mini|Adolph von Menzel: I. Akt (1877) Der zerbrochne Krug ist ein Lustspiel von Heinrich von Kleist und eines seiner bekanntesten Werke. Die Komödie ist in Blankversen verfasst. Das Stück gehört zum Kanon der deutschen Literatur, ist weit verbreitete Schullektüre und diente mehrfach als Vorlage zu Opern und Filmen.

Analytisches Drama und Vorbilder Dorfrichter Adam muss über eine Tat zu Gericht sitzen, die er selbst begangen hat. Die Handlung besteht in der Hauptsache aus einer Gerichtsverhandlung, die vollständig und in natürlichem Zeitverlauf wiedergegeben wird. Was verhandelt wird, hat sich jedoch in der Vergangenheit abgespielt und wird erst allmählich enthüllt. Das Stück gilt daher wie Sophokles’ König Ödipus als Musterbeispiel eines analytischen Dramas.Wolfgang Schadewaldt: „Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist und Sophokles König Ödipus“ (= Insel Taschenbuch. Band 15). Insel, 2004. Wie die Komödien Shakespeares und Molières hat Der zerbrochne Krug einen ernsten Kern und streift an manchen Stellen das Tragische.So in Shakespeares Viel Lärm um nichts. Kleist spielt auf dieses Stück im siebenten Auftritt an.

Handlung mini|Theaterzettel der Weimarer Uraufführung Im Mittelpunkt des um 1685Vgl. Bernd Hamacher: Heinrich von Kleist. Der zerbrochene Krug. Erläuterungen und Dokumente. Reclam, Stuttgart 2010, S. 42–43. Hamacher bezieht sich mit der zeitlichen Verortung der Handlung auf die Verse 2058-2061 der Erstfassung der Schlussszene („Variant“): „Ein solcher Kolonialkrieg fand 1685 statt, der sogenannte Bantamische Krieg, bei dem die Ostindischen Gesellschaften der Engländer und der Niederländer um die Vorherrschaft auf der Insel Java kämpften und dabei die einheimischen Könige gegeneinander ausspielten.“ in der Gerichtsstube in Huisum, einem fiktiven niederländischen Dorf in der Provinz Utrecht, spielenden Geschehens steht der titelgebende zerbrochene Krug, welcher der Frau Marthe Rull gehört. Sie beschuldigt Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve, am vorherigen Abend den Krug in ihrem Haus zerstört zu haben. Ruprecht hingegen versichert, dass ein Fremder ins Haus eingebrochen sei und dieses fluchtartig durch ein Fenster verlassen habe, wobei er den Krug vom Fensterbrett gestoßen habe.

Gerichtsschreiber Licht überrascht Richter Adam morgens beim Verbinden frischer Wunden. Adam erklärt, beim Aufstehen gestrauchelt und gegen den Ofen gefallen zu sein. Licht gibt sich damit einstweilen zufrieden, lässt aber durchblicken, dass er eher an ein erotisches Abenteuer seines Vorgesetzten glaube, bei dem ihm ein kräftiger Nebenbuhler in die Quere kam.

Da lässt sich Gerichtsrat Walter melden. Er ist aus Utrecht entsandt, um Gerichtskassen und Akten zu prüfen. Adam gerät in Panik, zumal seine richterliche Perücke verschwunden und kein Ersatz zur Hand ist. Obendrein ist auch noch Gerichtstag, Klägerin, Beklagter und Zeugen warten schon vor der Tür. Der Richter ahnt, weshalb sie gekommen sind, er hatte einen furchtbaren Traum. Seinem Schreiber Licht vertraut er ihn an:Dritter Auftritt. Mir träumt’, es hätt’ ein Kläger mich ergriffen, Und schleppte vor den Richtstuhl mich; und ich, Ich säße gleichwohl auf dem Richtstuhl dort, Und schält’ und hunzt’ und schlingelte mich herunter, Und judicirt den Hals ins Eisen mir. Als Gerichtsrat Walter eintrifft, verlangt er, der Gerichtsverhandlung beizuwohnen, die Prüfung der Kassen und Akten werde später erfolgen.

Nun ist Richter Adam wie einst König Ödipus gezwungen, über eine Tat zu richten, die er selbst begangen hat. Doch im Unterschied zum antiken Helden weiß er das von vornherein; ebenso, dass die Tat eine Schandtat ist und er selbst ein Schurke. Entsprechend tut er alles, was in seiner Macht steht, um die Aufklärung des Falls, bei dem außer dem Krug auch ein Verlöbnis entzweiging, zu verhindern.

