Die Fußballauswahl des FLN (auch als „Unabhängigkeitself“, französisch Onze de l’indépendance, bezeichnet;Gastaut, S. 2 ) war eine Mannschaft, die im Auftrag der algerischen Unabhängigkeitsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) Fußballspiele austrug, um als „Botschafter der algerischen Nation“ die Selbständigkeit der französischen Kolonie zu propagieren und für internationale Unterstützung zu werben. Das Team bestritt während des Algerienkrieges zwischen 1958 und 1962 in Osteuropa, Asien und Afrika etwa 80 Begegnungen, wobei es sportlich sehr erfolgreich war. Es setzte sich aus Spielern zusammen, die bis unmittelbar vor seiner Gründung größtenteils in der professionellen Première Division des „Mutterlandes“ Frankreich, vereinzelt auch bei nordafrikanischen Vereinen tätig waren. Nachdem Algerien die Unabhängigkeit erlangt hatte, arbeiteten zahlreiche seiner rund 30 Mitglieder als Spieler, Trainer oder Funktionäre im 1963 gegründeten algerischen Fußballverband mit; in die französischen Profiligen kehrte nur eine Minderheit von ihnen zurück. Wegen dieser personellen Kontinuität gilt die FLN-Auswahl als legitimer Vorgänger der Fennecs, der offiziellen Nationalmannschaft des Landes, als die sie zahlreiche Algerier auch damals schon ansahen.

Historischer Hintergrund

Algerien war seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Teil der französischen Kolonialbesitzungen in Nordafrika; da es Hauptziel der Immigration von Festlandsfranzosen – aber auch zahlreicher Spanier und Italiener – war, wurde das Gebiet politisch und verwaltungsmäßig zunehmend enger an Frankreich angebunden. Die an der Mittelmeerküste gelegenen Siedlungskerne Algier, Oran, Constantine und Bône wurden zu Hauptorten und Präfektursitzen von vier Départements, die als „französisches Algerien“ (Algérie française) integraler Bestandteil des französischen Staates waren. Innerhalb der algerischen Gesellschaft dominierten die Angehörigen der europäischen Einwanderer, in Frankreich als Algerienfranzosen bzw. Pieds-Noirs („Schwarzfüße“) bezeichnet; auch die Zivilverwaltung und die Besatzungsarmee standen fest unter europäischer Kontrolle.

Die „Nationale Befreiungsfront“ FLN war die aus der paramilitärischen Organisation Spéciale (OS) von 1947 und dem Comité révolutionnaire d'unité et d'action (CRUA) von 1954 entstandene Nachfolgeorganisation, die einen Plan für den Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich ausarbeiten und dabei die strukturellen und strategischen Fehler der vorangegangenen Jahre vermeiden wollte. Wenngleich der Beginn des Algerienkriegs bereits auf 1954 zu datieren ist,vgl. schon im Buchtitel bei Michaud; Pierre Bezbakh: Petit Larousse de l’histoire de France. Des origines à nos jours. Larousse, o. O. 2003 ISBN 978-2-03-505369-5, S. 674; auf Deutsch bspw. Wilfried Loth: Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. Fischer, Frankfurt/M. 1992 ISBN 3-596-10860-8, S. 170f., und Heinz Köller/Bernhard Töpfer: Frankreich. Ein historischer Abriß. Pahl-Rugenstein, Köln 1978, ISBN 3-7609-0407-6, S. 646 nahmen die militärischen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Kräften des einheimischen FLN und der französischen Armee nach der Schlacht von Algier (1957) eine neue Qualität an. Die Brutalität der „antirevolutionären Kriegführung“ unter General Salan und die Repressionsmaßnahmen der Verwaltungsorgane verstärkten die Unterstützung weiter Teile der Bevölkerung für den FLN.Michaud, S. 95ff. Der Konflikt wirkte sich auf alle Lebensbereiche aus: so explodierte am 10. Februar 1957 unter anderem eine Bombe im Fußballstadion von El Biar und tötete acht Fans, woraufhin französische Zuschauer drei Algerier lynchten.Slimane Chikh: L'Algérie en armes ou le temps des certitudes. O.P.U., Algier 1981, S. 104 Überlagert wurde dieser Kolonialkrieg von einem blutigen „Bruderkonflikt“ zwischen dem FLN und dem Mouvement National Algérien (MNA) unter Messali Hadj, der hauptsächlich in Frankreich selbst ausgetragen wurde.Nait-Challal, S. 11–13 und 123 So tötete ein FLN-Mitglied den wegen seiner moderaten Haltung als „Verräter“ bezeichneten Nationalversammlungsabgeordneten Ali Chekkal am 26. Mai 1957, während dieser auf der Haupttribüne des Pariser Olympiastadions an der Seite von Staatspräsident René Coty dem französischen Pokalfinale beiwohnte.Dietschy/Kemo-Keimbou, S. 97 (mit der fehlerhaften Datumsangabe 29. Mai)

