Das Offenbarungsverständnis und die Geschichtstheologie Bonaventuras ist die von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., 1955 an der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereichte Habilitationsschrift in ihrer ursprünglichen Fassung. Sie wurde zunächst wegen der ablehnenden Haltung des als Korreferent bestellten Dogmatikers Michael Schmaus zurückgewiesen. Ratzinger ergänzte und überarbeitete binnen kurzer Zeit den nicht beanstandeten dritten Teil der Studie und reichte ihn unter dem Titel Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura erneut ein. Diese zweite Fassung wurde Anfang 1957 von der Universität als Habilitationsschrift angenommen. Die ersten zwei Abschnitte der ursprünglichen Arbeit, Bonaventuras Verständnis von Offenbarung und seine Auffassung von Heilsgeschichte betreffend – und damit den überwiegenden Teil der ursprünglichen Arbeit – ließ Ratzinger in der zweiten, schließlich angenommenen Fassung fort; sie wurden erstmals im Jahr 2009 – über fünfzig Jahre später – veröffentlicht.
Themenstellung und historischer Hintergrund mini|hochkant=0.6|Bonaventura Die Arbeit wurde von Gottlieb Söhngen angeregt, der bereits die Doktorarbeit Ratzingers, Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche, betreut hatte. Söhngen, ein Kenner des Werkes Bonaventuras, beauftragte Ratzinger herauszufinden, „wie Bonaventura Offenbarung verstanden hatte und ob es bei ihm so etwas wie eine Vorstellung von Heilsgeschichte gebe“.Benedikt XVI: Vorwort. In: Joseph (Benedikt XVI.) Ratzinger: Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras. Habilitationsschrift und Bonaventura-Studien (Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Bd. 2), Herder, Freiburg 2009, ISBN 978-3-451-30130-8, S. 7
Der zwischen evangelischer und katholischer Theologie seit jeher kontroverse Offenbarungsbegriff war vor dem Hintergrund der umstrittenen Erhebung der Aufnahme Mariens in den Himmel zum Dogma durch Papst Pius XII. im Jahr 1950 in das Feld besonderen Interesses geraten. Das Thema Heilsgeschichte war durch Oscar Cullmanns Buch Christus und die Zeit von 1946 aktualisiert worden.
Zielsetzung und methodischer Ansatz Ratzingers Arbeit ist weniger als literaturhistorische Spezialforschung, sondern vielmehr als Beitrag zur Geschichte einer noch immer aktuellen fundamentaltheologischen Fragestellung zu verstehen. Mit der Erhellung des Vergangenen soll zugleich dem Verständnis des Gegenwärtigen gedient werden.Joseph Ratzinger: Das Offenbarungsverständnis und die Geschichtstheologie Bonaventuras. In: Joseph (Benedikt XVI.) Ratzinger: Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras. Habilitationsschrift und Bonaventura-Studien (Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Bd. 2), Herder, Freiburg 2009, ISBN 978-3-451-30130-8, S. 55, S. 75 Es handelt sich gewissermaßen um die Bearbeitung einer fundamentaltheologischen Fragestellung mit einem mittelalterlichen Diskussionspartner, Bonaventura.
Bei der Bearbeitung sollte einerseits vermieden werden, Aussagen alter Autoren nur zu wiederholen und so ihren lebendigen Inhalt und seinen Bezug zur Gegenwart nicht in den Blick zu bekommen, andererseits aber auch vermieden werden, gegenwärtige Fragestellungen und ihre möglichen Lösungen unter vorgefassten Meinungen in das in der Vergangenheit geschriebene fälschlich hineinzulesen.Joseph Ratzinger: Das Offenbarungsverständnis und die Geschichtstheologie Bonaventuras. In: Joseph (Benedikt XVI.) Ratzinger: Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras. Habilitationsschrift und Bonaventura-Studien (Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Bd. 2), Herder, Freiburg 2009, ISBN 978-3-451-30130-8, S. 71 Es sollten diejenigen Selbstverständlichkeiten des mittelalterlichen Autors sichtbar werden, die heute nicht mehr selbstverständlich sind. Als fruchtbar erwiesen sich laut Ratzinger dabei gerade die Stellen, die für den heutigen Leser unverständlich und fremd geworden sind.Joseph Ratzinger: Das Offenbarungsverständnis und die Geschichtstheologie Bonaventuras. In: Joseph (Benedikt XVI.) Ratzinger: Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras. Habilitationsschrift und Bonaventura-Studien (Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Bd. 2), Herder, Freiburg 2009, ISBN 978-3-451-30130-8, S. 73 f.
