mini|Die erste Sure in einer Handschrift von Hattat Aziz Efendi (Transkription und Übersetzung auf der Bildbeschreibungsseite)
Eine Koranübersetzung ist die inhaltliche Wiedergabe des Korans in einer anderen Sprache als der arabischen Ausgangssprache. Eine absolut eindeutige Übersetzung in andere Sprachen ist, wie bei allen Übersetzungen, unmöglich, weil jede Übersetzung zugleich eine Interpretation ist. Daher, und wegen entsprechend lautender Suren, wird von islamischen Theologen das Studium des Korans im arabischen Originaltext empfohlen.Dazu sagt der Korantext über sich selbst: .
Im deutschen Sprachgebrauch bezeichnet der Koran den Text an sich, auch in seinen Übersetzungen. Für viele Muslime hingegen ist das Wort Koran reserviert für den Text in arabischer Schrift, wobei es je nach sog. Lesart des Korans Abweichungen gibt (siehe auch Koran#Die Sammlung des Korans). Eine Übersetzung wird bei diesem engeren Begriffsverständnis meist als „Erläuterung des Korantextes“ oder „Bedeutung des Korans“ bezeichnet. Dies kann beim Leser, der einen Korankommentar oder eine Übersetzung sucht, zu Irritationen führen.
Geschichte der Übersetzung Aus byzantinischer Zeit sind Fragmente einer griechischen Koranübersetzung erhalten,Schriften zum Islam von Arethas und Euthymios Zigabenos und Fragmente der griechischen Koranübersetzung. Griechisch-deutsche Textausgabe von Karl Förstel (Corpus Islamo-Christianum, Series Graeca, 7), Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2009. doch wurde er in Europa erst durch eine lateinische Übersetzung bekannt, die der cluniazensische Abt Petrus Venerabilis 1143 in Auftrag gab. Das am 11. Februar 1144Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 34. fertiggestellte Werk wurde in der Übersetzerschule von Toledo in Spanien von dem Engländer Robert von Ketton (mit der Möglichkeit einer Verwechslung mit Robert von Chester), Peter von Toledo, dem Mönch Hermann von Carinthia und dem Sarazenen Mohammed angefertigt. Diese Übersetzung wurde erstmals 1543 in einer Bearbeitung des Zürcher Theologen Theodor Bibliander in Basel gedruckt. Von Kettons Übersetzung orientiert sich bei schwierigen oder unklaren Stellen im Koran an der damaligen muslimischen Exegese, wie sie in Tafsir-Werken greifbar ist. Die ketton’sche Koranübersetzung ist – abgesehen von kurzen Fragmenten – die älteste erhaltene Übersetzung des Korans in eine andere Sprache überhaupt. Sie diente als Vorlage für Übersetzungen ins Deutsche, Niederländische und Italienische. Eine bessere Übersetzung ins Lateinische aus der Übersetzerschule von Toledo stammt von Marcus von Toledo (1209/1210).Vgl. Thomas E. Burman: Reading the Qur’an in Latin Christendom, 1140–1560. Philadelphia 2009; Reinhold F. Glei (Hrsg.): Frühe Koranübersetzungen. Europäische und außereuropäische Fallstudien. Trier 2012; Maurice Borrmans: Ludovici Marracci et sa traduction latine du Coran. In: Islamochristiana 28, 2002, S. 73–86.
Kurz vor seinem Tode übersetzte Johannes von Segovia zusammen mit Yça Gidelli (ʿĪsā ibn Ǧābir) wegen der Unzulänglichkeiten der älteren Übersetzungen Robert von Kettons den Koran vom Arabischen ins Spanische und vom Spanischen ins Lateinische. Diese Übersetzung ist nicht mehr erhalten.
1616 erschien in Nürnberg die erste deutsche Koranübersetzung von Salomon Schweigger, auf 267 Seiten. Sie trug den Titel Alcoranus Mahumeticus, das ist: Der Türcken Alcoran, Religion und Aberglauben und war eine Übersetzung aus dem Italienischen, die wiederum auf der lateinischen Übersetzung beruhte. mini|Titelblatt der Koranübersetzung von Megerlein 1772 mini|Titelblatt der Koranübersetzung von Friedrich Eberhard Boysen in zweiter Ausgabe 1775. Erst im Jahre 1647 erschien die erste direkte Übersetzung, und zwar in das Französische. Der Übersetzer, André du Ryer († 1688), hatte lange Zeit als französischer Konsul in der Levante gelebt. Er zog für diese Version auch muslimische Korankommentare hinzu.
