mini|Teile des Lampsakos-Schatzes im British Museum

Der Lampsakos-Schatz ist ein spätantiker Silberschatz, der 1847 auf einem Feld in der Nähe des heutigen westtürkischen Dorfes Lapseki von Bauern gefunden wurde.

Fundort und Fundgeschichte miniatur|Karte der Dardanellen Lapseki ist der ehemalige spätantike Bischofssitz Lampsakos an den Dardanellen, also der Meerenge, die Ägäis und Marmarameer verbindet und heute die Dardanellen genannt wird. Lampsakos hatte als Hafenstadt durchgehend große Bedeutung, da es (mit der Überfahrt nach Kallipolis) die Verbindung zwischen Asien und Europa darstellte, wie auch Station auf dem Schiffsweg nach Konstantinopel durch den Hellespont war. Aufgrund dieser taktisch günstigen Lage wurde Lampsakos in byzantinischer Zeit wiederholt als Basis für Angriffe auf die Hauptstadt genutzt, sodass sich einige Möglichkeiten ergeben, bei denen der Schatz verborgen worden sein könnte.

Direkt nach der Hebung wurde der Schatz auseinandergerissen. Henry Wellesley, 1. Earl Cowley (1804–1884) als Gesandter der britischen Krone in Konstantinopel, kaufte 1848 einen Teil des Schatzes auf und gab ihn im selben Jahr an das British Museum in London.

Umfang des Schatzes Heute sind 28 Stücke in verschiedenen Museen aufbewahrt:

In das British Museum gelangten durch Earl Cowley der Lampenständer, das Gefäß, eine Schale, das Polykandelon, der Spiegelgriff, ein Beschlagstück, Fragmente eines Faltstuhls oder Tischuntersatzes und sechs Löffel. Des Weiteren gehören zum Schatz Teile einer Goldkette mit Pendilien aus Halbedelsteinen und eines Ohrrings. 1886 erwarb das Museum eine weitere Schale und vier Löffel bei zwei Kunsthändlern in London. Weitere drei Löffel wurden von Augustus Wollaston Franks 1897 an das Museum vererbt.

Im Archäologischen Museum Istanbul befinden sich zwei Schalen und seit 1887 die India-Schale aus einem zweiten Schatzfund. Die mitgefundenen Löffel (durch eine Schriftquelle belegt, welche?) mit dem Monogramm ΆΓΙΟΥ ΓΕΟΡΓΙΟΥ (altgr. Hagiou Georgiou, „des Heiligen Georg“) sind seitdem verschollen.

Im Louvre befinden sich weitere zwei Löffel, die zum Schatzfund gehören.

Ein weiterer Löffel ist nur aus schriftlichen Quellen bekannt, die belegen, dass dieser seit 1877 im Museum der evangelischen Schule in Smyrna, im heutigen Izmir, aufbewahrt wurde. Salomon Reinach publizierte diesen Löffel 1882 ausführlich in seinem Aufsatz Une cuiller d’argent du mesée de Smyrne.Salomon Reinach: Une cuiller d’argent du mesée de Smyrne. In: Bulletin de correspondance hellénique, 1882, S. 353 ff. Leider ist der Löffel seit einem Brand 1922 verschollen.

Der Lampenständer Er gelangte 1848 durch Earl Cowley ins British Museum. Er ist 20,8–21 cm hoch, die Breite an der Basis beträgt 11 cm und sein Gewicht 333 g.Mundell Mango: Three illuminating objects in the Lampsacus treasure.2003, S. 65–67.

Es handelt sich um einen dreifüßigen Lampenständer mit breit geschürzter Basis und einem balusterartigem Schaft, der eine flache Scheibe mit einem Dorn trägt.

Die Flächen der Basis sind vertikal durch Nähte in sechs konvexe Abschnitte geteilt, wobei jeweils drei Kanten in einem Fuß auslaufen. Die jeweils dazwischenliegenden zwei Flächen schließen mit symmetrisch geschwungenen Kanten ab. Im Bereich der hervorkragenden Formen der Basis knicken die Flächen mit runder Biegung nach unten hin ab. Der Schaft ist balusterartig profiliert und gegliedert und trägt eine flache Scheibe mit leicht konvexem Boden. Darauf befindet sich ein konisch zulaufender Dorn mit viereckiger Basis. Um den Dorn herum befinden sich konzentrische Linien, die von der Herstellung auf der Drehbank herrühren.

Insgesamt handelt es sich um einen schlichten Lampenständer ohne Verzierungen. Die Füße und die Basis sind hohl, der Rest besteht aus massivem Silber.

Silberne Baluster-Lampenständer wurden häufig in weniger edlem Metall, wie verzinntem Kupfer, kopiert.Zur Bedeutung von verzinntem Kupfer in byzantinischer Zeit: Marlia Mundell Mango: The Significance of Byzantine Tinned Copper Objects, in: Thymiana ste mneme tes Laskarina Mpoura. Athen 1994, S. 221–227.

