicht mehr als Dozent zugelassen werden könnte, gemäss § 18 in Verbindung mit § 20 der R.H.O. die Lehrbefugnis zu entziehen. – I.A. gez. v. d. Fecht“ – Rektor war damals Adolf Rein. Deswegen wurde Heitz die Lehrbefugnis und die Dienstbezeichnung nichtbeamteter außerordentlicher Professor entzogen; folglich entfielen auch die Dienstbezüge. Den akademischen Grad Dr. habil. durfte er weiterführen.Staatsarchiv Hamburg: Hochschulwesen. Dozenten- und Personalakten IV/384: Heitz, Emil 29.10.1892. Nr. 14, Berlin 17. August 1937. Gegen die rassenwahnsinnige Gesetzmäßigkeit half auch nicht der Hinweis auf seinen anderen, ihm namensgleichen Großvater: Johann Heinrich Emil Heitz (1825–1890; Altphilologe) war Rektor der deutschen Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg gewesen.Staatsarchiv Hamburg: Hochschulwesen. Dozenten- und Personalakten IV/384: Heitz, Emil 29.10.1892. Nr. 15, Hamburg 15. August 1937.

Zuflucht Basel Der entlassene Botaniker emigrierte daraufhin mit vier KindernArchiv Familie Heitz: Zeittafel. eingesehen am 24. August 1995. → Roland (geboren am 24. Februar 1925), Thomas (16. Februar 1927), Elisabeth (9. September 1928) und Sebastian (22. Mai 1933). und seiner Frau Elisabeth in ihre Heimatstadt Basel in der Schweiz. Nach erneuter Habilitation an der Universität Basel wurde Heitz 1938 wiederum mit Venia legendi zum außerordentlichen Professor ernannt. Weder Universität noch Staat übernahmen damit „irgendwelche weitere Verpflichtungen insbesondere pekuniärer Art“.Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt: Erziehungsakten CC 28d. Basel, Auskunft vom 9. August 1994. So lebte die Familie dort in finanziell schwierigen Verhältnissen.

Einer Einladung des Maisgenetikers Lewis John Stadler an die Universität von Missouri in Columbia aus dem Jahr 1939 konnte Emil Heitz erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges folgen. Er erwarb 1947 die Schweizer Staatsbürgerschaft und wirkte von Februar bis Juni 1947 als Gastprofessor in Columbia. Für einen längeren Aufenthalt in den USA wollte er sich nicht entschließen, er kehrte nach Basel zurück.

Corrensstraße Tübingen Beim Genetik-Kongress 1948 in Stockholm traf Eeva Therman auf Georg Melchers aus Tübingen und informierte ihn über das Schicksal von Emil Heitz.Georg Melchers: „Dabei hat eine große Rolle gespielt die Eeva Suomalainen, die mich über die wirkliche Situation von Heitz aufgeklärt hat.“ – „Die Eeva Therman, Suomalainen – in ihren Publikationen heißt sie sehr häufig Therman. Sie hat den Pätau geheiratet; sie war die dritte Frau von Klaus Pätau.“ – „Ich hab sie wahrscheinlich deswegen getroffen, weil sie eine Suomalainen war.“ Interview auf Tonband, Tübingen 12. Februar 1994. Abschrift 19. Februar 1994.Gert Bonnier, Robert Larsson (Hg): Proceedings of the eighth international congress of genetics: 7th–14th of July 1948, Stockholm. In: Hereditas 35, Suppl 1, 1949: 9–689.Bengt O Bengtsson, Anna Tunlid: The 1948 international congress of genetics in Sweden: People and politics. In: Genetics 185, 3, 2010: 709–715. PDF. Doch dessen Lage besserte sich nachhaltig erst Jahre später, als ihn die Max-Planck-Gesellschaft zum Wissenschaftlichen Mitglied am neuen Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen ernannte. In der Corrensstraße leitete Heitz seit 1. April 1955 eine eigene Arbeitsgruppe in der Abteilung Melchers.Max-Planck-Gesellschaft: Wissenschaftliches Mitglied des Instituts Professor HEITZ. In: Jahrbuch der Max Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., Teil 2: Geschichte des Max Planck-Instituts für Biologie. 1961: 114 und 145–147.Roland Maly: Die Genetik einiger strahleninduzierter, abweichender Plastidenformen bei Farnen. In: Z Vererbungslehre 89, 1958: 469–470.

