Karl Mays Marienkalendergeschichten sind eine Reihe kürzerer Reiseerzählungen, die sich durch eine stärkere religiöse Färbung von Karl Mays anderen Werken dieser Gattung abgrenzen. Diese parabelartigen Erzählungen erschienen als Kalendergeschichten in Marienkalendern. Der Großteil wurde später in Karl May’s Gesammelte Reiseerzählungen aufgenommen und erschien vor allem in den Anthologien Orangen und Datteln und Auf fremden Pfaden. Zwei der Geschichten gehören zum Spätwerk. Obwohl May Protestant war, findet sich bei ihm die eher der römisch-katholischen Kirche zugerechnete Verehrung Marias. mini|hochkant|Deckelbild zum Sammelband Orangen und Datteln von Fritz Bergen (1893)

Entstehung Die ersten nachweisbaren Veröffentlichungen von May-Texten (1872) und auch viele weitere Frühwerke finden sich in Volkskalendern.Dieter Sudhoff, Hans-Dieter Steinmetz (Hrsg.): Karl-May-Chronik (5 Bände + Begleitbuch). Karl-May-Verlag, Bamberg / Radebeul 2005–2006, ISBN 3-7802-0170-4, S. 182.Plaul, Karl-May-Bibliographie. Solche waren populär, wurden billig in hohen Auflagen produziert und weit verbreitet. Dies war einer der Gründe für den hohen Bekanntheitsgrad Mays auch in den geringverdienenden Bevölkerungsschichten.Michael Petzel, Jürgen Wehnert: Das neue Lexikon rund um Karl May. Lexikon Imprint Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-89602-509-0, S. 213. Die Marienkalender, die May später bediente, sind ein spezieller Zweig solcher Volkskalender. Sie sind der Verehrung der Mutter Jesu gewidmet und waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch bei den deutschen Auswanderern in den USA sehr beliebt.Meier: Vorwort. S. 11.

Den Großteil seiner Reiseerzählungen hatte May im Verlag von Friedrich Pustet veröffentlicht, dessen Deutscher Hausschatz in Wort und Bild seit 1879 zu Mays Hauptpublikationsorganen gehörte. Um 1890 forderte der Verlag seinen zugkräftigen Autor auf, auch für seinen Regensburger Marien-Kalender zu schreiben, um diesen zu beleben. May, zu jener Zeit finanziell angeschlagen, willigte ein.Meier: Vorwort. S. 17. Daraufhin erschien im Kalender für 1891 die Erzählung Christus oder Muhammed. Die Verlagsstrategie ging auf: Mays Beiträge für diesen Kalender waren so erfolgreich, dass May auch anderen Marienkalender-Verlagen Reiseerzählungen anbot bzw. von diesen um solche gebeten wurde.Meier: Vorwort. S. 23. Darum sind viele der Geschichten als Auftragsarbeiten zu betrachten, die einen Nebenverdienst darstellten. Dies erklärt auch, warum May häufig dieselben Grundmotive in zwei Geschichten verarbeitete.Lorenz: Vom Haß zur Liebe. S. 112 f. May schnitt seine Schriften auf die jeweilige Leserschaft zu (vgl. z. B. herkömmliche Reiseerzählungen, Jugenderzählungen und Kolportageromane). Somit ist die starke religiöse Färbung, die May diesen Erzählungen gab, auf das Gesamtniveau und die Intention der Marienkalender zurückzuführen.Lorenz: Vom Haß zur Liebe. S. 98 f.

Obwohl Christi Blut und Gerechtigkeit (1882) nicht als Kalendergeschichte veröffentlicht worden war (sie entstand im Auftrag Joseph Kürschners), wies sie als erste Reiseerzählung die Anlage und Thematik der Marienkalendergeschichten auf und kann darum ebenfalls zu diesen gerechnet werden.Meier: Vorwort. S. 23. Wie auch in den herkömmlichen Reiseerzählungen zeigt sich in den späteren Geschichten die Tendenz zum Pazifismus des Spätwerks.Lorenz: Vom Haß zur Liebe. S. 121 f. Zum eigentlichen Spätwerk selbst gehören schließlich zwei Erzählungen. Davon war Bei den Aussätzigen (1907) ursprünglich nicht als Kalendergeschichte erschienen, sondern der Verlag des „Eichsfelder Marienkalenders“ hatte May solange um Text gedrängt, bis er ihm diese Erzählung zum Nachdruck überließ.Meier: Vorwort. S. 20 f. Die letzte Geschichte, Merhameh (1909), ist zugleich die letzte Erzählung, die May bis zu seinem Tode 1912 vollendete.Ekkehard Bartsch: [Werkartikel über] Merhameh. In: Ueding, Handbuch. S. 432. Somit hatte May von Beginn bis Ende seines literarischen Schaffens in Volkskalendern publiziert.

