Als Akkadzeit bezeichnet man eine Epoche in der Geschichte des Alten Orients. Sie dauerte nach mittlerer Chronologie von 2340 bis 2200 v. Chr. und ist nach dem in diesem Abschnitt dominierenden Reich von Akkad benannt.

Chronologie Die Grundlage für die Definition der Akkadzeit ist die Herrschaft der akkadischen Dynastie. Durch die sumerische Königsliste sind die Reihenfolge der Herrscher (bis auf die Reihenfolge der Herrschaft von Maništušu und RimušPiotr Steinkeller: An Ur III Manuscript of the Sumerian King List. Wiesbaden 2003, S. 282–283.) und die Länge der einzelnen Regierungszeiten weitgehend gesichert. Erhaltene Urkunden mit Jahresnamen einzelner akkadischer Könige widersprechen diesen Daten nicht. Mit Herrschernamen beschriftete Objekte können auf diese Weise problemlos mit der Herrscherchronologie verbunden werden.

Sehr viel schwieriger ist die Verbindung von Grabungsbefunden und -funden mit dieser Chronologie. Weitgehend unbestritten ist, dass ein großes Maß an Kontinuität zur vorangehenden frühdynastischen Zeit besteht und dass eindeutig als akkadzeitlich zu bestimmende Elemente erst in die fortgeschrittene Akkadzeit (ab Narām-Sîn) zu datieren sind. In manchen Bereichen (z. B. Keramik) bereitet die Definition eindeutig akkadzeitlicher Elemente bis heute größere Schwierigkeiten.Augusta McMahon: The Akkadian Period: Empire, Environment, and Imagination. Oxford 2012, S. 655.

Geschichte In der Akkadzeit entsteht in Vorderasien erstmals ein überregionaler Staat, dessen Herrscher ganz Mesopotamien beherrscht und die angrenzenden Gebiete (Syrien, Westiran, Südostanatolien, Golfregion) dominiert haben. Dieses erste Weltreich und seine mächtigsten Könige behalten auch nach dem Untergang des Reiches einen hervorgehobenen Platz in der mesopotamischen Erinnerungskultur.Aage Westenholz: The old akkadian period: history and culture. Göttingen 1999, S. 17.

Die Akkadzeit begann mit dem Aufstieg von Sargon von einem Lokalfürst in Zentralmesopotamien zum Herrscher über den nördlichen Teil des mesopotamischen Schwemmlandes. Gleichzeitig schuf Lugalzagesi von Uruk durch mehrere erfolgreiche Feldzüge ein Konglomerat sumerischer Städte im Süden des Schwemmlandes. Aus der militärischen Auseinandersetzung zwischen Sargon und Lugalzagesi ging Sargon als Sieger hervor. Durch Feldzüge nach Nordwesten, angeblich bis zum „Zedernwald“ (vermutlich der Amanus) und zur Küste des Mittelmeeres und nach Osten, bis in das iranische Hochland, wurde das Reich erweitert. Seinen Inschriften zufolge hat Sargon die Reichshauptstadt Akkad selber gegründet. Diese am Tigris im Bereich der Diyala-Mündung, also bei Bagdad oder Samarra gelegene Stadt konnte bis heute nicht mit einem Fundort identifiziert werden. Als Reichsgründer wurde Sargon zur Hauptfigur zahlreicher Mythen und Erzählungen, wobei Originalquellen nur spärlich erhalten sind (s. den Artikel zu Sargon von Akkad).

Sargon hatte bis zum Fall des Reiches 6 Nachfolger: Maništušu, Rimuš, Narām-Sîn, Šar-kali-šarri, Dudu und Šudurul.

Das Akkaderreich betrieb eine ausgesprochene Expansionspolitik, die sich nacheinander Richtung Südmesopotamien, Nordmesopotamien und Elam richtete. Dabei sollen Sargon Vorstöße bis nach Kilikien gelungen sein. Das nördliche Mesopotamien und Syrien wurde jedoch erst von seinen Nachfolgern vollständig erobert, wobei erstmals für die Menschheitsgeschichte ein wirklich großes, einheitliches politisches Gebilde entstand. Die Herrscher über dieses Reich bezeichneten sich als šar kiššatim (König des Universums). Dennoch war das Reich politisch instabil, was zu zahlreichen Aufständen vor allem unter Narām-Sîn führte. Dieser ließ sich erstmals als Herrscher vergöttlichen, nachdem er einige erfolgreiche Schlachten geschlagen hatte.

Um 2.100 v. Chr. ging das Akkaderreich unter und wurde nach einer kurzen Zwischenperiode durch das Reich der 3. Dynastie von Ur abgelöst.