Bei der Formulierung des eigenen Vorverständnisses von Offenbarung, von dem Ratzinger als Forscher bei der Untersuchung der Beiträge Bonaventuras ausging, war es ihm wichtig, dieses Vorverständnis möglichst weit zu fassen. Insbesondere sollten auch Anregungen aus der evangelischen Theologie aufgenommen werden.Joseph Ratzinger: Das Offenbarungsverständnis und die Geschichtstheologie Bonaventuras. In: Joseph (Benedikt XVI.) Ratzinger: Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras. Habilitationsschrift und Bonaventura-Studien (Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Bd. 2), Herder, Freiburg 2009, ISBN 978-3-451-30130-8, S. 57 Damit wollte Ratzinger Bonaventura gerecht werden als „Zeuge einer katholischen Theologie, die sich ihres evangelischen Erbes noch nachdrücklicher bewusst war als so manche spätere Theologien, die mehr gegenreformatorisch als katholisch zu sein scheinen“.Joseph Ratzinger: Das Offenbarungsverständnis und die Geschichtstheologie Bonaventuras. In: Joseph (Benedikt XVI.) Ratzinger: Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras. Habilitationsschrift und Bonaventura-Studien (Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Bd. 2), Herder, Freiburg 2009, ISBN 978-3-451-30130-8, S. 58; Hervorhebungen im Original
Ergebnisse Ratzingers Analysen zeigten, dass es bei Bonaventura keinen Begriff gab, der dem modernen Verständnis des Begriffs „Offenbarung“ entspricht. Die direkte Übersetzung von „Offenbarung“ – „revelatio“ – stellt bei Bonaventura nur einen Teilaspekt dessen dar, was Ratzinger als sein Verständnis von Offenbarung gefunden hat, neben anderen Teilaspekten, etwa „manifestatio“, „doctrina“ oder „fides“. Bei Bonaventura ist Offenbarung nie etwas objektiv Gegebenes, zur Verfügung stehendes – wie es etwa im Reden von der Heiligen Schrift als der Offenbarung erscheint. Vielmehr versteht Bonaventura Offenbarung im Sinne eines Aktbegriffes, zu dem immer auch das Subjekt gehört, dem offenbart wird. So tritt bei den Aposteln zum geschichtlichen Ereignis, „apparitio“, die Erleuchtung, „inspiratio“, zum Lesen und Verstehen der Schrift tritt ein inneres Offenbarwerden, „revelatio“, damit Offenbarung geschieht. Nach diesem Verständnis geht Offenbarung ihren materialen Niederschlägen – etwa der Heiligen Schrift – stets voraus und übersteigt sie; ein Sola scriptura wie von Martin Luther formuliert, ist damit unvereinbar.
mini|hochkant=0.6|Joachim von Fiore Bonaventuras Auffassung von Heilsgeschichte ist laut Ratzinger nicht die eines festen Bestandes vorhandener Lehren, aus denen im Laufe der Dogmenentwicklung im Sinne von Syllogismen Neues abgeleitet wird, sondern die einer fortdauernden Heilsgeschichte, bei der die Kirche die Stelle des Subjektes einnimmt, dem offenbart wird.
Ratzingers Analyse zu Bonaventuras Geschichtstheologie erwies, dass Bonaventura versucht hatte, Gedanken von Joachim von Fiore aufzugreifen – ganz im Gegensatz zur damals herrschenden Meinung, die davon ausging, dass Bonaventura Joachim nicht beachtet hatte. Ausgangspunkt Ratzingers war die Tatsache, dass Bonaventura als General des Franziskanerordens in die Auseinandersetzung um Joachims Prophetie verstrickt war, die dem heiligen Franziskus eine herausragende Stellung in einer Drei-Reiche-Lehre zuwies. Joachims Thesen hatten zu Strömungen im Orden geführt, die zu Unruhe und Konflikten mit dem Papst geführt hatten. Ratzinger fand, dass Bonaventura in vermittelnder Absicht, um Frieden in den Orden zu bringen, Teile der Thesen des umstrittenen Joachim bei der Abfassung seiner Collationes in Hexaemeron aufnahm und in die kirchliche Ordnung integrierte.