Datierung Der Lampsakener gehört zu den drei erhalten gebliebenen Lampenständern, deren Silbergehalt gemäß dem Frühbyzantinischen Kontrollstempelsystem in der Zeit zwischen 527 n. Chr. und 630 n. Chr. gestempelt und damit ausgewiesen wurde.Erica Cruikshank Dodd: Byzantine Silver Stamps. Washington D.C. 1961 [Dodd beschäftigt sich ausführlich mit dem Byzantinischen Stempelsystem in ihrem Werk]. Der Lampsakener Lampenständer wurde in Konstantinopel zwischen 527 n. Chr. und 565 n. Chr. gestempelt, derjenige aus Antiochia zwischen 602 n. Chr. und 610 n. Chr. auch dort in Antiochia gestempelt, der dritte kommt aus dem Mytilene-Schatzfund und wurde in Konstantinopel zwischen 610 und 630 gestempelt.Ioannis Touratsoglou, Eugenia Chalkia: Kratigos, Mytilene Treasure. Coins and valuables, Athen 2008.

Die hohe Übereinstimmung von Form, Größe und Gewicht sprechen (laut Buckton und Mango) für eine hohe Standardisierung und stützt die Theorie, dass byzantinisches Silber in staatlichen Werkstätten gestempelt wurde.

Das Lampsakener Exemplar ist ohne Verzierungen der schlichteste der drei aus dieser Zeit erhaltenen Silber-Lampenständer. Das Exemplar aus Antiochia, das später (602–610 n. Chr.) datiert, ist weniger gedrungen als die beiden anderen und hat als einzige Verzierung eine eingravierte Linie entlang der Basiskante. Das Mytilener Exemplar datiert am spätesten (610–630 n. Chr.) der drei Ständer und trägt die meisten Verzierungen. Die Linie, die an der Kante entlang läuft, ist in der Mitte mit einer Blume (eventuell eine Lilie) verziert und die Füße tragen Löwenköpfe. Der Aufbau und die Profilierung des balusterartigen Schafts ist bei allen Beispielen sehr ähnlich.

Nutzung Die kleinen vorgestellten Silber-Ständer wurden wahrscheinlich für schwächere Beleuchtung auf kleineren Tischen verwendet. Größere Lampenständer können auf den Boden gestellt werden, um für mehr Licht zu sorgen. Die Ständer können sowohl Kerzen, als auch Lampen tragen:

Beispiele für die Nutzung mit Lampen sind zum einen die erhalten gebliebenen kleinen Kupferlampenständer, wie auch die Darstellung eines großen Exemplars im Rabbula-Evangeliar. Als Beispiel für die Nutzung mit Kerzen dienen unter anderem die Darstellungen in den Wandmalereien des Silistra-Grabes.

Das Polykandelon Es wurde 1848 von Earl Cowley an das British Museum gegeben und hat einen Durchmesser von 24,5 cm.Marlia Mundell Mango: Three illuminating objects in the Lampsacus treasure. In: Through a glass brightly. Studies in Byzantine and Medieval art and archaeology. Festschrift für David Buckton, hg. von Chris Entwistle, Oxford, 2003, S. 68–71.

Das runde Polykandelon hat einen flachen, breiten Rand, der von sechs Löchern mit jeweils 1 Inch (= 2,54 cm) Durchmesser durchbrochen wird, die zum Halten von Glasbehältnissen für Kerzen oder Öl dienen. Zwischen diesen sind abwechselnd ein Lochmuster mit einem griechischen Kreuz oder einem Palmetten-Muster angeordnet. Die Mitte ist nur noch in fragmentarischem Zustand erhalten. Es können jedoch sechs Strahlen rekonstruiert werden, die die tieferliegende Mitte durchbrechen, die Zwischenräume nehmen die Palmetten-Muster des Randes wieder auf. Es wurde vorgeschlagen, dass die vertiefte Mitte dazu gedient haben könnte, ein Glasbehältnis mit Öl zu fassen, um das Muster zu betonen und die sechs Kerzen oder Lampen in ihrer Lichtwirkung zu unterstützen. Der flache Teller wurde an drei Ketten aufgehängt, deren Pi-förmige Ösen am Rand auf den vertikalen Kreuzarmen des Lochmusters befestigt sind. Die Ketten sind in zwei flache schmale Glieder unterteilt, deren Kanten konkav-konvex-konkav geformt sind. Verbunden sind sie durch S-förmige Haken. Die Ketten werden oben mit Haken und Ringen mit dem sternförmigen Abschluss verbunden, der wiederum einen Ring zur Aufhängung aufweist. Die von Dalton, ebenso von Mango, so betitelten „Strahlen“ in der Mitte könnten auch als Iota Chi (IX, für gr. ΙΕΣΟΣ ΧΡΙΣΤΟΣ, Iesos Christos), also als ein Christogramm gedeutet werden.

