mini|300px|General Hans von Hammerstein-Gesmold, Matthias Erzberger, Freiherr Ernst von Langwerth-Simmern: die Waffenstillstandskommission in Spa 1919, Quelle: Bundesarchiv Die Deutsche Waffenstillstandskommission von 1918 wurde Ende des Ersten Weltkrieges zusammengestellt und sollte die deutschen Interessen in den Waffenstillstandsverhandlungen mit der Entente vertreten. Die Kommission erhielt die Vollmacht für die Unterzeichnung des Vertrages, die am 11. November 1918 in einem Eisenbahnwaggon auf der Lichtung von Compiègne unweit von Compiègne stattfand.
Vorgeschichte Seit dem 6. April 1917 – dem Kriegseintritt der USA auf Seiten der Entente – sahen sich die Mittelmächte einer wirtschaftlich und militärisch gesehen ungleich stärkeren Gegnerkoalition gegenüber. Nach dem Ausscheiden Russlands versuchte die deutsche Oberste Heeresleitung (im Weiteren kurz: OHL) im Frühjahr 1918 mit einer groß angelegten Offensive, im an der Westfront im Stellungskrieg verharrenden Konflikt eine Entscheidung herbeizuführen. Nach dem Scheitern der Offensive ging die Initiative jedoch endgültig an die Alliierten über, die am 8. August die sogenannte Hunderttageoffensive begannen, während sich die deutschen Truppen stetig zurückziehen mussten.
Am 29. September 1918 forderte die OHL – geführt von Paul von Hindenburg – die Reichsregierung auf, Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen. Als Basis diente das 14-Punkte-Programm von US-Präsident Woodrow Wilson, in dem er für die Völkerverständigung plädierte. Es schien das Potential einer für alle Parteien mehr oder weniger günstigen Verhandlungssituation zu bieten. Dieses Programm im Hinterkopf und das Wissen, dass Frankreich nichts unversucht lassen würde, um seine Interessen auf ihre Kosten durchzusetzen, veranlasste die deutsche Seite dazu, besonders die USA in sämtliche Friedensüberlegungen mit einzubinden. Im Zuge der Oktoberreformen, die aus dem Kaiserreich eine parlamentarische Monarchie formten, erlangte die neue Regierung unter Max von Baden eine ordentliche parlamentarische Mehrheit. Die Novemberrevolution und die damit verbundene Ausrufung der Republik am 9. November durch Philipp Scheidemann ließen die Waffenstillstandsverhandlungen in einer politisch rasanten Zeit stattfinden.
Der Weg zum Friedensvertrag von Versailles Die Delegierten mini|Verabschiedung der deutschen Delegation nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands im Salonwagen des Marschall Foch, Gemälde von Maurice Pillard Verneuil.V. r.: hinter dem Tisch die französischen Generäle Weygand und Marschall Foch (stehend) sowie die britischen Admiräle Wemyss und Hope;davor stehend der deutsche Delegationsleiter Matthias Erzberger, hinten Kapitän Jack Marriott (britisch), davor Generalmajor von Winterfeldt, Graf Alfred von Oberndorff (Beauftragter der Reichsregierung für Fragen der Außenpolitik), dahinter Kapitän Ernst Vanselow Anfang November wurde die Delegation aufgestellt. Der Vorschlag der Obersten Heeresleitung, einen militärischen Vertreter zum Verhandlungsleiter zu ernennen, wurde von der Reichsregierung abgelehnt. Sie setzte stattdessen den Staatssekretär Matthias Erzberger als Vorsitzenden der Kommission ein. Dieser musste den dafür vorgesehenen Conrad Haußmann ersetzen, der allerdings darum bemüht war, die Revolution in Kiel friedlich zu halten. Den Regierenden war es wichtig, mit einem Parlamentarier an der Spitze der Waffenstillstandskommission den Alliierten das politisch erneuerte Deutschland zu demonstrieren. Weitere führende Mitglieder waren der Leiter für Heeresangelegenheiten General Detlof von Winterfeldt, der Kapitän zur See Ernst Vanselow und der Vertreter des Auswärtigen Amtes Alfred von Oberndorff.
Nach Darstellung von Erzberger selbst war noch bis 7. November 1918 General Erich von Gündell als Erster Bevollmächtigter der Waffenstillstandskommission vorgesehen. Gündell wurde aber von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes in Spa als ungeeignet eingestuft, so dass in Abstimmung mit der Reichsregierung kurzfristig Erzberger zum Leiter bestimmt wurde. Gündell nahm daraufhin an den Verhandlungen überhaupt nicht mehr teil, er wurde von Winterfeldt ersetzt.Matthias Erzberger: Erlebnisse im Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, Berlin 1920, S. 326 f.
Der am 15. November zum „politischen Dirigenten der Waffensillstandskomission“ ernannte Franz von Stockhammern war nicht Teil der Delegation.
Auf alliierter Seite unterschrieben der französische Marschall und Oberbefehlshaber der alliierten Armeen Ferdinand Foch, der am 11. November den Oberbefehl über die „Verkehrswege im besetzten Gebiet, einschließlich des Rheinstromes“Deutsche Waffenstillstandskommission: Die Deutsche Waffenstillstandskommission. 1920, S. 11. erhielt, und der britische Admiral und Erste Seelord Rosslyn Wemyss.
Die deutsche Delegation wurde erst mit dem Auto und später mit dem Zug in den Wald von Compiègne gefahren. Dort fanden sie zwei Gruppen von Eisenbahnwaggons vor, die als Übernachtungs- und Verhandlungsmöglichkeiten dienten. Innerhalb eines Waggons begannen die Verhandlungen, die dieser Bezeichnung allerdings kaum gerecht wurden. Die deutsche Seite durfte lediglich schriftliche Erklärungen einreichen und sich die Gegenstände mündlich detailliert verdeutlichen lassen. Die eingangs erweckten Hoffnungen auf erträgliche Waffenstillstandsbedingungen wurden letztendlich bei Weitem nicht erfüllt. Als die Delegierten vom Ausbruch der Revolution in der Heimat erfuhren, wusste Erzberger nicht, ob der neue Reichskanzler Friedrich Ebert die entsandten Vertreter austauschen wollen würde. Dieser nahm keine Personalmodifikation vor und Erzberger konnte wenigstens eine Verkleinerung der entmilitarisierten Zone im Rheinland und dessen deutsche Verwaltung erwirken.
mini|Leiter der alliierten Waffenstillstandskommission am 29. November 1918 in Spa Im Artikel 34 des Waffenstillstandes wurde Spa als Hauptsitz der „ständigen Internationalen Waffenstillstandskommission“Deutsche Waffenstillstandskommission: Die Deutsche Waffenstillstandskommission. 1920, S. 7. gewählt. Vorsitzender der Internationalen Waffenstillstandskommission wurde der französische Divisionsgeneral Nudant. Auf britischer Seite kam hinzu: Lieutenant General Richard Haking; auf amerikanischer Seite General Charles Dudley Rhodes, der später durch General Malvern Hill Barnum ersetzt wurde, und von belgischer Seite wurde General Delobbe entsandt.
Die Internationale Waffenstillstandskommission begann ihre Verhandlungen am 17. November 1918. General Freiherr von Hammerstein – der am 1. Februar 1919 den Sitz des General Winterfeldt übernahm, der zuvor aus Gewissensgründen (die Bedingungen für einen Frieden, die von deutscher Seite erfüllt werden mussten, erschienen ihm als anmaßend) zurücktrat – berichtete im März Folgendes: Die OHL wurde nach dem Abschluss des Waffenstillstandes von Spa weg verlegt, bis auf einen Vertreter, der in Spa blieb.
Verhandlungsgegenstände und Unterkommissionen mini|links|Lebensmittellage vermittelndes Plakat des Vollzugsrats des Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Berlin, November 1918 mini|Heimkehr deutscher Truppen, Koblenz, Quelle: Bundesarchiv mini|Britische Truppen überqueren nach Abzug der deutschen Truppen den Rhein. Der Beginn der Rheinlandbesetzung mini|Rückkehr deutscher Fronttruppen nach Berlin, Anfang Dezember, Quelle: Bundesarchiv Bereits allgemeine Folgebestimmungen eines Waffenstillstandes nach einem militärischen Konflikt bereiteten beiden Parteien Sorge. Die Waffenstillstandskommission fasste zusammen:
Die von der deutschen Seite als zu kurz empfundenen Räumungsfristen aus französischen und belgischen Gebieten gehörten zum ersten größeren Verhandlungsschwerpunkt. Ihre Versuche, den Ablauf der Fristen nach hinten zu verschieben, blieben aber ohne größere Erfolge. Das deutsche Militär sollte innerhalb von 15 Tagen nach Abschluss des Vertrages in Compiègne aus Elsaß-Lothringen und aus der Rheinprovinz in neun Tagen abgezogen werden. Alliierte Truppen ließen Teilgebiete, in denen das deutsche Heer noch in Richtung Osten marschierte, unbesetzt. Teilweise ist es aber auch zu Ausschreitungen gekommen, die weitere Opfer nach sich zogen.
Den zweiten Schwerpunkt bildeten die Fristen und die Menge der Abgabe von deutschem Heeresgerät. Dazu wurde speziell die „Unterkommission für Transportwesen“ gegründet. Diese sollte sich u. a. darum kümmern, dass über 5.000 Lastkraftwagen und 5.000 Lokomotiven usw.siehe Weblink: Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten in den Besitz der Siegermächte übergingen – die ursprünglich höheren Forderungen konnten durch Verhandlungen etwas gesenkt werden. Die Abgabefrist wurde auf Gesuch der Waffenstillstandskommission von Dezember auf Mitte Januar verlängert, konnte aber auch nicht eingehalten werden. Daraufhin erhob die Entente eine Vertragsstrafe, in der die Abgabe von landwirtschaftlichen Maschinen gefordert wurde. Weiterhin arbeitete die Transportunterkommission zusammen mit der „Schiffahrtsgruppe West“, um deutsche Beteiligte innerhalb der Rheinschifffahrt zu unterstützen.
Der dritte Verhandlungssektor – und ein besonders für die deutsche Bevölkerung wichtiger Punkt – war gekennzeichnet durch die schwierige Lebensmittellage Deutschlands, die durch eine Seeblockade der Entente während des Krieges verursacht wurde. Dieses Embargo wurde auch nach der Unterzeichnung vom 11. November weiterhin aufrechterhalten. Diesbezüglich wurde Friedrich Edler von Braun der Vorsitz für die Sonderkommission für Lebensmittelfragen zugesprochen. Die deutsche Regierung bat am 15. November um eine Beschleunigung beim Streit um die lebenswichtigen Lieferungen. Der Staatssekretär Wilhelm Solf ließ den Abschluss eines Präliminarfriedens prüfen, der de facto eine völlige Aufhebung der Blockade bedeutet hätte.
Ein vierter Bereich umfasste die Frage der Kriegsgefangenen. Hierzu wurde die Unterkommission für Gefangenangelegenheiten ins Leben gerufen. Die Entente durfte ihrerseits eigene Soldaten und sämtliche Truppenteile in die Heimat beordern, währenddessen deutsche Kriegsgefangene im Ausland bleiben mussten. Die Auslieferung von Schwerverletzten, Sanitätspersonal und Zivilinternierten wurde rasch vollzogen. Es blieben ca. 400.000 deutsche Gefangene in Frankreich.
Vom 16. Januar bis zum 28. Juni mini|Die Verlängerung des Waffenstillstandes in Trier, 16. Januar 1919. Erzberger auf dem Weg zu Marschall Foch (im Eisenbahnwagen sitzend). Quelle: Bundesarchiv Die erste Waffenstillstandsverlängerung erfolgte am 16. Januar 1919 in Trier. Die Bedingungen für diese Verlängerung war u. a. die Rückgabe von Maschinen und Material, das während des Krieges aus Belgien und Frankreich fortgeschafft worden war. Mit der Leitung dieser Rückbeschaffung wurde Emil Guggenheimer beauftragt, der später auch der Delegation in den Verhandlungen in Versailles angehörte und seit dem Jahr 1920 ehrenamtlicher Präsident der Reichsrücklieferungskommission wurde. Für die Durchführung wurde der Ingenieur Bernheim aus Frankfurt am Main ausgewählt. Außerdem sollte ein Großteil der deutschen Handelsflotte an die Entente übergeben werden. Nur dann durften Lebensmittellieferungen nach Deutschland wieder ausgeführt werden. Die Reichsregierung erklärte die Forderungen zu erfüllen, obgleich sie bzgl. des Flottenverlustes besonderen Protest einlegten. Doch auch unter den Alliierten selbst gab es Streitigkeiten in den Auslegungen der zu formulierenden Ansprüche.
Der Diplomat und spätere Generalsekretär der Delegation in Versailles Edgar Haniel von Haimhausen wurde als Zuständiger für politische Fragen eingesetzt. Die Wirtschaftsabteilung, die Hans Büsing leitete, und die Finanzabteilung, für die von Palm und von Becker zuständig waren, bildeten zusammen mit der Abteilung Haniels die wirtschaftspolitische Abteilung der Waffenstillstandskommission, deren Führung (vermutlich) der ehemalige Oberbürgermeister von Posen Ernst Wilms übernahm. Im Dezember wurden die ersten wirtschaftlichen Gesandten nach Spa entsandt.