Die Art, wie er seine Täterschaft durch eine allen Regeln richterlicher Unbefangenheit spottende Prozessführung zu verheimlichen sucht, die Zeugen bald mit Drohungen, bald mit süßen Worten beeinflusst und verwirrt, ist von hoher Komik. Schlangengleich dreht und windet er sich, um den Verdacht auf andere zu lenken, was ihn der Verachtung preisgibt. Schwitzend vor Angst wird er aber in die Enge getrieben, was menschliches Mitgefühl aufkeimen lässt. Die blühende Phantasie, mit der er immer neue Ausflüchte ersinnt, macht ihn zuweilen fast sympathisch.

Doch Gerichtsrat Walter und Schreiber Licht lassen sich davon nicht blenden. Beide sind an der Aufklärung des Falls interessiert, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen. Walter geht es um die Reform der Rechtspflege auf dem platten Lande, Licht möchte selbst gern Dorfrichter werden. Schritt für Schritt enthüllt sich während der Verhandlung folgender Tatbestand:

Der Unbekannte, der am Vorabend des Gerichtstags hastig durch Eves Schlafkammerfenster entwich und dabei den Krug vom Sims stieß, war er, Richter Adam selbst. Weder war es der Beklagte, Eves Verlobter Ruprecht, noch dessen vermeintlicher Nebenbuhler Lebrecht, noch gar der Teufel, wie die Zeugin Frau Brigitte, die mit Licht zusammen den Tatort untersucht hat, steif und fest behauptet:Elfter Auftritt. Was find ich euch für eine Spur im Schnee? Rechts fein und scharf und nett gekantet immer, Ein ordentlicher Menschenfuß, Und links unförmig grobhin eingetölpelt Ein ungeheurer klotz’ger Pferdefuß.

Diese Aussage passt dem Richter vortrefflich ins Konzept. Adam zum Gerichtsrat und zum Schreiber:Elfter Auftritt. Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir ernsthaft. Man hat viel beißend abgefaßte Schriften, Die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen; Jedoch den Teufel hat, soviel ich weiß, Kein Atheist noch bündig wegbewiesen. Aber die Indizien sprechen eine deutlichere Sprache als Klägerin, Beklagter und Zeugen:

Da sind die beiden Kopfwunden, die Adam davontrug, als Ruprecht dem unerkannt Flüchtenden zweimal die Türklinke über den Kopf hieb – der Eifersüchtige hat zuvor die Tür eingetreten und die Kammer regelrecht gestürmt. Da ist Adams Klumpfuß, der die Spur im Schnee vom Tatort quer durchs Dorf zu seiner Wohnung auf natürliche Weise erklärt. Da ist endlich die fehlende Richterperücke: Frau Brigitte legt sie stolz auf den Tisch, sie ist im Weinspalier unter Eves Kammerfenster hängengeblieben.

Nun rät Walter dem Richter, abzutreten, die Würde des Gerichts stehe auf dem Spiel. Aber dieser will nicht hören. Auch gut, meint Walter, dann solle er ein Ende machen und sein Urteil fällen. Im ausbrechenden Tumult judiziert Adam dem Beklagten wegen Ungebühr den Hals ins Eisen, worauf Ruprecht, angefeuert von Eve, Hand an ihn legt. Adam entschlüpft und flüchtet. Damit entsteht in der Stube endlich Platz für die volle Wahrheit:

Adam hat Eve vorgelogen, ihrem Verlobten drohe der Militärdienst in Ostindien, von wo bekanntlich nur einer von drei Männern zurückkehre. Eve steht auf und spricht:Zwölfter Auftritt. O Himmel! Wie belog der Böswicht mich! Denn mit der schrecklichen Besorgniß eben, Quält’ er mein Herz, und kam, zur Zeit der Nacht, Mir ein Attest für Ruprecht aufzudringen; Bewies, wie ein erlognes Krankheitszeugniß, Von allem Kriegsdienst ihn befreien könnte; Erklärte und versicherte und schlich, Um es mir auszufert’gen, in mein Zimmer: So Schändliches, ihr Herren, von mir fordernd, Daß es kein Mädchenmund wagt auszusprechen! Doch zum Äußersten ist es, auch dank Ruprechts Eingreifen, vermutlich nicht gekommen, obwohl Eve noch zum Zeitpunkt ihrer Beschuldigung Adams befürchtet, der Erpresser besitze Macht, ihr den Verlobten zu entreißen. Deshalb hat sie lange über das geschwiegen, was in der Schlafkammer geschehen ist.

