Die Aché sind eine indigene Gruppe, die im Osten Paraguays lebt und die aufgrund ihrer Lebensweise zu den Jägern und Sammlern gezählt werden kann. Ihr gehören ca. 1500 Personen an.Aché ethnologue.com, abgerufen am 25. Oktober 2013. Während der 1970er Jahre wurden sie unter dem Diktator Alfredo Stroessner aus ihrer Heimat in der Region des Departamento Alto Paraná vertrieben. Aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung sollen bei der Vertreibung und Umsiedlung ca. 38 % der Aché an Krankheiten gestorben seinBartomeu Melià, Luigi Miraglia, Mark Münzel, Christine Münzel: La Agonia de 10s Aché Guayaki. Historia y Cantos. Centro de Estudios Antropologicos, Universidad Catolica: Asunción 1973. Wissenschaftliche Abhandlung über die Aché (spanisch). Um das Jahr 2000 siedelten sie sich wieder in ihrer alten Heimat an.
Allgemeines Die früher als Guayaki oder Guayakí bezeichneten Aché leben heute im Osten Paraguays im zentralparaguayischen Bergland zwischen den Einzugsgebieten des Río Paraná und Río Paraguay. Das Gebiet ist zu 80 % von tropischem Regenwald bedeckt und erhebt sich zwischen 100 und 300 m über NN. Die Niederschlagsmenge beträgt ungefähr 1800 mm und die durchschnittlichen Temperaturen liegen um 35 °C im Januar und 10 °C im JuliKim Hill, A. Magdalena Hurtado: The Aché of Paraguay. In: Richard B. Lee, Richard Daly (Hrsg.): The Cambridge Encyclopedia of Hunters and Gatherers. Cambridge 1999, S. 92ff..
Sie gehören zur Tupí-Guaraní-Sprachfamilie. Ihre Kultur ist von der Jagd und dem Nomadentum in den Wäldern geprägt. Es existieren noch vier Aché-Gruppen (die Ñacunday, die nördliche Gruppe, die Ypeti und die Yvytyruzu), die teilweise in den fünf Reservaten Perto Barra, Ypetymi, Cerro Moroti, Chupa Pou und Arroyo Bandera leben. Die früher als SüdgruppeMark Münzel: Gejagte Jäger. Aché- und Mbía-Indianer in Südamerika. Teil 1: Die Aché in Ostparaguay, Frankfurt am Main 1983, S. 23. bezeichneten Aché existierten nur bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1970 wurden 550 Aché gezählt, 1983 unter 1000 und 1989 leben in den Reservaten 685 AchéKim Hill, A. Magdalena Hurtado: Ache life history. The ecology and demography of a foraging people. New York 1996, S. 49 und 56..
Geschichte Man vermutet, dass die Aché, wie die meisten der Tupi-Sprachfamilie, früher Bauern waren, jedoch von den Guaraní in die Wälder verdrängt wurden. Dies veränderte ihre wirtschaftliche Grundlage und die Aché wurden Nomaden. Es entwickelte sich die Jägerkultur, wie sie heute noch teilweise existiert. Die frühesten Aufzeichnungen über die Aché stammen von Chroniken der Jesuiten-Missionare aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Es sind Zusammenfassungen von Expeditionen, wonach die Aché westlich des Paraná lokalisiert wurden. Der erste Kontakt zwischen Aché und dem Missionar Padre José de Insuarralde am Acaray erfolgte in den 30er und 40er Jahren des 17. Jahrhunderts. In der Folgezeit kam es immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen, Missionierungen und VersklavungenKim Hill, A. Magdalena Hurtado: Ache life history. The ecology and demography of a foraging people, New York 1996, S. 41–57..
Berichte über die Aché enden nach der Ausweisung der Jesuiten aus Paraguay 1768. Erst während des „Tripel-Allianz-Krieges“ gegen Paraguay im 19. Jahrhundert werden die Aché wieder erwähnt. Durch die Depopulation der Guarani dehnten sich die Gebiete der Aché erstmals wieder aus. Begegnungen zwischen Aché und Kolonisten waren in dieser Zeit keineswegs friedlicher Natur. Im 20. Jahrhundert folgte dann eine Zeit der friedlichen Begegnung. Jesus Manuel Pereira nahm Kontakt mit den Aché auf und versuchte, sie in Vorläufern der Reservate zu beschützen. Durch Infektionskrankheiten starben viele Aché und die Südgruppe ging in der Bevölkerung auf, starb oder kehrte in die Wälder zurück.