Im Jahr 1955 wurde er auch Honorarprofessor für Zytologie der Universität Tübingen, und die Leopoldina in Halle verlieh ihm die Schleiden-Medaille.Heitz Emil: Über die Struktur der Chromosomen und Chloroplasten: Vortrag auf der Jahresversammlung der „Leopoldina“ anlässlich des Empfanges der Schleiden-Medaille 1955 am 13. November 1955 in Halle. In: Nova Acta Leopoldina, Abhandlungen der Deutschen Akademie der Naturforscher Neue Folge 17, 1955: 517–540. Seine Forschung verlagerte er nun auf die Elektronenmikroskopie der Plastiden und der Mitochondrien.Heitz Emil: Kristallgitterstruktur des Granum junger Chloroplasten von Chlorophytum. In: Experimental Cell Research 7, 1954: 606–608.Heitz Emil: Die strukturellen Beziehungen zwischen pflanzlichen und tierischen Chondriosomen. In: Z Naturforschung 12b, 1957: 576–578.

morto a Lugano Heitz wurde im Oktober 1961 emeritiert und zog sich in den Ruhestand in die Schweiz zurück. In Sala Capriasca, Kanton Tessin, hatte Sohn Roland, Architekt, für die Eltern ein Haus bauen lassen, das in der Familie „Casa rossa“ hieß.

Als Heitz seinen 70. Geburtstag beging, gratulierte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft „in herzlicher Dankbarkeit“.Adolf Butenandt: Laudatio für Emil Heitz. In: Mitteilungen aus der Max-Planck-Gesellschaft 5, 1962: 226–228. → „Emil Heitz hat sich … als Meister der feinsten cytologischen Beobachtung und als deren kritisch vorsichtiger Deuter erwiesen.“ Aus gleichem Anlass verliehen ihm 1962 die Universitäten Hamburg und Köln sowie die Freie Universität Berlin jeweils die Ehrendoktorwürde.

Nach einem Unfall starb Emil Heitz in Lugano am 8. Juli 1965.Confederazione Svizzera, Cantone Ticino: Atto di morte. L’ufficiale dello stato civile, Lugano 1965: „Estratto del registro delle morti del circondario dello stato civile di Lugano vol 1965 pag. 96 n°. 192: Il giorno otto luglio millenovecento sessantacinque alle ore tre e dieci minuti è morto a Lugano Heitz, Johann Heinrich Emil.“ Seine Urne ist mit der seiner Frau Elisabeth in Allschwil bei Basel bestattet.

Grundlagenforschung Chromosomenstruktur in Metaphase Heitz entdeckte 1928 bei Moosen eine bis dahin unbekannte Erscheinung: die Längsdifferenzierung der Chromosomen durch Heteropyknose.Heitz Emil: Das Heterochromatin der Moose: I. In: Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik. 69/1928, S. 762–818. Damit präzisierte er den von Walther Flemming 1880 geprägten Begriff des Chromatins: Heitz Emil: Heterochromatin, Chromocentren, Chromomeren. In: Berichte der Deutschen Botanischen Gesellschaft. 47/1929, S. 277. Im Gegensatz zum Euchromatin enthält das Heterochromatin nur wenige, meist passive Gene. Doch Heitz kam zur Überzeugung: „Gene, die im Heterochromatin liegen, (können) sehr wohl in das Entwicklungsgeschehen eines Organismus eingreifen.“Emil Heitz: Die somatische Heteropyknose bei Drosophila melanogaster und ihre genetische Bedeutung. In: Zeitschrift für Zellforschung und mikroskopische Anatomie 20, 1934: S. 266.