Der auch für Frankreich schmerzhafte Prozess der Entkolonialisierung als Folge des Indochinakriegs – von der militärischen Niederlage in Vietnam (1954) über die Unabhängigkeit Marokkos und Tunesiens hin zur Suezkrise (1956) – beschleunigte das Ende der Vierten Republik; am 1. Juni 1958 wurde Charles de Gaulle zum Ministerpräsidenten mit außerordentlichen Vollmachten gewählt. Ende 1958 scheiterte eine UN-Resolution zugunsten der algerischen Unabhängigkeit noch knapp an der erforderlichen Zweidrittelmehrheit (35:18 bei 28 Enthaltungen); zwei Jahre später hingegen wurde ein entsprechender Beschluss gefasst (63:8 bei 27 Enthaltungen).Nait-Challal, S. 132 und 169 Im September 1959 kündigte de Gaulle an, Algerien die Selbstbestimmung zu gewähren; ab Juni 1960 begannen Verhandlungen mit Vertretern der provisorischen Regierung Algeriens in Melun. Auch wenn es dagegen sowohl in Frankreich als auch bei Teilen insbesondere der nicht-arabischen Bevölkerung Algeriens erhebliche Widerstände gab – beispielsweise bildete sich im Januar 1961 die prokoloniale Untergrundorganisation OAS, die erstmals im April des Jahres gegen de Gaulles Politik putschte –, schritt dieser Prozess voran.

Mit dem Inkrafttreten der Verträge von Évian nach positivem Ausgang der Referenden in Frankreich (8. April 1962, 91 % Ja-Stimmen) und Algerien (3. Juli 1962, 99,7 %)Nait-Challal, S. 188ff. endete die französische Herrschaft; dies war auch der Zeitpunkt, zu dem die Fußballauswahl des FLN aufgelöst wurde. An ihre Stelle trat die algerische Nationalmannschaft, die im Januar 1963 ihr erstes offizielles Länderspiel bestritt, nachdem der nationale Fußballverband Fédération Algérienne de Football in den Weltfußballverband FIFA aufgenommen worden war.

Algerier im französischen Berufsfußball Saison Zahl algerischerProfis in franzö-sischen Klubs davon:neu ver-pflichtete 1947/48 15 0 1949/50 16 2 1955/56 19 3 1956/57 32 15 1957/58 33 7 1958/59 19 7 1960/61 15 3 1961/62 12 3 1964/65 9 1 1969/70 7 1

