mini|Maß-Laufmaschine oder Draisine, von Drais 1817 veröffentlichte Zeichnung mini|Sicherheitsniederrad Rover III (1886)

Als Beginn der Geschichte des Fahrrads kann das Jahr 1817 angenommen werden, in welchem der badische Forstbeamte Karl von Drais seine Laufmaschine vorstellte.Max Rauck u. a.: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte. S. 20: Die Draisine wird bekannt. Drais’ Verdienst war, das Zweiradprinzip – Grundlage von Fahrrad und Motorrad – erfunden zu haben. Die wichtigsten Schritte in der Weiterentwicklung zum heutigen Fahrrad waren das Zufügen des Tretkurbelantriebs durch den Franzosen Pierre Michaux 1861/63 die Gestaltung als Sicherheitsniederrad durch den Engländer John Kemp Starley 1885 und die Erfindung des Luftreifens durch John Boyd Dunlop 1888.

Das vom Tretkurbelantrieb angeregte und zwei Jahrzehnte mehrheitlich als Sportgerät benutzte Hochrad wurde schließlich vom für allgemeine Zwecke verwendbaren Sicherheitsniederrad abgelöst. Letzteres wurde zum heute gebrauchten Standard-Fahrrad. Es besitzt einen rautenförmigen Rahmen (Diamantrahmen) und zwei gleich große Räder und wird von zwischen den Rädern angeordneten Pedalen aus über eine Kette am Hinterrad angetrieben.

Etymologie In den 1880er Jahren waren noch die aus der französischen bzw. englischen Sprache übernommenen Bezeichnungen „Velociped“ oder „Bicycle“ bzw. „Tricyle“ üblich. Es gab nach der deutschen Reichsgründung jedoch große Bestrebungen zur Verdeutschung von Fremdwörtern. Hermann Dungers Vorschlag „Reitrad“ von 1882Hermann Dunger: Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter. B. G. Teubner, 1882. Zitiert nach: Hans-Erhard Lessing: Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte. S. 124. konnte sich nicht durchsetzen. Der Zusammenschluss der verschiedenen „Velociped“- und seit 1884 erstmals auch „Radler“-Clubs nannte sich nach Namensdiskussionen bei seiner Gründung 1884 Deutscher Radfahrer-BundHans-Erhard Lessing: Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte. S. 125. und führte 1885 die Bezeichnung „Fahrrad“ ein. Otto Sarrazin übernahm das Wort in seinem auch bei den Behörden einflussreichen Verdeutschungs-Wörterbuch von 1886.Johann-Günther König: Fahrradfahren. Von der Draisine bis zum E-Bike. Reclam, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-15-011098-0, S. 7. Im Jahr 1900 wurde „Fahrrad“ erstmals in den Duden aufgenommen. In der Schweiz wird das Fahrrad auch heute noch Velo genannt.

Vorher in Deutschland benutzte Namen waren: 1817: Laufmaschine oder Draisine (/; /)Die Laufmaschine des Freiherrn Karl von Drais. Mannheim 1817 (Reprint Technoseum Mannheim 1993)Hans-Erhard Lessing: Karl Drais. S. 78. Die Bezeichnung blieb in der vierrädrigen Eisenbahn-Draisine erhalten. 1860er Jahre: Velociped (frz. )Hans-Erhard Lessing: Automobilität. S. 490. 1880er Jahre: Hohes Sicherheitszweirad, (u. a. Kangaroo, Star-Bicycle).Wilhelm Wolf: Fahrrad und Radfahrer. S. 97. 1890er Jahre: Niederes Sicherheitszweirad.Wilhelm Wolf: Fahrrad und Radfahrer. S. 104.

Im englischen Sprachraum waren: 1817–1820: Hobby-horse 1868–1872: Boneshaker oder velocipede 1870–1892: Ordinary oder Penny-farthing für Hochrad Seit 1884: Safety gebräuchlich.Nick Clayton: Early bicycles., S. 4.

Vorgeschichte mini|Elie-Richard-Reisewagen (1690) mini|hochkant|Bühnenrequisit „Célérifère“ (1804)

Muskelkraftwagen Muskelkraftwagen, u. a. Helepolen, sind schon aus der Antike bekannt. Um 1420 zeichnete Giovanni Fontana einen vierrädrigen Wagen, der durch Seilzug- und Trommelmechanismus angetrieben wurde. 1649 fertigte Hans Hautsch für Karl X. Gustav einen mechanisch angetriebenen Wagen, ein zweites Exemplar für Friedrich III.Max Rauck u. a.: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte. S. 10 f. 1655 entwickelte Stephan Farfler einen kleinen Wagen mit Handkurbelantrieb. 1690 konstruierte Elie Richard aus La Rochelle einen Reisewagen mit Tretkurbelantrieb.Franz Maria Feldhaus: Die Technik. S. 1267.Funktionsweise des Richardschen Wagens In den 1840er Jahren stellte Willard Sawyer ein Quadricycle mit Tretkurbel her, Anfang der 1880er Jahre waren Dicycles kurze Zeit populär.

Nicht-lenkbare Laufmaschinen Auf dem Obelisk von Luxor aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. ist ein Mann abgebildet, der auf einem Tragbalken sitzt, der mit zwei hintereinander laufenden Rädern verbunden ist.Gronen und Lemke, S. 9. 640 – Rabi ibn Zijad erhielt den Beinamen „der Maschinenreiter“, weil er einen kleinen Wagen erfunden hatte, auf dem man fahren konnte, als ob man auf einem Kamel säße.Gronen und Lemke, S. 13.Franz Maria Feldhaus: Die Maschine im Leben der Völker. 1954, ISBN 978-3-0348-4025-5, S. 166. Erste Hälfte/Mitte des 18. Jahrhunderts existierten die „Nürnberger Laufmaschinen“, die sich bis Ende der 1890er Jahre im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg befunden und aus „zwei plump gearbeiteten hintereinander stehenden und durch einen Rücken verbundenen hölzernen Rädern“ bestanden haben sollen.Wilhelm Wolf: Fahrrad und Radfahrer. S. 14 f.Max Rauck u. a.: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte. S. 14. 1804 – Nachdem der Fuhrunternehmer Sievrac die Schnellkutsche „Célérifère“ erfand, wurde im März 1804 eine Operette aufgeführt. Ungelenkte Bühnenrequisiten mit Pferdekopf dienten dazu, den Konkurrenzkampf von Kutschenunternehmern darzustellen.

Angeblich vor 1817 datierte Zweiräder Die folgende Liste enthält Irrtümer, Fälschungen oder ungesicherte Hinweise auf frühere Zweiräder.

1492 – Das Leonardo-Fahrrad im Codex Atlanticus ist eine nach 1961 auf dem Blatt 133 des Codex vorgenommene Fälschung.Hans-Erhard Lessing: Die Beweislast gegen „Leonardos Fahrrad“. In: Mannheimer Geschichtsblätter. NF5 (1998), S. 345–357.The Leonardo da Vinci Bicycle Hoax auf pryordodge.com 1642 – Das Kirchenfenster der St Giles Church in Stoke Poges (Buckinghamshire) aus der Zeit Oliver Cromwells zeigte einen Cherubin auf einem Zweirad; das Fenster wurde während des Krieges zerstört und das heutige, restaurierte Fenster zeigt ein Einrad.Gronen und Lembke, S. 17.Kirchenfenster in Stoke Poges 1760 – Eine in Braunsbedra gefundene Laufmaschine mit Parallelogrammlenkung, die dem örtlichen Wagner Michael Caßler (1733–1772) zugeschrieben wurde, ist jüngeren Datums und stammt wohl vom Leipziger Mechaniker Hoffmann 1817.Hans-Erhard Lessing: Wie Karl Drais das Fahrrad erfand S. 175. 1779 – Jean-Pierre Blanchard und Mefurier stellten Ludwig XVI. in Versailles eine Art Tandem vor. Die Fahrer saßen hintereinander, „dem vorderen fiel hauptsächlich die Steuerung, dem hinteren hauptsächlich die Erzeugung der Triebkraft zu.“Wilhelm Wolf: Fahrrad und Radfahrer. S. 9. 1801 – Das Fahrrad des Russen Jefim Artamonow aus Jekaterinburg, der damit vom Ural bis nach Moskau gefahren sein soll, wies Merkmale der Michaulinen auf.Wilhelm Wolf: Fahrrad und Radfahrer. S. 33.