Eine weitere bedeutende Übersetzung erschien 1698 in Padua durch den Pater Ludovico Marracci (1612–1700). Seine Ausgabe enthält den arabischen Text mit einer lateinischen Version nebst Anmerkungen zum Textverständnis und einer Zurückweisung () aus römisch-katholischer Sicht. Marracci, übrigens Beichtvater von Papst Innozenz XI., musste sich gegen den Einwand wehren, dass bereits Papst Alexander VII. es verboten hatte, den Koran zu drucken oder in andere Sprachen zu übersetzen.Megerlein 1772 in Die türkische Bibel S. 16: Maraccis Übersetzung wurde 1703 von David Nerreter (1649–1726) ins Deutsche übertragen.
Auf Deutsch kam 1746 eine weitere Übersetzung heraus, die von Theodor Arnold angefertigt worden war. Dies war eine Übersetzung der englischen Übersetzung von George Sale (1697–1736) von 1734. Von Bedeutung ist sie, weil Johann Wolfgang Goethe sie für den West-östlichen Diwan verwendete.
Eine erste deutsche Übersetzung direkt aus dem Arabischen erstellte David Friederich Megerlin (1699–1778) 1772 unter dem Titel Die türkische Bibel, oder der Koran neben einem Kupferstich von Mahumed, der falsche Prophet. Goethe bezeichnete sie öffentlich als „elende Produktion“. Megerlin ging es darum, den Koran als „Lügen- und Fabelbuch“ zu entlarven. 1773 kam die Übersetzung des Quedlinburger Hofpredigers Friedrich Eberhard Boysen heraus (zweite verbesserte Ausgabe in Halle 1775), die 1828 vom Orientalisten Samuel Friedrich Günther Wahl (1760–1834) überarbeitet wurde. Alle diese bisherigen Übersetzungen ins Deutsche spiegelten stark Vorbehalte wider.
1798 versuchte Johann Christian Wilhelm Augusti (1772–1841) in dem von ihm herausgegebenen Auszug aus dem Koran die poetische Wirkung des Originals zu erhalten. Hierfür fertigte er seine Übersetzung in fünffüßigen Jamben an. Mehr Erfolg hatte der Wiener Orientalist Josef von Hammer-Purgstall, ein Lehrer Goethes wie von Friedrich Rückert (siehe unten), dessen Auswahlübersetzung 1888 als bisher bester Versuch gilt, den poetischen Charakter des Originals nachzuahmen.Der Koran. In der Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall. Herausgegeben und kommentiert von Michael Fisch. Würzburg: Königshausen & Neumann 2023. ISBN 978-3-8260-7826-2.
Eine weitere Übersetzung stellt die von Ludwig Ullmann dar, einem jüdischen Gelehrten des 19. Jahrhunderts.Susannah Heschel (Kollegium Jüdische Studien an der Humboldt-Universität Berlin): (PDF, 72 kB) Dieser übersetzte 1840 den Koran ins Deutsche.Der Koran. Aus dem Arabischen wortgetreu neu übersetzt, und mit erläuternden Anmerkungen versehen, von Dr. Ludwig Ullmann. Druck und Verlag der J. H. Funcke’schen Buchhandlung, Crefeld 1840 (). Neu bearbeitet wurde diese Übersetzung von Leo Winter in den 1950er-JahrenDer Koran: Das heilige Buch des Islam. Nach der Übertragung von Ludwig Ullmann neu bearbeitet und erläutert von Leo Winter. Ungekürzte Ausgabe. W. Goldmann, München 1959 (). und ist heute noch erhältlich.Der Koran: Das heilige Buch des Islam. 1. Aufl., Goldmann, München 2007, ISBN 978-3-442-21846-2.
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat brachte Koran-Übersetzungen in vielen verschiedenen Sprachen heraus. Der Übersetzung steht der arabische Originaltext gegenüber. Von ihr stammt auch die erste von Muslimen angefertigte Koranübersetzung ins Deutsche.
Ein Muslim deutscher Muttersprache, der den Koran auch übersetzte, war Ahmad von Denffer 1996. Er versucht mehrere deutsche Entsprechungen eines arabischen Ausdrucks aufzuzählen, weshalb seine Ausgabe schwer lesbar ist. In der Islamwissenschaft ist seine Ausgabe nicht zitierfähig.
Eine weitere deutschsprachige Übersetzung, die auch den arabischen Text und gleichzeitig zu jedem Vers eine Auswahl aus wichtigen, auf Deutsch übersetzten Kommentaren bringt, wurde von einer Gruppe deutschsprachiger Musliminnen unter Leitung von Fatima Grimm unter dem Titel Die Bedeutung des Koran 1997 herausgegeben. Diese Ausgabe ist jedoch eine stark traditionalistische, interpretierende Übersetzung, die sich am Zweck der Mission orientiert. Der Grimm’sche Koran findet daher in der Islamwissenschaft ebenfalls keine Verwendung. Eine weitere Übersetzung aus dem muslimischen Umfeld stammt von Amir Zaidan (s. u.).
Wissenschaftliche Übersetzungen gab es im 20. Jahrhundert unter anderem von Lazarus Goldschmidt (1916), Max Henning (1901), Rudi Paret und Adel Khoury (siehe unten).
Im Jahr 2008 erschien erstmals eine kind- und jugendgerechte Übersetzung. Der Koran für Kinder und Erwachsene wurde von der Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor und der Leiterin des Instituts für Interreligiöse Pädagogik und Didaktik in Köln, Rabeya Müller, angefertigt, kommentiert und herausgegeben. Das Werk stellt in zweierlei Hinsicht ein weiteres Novum dar: Die beiden Autorinnen haben eine Auswahl von Koranversen thematisch sortiert und den Text mit traditionellen islamischen Miniaturen illustriert. Kritiker halten dies für eine „ziemlich revolutionäre Tat in der islamischen Welt“. Der schwer zugängliche Offenbarungstext erhält mit diesem Buch erstmals eine inhaltliche Struktur, die es auch Laien ermöglicht, die Erzählungen des Korans in chronologischer Abfolge zu lesen. Zudem wurde ein einfaches und leicht verständliches Deutsch gewählt.Die Zeit: Koran ohne Schleier, Ausgabe vom 13. März 2008 (online)
Charakteristiken der Übersetzungen Rückert (1888) Friedrich Rückert (1788–1866) versuchte, die Sprachkunst des Korans zu zeigen und die poetische Form wiederzugeben. Die koranische Reimprosa übersetzt Rückert mit gleichen Reimendungen, wobei sich die Reimwörter allerdings nicht immer entsprechen (können).Bobzin 1999, S. 90f. Durch diese Vorgehensweise büßt die Übersetzung allerdings an inhaltlicher Treue ein.Johann Büssow, Stefan Rosiny und Christian Saßmannshausen: . 7. Auflage, Sommer 2013, Berlin
Seine Übersetzung erschien posthum 1888.
Henning (1901) Die Übersetzung von Max Henning erschien 1901 bei Philipp Reclam jun. in Leipzig. Verbreitet ist eine preiswerte von Annemarie Schimmel herausgegebene Ausgabe. Die Originalübersetzung ist nicht so nah am Original wie Paret und z. T. stilistisch veraltet („Weiber“ für „Frauen“), aber solide. Die , von der Murad Wilfried Hofmann spricht, können Islamwissenschaftler jedoch nicht sehen, Verwendung findet sie in der Wissenschaft dennoch nach wie vor.
Goldschmidt (1916) 1916 veröffentlichte der Orientalist Lazarus Goldschmidt in Berlin eine Übersetzung, die bis heute gedruckt wird. Bei seiner Übertragung des arabischen Textes ins Deutsche verzichtete Goldschmidt auf den Versuch, die poetische Komponente des Originals in der Übersetzung nachzubilden. Er legte den Schwerpunkt allein auf die inhaltliche Übertragung. Sprachlich wirkt der Text daher holprig.
Ahmadiyya (1939, 1954) Die erste deutsche, für Muslime herausgegebene Koranübersetzung wurde im Jahre 1939 in Berlin von dem damaligen Imam der Wilmersdorfer Moschee veröffentlicht. Anschließend folgte eine neue Übersetzung von der islamischen Reformgemeinde Ahmadiyya unter der Aufsicht von Mirza Baschir ud-Din Mahmud Ahmad im Jahre 1954. Seither wurde sie mehrfach überarbeitet, zuletzt im Jahre 2013 unter der Aufsicht vom Oberhaupt der Gemeinde Mirza Masroor Ahmad. Nach Angaben der Gemeinde wurde der Koran durch die Ahmadiyya Muslim Jamaat in 70 Sprachen übersetzt, u. a. auch in Chinesisch. Die Übersetzung der 6348 Verse des Heiligen Koran umfassen auch die Eingangsverse, die Bismillah.
Die erste deutsche Koranausgabe der Ahmadiyya Muslim Jamaat wurde bei ihrer Veröffentlichung 1954 von der al-Azhar-Universität in Kairo gelobt und als herausragende deutsche Übersetzung bezeichnet.The Oriental & Religious Publishing Corporation LTD; siehe auch
Paret (1966)