mini|hochkant|Mary Lou Williams, ca. 1946. Fotografie von William P. Gottlieb Mary Lou Williams (geboren als Mary Alfrieda Scruggs; * 8. Mai 1910 in Atlanta, Georgia; † 28. Mai 1981 in Durham, North Carolina) war eine US-amerikanische Jazzmusikerin (Pianistin, Komponistin und Arrangeurin). Sie gilt als eine der wichtigsten Wegbereiterinnen der geschlechtlichen Gleichberechtigung im JazzHelmut Weihsmann: , Radio Orange 94.0 (29. Mai 2009) und war „die einzige Stride-Pianistin, die vergleichbar mit Ellington ihren Stil ständig modernisierte und sich zuletzt auch an moderner Harmonik orientierte“.Wolf Kampmann (Hrsg.), unter Mitarbeit von Ekkehard Jost: Reclams Jazzlexikon. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-010528-5, S. 556.

Werdegang Kindheit und frühe Jugend Mary Lou Williams wuchs in East Liberty – einem Vorort von Pittsburgh – als eines von elf Kindern auf. Ihre (zunächst alleinerziehende) Mutter arbeitete als Putzfrau, sang in ihrer Freizeit Spirituals und spielte Ragtime auf dem Piano und der Orgel. Mary Lou Williams brachte sich im Alter von drei bis vier Jahren autodidaktisch das Klavierspielen bei, indem sie das gerade von ihrer Mutter Gehörte nachspielte. Später schulte sie sich mit Hilfe der Rollen eines ihrem Onkel gehörenden elektrischen Klaviers, auf dem sie die Interpretationen von Jelly Roll Morton und James P. Johnson hörte und nachspielte. Als Elfjährige besuchte sie Konzerte und lernte so Arrangements von Don Redman und dem Pianisten Earl Hines kennen.Linda Dahl, Morning Glory. S. 26, 34. Ohne Wissen ihrer Familie trat sie mit sechs Jahren in der Nachbarschaft als Pianistin auf, begleitete bald auch Stummfilme und spielte wenig später als „Wunderkind“ auf Partys bei der Oberschicht, etwa bei den Mellons. Sie spielte nicht nur Ragtime, sondern auch klassische Werke, populäre Melodien und Kirchenlieder.Dabei verdiente sie mehr als den Tageslohn eines Arbeiters. Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 22 ff.

Ab 1924 besuchte sie die Westinghouse High School, die sie im Alter von fünfzehn Jahren verließ, weil ihr Männer aus der Nachbarschaft nachstellten und sie sexuelle Übergriffe befürchtete. Ihr erstes Engagement hatte sie bei einer Vaudeville-Gruppe der TOBA, wo sie die in diesem Genre üblichen Showeinlagen zeigte, indem sie etwa ein Stück auf dem Piano mit den Fäusten spielte oder während des Spiels einmal ums Klavier herum rannte.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 37 ff.

Mit sechzehn Jahren heiratete sie den Saxophonisten John „Bearcat“ Williams, den sie in dieser Show kennengelernt hatte und mit dessen Vaudeville-Orchester Syncopaters sie seit Ende 1925 auf Tour ging.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 44 ff. Die Band wurde in Kansas City von dem damals erfolgreichen Vaudeville-Duo Seymour and Jeanette engagiert. Allerdings stellte sich die Frage, ob Williams als Frau überhaupt mitspielen dürfe; ihr Ehemann befürwortete es, da es eine große Attraktion sei, wenn eine Frau gut Piano spiele.Seymour and Jeanette schlugen zunächst vor, sie solle in Männerkleidung auftreten, um zu verbergen, dass sie eine Frau war. Sie konnte dann doch in Frauengarderobe auftreten. Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 49f. Seine Ansicht stellte sich als richtig heraus. Während dieses Engagements, das über Chicago nach New York City führte, begegnete sie auch Fats Waller. Sie verblüffte den Pianisten, weil sie auch seine schwierigsten Kompositionen nach einmaligem Hören interpretieren konnte.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 51 ff. Nach Seymours Tod begleitete sie dessen Partnerin Jeanette James und spielte mit ihr 1927 mehrere Plattenseiten ein;Gunther Schuller (The Swing Area, New York: Oxford University Press, S. 351f.) stellt ausdrücklich die Reife und Stilistik der siebzehnjährigen Pianistin heraus bei Auftritten in New York gehörten auch Musiker von Ellingtons „Washingtonians“ wie Tricky Sam Nanton zur Begleitband, was ihr eine neue musikalische Welt öffnete.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 56.

