mini|Vom Polizeipräsidium am Collegio Romano (Bild), in der Nähe des Pantheons, ermittelt Kommissar Francesco Ingravallo, genannt Don Ciccio, im Mordfall Liliana Balducci. Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana (OT.: Quer pasticciaccio brutto de Via MerulanaCarlo Emilio Gadda : Quer pasticciaccio brutto de via Merulana, Garzanti 2007. ISBN 978-88-11-68339-1.) ist der Titel eines 1946in einer Zeitschriftenserie und 1957 in erweiterter Form als Buch publizierten Romans des italienischen Schriftstellers Carlo Emilio Gadda. Im Rahmen einer Kriminalgeschichte zeichnet der Autor ein breites Gesellschaftsbild vom wohlhabenden städtischen Bürgertum Roms bis zum Milieu des aus der ländlichen Region der „Castelli Romani“ stammenden Dienstpersonals und junger Gelegenheitsarbeiter. Die deutsche Übersetzung von Toni Kienlechner erschien 1961.Carlo Emilio Gadda: Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana. Aus dem Italienischen von Toni Kienlechner. Piper, München, 1988. ISBN 3-492-03304-0.

Handlungsübersicht Die chronologisch aufgebaute Handlung kann historisch und geographisch, mit Orts- und Straßenangaben, genau bestimmt werden: Sie spielt vom 13. bis 24. März 1927Gadda, Carlo Emilio: Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana. Aus dem Italienischen von Toni Kienlechner. Piper, München, 1988, S. 95, 305. ISBN 3-492-03304-0. Auf diese Ausgabe beziehen sich die folgenden Nachweise., in der Zeit des Faschismus Mussolinis, in Rom sowie der Region Castelli Romani. Der erste Romanteil (Kp. 1, 2, 4) ist vor allem im Haus Via Merulana Nr. 219 (zwischen den Kirchen Santa Maria Maggiore und San Giovanni in Laterano), genannt der „Goldpalast“, lokalisiert: Hier isst am 20. Februar der zur Bereitschaftspolizei abkommandierte 35-jährige Doktor Francesco Ingravallo, genannt Don Ciccio, mit den befreundeten und weit verwandten Balduccis (Liliana, das spätere Mordopfer, ist die Cousine seines Vaters) zu Mittag.

Die Verbrechen in der Via Merulana miniatur|Don Ciccios Dienststelle am Collegio Romano ist benannt nach der nahe gelegenen Kirche Santo Stefano del Cacco. Sonntag, 13. März (Kp. 1): Drei Wochen nach dem Besuch des Kommissars (am 13. März) untersucht er im selben Gebäude einen Überfall: Unter dem Vorwand, die Heizkörper zu überprüfen, gelangte ein hochgewachsener junger Mann im Monteuranzug und braun-grünem Wollschal in die Wohnung der Gräfin Teresina Menegazzi und floh mit dem Gold, Geld und Schmuck der alten Frau. Hinter ihm eilte ein Ladenbursche aus dem Haus. Ingravallo entdeckt am Tatort ein Trambahnbillett der Linie von Castelli Romani (Haltestelle Torraccio), und folglich konzentrieren sich die ersten Nachforschungen auf diese Spur, zumal die Täterbeschreibung auf einen Fahrgast zutrifft.

Donnerstag, 17. März (Kp. 2): Während dieser Ermittlungen wird am 17. März im selben Stockwerk Ingravallos Gastgeberin, die „ungeheuer reich[e]“Gadda, S. 11. Liliana Balducci mit durchtrennter Kehle von ihrem Neffen Giuliano Valdarena gefunden, als er bei angelehnter Tür die Wohnung betrat, um sich vor seinem Umzug nach Genua von der Tante zu verabschieden. Ihr Schmuck ist, ebenso wie der der Gräfin zuvor, gestohlen worden. Trotz langwieriger Verhöre Valdarenas, der von dem Ehepaar in ihren Haushalt aufgenommenen Nichte Gina, die zur Tatzeit in der Schule war, und des während Balduccis Geschäftsreise zum nächtlichen Schutz seiner Frau abgestellten Bürodieners Cristoforo liegt „der dichte Schleier des Geheimnisses über dem Verbrechen“.Gadda, S. 82. Gravallo sieht keinen Zusammenhang zwischen beiden ÜberfällenGadda, S. 91., sondern vermutet persönliche Motive, er verdächtigt den Neffen, an dessen Kleidung man Blutspuren fand, glaubt dessen Erklärungen nicht und lässt ihn verhaften.

Recherchen und Verhöre in Rom Freitag, 18. März (Kp. 3, 4): Die Rückkehr Remo Balduccis von seiner Geschäftsreise am 18. März und seine Informationen über die gestohlenen Schmuckstücke sowie weitere Verhöre im Polizeipräsidium Santo Stefano am Collegio Romano, in der Nähe des Pantheons, durch den Oberkommissar Fumi und Ingravallo (Giuliano ValdarenaGadda, S. 125, 135. und BalducciGadda, S. 130 ff.) fördern keine neuen Erkenntnisse. Das von Don Lorenzo Corpi von Santi Quattro Coronati, Lilianas Beichtvater, ausgehändigte Testament der Ermordeten vom 12. Januar verstärkt dagegen Don Ciccios Verdacht: Haupterbin ist die Nichte Lugia (Gina) Zanchetti, Balducci erhält nur den Pflichtteil, Giuliano Valdarena dagegen wertvolle Familienschmuckstücke, einige Bedienstete, u. a. Assunta, Textilien für die Aussteuer. Weibliche Institute, Stiftungen und der Priester Don Corpi werden mit Zuwendungen bedacht. Bei einer Durchsuchung der Wohnung Valdarenas findet man die geerbten Dinge und außerdem Bargeld in neuen Scheinen. Dieser versucht alles zu erklären, ohne den Kommissar zu überzeugen: Liliana, für die trotz Liebe zu Remo ein Leben ohne Kinder sinnlos und zu einer Qual geworden sei, habe die Erbstücke überarbeiten lassen und sie ihm aus schwesterlicher Liebe vor seiner Heirat übergeben, um seine Familiengründung zu unterstützen. miniatur|Liliana Balducci gab ihrem Beichtvater Don Lorenzo Corpi von Santi Quattro Coronati, in der Nähe ihrer Wohnung, ihr Testament zur Aufbewahrung. Samstag, 19. März: (Kp. 5): Der Goldschmied Ceccherelli, der Ring und Kette im Auftrag Lilianes änderte, sowie Del Bo, Oberkassierer des Banco di Santo Spirito, welcher die neuen Geldscheine ausgab, bestätigen Giulianos Darstellung und entlasten ihn damit. Sonntag, 20. März: (Kp. 5): Balducci ergänzt seine Aussagen über Lilianes verzweifelten Kinderwunsch. Montag, 21. März (Kp. 5): Nach der Beerdigung der Ermordeten auf dem San-Lorenzo-Friedhof wird Don Lorenzo Corpi über die psychologischen Hintergründe des Falles verhört und berichtet über Lilianas vier „provisorische Adoptionen“ (Milena, Ines, Virginia, Gina) Dienstag, 22. März (Kp. 6, 7): Im zweiten Romanteil breitet sich die Handlung auf das Herkunftsgebiet der potentiellen Täter aus: die ländliche Region Castelli Romani um Marino südlich von Rom. Die Grüne-Schal-Spur führte zu dem neunzehnjährigen Enea Retalli, genannt Iginio, aus Torraccio, der inzwischen untergetaucht ist. Dieser brachte das Beweisstück Zamira Pácori in Due Santi zum Färben. Die Carabinieri Vizebrigadier Pestalozzi und Maresciallo Santarella hatten mit ihrem Spitzelsystem und ihren unorthodoxen Verhörmethoden Erfolg: Die kriminelle Szenerie traf sich offenbar in der Kneipe und im als Strumpfwirkerei und Schneiderwerkstatt getarnten Bordell und Spielsalon Zamiras („Ein Treffpunkt der nebeneinanderhausenden Lebenskräfte“Gadda, S. 218 ff.), wo auch Carabinieris, z. B. der Maresciallo Fabrizio SantarellaGadda, S. 223., in dienstlich-privat unklarer Grenzziehung, einkehrten.

Typisch für die weibliche Besatzung des Etablissements ist die in Rom als Strichmädchen festgenommene 20-jährige arbeitslose Hosennäherin Ines Cionini aus TorraccioGadda, S. 64, 208., deren Galan sie zum Diebstahl anhielt.Gadda, S. 208. Sie wird als eine Mischung aus Schönheit, Frühreife, Unverschämtheit und Verwahrlosung beschriebenGadda, S. 211. und arbeitete ca. ein Jahr bei Zamira, zusammen mit Camilla MattonariGadda, S. 208, 232., die ihr von einer Freundin erzählte, welche in einem römischen Haushalt angestellt war und Aussteuer geschenkt bekam (Der Kommissar vermutet offenbar, wie seine letzte Aktion zeigt, damit könnte Assunta gemeint sein, denn sie hat ihren Wohnsitz wie Camilla bei Pavona). Ines’ vielseitig engagierter Freund heißt Diomede Lanciani. Er besprach sich oft mit Zamira, vielleicht war er ein Lockvogel, um neuen weiblichen Nachschub für ihren Betrieb zu rekrutieren. In Rom nahm er ausländische Touristinnen aus, wenn er nicht als Elektriker in Wohnungen Reparaturen ausführte, beispielsweise bei einer Gräfin in einem Haus in der Nähe des Hauptbahnhofs, in dem auch sein Bruder Ascania als Ladenbursche ein und aus ging. Diese Angaben treffen auf den ersten Fall in der Via Merulana zu.

Fahndungsaktionen in der Region Castelli Romani Mit dem 8. Kapitel verlagert sich die Haupthandlung in die südlich Roms gelegene Landschaft Castelli Romani Mittwoch, 23. März (Kp. 8, 9, 10): miniatur|350px|Von ihrer Kaserne in Marino aus starten die Carabinieri Pestalozzi und Santarella ihre Razzien in der Region Castelli Romani. Pestalozzi und Santarella verhören Zamira über zwei ihrer Angestellten, Clelia Farcioni aus Pozzofondo und Camilla Mattonari aus Pavona, und treffen dort zufällig auf Lavinia Mattonari, die versucht, ihren Topas-Ring zu verbergen, den ihr, wie sie behauptet, Camilla geliehen habe. Wie ihre Kolleginnen stellt sie sich bei den Befragungen solange unwissend, bis man ihr Fakten vorsetzt oder mit Verhaftung droht. In Camillas Schlafkammer im Bahnwärterhaus ihres Onkels spüren die Carabinieri ein Säckchen mit Schmuck auf („NUN-IST’S-ERREICHT“), die der Autor drei Seiten lang auflistet und beschreibt.Gadda, S. 335 ff. Die Kostbarkeiten scheinen nicht nur aus Menegazzis Wohnung zu stammen, sondern ein Sammelbecken vieler Einbruchsdiebstähle zu sein („um diese Zeit schrieben die Zeitungen ja viel über jenes »düstere« Verbrechen in der Via Valadier, dann über jenes andere, noch »finsterere« Verbrechen in der Via Montebello“Gadda, S. 39.). Die beiden Cousinen Camilla und Lavinia beschuldigen sich auf der Fahrt zur Polizeistation gegenseitig des Verrats und streiten darüber, wer die wahre Braut des flüchtigen Iginio ist, der sie für ihre Vorleistungen mit Schmuck beschenkt hat. Lavinia grübelt enttäuscht über die Taten des Frauenfreundes und erinnert sich daran, dass er mit einer Pistole der Gräfin Angst einjagen wollte, und gesteht sich auch ein Verbrechen Iginios mit einem Messer an „einer jungverheirateten Frau … in seinem Dorf“ ein.Gadda, S. 356 ff. Donnerstag, 24. März (Kp. 10): miniatur|350px|Im zweiten Romanteil recherchieren die Polizisten vorwiegend in der Gegend südlich von Rom, u. a. in der Mittelgebirgsregion der Albaner Berge. Gaudenzio verhaftet an der Piazza Vittorio Diomedes Bruder Ascanio und Don Ciccio reist mit großem Polizeiaufgebot zum Haus von Assunta Crocchiapanis todkrankem Vater in den Albaner Bergen bei Pavona, um es zu durchsuchen. Er versucht „die Fäden an der schlaffen Marionette des Wahrscheinlichen“ zu ziehen und hat die „Zwangsvorstellung in seinem schrecklich verletzten Gemüt“,Gadda, S. 402. weil sie nicht zu Lilianas Beerdigung gekommen ist, dem Täter Informationen gegeben zu haben. Doch sie wirft sich „kühn der Beleidigung entgegen [...]“, bringt damit den „Furor des Besessenen zum Einhalt“ und „verführt[] ihn zum Nachdenken: zur Reue fast.“Gadda, S. 408.

Literarische Einordnung und Analyse Kriminalerzählung Gaddas Roman beginnt ähnlich einer klassischen Kriminalerzählung, z. B. Edgar Allan Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue (1841), in der Madame l’Espanaye, eine vermögende ältere Dame, mit durchschnittenem Hals aufgefunden wird (Zeitungsschlagzeile: „Das Trauerspiel in der Rue Morgue“, bei Gadda: »Grauenhaftes Verbrechen in der Via Merulana«, johlten die Zeitungsverkäufer".Gadda, S. 94.). Obwohl die Spuren am Tatort kein Mordmotiv erkennen lassen, Schmuck, u. a. ein Topas (Topas-Motiv auch bei Gadda), auf dem Boden zerstreut liegt und die Zeugenaussagen der Nachbarn nur spärliche akustische Hinweise auf den Täter enthalten, gelingt es dem Privatdetektiv August Dupin mit klugen Kombinationen, den Fall zu lösen.

Auch die beiden Verbrechen in der Via Merulana werden von einem Spürnasen-Original untersucht, v. a. im ersten Fall scheint eine schnelle Aufklärung möglich (Fahrkarte, Motiv, Täterbeschreibungen). Trotz seines etwas verschlafen wirkenden Auftretens und seiner schwerfälligen Bewegungen ist der Detektiv als „allgegenwärtig, allwissend in den dunklen Affären und finsteren Fällen“ bekannt.Gadda, S. 5. Mit seiner Weltsicht eines multikausalen „Knuddels“ geht er an seine Fälle heran und versucht die „Vielzahl von konvergierenden Ursachen“ zu entwirren.