Obwohl Eve weder in der Endfassung des Lustspiels noch im „Variant“, dem für die Endfassung stark gekürzten ursprünglichen Schluss des Stücks, ausdrücklich feststellt, dass Adam sie nicht verführt habe, steht Ruprecht beschämt und bittet sie um Verzeihung dafür, dass er sie als „Metze“ beschimpft hat. Es lag aber schon vor Adams Einmischung ein Schatten von Eifersucht auf der Beziehung. Ruprecht spricht Eve darauf an, ob sie Kontakt mit Lebrecht habe. Sie dreht den Vorwurf um: „ich glaub’, du schierst [Begriff aus der Hühnerzucht, um zu prüfen, ob ein Ei befruchtet ist]Immerhin ist sie Spezialistin auf dem Gebiet, deswegen fragt Adam sie auch um Rat wegen des pipsigen Huhns (Vers 561). mich“, Vers 931. Am Abend vor der Gerichtsverhandlung wählt er deswegen einen Schleichweg zu Eve. Er schiebt vor, der Steg sei nicht passierbar gewesen. Diese Behauptung wird aber von niemandem bestätigt. Seine Erwartung bewahrheitet sich, er findet Eve nicht allein vor. Er gibt sich aber nicht zu erkennen, sondern versteckt sich hinter einem Taxus (Vers 946) und wird Zeuge eines durchaus einvernehmlichen vertrauten Kontaktes („ein Gefispre, ein Scherzen“, Vers 947) und er verspürt sogar eine voyeuristische „Lust“ (Vers 949) dabei. Es ist nicht wahrscheinlich, dass Eve sich Adam so geöffnet hätte.

Die beiden Verlobten versöhnen sich. Eve gibt Ruprecht einen Kuss. Die Hochzeit kann stattfinden, Walter hat etwas zur Verbesserung der Rechtspflege getan, der Streber Licht wird neuer Dorfrichter, den alten Adam erwartet eine Strafe. Nur der Krug wird davon nicht mehr heil, zum Verdruss von Eves Mutter, der Klägerin Frau Marthe. Diese hat Ruprecht so eifrig der Tat bezichtigt, weil ein anderer als der Verlobte in Eves Schlafkammer den guten Ruf ihres Kindes und Hauses vernichtet hätte. Doch auch der Krug war ihr lieb. Wenigstens hat sie ihn zum Auftakt der Verhandlung samt der darauf abgebildeten Geschichte der Niederlande episch breit beschrieben und damit verewigt.Vgl. Siebenter Auftritt.

Zur Entstehung des Stücks Den Anstoß zum Schreiben empfing der Dichter 1802 bei seinem Aufenthalt in der Schweiz. Im Jahr darauf brachte er in Dresden die ersten Szenen zu Papier. Nachdem er das Stück in Berlin und Königsberg vollendet hatte, ließ er 1808 im Märzheft des Phöbus ein Fragment drucken. Um dieselbe Zeit wurde Der zerbrochne Krug bei der Uraufführung im Hoftheater Weimar ausgepfiffen; ein Misserfolg, zu welchem an erster Stelle Goethes Inszenierung beitrug, der den Einakter in drei Akte aufteilte.Robert Keil (Hrsg.): Aus den Tagebüchern Riemers, des vertrauten Freundes von Goethe. In: Deutsche Revue über das gesamte nationale Leben der Gegenwart 11. Band 4. Oktober – Dezember 1886, S. 20–38; darin: „Der zerbrochne Krug“ in Weimar. 1808, S. 22 f. (textkritik.de). Die vollständige Druckfassung erschien 1811 in Kleists Todesjahr. Ein Jahrzehnt später setzte der Erfolg ein: „Schon bald gehörte die Rolle des Dorfrichters Adam zu den größten und begehrtesten Charakterrollen des deutschen Dramas“.Michael Titzmann: Der zerbrochene Krug. In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Band 12. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, S. 10372.

mini| Kupferstich von Jean-Jacques Le Veau nach einem Gemälde von Philibert-Louis Debucourt Kleist pflegte während seines Aufenthalts in der Schweiz mit anderen jungen Dichtern Freundschaft, Ludwig Wieland, Heinrich Gessner (Sohn des Malers Salomon Gessner) und Heinrich Zschokke. Zschokke berichtet über einen Dichterwettstreit:

Kleist schrieb in dem erst nach seinem Tod gedruckten Entwurf zu einer Vorrede:

Epochenzuordnung