Kansas City 1929 bis 1942 1929 spielte sie aushilfsweise in der von Andy Kirk geleiteten Bigband The Twelve Clouds of Joy. Diese Band war aus Terrence Holders Dark Clouds of Joy entstanden, in der seit 1928 ihr Ehemann engagiert war. Damit er dort spielen konnte, hatte Williams die Leitung seiner eigenen, in Memphis operierenden Band seiner Ehefrau überlassen.Teilweise spielte bei den Syncopaters unter Leitung von Mary Lou Williams anstelle von John Williams der Altsaxophonist Jimmy Lunceford mit. Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 60, 63ff. Für die ersten Plattenaufnahmen von Kirks Band 1929 fungierte sie nicht nur als Pianistin für den bei der Probe im Aufnahmestudio abwesenden Marion Jackson, sondern trug auch erste Kompositionen und Arrangements bei, obwohl sie damals noch wenig von Notation und Harmonielehre wusste. Offizieller Pianist der Band blieb weiterhin Marion Jackson.Vgl. Frank Driggs, Chuck Haddix: Kansas City Jazz. From Ragtime to Bebop - A History. Oxford University Press, Oxford 2005, S. 87f., Linda Dahl, Morning Glory, S. 72 ff., 138–141, 154–156

1930 machte sie erste Soloaufnahmen unter eigenem Namen für Brunswick Records („Drag 'em“ und „Night Life“); die Plattenfirma bestand weiterhin darauf, dass sie als Pianistin an den Aufnahmen der Twelve Clouds of Joy mitwirkte.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 75 ff. Erst 1931, anlässlich eines Gastspiels mit Blanche Calloway, wurde sie die reguläre Pianistin der Twelve Clouds of Joy, nachdem geklärt war, dass sie nicht im einheitlichen Anzug, sondern im Kleid auftreten konnte.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 81 ff. Das Orchester arbeitete bis 1936 als Territory Band rund um Kansas City. Ihre Kompositionen „Walkin’ and Swingin’“, „In the Groove“ und „Mary’s Idea“ entwickelten sich zu Hits und machten die Band bekannt. In diesen Jahren war sie auch bei den zahllosen Jamsessions mit den Musikern des Kansas City Jazz dabei, wie mit Coleman Hawkins, Ben Webster (mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte), Lester Young und Herschel Evans.Vgl. Driggs, Haddix, S. 126, 138; 173, 200, sowie Richard Cook Jazz Encyclopedia London 2007, S. 669 Da Williams ungewöhnliche Harmonien in ihre Improvisationen einbaute, wurde sie wegen dieser „Zombie-Musik“ von den anderen Musikern sehr geschätzt.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 88 Ab 1936 veränderte sich der Tourneeplan und auch das Repertoire der Band: Unter dem Management von Joe Glaser spielten die Twelve Clouds of Joy überall in den Vereinigten Staaten und auch in Kanada; Balladen und Tanzmusik traten in den Vordergrund des Repertoires. Mary Lou Williams wurde besser bezahlt, allerdings als „Nischenmusikerin“ für einige jazzige Nummern, die weiterhin im Programm blieben.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 104ff.

miniatur|Brunswick-Schellackplatte des Mary Lou Williams Trios: „The Pearls“ (Morton) – „The Rocks“, mit Booker Collins (b) und Ben Thigpen (dr) vom September 1938

Auf Vermittlung von John Hammond arrangierte und schrieb sie ab 1936 auch für die Band von Benny Goodman neue Kompositionen wie „Roll ’Em“ oder „Camel Hop“, aber auch Arrangements ihres „Froggy Bottom“ (als „Overhand“), ihres „Messa Stomp“ oder von „Sweet Georgia Brown“. Goodmans Angebot, nur noch für ihn zu arrangieren und in seinem Orchester als Pianistin tätig zu sein, lehnte sie jedoch ab.Dahl, S. 110 Auch nahm sie 1938 mit Mildred Bailey auf; eine geplante Aufnahme, bei der sie Billie Holiday begleiten sollte, kam wegen einer Erkrankung nicht zustande.Anstelle von Williams wurde die junge Pianistin Margaret Johnson engagiert. Vgl. Dahl, S. 111f.