Von den originalen fünf Stempeln sind noch zwei erhalten geblieben, sodass das Polykandelon auf 577 n. Chr. datiert werden kann.

Deutung in kirchlichem Kontext

Bezüglich des Lampsakener Stücks in kirchlichen Kontext ist zu sagen, dass dies

aufgrund des fragmentarischen Erhaltungszustandes nicht zu belegen ist, da es schlicht an Material dafür fehlt und ein Christogramm (wenn die Strahlen als solches gelesen werden), ohne Votivinschrift oder weitere Hinweise nicht als Nachweis genügt, um es zweifelsfrei in kirchlichen Zusammenhang zu setzen.

Als Beispiel für ein Polykandelon in kirchlichem Kontext kann das Silber-Polykandelon aus der Ferrell Collection dienen, das mit einer Votivinschrift versehen ist. Es datiert nur einige Jahre später auf 582–602 n. Chr. und ist dem Lampsakener Polykandelon in Aufbau und Verzierung sehr ähnlich.

Ebenso in kirchlichem Kontext steht ein Kupferpolykandelon unbekannter Herkunft, das im Archäologischen Museum in Istanbul aufbewahrt wird. Im Gegensatz zu Silber-Polykandela sind solche aus Kupfer in höherer Stückzahl erhalten. Das Istanbuler Stück kann aufgrund der Votivinschrift in das 6. oder 7. Jahrhundert datiert werden. Wie das Lampsakener ist es in fragmentarischem Zustand, jedoch über ein Drittel größer.

Nutzung Es wurde häufig vermutet, dass Polykandela im 6. und 7. Jahrhundert verwendet wurden, um Kirchen zu erhellen. Mango jedoch schreibt, dass die verhältnismäßig kleinen Abmessungen des Lampsakos-Polykandelons ein Indiz für seinen häuslichen Gebrauch sein könnte. Allerdings wurden solche Polykandela auch an großen Radleuchtern aufgehängt, wodurch auch sehr große Kirchen, wie die Hagia Sophia zu Justinianischer Zeit, damit erhellt werden konnten. Es gibt westliche Schriftquellen, die sogar das Erhellen von Straßenzügen thematisieren. Es sind wenige silberne Polykandela aus der Spätantike erhalten, im Gegensatz zu solchen aus Kupfer.

Der Spiegelgriff Der Spiegelgriff wurde 1848 von Earl Cowley an das British Museum gegeben und datiert ins 6./7. Jahrhundert.Mundell Mango: Continuity of fourth/fifth century silver plate in the sixth/seventh centuries in the Eastern Empire, 1997, S. 90. Er ist 18 cm lang und wiegt 44 g.

In der Literatur (bei O. M. Dalton und Stefan R. Hauser) wird er teilweise noch als Gefäßhenkel bezeichnet, bei Mundell Mango findet sich die Identifizierung als Spiegelgriff. Vom Handspiegel ist nur noch der Griff erhalten geblieben, der ursprünglich auf der Rückseite des Spiegels angebracht war.

Der Griff ist nach außen hin gegabelt, jedes der vier Enden ist einmal um sich selbst geschlungen und hat flache, sich verbreiternde, abgerundete, spatelförmige Enden. Eine eingravierte Linie folgt den Formen der Außenkanten des Mittelstücks. Davon abgesehen, ist der Griff schmucklos.

Es lässt sich aufgrund von Vergleichsstücken eine etwa im Durchmesser 30 cm große Silberne Scheibe rekonstruieren, auf deren Rückseite sich der Griff befand.

Kunsthistorische Einordnung Diese Art Handspiegel lassen sich laut Mango in zwei Gruppen aufteilen: diejenigen mit einem flachen Streifen als Griff und diejenigen mit einem verschlungenen Griff.

Ein Spiegel aus Wroxeter wird in das 2. Jahrhundert datiert (wobei Mango ein ? dazu setzt). Sein Durchmesser beträgt 29 cm, zwei gerillte Stränge sind in einem Knoten umeinander geschlungen und enden in vier blätterförmigen Abschlüssen. Zwischen Knoten und Ende sind vier Blüten angebracht. Ein umlaufendes Band ist mit Blattmuster verziert und wird durch Blüten in sechs Abschnitte geteilt.

Der Spiegel aus dem Latakia-Schatz hat einen Durchmesser von 34,4 cm und datiert in das 4./5. Jahrhundert. Zwei Stränge bilden in der Mitte des Griffs einen losen Knoten. Deren vier Enden schlingen sich einmal um sich herum und werden mit flachen blätterförmigen Abschlüssen mit dem Spiegel verbunden.