Seit den 1930er Jahren wurde mit allen vier verbleibenden Gruppen Kontakt aufgenommen. In den 1950er Jahren wurden erste Reservate geschaffen, in denen die Aché zum Teil noch heute leben. Besonders seit den 1960er Jahren besuchten Wissenschaftler die Reservate und eine Reihe von Publikationen über die Aché entstanden.
Soziale, politische und wirtschaftliche Organisation Siedlungssystem Das Siedlungssystem ist der Lebensweise der Aché angepasst. Wie bei den meisten Jäger- und Sammlerkulturen ziehen sie durch ihr Gebiet auf der Suche nach Beute und Essbarem. Deshalb errichten sie nur einfache Hütten, die sie nur wenige Tage benutzen. Die Aché haben zudem ein Rotationssystem, nach dem sie nur bestimmte Sektionen bejagen, um eine Regeneration der anderen Sektionen zu gewährleistenMark Münzel: Gejagte Jäger. Aché- und Mbía-Indianer in Südamerika. Teil 1: Die Aché in Ostparaguay. Frankfurt am Main 1983, S. 203f und 235..
Die Aché reisen in Wildbeuter-Kleingruppen von 20 bis maximal 100 Personen. Im Durchschnitt leben 9 Erwachsene in einem Camp, das sie „enda“ nennen, was den Lagerplatz und die gemeinsam wandernde Gruppe bezeichnet. 1971 lebten die nördlichen Aché in zehn bis fünfzehn Camps auf einem Gebiet von ungefähr 20.000 km²Kim Hill, A. Magdalena Hurtado: Ache life history. The ecology and demography of a foraging people. New York 1996, S. 94..
Soziale Organisation mini|Fernsehmoderator Simon Reeve mit Aché-Kindern Zu den engeren Verwandten zählen die Aché die Eltern, Kinder und meist noch die Geschwister der Eltern und deren Kinder. Sie alle gehören zur „enda“. Es gibt keine festen Residenzregeln, jedoch ziehen die Männer meist zu den Frauen (Uxorilokalität) oder das Paar sucht sich einen neuen Lagerplatz (Neolokalität).
Die Aché haben ein komplexes Allianzsystem. Die Heirat zwischen engen Verwandten und mit den „Jary“ ist verboten. Die „Jary“ sind die Paten eines Kindes. Es gibt drei „Jary“, die dafür zuständig sind, das Kind zu entbinden, zu waschen und sich um die Mutter zu kümmern, sowie das Neugeborene zu umsorgen. Die „Jary“ spielen ein Leben lang eine rituelle Rolle im Leben des Kindes und der Eltern. Sie begleiten die Kinder in allen Phasen ihrer Entwicklung und bei den Ritualen.
Ansonsten unterliegt die Wahl eines Partners keinen festen Regeln, wenn auch die älteren Männer gewisse Privilegien in der Wahl der meist jungen Mädchen haben. Frauen heiraten im Durchschnitt mit 15 Jahren und lassen sich oft mehrfach scheiden, sodass sie meist mit zwei bis fünf Männern Nachkommen zeugen. Selten lassen sich die Frauen aber nach dem 25. Lebensjahr scheiden, sondern bleiben dann bei ihrem Mann.
Männer hingegen heiraten mit ungefähr zwanzig nach ihrer Initiation als Mann und dürfen mehrere Frauen gleichzeitig heiraten. In der Gegenwart überwiegt die Monogamie, wahrscheinlich auch aufgrund des christlichen Einflusses. Die traditionelle Mehrehe ist fast verschwunden.
Die Stellung in der Gesellschaft der Aché wird durch das Alter und das Geschlecht bestimmt. Privilegien und Aufgaben richten sich nach diesen Prinzipien. Die soziale Entwicklung und Bedeutung der jungen Aché beginnt im Mutterleib. Dem Fötus werden übernatürliche Eigenschaften zugesprochen, z. B. die Fähigkeit, der werdenden Mutter zu zeigen, wo sich Jagdbeute aufhält. Nach der Geburt sind die Phasen je nach körperlicher Entwicklung unterschiedlich lang. Man kann sie in die Zeit vor, während und nach der Pubertät einteilen. Die verschiedenen Phasen werden von Riten und bestimmten Essvorschriften begleitet. Die Riten dienen dazu, die jungen Aché in die Pflichten der Gesellschaft (je nach Geschlecht) einzuführen. Die Essvorschriften zielen darauf ab, dass vor allem die männlichen Nachkommen nie das essen dürfen, was sie schon selbst erjagen könnten. So bleiben sie abhängig bis zum Zeitpunkt ihres Erwachsenwerdens mit ungefähr 25Mark Münzel: Gejagte Jäger. Aché- und Mbía-Indianer in Südamerika. Teil 1: Die Aché in Ostparaguay, Frankfurt am Main 1983, S. 246–268..