Drais’ Laufmaschine (1817) mini|Drais’ Maß-Laufmaschine (moderner Nachbau) Am 12. Juni 1817 fuhr Karl von Drais erstmals mit seiner von ihm entwickelten zweirädrigen Laufmaschine von Mannheim zum Schwetzinger Relaishaus (liegt heute im Mannheimer Stadtteil Rheinau) und zurück und erreichte dabei eine Geschwindigkeit von 13 bis 15 km/h.Max Rauck u. a.: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte. S. 21. Am 28. Juli 1817 folgte im Schwarzwald die sogenannte „Bergfahrt“ von Gernsbach nach Baden-Baden mit über 200 Metern Höhenunterschied. Drais absolvierte sie doppelt so schnell wie ein Fußgänger.Von der ersten Fahrt vom 12. Juni wurde erst gemeinsam mit der Bergfahrt im Baden-Badener Badwochenblatt vom 29. Juli 1817 berichtet (Digitalisat). Vgl. Lessing: Karl Drais. Zwei Räder statt vier Hufe. Braun, Karlsruhe 2010, ISBN 978-3-7650-8569-7, S. 52. Die Laufmaschine wog weniger als 50 Pfund, kaum mehr als ein Hollandrad heute.Hans-Erhard Lessing: Automobilität. S. 140. Sie hatte gleich große Holzräder mit Eisenreifen, eine auf das Hinterrad wirkende Schleifbremse, vorn abklappbare Parkstützen oder alternativ Packtaschen und optional einen Gepäckträger hinter dem Sitz. Zu ölende Gleitlager in Messing-Buchsen sorgten für leichten Lauf. Drais beschrieb in einem Zeitungsartikel auch mögliche Sonderanfertigungen seiner Laufmaschine.Hans-Erhard Lessing: Automobilität. S. 150–155. Die Nachricht über das Laufrad verbreitete sich rasch in Deutschland und Europa; überall entstanden Nachbauten.

Straßenqualität In England, Frankreich und Südwestdeutschland gab es dank der Erfindung des Makadam schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ein dichtes Netz von Landstraßen, auf dem sich leicht auf Rädern dahinrollen ließ. Die Ausdehnung dieses Netzes nach Nordosten dauerte mehrere Jahrzehnte. Bis dahin hatte man in anderen Gegenden, auch großen Teilen des Deutschen Bundes, fast nur unbefestigte Landstraßen oder Chausseen gröberer Art (Katzenkopfpflaster aus Feldsteinen).Texte zum Chausseebau in verschiedenen deutschen Staaten im Historischen geographischen Informationssystem () und anderen Quellen:

HGISG: Württemberg (Seiten 5 und 6; PDF; 43 kB)

Die preußische Straßenbaupolitik unter Dezentralisierungsdruck (PDF; 2,6 MB)

Schubstockrad 1817: Johann Carl Bauer regte in seiner technischen Verbesserung des Draisschen Laufrades ein schubstockgetriebenes Dreirad an.Carl Johann Siegmund Bauer: Beschreibung der v. Drais’schen Fahr-Maschine und einiger daran versuchten Verbesserungen. Nürnberg 1817. Reprint: Westhafen Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-942836-09-8, S. 66. 1850: Der Schmied Heinrich Färber aus Künzelsau baute ein Schubstockrad, bei dem mit den Armen zwei Stöcke zum Abstoßen vom Boden bewegt wurden und mit den Füßen gelenkt wurde.Walter Euhus: Das Künzelsauer Schubstockrad. In: Der Knochenschüttler. Zeitschrift für Liebhaber historischer Fahrräder. Heft 31, 2/2004, Langenhagen 2004, S. 19. Je nach Quelle wurde es erst 1859 oder 1869 der Öffentlichkeit präsentiert.Ingo Gabor u. a.: Lust auf Geschichte – ausgewählte Momente der Künzelsauer Vergangenheit. Die Städtische Sammlung Künzelsau zu Gast in der Hirschwirtscheuer. Swiridoff, Künzelsau 2005, ISBN 3-89929-059-3, S. 56 f.Jürgen Hermann Rauser: Ingelfinger Heimatbuch. 1. Buch Stadtgeschichte. Heimatbücherei Hohenlohe Band 2, Ingelfingen 1980, S. 268.

Tretkurbelrad 1825(?)/62: Tretkurbelrad von Baader. 1845(?): Heinrich Mylius aus Themar soll das erste Tretkurbelrad gebaut haben.fahrzeug-museum-suhl.de Das erste Tretkurbelfahrrad Deutschlands. (abgerufen am 20. Juli 2017)Gronen und Lembke, S. 41. 1853: Philipp Moritz Fischer brachte am Vorderrad einer Draisine eine Tretkurbel an.Lessing % Hadland: Evolution des Fahrrads. Springer Nature Heidelberg 2021, S. 465. 1861/63: Pierre Michaux und sein Sohn Ernest bauten ein Tretkurbelrad mit Holzrädern mit Eisenbereifung und einem Gewicht von etwa 25 kg.Peter Schneider: Das Zweirad im Wandel der Zeit. S. 13. 1865 wurden bereits 400 Michaulinen hergestellt. Die Michaulinen sind damit die ersten Fahrräder, die in größeren Stückzahlen hergestellt wurden.Max Rauck u. a.: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte. S. 37. 1866: Pierre Lallement (Mitarbeiter vom Pariser Kutschenbauer Strohmaier) ließ in den Vereinigten Staaten ein Fahrrad mit Tretkurbelantrieb patentieren.

Hochrad mit Holzspeichen (1867)