Klimaveränderung In Nordmesopotamien (am Rand des Taurus und Zagros) fällt mit durchschnittlich ca. 350 mm Niederschlag/Jahr meist genug Regen, um Regenfeldbau betreiben zu können. In einer südlich anschließenden Zone ist Ackerbau nur in manchen Jahren möglich. In Zentral- und Südmesopotamien ist Landwirtschaft nur mit Bewässerung möglich. Um 2200 v. Chr. kam es offenbar im gesamten Vorderasien zu einer abrupten und lange andauernden Reduzierung des Niederschlags.Michael Jursa: Agriculture in Bronze Age Mesopotamia. Hoboken (NJ) 2021, S. 151–154. Dadurch wurden weite Gebiete Nordmesopotamiens praktisch unbewohnbar. Viele Siedlungen in Nordmesopotamien wurden am Ende des 23. Jh. v. Chr. aufgegeben, wie archäologische Befunde nachweisen.Alexander Pruß: The last centuries of the 3rd millennium in the Syrian Ǧezīra. Wiesbaden 2013, S. 138, Abbildung 47–48. Das wird generell zeitlich mit dem Untergang des Akkadischen Reiches in Verbindung gebracht. Diese Siedlungen wurden erst knapp 300 Jahre später im 19. Jh. v. Chr. wieder besiedelt.Stacy A. Carolin u. a.: Precise timing of abrupt increase in dust activity in the Middle East coincident with 4.2 ka social change. In: PNAS. Band 116, Nr. 1, 2018.

Es gibt eine Reihe eindeutiger Belege für starke klimatische Veränderungen um 4200 BP. Maritime Sedimentproben aus dem Golf von Oman, die Staub aus Mesopotamien beinhalten, zeigen um 4025 ± 125 BP eine massive Zunahme der Dolomit- und Calcit Ablagerungen, was auf eine starke Dürre in Mesopotamien hinweist.Heidi Cullen u. a.: Climate Change and the Collapse of the Akkadian Empire: Evidence from the Deep Sea. In: Geology. April 2000, S. 379–382. Zeitlich genauer einzuordnende Untersuchungen von Stalagmiten aus dem Nordwest Iran zeigen eine auf von 4260 ± (40–70) BP bis 3970 ± (40–70) BP datierte starke Zunahme an Staubpartikeln aus Mesopotamien. Dieser Zeitrahmen passt sehr genau zu der Aufgabe und anschließenden Wiederbesiedlung vieler Orte in Nordmesopotamien. Wahrscheinlich wurden viele Siedlungen aufgegeben, da sie in Regionen lagen, die sehr anfällig waren für Dürren und sich auch schon vorher nur eingeschränkt für Landwirtschaft eigneten.

Zusätzlich zum Rückgang der Niederschläge, die sich auch in hohen Ablagerungen z. B. im Van-See nachweisen lassen, (fünffach höhere Staubkonzentration ab 2290 v. Chr.)Werner Nützel: Einführung in die Geo-Archäologie des Vorderen Orients. Wiesbaden 2004, S. 145. kam es im Laufe des 3. Jahrtausend zu einer Versalzung der Böden aufgrund fehlender Drainagen (diese wurden erst im 1. Jts. v. Chr. eingeführt), wodurch die Erträge von Getreide, speziell vom salz-sensitiven Weizen, stark zurückgingen. Das kann einer der Gründe gewesen sein, warum Sargon seine neue Hauptstadt auf jungfräulichem, d. h. unversalzenem Boden völlig neu baute.Werner Nützel: Einführung in die Geo-Archäologie des Vorderen Orients. Wiesbaden 2004, S. 26, 143. Wegen der abnehmenden Niederschläge kam es zu einer geringeren Wasserführung der Flüsse, was den Salzgehalt vom Norden bis zum Süden um das drei- bis fünffache erhöht hat.Karlheinz Kreeb: Ökologische Grundlagen der Bewässerungskultur in den Subtropen. Stuttgart 1964, S. 95–98.

Landwirtschaft Die Dominanz des Anbaus von Gerste und der Viehhaltung von Schafen und Ziegen setzte sich aus den vorangegangenen Epochen fort. Um die akkadische Herrschaft zu stabilisieren, wurden große Teile des ackerbaren Landes an die königsnahe Elite umverteilt.Michael Jursa: Agriculture in Bronze Age Mesopotamia. Hoboken (NJ) 2021, S. 163–165. Davon profitierten Herrscherhaushalte, Tempel und die Haushalte der Funktionseliten. Dies geschah zu Ungunsten von lokalen Eliten eroberter Territorien, die in wenigen Fällen allerdings in das neue Herrschaftssystem integriert wurden, und zu Ungunsten von Bauernhaushalten. Der Landbesitz von Privatleuten scheint in der Akkadzeit generell seltener geworden zu sein. Insgesamt erhöhten sich die Abgaben und Fronleistungen, die die agrarische Bevölkerung für Eliten und Tempel zu erbringen hatte.

Handel mini|Mesopotamien und Nachbargebiete im 3 Jt. v. Chr.

Die militärische Eroberung großer Gebiete und die damit verbundene Eingliederung in das akkadische Reich brachte diverse Änderungen des Handelssystems mit sich. Ebla und Mari waren vor der Akkadzeit wichtige Handelszentren in Syrien und Obermesopotamien. In beiden Städten brach mit der Eroberung der Handel zusammen.Benjamin R. Foster: The Age Of Agade – inventing empire in ancient Mesopotamia. London 2016, S. 179. Andererseits scheint der Handel im Persischen Golf an Bedeutung gewonnen zu haben, scheinbar stieg die Menge von gehandelten Metallen wie Kupfer und Bronze deutlich an. Über diesen Wasserweg erstreckte sich der Handel bis ins Industal (Meluḫḫa?), wovon diverse in Mesopotamien gefundene Fundstücke (v. a. Siegel der Indus-Kultur) zeugen.Aage Westenholz: The old akkadian period: history and culture. Göttingen 1999, S. 100–101. In einer Inschrift Sargons heißt es:

„Sargon, König von Kiš, gewann 34 Belagerungen (gegen Städte) bis zum Rand des Meeres (und) schliff ihre Mauern. Er ließ die Schiffe aus Meluḫḫa, die Schiffe aus Magan (und) die Schiffe aus Dilmun am Kai Akkads vertäuen.“Himanshu Prabha Ray: The Archaeology of Seafaring in Ancient South Asia.cambridge 2003, S. 85 (aus dem Englischen übersetzt).

Innerhalb des Reichs wurden meist Produkte wie Wolle, Holz und Getreide gehandelt, wobei letzteres zusammen mit Silber das häufigste Zahlungsmittel darstellte.Benjamin R. Foster: The Age Of Agade – inventing empire in ancient Mesopotamia. London 2016, S. 181.

Kunst und Archäologie In der materiellen Kultur lässt sich die Akkadzeit in verschiedenen Medien und Aspekten sehr unterschiedlich gut fassen. Während sich in Glyptik und Rundplastik ein gut erkennbarer akkadischer Stil herausbildet, ist es in anderen Bereichen (Keramik, Architektur) sehr schwierig, genuin akkadzeitliche Elemente zu definieren.Augusta McMahon: The Akkadian Period: Empire, Environment, and Imagination. Oxford 2012. Darstellungen aus der späteren Akkadzeit unterscheiden sich jedoch von früheren Darstellungen durch anatomisch natürlicher wirkende Abbildungen. Auch die Motive ändern sich, was bei Kriegsdarstellungen wohl mit veränderten Taktiken und neuen Waffen in Verbindung zu bringen ist. Der berühmteste Fund dieser Zeit ist jedoch die Narām-Sîn-Stele aus Susa mit der Darstellung des vergöttlichten Herrschers.

Glyptik mini| Akkadzeitliche Tierkampfszene. Das handwerkliche Können der Steinschneider zeigt sich hier beispielsweise an der detaillierten Ausarbeitung der feinen Gesichtszüge und des Körperbaus des menschengesichtigen Wisent

Das Darstellungsrepertoire der akkadzeitlichen Glyptik ist äußerst vielfältig. Die Darstellungen befinden sich fast ausschließlich auf Rollsiegeln.Dominique Collon: First Impressions. Cylinder Seals in the Ancient Near East. British Museum Publications, London 1987, ISBN 0-7141-1121-X, S. 35. Ein beinahe vollständiges Verschwinden der Bankettszene, die in der Glyptik der frühdynastischen Zeit noch eine wichtige Rolle spielte, geht einher mit der Entstehung und Verwendung von, bis zu dieser Zeit nicht oder selten verwendeter Darstellungen auf Rollsiegeln in der Akkadzeit.Rainer Michael Boehmer: Die Entwicklung der Glyptik während der Akkad-Zeit (= Untersuchungen zur Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. Band 4). de Gruyter, Berlin 1965, ISBN 3-11-000101-2, S. 135. Ein neues Motiv stellt die Einführungsszene bzw. Adorationsszene dar.

mini|Siegel des Schreibers Adda. Das Siegel zeigt mittig den aus den Bergen empor steigenden Šamaš, darüber Ištar und rechts davon Ea, sumerisch Enki. British Museum