mini|hochkant|Kattaikkuttu bei der Kochi-Muziris Biennale, einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Kochi, 2018 Kattaikkuttu (Tamil), kaṭṭaikūttu, auch Terukkuttu, englische Umschrift Therukoothu, ist ein religiöses Straßentheater im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, das in tamilischer Sprache aufgeführt wird und Tanz, Drama, Gesang und Instrumentalmusik beinhaltet. Die Themen stammen meist aus dem altindischen Epos Mahabharata und konzentrieren sich auf die Figur der Prinzessin Draupadi. Bei mehrtägigen Tempelfesten für die als Göttin verehrte Draupadi sind Aufführungen von Kattaikkuttu ein Teil des Programms. Dabei zeigen reich kostümierte und geschminkte Darsteller neun bis zehn Stücke an ebenso vielen aufeinanderfolgenden Tagen und Nächten.
Namen Die Bezeichnungen Kattaikkuttu und Terukkuttu werden in der Literatur häufig austauschbar verwendet. Terukkuttu setzt sich aus teru, „Straße“ und kuttu, „rituelles Theater“ zusammen, kattai oder kattai camankal heißen verschiedene Ornamente am Kostüm, die eine heldenhafte männliche Figur, also einen Gott, Dämon oder König kennzeichnen. In einem eingrenzenden Sinn steht Kattaikkuttu für eine nächtliche dramatische Inszenierung des Draupadi-Mythos von 12 bis 15 Darstellern an einem bestimmten Ort. Das Wort für Straße (teru) mit seinem abwertenden Beigeschmack wird so vermieden. Terukkuttu ist demgegenüber ein mobiles Straßentheater aus zwei Personen bei einer Prozession, die Mitte Juni bis Mitte September zu Ehren der Pestgöttin Mariamman durchgeführt wird. Beim Terukkuttu fehlen die erzählenden, die Handlung erklärenden Einschübe. Die beiden Akteure begleiten mit Gesang und Tanz den Wassertopf (karakam heißt der Topf und das dazugehörige RitualKarakam. Indian Costum. Indianetzone), der Mariamman symbolisiert, auf dem Weg rund um das Dorf. Die Kattaikkuttu-Darsteller selbst nennen ihr Theater schlicht Kuttu.Kattaikkuttu Sangam. kattaikkuttu.org
Herkunft und Umfeld Kattaikkuttu gehört zu den hinduistischen Ritualtheatern, die sich aus altindischen, in den Veden beschriebenen Opferritualen entwickelt haben und im ganzen Land besonders anlässlich der jährlichen Tempelfeste aufgeführt werden. Ritualtheater werden nach der Gruppenzugehörigkeit ihrer Darsteller eingeteilt in solche, die wie Ayyappan tiyatta und Mutiyettu in Kerala zum Umfeld von Brahmanenkasten gehören und andere, deren Hauptakteure wie beim Geisterbeschwörungsritual Bhuta kola in Karnataka aus den unteren Bevölkerungsschichten stammen. Die meisten der bei Tempelfesten aufgeführten Ritualtheater haben neben ihrer religiösen eine soziale Bedeutung, da unabhängig davon, in wessen Händen die organisatorische Leitung liegt, stets mehrere oder alle Kasten eines Dorfes daran teilnehmen. Nach der streng definierten sozialen Hierarchie sind die einzelnen Berufsgruppen mit verschiedenen Aufgaben betraut.