Tötungsdelikte zwischen den unterschiedlichen Gruppen innerhalb dieses Volkes und auch innerhalb ihrer Familien sind nicht ungewöhnlich. Fällt ein Mitglied der jeweiligen Gruppe zur Last, wird dieses getötet. Dabei werden auch Kinder und Babys erschlagen.Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, 2015, S. 72 f. So ist es Brauch, Kinder, deren Eltern gestorben sind, zu töten, damit es keine Waisen gibt.Hill, K.; Hurtado, A. M.; de Gruyter, A.: Aché Life History. The Ecology and Demography of a Foraging People. Aldine Translation, New York 1996
Politische Struktur Die Aché sind eine akephale Kultur, da aufgrund der unbeständigen Gruppenorganisation kein Anführer herausgebildet wurde. Entscheidungen werden innerhalb einer Gruppe von den anwesenden Erwachsenen herbeigeführt. Dabei werden Mitglieder der Gruppe, die einen besonders hohen Beitrag zur Gemeinschaft leisten, bei Entscheidungen schwerer gewichtet.
Die Sprecher der Aché in den gegenwärtigen Reservaten werden ebenfalls gewählt. Sie können jedoch jederzeit wieder abgesetzt werden, wenn eine Gruppe, auch eine Minderheit, Neuwahlen fordert. Bis jetzt bekleideten nur Männer dieses Amt, wenn auch Frauen dies nicht verboten ist.Kim Hil, A. Magdalena Hurtado: The Aché of Paraguay. In: Richard B. Lee, Richard Daly (Hrsg.): The Cambridge Encyclopedia of Hunters and Gatherers. Cambridge 1999, S. 94.
Wirtschaftliche Organisation mini|Jagd mit Pfeil und Bogen Die Aché bestreiten zu 78 % ihre Zufuhr an Nahrungsenergie mit Fleisch. Die restlichen 22 % setzen sich aus Honig, Larven und Pflanzen zusammen. Mit einer Pro-Kopf-Zufuhr von mehr als 11.300 kJ (= 2.700 kcal) pro Tag sind die Aché überdurchschnittlich versorgt.
Da die Jagd die Grundlage der Gesellschaft ist, ist der Bogen als Jagdwaffe nicht nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern hat auch eine kulturelle Bedeutung. Den Umgang mit dem Bogen üben schon Jugendliche. Der Bogen ist schwer zu handhaben, was gewollt ist, damit dem Bogenschießen eine noch höhere Bedeutung zukommt. Das Jagen ist nur den Männern vorbehalten, das Berühren des Bogens den Frauen sogar untersagt. Das Gleiche gilt für den Korb der Frauen, den nur sie berühren dürfen. Die Arbeitsteilung sieht vor, dass die Männer jagen, ca. sieben Stunden am Tag, und die Frauen sammeln (zwei Stunden täglich) und kümmern sich um das Camp und vor allem um die Kinder.
Typisch für eine egalitäre Sozialstruktur ist die weitgehend bedingungslose Verteilung des Essens unter den Gruppenmitgliedern. Neue Untersuchungen auf diesem Gebiet haben gezeigt, dass die Aché – vor allem jene, die noch in den Wäldern leben – dies in hohem Maße tun. Schon ab einer geringen Größe der Beute werden über 80 % der Nahrung mit anderen geteilt.Kim Hill / A. Magdalena Hurtado: The Aché of Paraguay. In: Richard B. Lee, Richard Daly (Hrsg.): The Cambridge Encyclopedia of Hunters and Gatherers. Cambridge 1999, S. 93f. Aché-Jäger legen ihre Beute außerhalb des Dorfes ab, damit die Gruppenmitglieder sie dort finden und auf alle Köpfe aufteilen können. Ebenso zuvorkommend handeln die Aché in konstruierten ökonomischen Spielen: Sie geben gern die Hälfte oder mehr an die Mitspieler ab und jedes Angebot wird ohne Rückfragen akzeptiert. Prahlerei und Ruhmsucht sind unter den Aché nicht vorhanden; man teilt gern und freiwillig.Emerich Sumser: Evolution der Ethik: Der menschliche Sinn für Moral im Licht der modernen Evolutionsbiologie. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2016, ISBN 978-3-11-040811-9. S. 133, 148.
Ebenso restriktiv sind etliche ethnoreligiös begründete Jagdtabus, die dafür sorgen sollen, die Wildbestände zu schonen.Heiko Feser: Die Huaorani auf den Wegen ins neue Jahrtausend. Ethnologische Studien Bd. 35, Institut für Völkerkunde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, veröffentlicht bei LIT Verlag, Münster, 2000, ISBN 3-8258-5215-6. S. 359–361.
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