Der Fußball gehörte in Algerien bereits im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den bevorzugten Sportarten,Zur Thematik des Fußballs in Französisch-Nordafrika insgesamt vgl. Roland H. Auvray: Le livre d'or du football pied-noir et nord-africain. Maroc–Algérie–Tunisie. Presses du Midi, Toulon 1995 ISBN 2-87867-050-7 und das nicht nur bei den europäischen Einwanderern, sondern auch in der autochthonen Bevölkerung.Dietschy/Kemo-Keimbou, S. 57ff. So gab es 1934 in den algerisch-französischen Départements mehr registrierte Spieler als im Großraum Paris.Pierre Lanfranchi/Matthew Taylor: Moving with the ball. The migration of professional footballers. Berg, Oxford/New York 2001, ISBN 1-85973-307-7, S. 172 Schon seit dem Ersten Weltkrieg waren zahlreiche Fußballer aus Nordafrika von den großen Vereinen Frankreichs verpflichtet worden.Dieses Thema steht im Mittelpunkt des Aufsatzes von Gastaut, fokussiert auf das algerisch-französische Verhältnis, dafür bis in die Gegenwart verlängert. Olympique Marseille etwa galt in den 1930er Jahren als „Filiale Algeriens“, wofür spätere Nationalspieler wie Joseph Alcazar, Emmanuel Aznar, Abdelkader Ben Bouali und Mario Zatelli als bekannteste Beispiele stehen.Rethacker/Thibert, S. 147 Nach dem Zweiten Weltkrieg bedienten sich Frankreichs Profiklubs verstärkt im Maghreb; wie schon in den 1930er Jahren zog es die neu Verpflichteten ganz überwiegend zu südfranzösischen Vereinen, und in der Mehrzahl handelte es sich um Offensivspieler.Barreaud, S. 279 Dass Nordafrikaner als französische Staatsangehörige galten, erleichterte den Klubs die Einhaltung der vom Verband vorgeschriebenen Beschränkung auf anfänglich zwei Ausländer pro Mannschaft. Dazu kam, dass sie ihnen in der Regel weniger bezahlen musstenDietschy/Kemo-Keimbou, S. 286 und dafür qualitativ mindestens gleichwertige Spieler bekamen: 1954 schlug eine Nordafrika-Auswahl Frankreichs A-Nationalelf im Pariser Prinzenparkstadion mit 3:2, wobei mit Abderrahman Mahjoub und Abdelaziz Ben Tifour zwei Maghrebiner den blauen Dress der Franzosen trugen, während der französische Nationalspieler Larbi Ben Barek als Kapitän der Nordafrika-Auswahl fungierte.Gastaut, S. 2; diese Niederlage zählt der französische Verband nicht zu seinen offiziellen Länderspielen, weshalb L’Équipe/Ejnès, Belle histoire, S. 366, es unter der Überschrift „Les matches oubliés“ (Die vergessenen Spiele) abhandelt und die Nordafrika-Auswahl als „Africains de France“ (Afrikaner Frankreichs) bezeichnet. Auch die Tatsache, dass der bescheidene algerische Amateurligist SCU El Biar die zu europäischer Bedeutung aufgestiegene und in Bestbesetzung angetretene Erstligaelf von Stade Reims 1957 aus dem französischen Pokalwettbewerb zu eliminieren vermochte, ist ein Indiz für die Existenz eines beachtlichen Talentreservoirs an der Südküste des Mittelmeeres.L'Équipe/Gérard Ejnès: Coupe de France. La folle épopée. L'Équipe, Issy-les-Moulineaux 2007, ISBN 978-2-915535-62-4, S. 209–213

Von den 40 nordafrikanischen Spielern, die zwischen 1945 und 1955 in Frankreich unter Vertrag genommen wurden, waren 23 Algerier.Wahl/Lanfranchi, S. 130/131 1956 und 1957 nahm ihre Zahl stark zu, um ab 1958 rapide zurückzugehen (siehe Tabelle rechts).Tabelle nach Barreaud, S. 61 Hingegen wurden, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, Fußballer aus den frankophonen Teilen Subsahara-Afrikas, insbesondere Französisch-Westafrika, erst ab Mitte der 1950er verpflichtet und machten erst ab Mitte der 1960er mehr als ein Drittel aller ausländischen Spieler aus.Wahl/Lanfranchi, S. 130; Barreaud, S. 66 Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind es eher die algerischstämmigen Angehörigen der zweiten und dritten Immigrantengeneration wie Zinédine Zidane oder, noch aktueller, Samir Nasri und Karim Benzema, die die Bedeutung Algeriens für den französischen Profifußball veranschaulichen. Erstligaspieler, die ausschließlich die algerische Staatsbürgerschaft besaßen und von einem dortigen Verein kamen, gab es 1991 lediglich noch zwei.Wahl/Lanfranchi, S. 250 Auch diese gegenwärtigen Beispiele bestätigen allerdings, dass die beiden obigen Aussagen über die frühen Jahre weiterhin zutreffen, wonach das algerische Erbe vor allem im südlichen Frankreich und, fußballerisch, im Offensivbereich anzutreffen ist.Bis in die Gegenwart nachgewiesen bei Dietschy/Kemo-Keimbou, S. 269f. und 294.

Entstehung des FLN-Teams Die Planungsphase