In den im Schauspiel und in den Monologen ausgebreiteten mythologischen Geschichten wird die magische Macht einer Gottheit beschworen und ihre Wirksamkeit begründet. Häufig geht einer dramatischen Inszenierung im zweiten Teil der Veranstaltung ein einführender Teil voraus, in dem der Inhalt entweder in Versform gesungen wird wie im Teyyam von Kerala und dem Maskentanz Gambhira von Westbengalen oder von einem Erzähler in Prosa vorgetragen wird wie beim ersten Teil (kuttu) des Tanztheaters Kutiyattam oder des Besessenheitsrituals Ayyappan tiyatta. Im Mutiyettu und im Prahlada nataka in Orissa findet im zweiten Teil eine dramatische Konfrontation zwischen dem von der Gottheit besessenen Darsteller (Kali im ersten, Narasimha im zweiten Fall) und dem dämonischen Widersacher statt. In den bisher genannten Ritualtheatern, ebenso wie im Nagamandala im Südwesten von Karnataka, gerät jeweils nur der Hauptdarsteller in einen Zustand der Besessenheit und Trance. Dagegen kommt in unterschiedlicher Form ein Besessenheitszustand im Kattaikkuttu bei mehreren Akteuren und bei gläubigen Zuschauern vor. Eine weitere Ausnahme in der Region des Nagamandala bildet Siri jatre, ein Jahresfest für die Siri-Geister, bei dem zahlreiche weibliche Mitglieder dieses Kults zur selben Zeit in Trance verfallen oder besessen werden.Phillip B. Zarrilli: The Ritual Traditions. In: Richmond, Swann, Zarrilli (Hrsg.), S. 126f
Die Tradition, Geschichten mit Liedern zu vermitteln, wurzelt in Formen wie dem Erzählstil Villu pattu („Bogen-Lied“) oder dem Einpersonenstück Nondi-natakam,Oxford Encyclopaedia, S. 1070 bei dem ein Darsteller einen einbeinigen (nondi) Dieb verkörpert, der in Liedern von seinen Abenteuern mit einer Kurtisane und seinen Diebstählen berichtet, bis man ihm zur Strafe das Bein abhackt. Nondi-natakam entstand im 17. oder Anfang 18. Jahrhundert und wird in der Gegend um Madurai aufgeführt.James R. Brandon (Hrsg.): The Cambridge Guide to Asian Theatre. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 100f, ISBN 978-0521588225
Ein ähnliches Straßentheater wie Kattaikkuttu ist Veethi nataka, das beliebteste Volkstheater in Andhra Pradesh. Es wird in Telugu aufgeführt, sein Name setzt sich aus veethi, „Straße“ und nātaka „Theater“ zusammen. Zu dieser, möglicherweise bis ins 12. Jahrhundert zurückreichenden Tradition gehört auch bayalata, allgemein etwa „Aufführung im Freien“, damit ist in Karnataka das Tanztheater Yakshagana gemeint.Darius L. Swann: The Folk-Popular Traditions. Introduction. In: Richmond, Swann, Zarrilli (Hrsg.), S. 246 Das volkstümliche Straßentheater Nadagam der Singhalesen in Sri Lanka soll Ende des 18. Jahrhunderts von katholischen Missionaren entwickelt worden sein, die Elemente aus dem Kattaikkuttu und anderen Stilen übernahmen.
Ras lila und Krishnanattam sind devotionale Theaterstile, die sich der Verehrung Krishnas in seiner menschlichen Gestalt widmen, demgegenüber sollen durch die Aufführung von Kattaikkuttu Lokalgottheiten besänftigt werden. Das als volkstümlich kategorisierte Kattaikkuttu ist wie etwa das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Kerala entstandene christliche Tanztheater Cavittu natakam stilistisch weniger streng festgelegt als die klassischen hinduistischen TraditionenPhillip B. Zarrilli: Dance-Dramas and Dramatic Dances. Introduction. In: Richmond, Swann, Zarrilli (Hrsg.), S. 308.
Einige Anhaltspunkte sprechen dafür, dass die Geschichte von Kattaikkuttu mit der tamilischen Abhandlung über Musik und Tanz Shilappadhikaram begann, die während der Sangam-Zeit im 2. Jahrhundert n. Chr. verfasst wurde. Kuttar oder kuttan bezeichnete spezialisierte Akteure in gewissen Ritualtheatern, auch herumziehende Barden, die über ein vielfältiges mythologisches Wissen verfügten. Adiyarkkunallar schrieb im 12. Jahrhundert einen epischen Kommentar, in welchem er Shilappadhikaram als Drama bezeichnete. Teile des Dramas werden bis heute von Kattaikkuttu-Darstellern aufgeführt. Anfang und Ende der heutigen Inszenierung entsprechen inhaltlich denjenigen der einzelnen Kapitel des Shilappadhikaram. Schließlich besteht ein struktureller Zusammenhang, denn im altindischen Vorläufer und im heutigen Kattaikkuttu folgen jeweils nach einem Gesang in Versform ausführliche Erklärungen in Prosa.
miniatur|hochkant|Tod Karnas. Malerei von Raja Ravi Varma (1848–1906) Zentrum der Kattaikkuttu-Tradition ist ein relativ kleines Gebiet um Gingee im Norden von Tamil Nadu. Inschriften zufolge wurden während der vom 9. bis zum 12. Jahrhundert blühenden Chola-Dynastie bei Tempelfesten Schauspiele zu Ehren der Könige aufgeführt. Hinweise zu verschiedenen Volkstheaterformen finden sich in der Zeit der Nayak-Dynastien im 16. und 17. Jahrhundert. Möglicherweise entwickelte sich in dieser Zeit im Gebiet um Gingee bei Tempelfesten für Draupadi Amman in Anlehnung an Yakshagana ein Theater (kuttu) mit Themen aus dem Mahabharata. Für einige tamilische kuttu wurde in der Nayak-Zeit auch das Kannada-Wort yakshagana verwendet, was auf die Verbindung beider Stile hinweist.Origin of Terukkuttu. Indianetzone Die heutige Form des Kattaikkuttu entstand wohl erst im 18. oder 19. Jahrhundert.
