mini|Joschka Fischer (2014) mini|Fischers Signatur unter dem Vertrag von Nizza (2001) Joseph Martin „Joschka“ Fischer (* 12. April 1948 in Gerabronn) ist ein ehemaliger deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Der ehemalige Buchhändler war ab 1983 Mitglied des Deutschen Bundestages, von 1998 bis 2005 Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Ein knappes Jahr nach der Bundestagswahl 2005 zog sich Fischer aus der aktiven Politik zurück. Seit dem Ende seiner politischen Karriere ist er als Berater, Publizist, Buchautor und Lobbyist tätig.

Leben Herkunft und Jugend Joseph „Joschka“ Fischer wurde als drittes Kind des Metzgers József Fischer (1909–1966) und dessen Frau Erzsébet (Elisabeth) Fischer, geborene Sasvári, in Gerabronn geboren. Vorfahren Fischers waren Metzger aus Friedingen und wanderten 1731 als Kolonisten nach Ungarn aus.Werner Seeger: Heraldik unter der Lupe: Fischer, in: Archiv für Familienforschung 7 (2003), S. 133–137. 1946 hatten Fischers Eltern mit ihren Töchtern Georgina (* 1939) und Franziska (* 1943) als UngarndeutscheKarsten Jahnke: . Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm, März 2006.Joschka Fischer geb. 1948. Haus der Geschichte, Lebendiges Museum Online. ihren Wohnort Wudigeß (, eine im Jahr 2000 zur Stadt erhobene Gemeinde nahe der ungarischen Hauptstadt Budapest) verlassen müssen.Sibylle Krause-Burger: Joschka Fischer. Der Masch durch die Illusionen, Stuttgart 1997, S. 33–35. Über Gaildorf in Württemberg kam die Familie zunächst nach Kirchberg an der Jagst und siedelte schließlich nach Langenburg im Hohenlohischen über, wo der Vater eine Metzgerei übernahm. Der von Joschka Fischer geführte Vorname leitet sich von Jóska [] ab, einer Diminutivform des ungarischen Vornamens József [] ().

In der frühen Jugendzeit war Fischer Ministrant in seiner katholischen Heimatkirchengemeinde Oeffingen. Noch vor Beendigung der Untersekunda (10. Klasse) verließ er 1965 das Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Stuttgart-Bad Cannstatt ohne Abschluss und begann in Fellbach eine Lehre als Fotograf, die er 1966 abbrach.

Studentenbewegung mini|hochkant|Pressekonferenz der Grünen (1983)

Ab 1967 engagierte sich Fischer als Nichtstudent in der Studentenbewegung und in der außerparlamentarischen Opposition (APO). Er lebte ab 1968 in Frankfurt am Main. Später jobbte er im SDS-Verlag Neue Kritik und in einer linken Buchhandlung. Gleichzeitig besuchte er eigenem Bekunden nach als Gasthörer die zeitweise völlig überfüllten Vorlesungen von Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Oskar Negt.

1969 nahm Fischer in Algier an einer Konferenz der PLO teil.Zeugin entlastet Außenminister. In: Rhein-Zeitung. 19. Februar 2001Neue Vorwürfe. Nahm Fischer 1969 an PLO-Konferenz teil? In: Spiegel Online. 12. Februar 2001. 1970 war er Mitgründer der Karl-Marx-Buchhandlung im Frankfurter Univiertel.

1971 begann er eine Tätigkeit bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim mit dem Ziel, über die Gründung einer Betriebsgruppe die Arbeiter zu politisieren und letztlich für die „Revolution“ zu gewinnen. Diese Form der „Basisarbeit“ brachte aber nicht den erhofften Erfolg und Fischer wurde wegen seiner Aktivitäten nach einem halben Jahr fristlos entlassen.Markus Grill: In: Stern. 5. Oktober 2004 (Interview mit Tom Koenigs, der Joschka Fischer bei Opel kennenlernte).

Nach weiteren Gelegenheitsarbeiten – unter anderem als Übersetzer von Romanen für Jörg Schröders Olympia PressJörg Sundermeier: Mit Pornos Literatur finanzieren. In: Die Tageszeitung. 17. Juli 2004 – arbeitete Fischer in Frankfurt bis 1981 als Taxifahrer und bis 1982 als Aushilfe in einem Buchladen. Schauspielerische Kurzeinsätze hatte er zudem 1983 in dem Fernsehfilm Der Fliegende Robert und 1986 in dem Film Va Banque, in dem er einen Taxifahrer spielt.