Inhalt mini|hochkant|Deckelbild zum Sammelband Orangen und Datteln von Sascha Schneider (1904) Von den 19 Geschichten spielen drei im Wilden Westen (Ein amerikanisches Doppelduell, Old Cursing-Dry, Mutterliebe), eine in Südamerika (Christ ist erstanden!) und eine im fiktiven Land Ardistan (Merhameh); May nutzte vornehmlich den orientalischen Schauplatz. Der Ich-Erzähler bleibt entweder anonym oder wird als Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand vorgestellt. Während Hadschi Halef Omar in den meisten der orientalischen Geschichten mitspielt, taucht Winnetou in allen drei Wildwest-Geschichten auf. In einigen Erzählungen lässt May auch bekannte Nebenfiguren auftreten: Amad el Ghandur, Dick Hammerdull & Pitt Holbers, Frick Turnerstick, Kara Ben Halef, Merhameh und Omar Ben Sadek.

Die Geschichten sollen die Wahrheit und Überlegenheit des Christentums (gemäß zeitgenössischer Ansicht) zum Ausdruck bringen.Petzel & Wehnert, Lexikon. S. 213. Dazu bediente sich May verschiedener Gegensätze: Liebe und Hass, Glaube und Unglaube, vorbildlicher Nicht-Christ und Namenschrist.Lorenz: Vom Haß zur Liebe. S. 105 f. Auch der Islam wird in einigen Erzählungen zum Gegensatz erklärt, indem May ihn als Symbol für Andersgläubige oder negative Aspekte wie (Blut)rache und Fundamentalismus verwendete, dem gegenüber er das Christentum – vor allem unter dem Aspekt als „Religion der Liebe“ – positiv hervorheben wollte. Je nach Grundmotiv der Geschichte bzw. Funktion der Figuren sind Moslems aber auch positiv oder neutral dargestellt.

May will demonstrieren, dass es keinen Zufall gibt, sondern stets göttliche Vorsehung herrscht. Oft werden aus einer Notsituation heraus die Bösewichte bekehrt oder bestraft.Eckehard Koch: [Werkartikel über] Auf fremden Pfaden. In: Ueding, Handbuch. S. 226. Einige von ihnen fluchen (z. B. Ich will erblinden und zerschmettert werden)Karl May: Gott läßt sich nicht spotten. In: Auf fremden Pfaden. Verlag von Friedrich E. Fehsenfeld, Freiburg i. Br., 1897, S. 564. (Onlinefassung, PDF; 13,7 MB) und in der Folge tritt die Strafe Gottes in Form des ausgesprochenen Fluches ein. In den späteren Erzählungen löst May Konflikte gemäß seiner Tendenz zum Pazifismus eher durch Versöhnung.Lorenz: Vom Haß zur Liebe. S. 116–122. Im Zentrum der Geschichten steht häufig eine Familie, in der ein Glaubenszwist herrscht bzw. in der ein Kind in Not gerät. Die Errettung des Kindes führt dann zur Bekehrung. Hierbei tritt der Ich-Erzähler als Missionar und Vollstrecker des göttlichen Willens auf.

Obwohl May sich wiederkehrend an den oben genannten Elementen bediente, sind die Geschichten nach Form und Gehalt doch sehr unterschiedlich.Hermann Wohlgschaft: Karl May – Leben und Werk. 3 Bände. Bücherhaus, Bargfeld, 2005, ISBN 3-930713-93-4, S. 890. Einigen Geschichten fehlt eine vorherrschende religiöse ThematikLorenz: Vom Haß zur Liebe. S. 115. oder das Religiöse wird unaufdringlich behandelt. Sogar verschlüsselte Kritik an aufgesetztem Christentum lässt sich erkennen.Koch: Auf fremden Pfaden. S. 226.

Kritik mini|hochkant|Deckelbild zum Sammelband Auf fremden Pfaden von Sascha Schneider (1904) Lange Zeit wurden Mays Marienkalendergeschichten von Interpreten wie Adolf Droop, Volker Klotz, Hans Wollschläger und Otto Forst-Battaglia verdammt.Claus Roxin: »Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand« Zum Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen. In: Claus Roxin, Heinz Stolte (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974. Hansa-Verlag, Hamburg 1973, ISBN 3-920421-22-1, S. 15–73 (60). (Onlinefassung)Meier: Vorwort. S. 7. Dabei wurde die berechtigte Kritik an einigen Geschichten für alle verallgemeinert, ohne auf die Verschiedenheit (z. B. Fehlen einer vorherrschenden religiösen Thematik oder Zugehörigkeit zum Spätwerk) einzugehen. Zum Beispiel wurden die Strafgerichtsszenen genannt, obwohl die meisten solcher Szenen – laut Claus Roxin Widerspiegelung von Mays Angstzuständen auf der Höhe seines Erfolges – eigentlich in Mays herkömmlichen Reiseerzählungen jener Zeit erschienen.Roxin: Dr. Karl May. S. 60. Vorwürfe, May katholisiere in seinen Marienkalendergeschichten, wurden u. a. von Ernst Seybold entkräftet bzw. widerlegt.Ernst Seybold: Wie katholisch ist May in seinen Marienkalendergeschichten? In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. (M-KMG) Nr. 44/1980, S. 26–30, Nr. 45/1980, S. 38–42 und Nr. 46/1980, S. 40–46. (Onlinefassung: Teil 1, Teil 2, Teil 3) Es finden sich sogar Stellen, die protestantisches Gedankengut aufweisen.Seybold: Wie katholisch ist May in seinen Marienkalendergeschichten? M-KMG Nr. 46/1980, S. 41.

Kritisiert wird die „drastische Schwarz-Weiß-Malerei“ und die Empfindung „aufgepfropfte[r] Moral“ einiger Erzählungen.Meier: Vorwort. S. 7. Tatsächlich sind laut Hermann Wohlgschaft Mays gut gemeinte moralische Ausführungen mehrfach „zu plump“,Wohlgschaft: Karl May. S. 895. „sehr grob und schulmeisterlich-penetrant“ geraten.Wohlgschaft: Karl May. S. 897. Aus heutiger Sicht fällt besonders negativ auf, dass der Islam in einigen der Geschichten abgewertet wird, um das Christentum hervorzuheben. Grundsätzlich steht May dem Islam aber nicht ablehnend gegenüber, sondern hebt die Gemeinsamkeiten hervor (z. B. Allah ist Gott), und informiert über den Islam „überwiegend getragen von Respekt, Humanität und Toleranz“.Eckehard Koch: Zwischen Manitou, Allah und Buddha. Die nichtchristlichen Religionen bei Karl May. In: Dieter Sudhoff (Hrsg.): Zwischen Himmel und Hölle. Karl May und die Religion. Karl-May-Verlag, Bamberg, Radebeul, 2003, S. 162. Wohl aber kritisiert er einige Aspekte: U. a. Blutrache, Heiliger Krieg, Fehlen der Botschaft von der Liebe Gottes, Fehlen des Gebotes der Feindesliebe. Daher ist für May „die christliche Religion die richtige […], da sie über den Islam »Sieger nach Punkten« ist“.Walter Schönthal: Christliche Religion und Weltreligionen in Karl Mays Leben und Werk. Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 5/1976, S. 31–33. (Onlinefassung)

Die Erzählungen sind nach Eckehard Koch „teilweise interessant und insgesamt spannend, auch humorvoll geschrieben“.Koch: Auf fremden Pfaden. S. 226. Zudem heben Martin Lowsky und Ekkehard Bartsch bei manchen die Erzähltechnik hervorMartin Lowsky: [Werkartikel über] Orangen und Datteln. In: Ueding, Handbuch. S. 186.Bartsch: Merhameh. S. 432. und Koch verweist auf das Bemühen um korrekte historische Hintergrunddarstellung.Koch: Auf fremden Pfaden, S. 227. Obwohl einige der Erzählungen eher negativ auffallen, hat May „teilweise vortreffliche [Marien-]Kalendergeschichten“ verfasst, so Roxin.Roxin: Dr. Karl May. S. 60.

Bibliografie

Fast alle Geschichten erschienen – meist illustriert – zunächst im „Regensburger Marien-Kalender“ (ab 1890), in „Benziger’s Marien-Kalender“ und im „Eichsfelder Marien-Kalender“ (beide ab 1892) sowie im „Einsiedler Marien-Kalender“ (ab 1896).Plaul: Karl-May-Bibliographie. Später nahm May den Großteil in die Bände Orangen und Datteln (1893), Auf fremden Pfaden (1897) und Im Reiche des silbernen Löwen I–II (beide 1898) auf.

In den folgenden Tabellen sind die aktuellen Nummern des Bandes und der Erzählung aus Karl May’s Gesammelten Werken (Titel können dort abweichen), der Titel des entsprechenden Reprints der Karl-May-Gesellschaft sowie Abteilung und Bandnummer der historisch-kritischen Ausgabe Karl Mays Werke (sofern bereits erschienen) angegeben.

Orangen und Datteln Orangen und Datteln ist der zehnte Band der Reihe Carl May’s gesammelte Reiseromane (später Karl May’s Gesammelte Reiseerzählungen) und erschien ab 1909 parallel in Karl Mays Illustrierte Reiseerzählungen mit Bildern von Willy Planck. Es ist der erste Sammelband der Reihe. Der Band wird mit einer Erzählung eröffnet, die vor den anderen spielt. Die weiteren Erzählungen sind geografisch angeordnet und beginnen in Europa und mit der Überfahrt nach Algier und führen über die Nordsahara, den Sudan, Mesopotamien und Kurdistan in die Türkei.