Pittsburgh/New York City – 1942 bis 1949 Noch bis 1942 blieb Williams bei den Twelve Clouds of Joy. Dann kehrte sie zunächst nach Pittsburgh zurück, wo sie ihre eigene Band zusammenstellte, der ihr späterer zweiter Ehemann „Shorty“ Baker und der junge Art Blakey angehörten. Baker wechselte jedoch wieder in das Duke Ellington Orchestra, für das Williams nach der Heirat mit Baker im Dezember 1942 neben Billy Strayhorn als feste Band-Arrangeurin fungierte. Ihr bekanntester Titel für Ellington war „Trumpets No End“, der auf Irving Berlins „Blue Skies“ basierte und mehrfach aufgenommen wurde. Nach sechs Monaten verließ sie Ellington und spielte mehrere längere Engagements im Café Society in Greenwich Village, wo sie auch Josh White begleitete; 1944 nahm sie „Mary Lou’s Boogie“/„Roll Èm“ für Moses Asch auf. Im Jahre 1945 – Baker hatte sich während seines Wehrdiensts von ihr getrennt – hatte sie auf Vermittlung von Barney Josephson, dem Besitzer von Café Society, eine eigene Radiosendung (The Mary Lou Williams Piano Workshop) bei WNEW, einem der damals führenden Sender mit gutem Popmusik-ProgrammVgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 131 ff. sowie

miniatur|Mary Lou Williams in ihrem Apartment mit (von links nach rechts) Dizzy Gillespie, Tadd Dameron und Jack Teagarden (1947). Foto: William P. Gottlieb (1947)

Ab 1946 trat sie in mehreren Frauenbands auf, unter anderem mit Mary Osborne (mit der sie eine 78er für Continental einspielte, „She’s (He’s) Funny That Way“) und bei den Girls Stars mit June Rothenberg und Bridget O’Flynn; sie spielten ein Programm aus Standards sowie Dvořáks „Humoresque“ und „All God’s Chillun Got Rhythm“.

Ihre Wohnung in Harlem wurde zu einem Treffpunkt der Pioniere des Modern Jazz, wie Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und Tadd Dameron, mit denen sie Ideen und Kompositionen austauschte und zu deren Mentorin sie wurde. Sie wurde deshalb auch die „Mutter des Bebop“ genannt.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 177ff sowie Nelson Harrison über Williams Anders als viele ihrer Altersgenossen schätzte Mary Lou Williams, was die Bopper machten; den Bebop integrierte sie ab 1946 auch in ihr eigenes Spiel. Die harmonischen Erweiterungen dieses neuen Jazzstils übernahm sie auch in ihre Kompositionen, etwa „In the Land of Oo-Bla-Dee“ (Liedtext: Milt Orent), das Dizzy Gillespie in ihrem Arrangement mit seiner Big Band aufnahm. Einige ihrer Stücke spielte Benny Goodman mit seinem kurzlebigen Bop-orientierten Ensemble ein, dem sie 1948 als Arrangeurin und teilweise auch als Pianistin angehörte.Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 179–210 Im August 1949 eröffnete sie die Tradition der Jazzkonzerte im New Yorker Club Village Vanguard.Zuvor fanden dort vor allem Folkkonzerte statt; ihre Gruppe teilte sich die Bühne mit der Band von J. C. Heard. Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 211.

Suche nach einem neuen Weg Anfang der 1950er Jahre sah sie sich aufgrund finanzieller EngpässeSie erhielt für die meisten ihrer Kompositionen keine Tantiemen; auch verlor sie Geld in gerichtlichen Auseinandersetzungen über die Urheberschaft einiger Stücke. Vgl. Linda Dahl, Morning Glory, S. 218f. gezwungen, als Begleiterin von Mildred Bailey zu touren. 1952 trat sie mit Kenny Clarke und Oscar Pettiford im Downbeat Club auf. Im gleichen Jahr ging sie auf eine kurze Tournee nach England, aus der eine längere Zeit in Europa wurde. Sie trat mehrfach in der Royal Albert Hall und der Royal Festival Hall auf; 1953 ging sie auf Gastspielreisen in die Niederlande und nach Skandinavien, begleitete Sarah Vaughan und ließ sich in Paris nieder, wo sie u. a. für Disques Vogue mit Don Byas aufnahm (Don Carlos Meets Mary Lou und das Soloalbum In Paris). Auch in der Schweiz und in Deutschland trat sie auf – im November 1954 in Baden-Baden mit dem Orchester Kurt Edelhagen.

1954 begegnete sie in Paris im Plattenstudio verschiedenen amerikanischen und europäischen Musikern. Eher seltsam muten zwei Titel mit der britischen Sängerin Beryl Bryden an;„Something of an acquired taste“, so Cook, Morton The Penguin Guide to Jazz Recordings. Penguin, London 2006 (8. Auflage), ISBN 0-14-102327-9 mehr Bestand hatten die Solo- („I Made You Love Paris“) und Trio-Einspielungen, u. a. mit Jean-Louis Viale und im Jahr zuvor mit Don Byas.