Die Tamilen in Tamil Nadu, Sri Lanka und Südostasien verehren in zahlreichen Tempeln Draupadi als Muttergöttin Draupadi Amman. Kattaikkuttu ist ein Teil des jährlichen Tempelfestes für Draupadi, das 21 Tage lang nach dem tamilischen Kalender im Monat Chittirai, also im April/Mai stattfindet. Die täglichen Aufführungen beginnen etwa ab der Hälfte der festlichen Zeit und dauern jeden Tag bis in die frühen Morgenstunden. Zu den religiösen Ritualen mit Unterhaltungswert gehört auch ein Feuerlauf (thimithi).
Darüber hinaus gehört Kattaikkuttu zu Ritualen wie kula devathai puja, einer Ehrerweisung (puja) an die Familiengottheit, und kathu kuttu, einer der früher zahlreichen Zeremonien im Familienkreis für ein Kind, bei der einem fünf- bis sechsjährigen Mädchen die Ohrläppchen durchstochen werdenKathu kuttu bei den Nayar beschrieben in: Edgar Thurston: Castes and Tribes of Southern India. Volume V, M–P. Government Press, Madras 1909, S. 348f (Online bei Archive.org) oder karumati, einem Bestattungsritual, das am achten oder zehnten Tag nach dem Tod von Familienmitgliedern durchgeführt wird. Bei all diesen Anlässen kommt der rituelle Aspekt von Kattaikkuttu zum Ausdruck. Ein während karumati puja veranstaltetes Theater, bei dem nachts der Sieg Arjunas über Karna aufgeführt wird (Karna mokshayam), soll dem Verstorbenen erleichtern, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszubrechen und die Erlösung (moksha) zu erlangen.Varadpande, S. 41
Inhalt miniatur|Duryodhana weist seinen Bruder Dushasana an, Draupadi zu entkleiden. Krishna schützt ihre Sittsamkeit durch ein Wunder, bei dem unter jedem abgewickelten Sari ein neuer zum Vorschein kommt. Die Themen stammen überwiegend aus der von Villiputturar im 15. Jahrhundert verfassten tamilischen Version des Mahabharata (Paratam) und konzentrieren sich auf Draupadi, die im Epos als tugendhafte Prinzessin, Tochter des Königs Drupada und Frau der fünf Pandavas charakterisiert wird. Sie verkörpert das Ideal der keuschen und moralisch tadellosen Frau. In Südindien ist sie in den Rang einer Göttin aufgestiegen, die gelegentlich mit Durga gleichgesetzt und ähnlich wie Bhadrakali alias Kali in Kerala als Muttergöttin verehrt wird.
Die aufgeführten Stücke heißen Draupadi kalyanam („Die Hochzeit der Draupadi“), Supattirai kalyanam („Die Hochzeit von Subhadra“, Frau von Arjuna und Halbschwester Krishnas), Alli Arjunan („Hochzeit von Arjuna und Alli“, einer weiteren Frau Arjunas), Pancali capatam („Das Gelübde der Draupadi“), Arjunan tapam („Arjunas Askese“, tapas), Krishnan titu („Die Mission Krishnas“), Abhimanyu cantai („Der Sieg über Abhimanyu“), Karna mokshayam („Der Sieg über Karna“, Arjuna besiegt den großen König in der Schlacht von Kurukshetra), Patinettam por („Die Schlacht des 18. Tages“, dem letzten Tag der großen Schlacht) und Aravan lalappali („Opfer von Aravan in der Schlacht“, ein Wächtergeist oder Bhuta, Sohn von Arjuna und Ulupi).Varadpande, S. 40
Die Geschichte von Panchali capatam in der modernen Version des tamilischen Dichters und Freiheitskämpfers Subramaniya Bharati (1882–1921) entspricht etwa Draupadi vasthrabaranam. Yudhisthira hat im Glücksspiel sein Reich und die Prinzessin Draupadi an die Kauravas verloren. Sie befindet sich in der Hand von Duryodhana, der versucht, sie zu entkleiden, was nur mit göttlicher Hilfe verhindert werden kann. Bei Bharati wird Draupadi zur Metapher für das geschundene Indien, das unter der britischen Kolonialherrschaft leidet. Das Stück enthält auch einen emanzipatorischen, auf Frauenbefreiung gerichteten Aspekt.Hollander, S. 170