Ablehnung und letztliche Annahme als Qualifikationsarbeit mini|hochkant=0.60|Domherrenhof in Freising, von 1955 bis 1959 Wohnort Ratzingers Am 15. September 1955 reichte Ratzinger die Arbeit ein.Frank Sobiech: Joseph Ratzinger und Alfred Bengsch: Begegnungen, Humanae vitae und Hoffnung auf Erneuerung der Kirche. In: Mitteilungen. Institut Papst Benedikt XVI., Bd. 12 (2019), S. 41‒61, hier 42‒44, ISBN 978-3-7954-3451-9 Söhngen als Hauptreferent äußerte sich bald als begeistert von der Schrift. Anlässlich einer Dogmatikertagung zu Ostern 1956 allerdings teilte Michael Schmaus als Korreferent für die Arbeit Ratzinger mit, dass er die Schrift als nach den wissenschaftlichen Maßstäben ungenügend ablehnte. Das für die Habilitation zuständige Fakultätskollegium entschied nach einer Diskussion dennoch, die eingereichte Fassung nicht endgültig abzulehnen, sondern zur Überarbeitung zurückzugeben. Auf Grund seiner zahllosen Beanstandungen meinte der Korreferent, dass die erforderte Umarbeitung über Jahre hindauern würde.
Ratzinger schildert in seinen Lebenserinnerungen eindringlich den Schock, den ihm die Zurückweisung der Habilitationsschrift versetzte; er sah nicht nur die eigene Lebensplanung durchkreuzt, sondern auch die Zukunft seiner Eltern gefährdet: Er hatte 1955 eine für die Familie ausreichend geräumige Professorenwohnung im Domherrenhaus am Freisinger Domberg 26 bezogen. Im Vertrauen darauf, dass die Habilitation gesichert war und er damit eine in Aussicht gestellte Professur an der Philosophisch-Theologischen Hochschule antreten konnte, hatte er die gebrechlichen Eltern im Herbst desselben Jahres veranlasst, ihr Eigenheim in Hufschlag bei Traunstein aufzugeben, um zu ihm in die Professorenwohnung zu ziehen – deren Verlust nun drohte. Selbst als im Frühjahr des folgenden Jahres die Habilitation schließlich zu einem guten Ende geführt werden konnte, habe er sich unter dem Eindruck der Ereignisse zunächst nicht freuen können.
Die von Michael Schmaus an der Arbeit angebrachten Korrekturen und Beanstandungen werden von der Universität München weiterhin unter Verschluss gehalten; eine Kopie seiner Gutachten aus privater Quelle war Anfang 2024 Grundlage ihrer Veröffentlichung. In seinen Lebenserinnerungen führte Ratzinger viele Jahre später einige Gründe an, die Schmaus seiner Meinung nach hatte, als er die Schrift ablehnte. So hätte sich Schmaus zum einen an der in der Arbeit geäußerten Kritik an seinen Positionen in der Mediävistik gestoßen, außerdem an der Tatsache, dass Ratzinger die Arbeit unter der Betreuung Söhngens schrieb und sich nicht an ihn, Schmaus, als Mediävisten der Fakultät gewandt hatte. Ein weiterer Hauptgrund für die Ablehnung sei laut Ratzinger das Hauptergebnis der ersten Abschnitte gewesen – das von ihm gefundene und in der Arbeit behauptete aktbezogene Verständnis von Offenbarung bei Bonaventura, das ein verstehendes Subjekt als notwendigen Bestandteil der Offenbarung voraussetzt. Schmaus habe dieses Ergebnis für eine Fehlinterpretation von Bonaventuras Schriften gehalten und darüber hinaus für „einen gefährlichen Modernismus, der auf die Subjektivierung des Offenbarungsbegriffes hinauslaufen müsse“Joseph Ratzinger: Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927–1977), DVA, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05123-2, S. 84.. Die unzureichende Form des Manuskriptes, laut Ratzinger zurückzuführen auf die von ihm beauftragte Schreiberin, habe ein Übriges getan.