Politische Militanz Bis 1975 war Fischer Mitglied der linksradikalen und militanten Gruppe Revolutionärer Kampf. Er beteiligte sich an mehreren Straßenschlachten mit der Polizei („Putzgruppe“), in denen Dutzende von Polizisten zum Teil schwer verletzt wurden. Ein Foto vom 7. April 1973 zeigt den mit einem schwarzen Motorradhelm vermummten Fischer und Hans-Joachim Klein, später Mitglied der Revolutionären Zellen (RZ), wie sie gemeinsam auf einen Polizisten einschlagen.Der Fischer und die Frau. In: Die Welt. 14. Januar 2001. Es gibt von dem Geschehen auch einen Reportagefilm, der an diesem Tag für die Tagesschau gedreht wurde und die Szene in bewegten Bildern zeigt.Die Akte Joschka Fischer – Eine Journalistin auf Wahrheitssuche Als Außenminister gestand Fischer seine damalige Gewalttätigkeit ein.

Er beteuerte allerdings, niemals Molotowcocktails geworfen zu haben. Hintergrund war eine vorläufige Festnahme Fischers 1976, bei einer Demonstration für die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, unter dem Verdacht, einen solchen Brandsatz während einer Demonstration aus Anlass des Todes Ulrike Meinhofs am 10. Mai 1976 auf ein Polizeifahrzeug geworfen zu haben, wobei der Polizeiobermeister Jürgen Weber lebensgefährlich verletzt und dauerhaft entstellt worden war. Gegen Fischer wurde wegen Landfriedensbruchs, versuchten Mordes und der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt.Polizeiakte gefunden. In: Süddeutsche.de. 11. September 2015. Fischer wurde aus der Haft entlassen, weil sich der Verdacht gegen ihn nicht erhärten ließ. Bei der Planung der Demonstration war unter Beteiligung Fischers der Einsatz von Molotowcocktails diskutiert worden.

Nachermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft zu diesem Vorfall wurden 2001 durch den Umstand behindert, dass die Hessische Staatskanzlei unter SPD-Ministerpräsident Holger Börner von der Staatsschutzabteilung des Polizeipräsidiums Frankfurt alle Unterlagen über Fischer angefordert hatte, als dieser 1985 in Wiesbaden Umweltminister wurde, und seitdem über den Verbleib der Akten nichts bekannt war.Linke Gewalt. Bilder vom blutigen Samstag. In: Focus. 8. Januar 2001.Bedrohliche Ermittlungen für den Außenminister. In: Spiegel Online. 13. Januar 2001. In diesem Artikel schreiben die fünf Autoren: „Fischers Akte beim hessischen Verfassungsschutz ist weg: Anfang der neunziger Jahre wurde sie geschreddert, nachdem die Aufbewahrungsfrist abgelaufen war. Nach SPIEGEL-Informationen fand sich in ihr ohnehin nichts über den Brandanschlag – und schon gar nichts Belastendes.“ Aus der Frankfurter Zeit stammt auch seine Freundschaft mit dem deutsch-französischen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit, mit dem er zeitweilig in einer Wohngemeinschaft wohnte.Diese beschrieb Cohn-Bendit unter anderem in seinem Buch Wir haben sie so geliebt, die Revolution 1987 in einem eigenen Kapitel (S. 229–236) Im September 2015 tauchte die seit 1985 verschollene Polizeiakte Fischer in einem herrenlosen Koffer am Frankfurter Flughafen wieder auf. Das Schriftstück enthält Fotos, Fingerabdrücke und Daten und dokumentiert die Verstrickung Fischers in die linksradikale Szene.

Nachdem Fischer noch 1976 erklärt hatte „Wir können uns […] nicht einfach von den Genossen der Stadtguerilla distanzieren, weil wir uns dann von uns selbst distanzieren müssten“,Arno Orzessek: Anti-Anti-68er-Manifest. In: Deutschlandradio Kultur. 14. März 2008. leiteten die Ereignisse im so genannten Deutschen Herbst 1977 (Entführung und Ermordung des BDA-Präsidenten Hanns Martin Schleyer, Entführung des Flugzeugs „Landshut“, Suizid der RAF-Gründer) nach eigenen Angaben einen Erkenntnisprozess bei ihm ein, den er als Illusionsverlust bezeichnete und der schließlich zu seiner Abkehr von radikalen und gewalttätigen Politikvorstellungen geführt habe. Er habe sich dann zum Demokraten aus Überzeugung gewandelt, was auch dem politischen Lebensweg seiner Partei entspreche:

Dennoch kommentierte er noch 1978 die Ermordung von Hanns-Martin Schleyer, Siegfried Buback und Jürgen Ponto durch die RAF mit dem Satz: „Bei den drei hohen Herren mag mir keine rechte Trauer aufkommen, das sage ich ganz offen für mich.“Jochen Bölsche: Am 11. Mai 1981 wurde der hessische Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry ermordet, anschließend bekannten sich die Revolutionären Zellen zu der Tat. Später stellte sich heraus, dass die Tatwaffe, zusammen mit anderen aus einer US-Kaserne gestohlenen Waffen, im Jahre 1973 in Joschka Fischers Auto transportiert worden war. Fischer gab dazu an, er habe dem damaligen Autoschlosser Hans-Joachim Klein (1973 noch nicht Mitglied der RZ, aber bereits im Dunstkreis linksradikaler militanter Gruppen) den Wagen lediglich gegeben, um von ihm einen neuen Motor einbauen zu lassen. Erst später habe er erfahren, dass mit dem Auto gestohlene Waffen transportiert worden seien.

Parteilaufbahn mini|Joschka Fischer bei einer Wahlkampfrede (2005)

Noch vor seinem Parteibeitritt im Jahr 1982 gründete Fischer 1981 mit Daniel Cohn-Bendit und anderen den Arbeitskreis Realpolitik in Frankfurt, der für die Partei Die Grünen sogenannte „realpolitische“ Positionen formulierte. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen neuen Positionen führte im Kreisverband Frankfurt zur Polarisierung zwischen Realos und Vertretern eines „öko-fundamentalistisch“ genannten Standpunktes (Fundis), in deren Verlauf sich Fischer 1982 für die Bundestagswahl 1983 als Kandidat für Die Grünen durchsetzen konnte.

Im März 1983 wurde er über die Landesliste Hessen in den Deutschen Bundestag gewählt und gehörte damit der ersten Bundestagsfraktion der Grünen an. Für diese war er als Parlamentarischer Geschäftsführer tätig. Er machte sich auch als Redner einen zum Teil umstrittenen Namen, z. B. im Zusammenhang der Kießling-Affärevgl. die stenographischen Berichte des Bundestags (PDF; 1,2 MB) ab S. 3694. oder der Flick-Affäre, während der er mit Beschimpfung des Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen („Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“) auf seinen Ausschluss von einer Bundestagssitzung reagierte.siehe Wikiquote: Joschka Fischer. Dem bei den Grünen damals noch üblichen Rotationsprinzip gemäß legte er sein Abgeordnetenmandat nach zwei Jahren zum Ende März 1985 nieder. Während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter nahm er am 24. Oktober 1983 an der Blockade einer US-Militärbasis in Frankfurt am Main teil, um gegen den NATO-Doppelbeschluss zu demonstrieren.

Nach eigenen Angaben hatte Fischer vor seinem Parteieintritt bei den Grünen aus Überzeugung nie gewählt, was ihn heute aber ärgere.

Öffentliche Ämter Staatsminister für Umwelt und Energie mini|Fischers Turnschuhe im Ledermuseum Offenbach Am 12. Dezember 1985 kam es in Hessen nach längerer Tolerierung einer SPD-Minderheitsregierung zur Bildung der ersten rot-grünen Landesregierung unter Ministerpräsident Holger Börner. In diesem Kabinett wurde Fischer Staatsminister für Umwelt und Energie. Bereits seine Vereidigung sorgte für Aufsehen, da er in grobem Jackett und weißen Turnschuhen erschien.. Die Originalschuhe befinden sich im Deutschen Ledermuseum, Offenbach. Dieser Auftritt prägte den Begriff des „Turnschuh-Ministers“. Heute sind Fischers weiße Nike-Turnschuhe im Deutschen Ledermuseum in Offenbach ausgestellt.

Am 9. Februar 1987 wurde Fischer aus seinem Amt als hessischer Umweltminister von Ministerpräsident Börner (SPD) entlassen,Rücktritt des hessischen Umweltministers Joschka Fischer, 9. Februar 1987. Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). da die Grünen in einem Ultimatum den Fortbestand der Koalition von der Rücknahme der Genehmigung für das Hanauer Nuklearunternehmen Nukem abhängig gemacht hatten. Damit zerbrach die erste rot-grüne Regierungskoalition im unmittelbaren Nachgang des Unfalls vom 20. Januar 1987 in der Hanauer Atomfabrik Nukem,Klaus-Peter Klingelschmitt: Nukem vertuschte Störfall: 300 Menschen verstrahlt. In: Die Tageszeitung. 8. Juni 1998. nur wenige Monate nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl.