mini|Dr. Frieder Weissmann (1927)

Frieder Weissmann (geboren als Samuel Weissmann am 23. Januar 1893nach Bunz 2016. Abweichende Daten geben Kürschners Musikkalender 1954 (* 23. Januar 1895) und Holmes 1982 (* 1898), vgl. musicsack.com in Langen, Hessen; gestorben am 4. Januar 1984 in Amsterdam) war ein deutscher Dirigent und Komponist.

Leben und Werk Seinen Geburtsnamen Samuel behielt er – in der Form Semy oder Semmy – bis 1916. Danach bevorzugte er den Vornamen Friedrich oder Frieder in Kombination mit Samuel, der bald zu S. abgekürzt wurde, bevor er ganz verschwand. In den 1920er Jahren kam als dritter Vorname Peter hinzu. Als Künstlernamen sind außerdem noch Ping-Pongbei Stengel-Gerigk sp.313 und Marco IbanezBunz 2016, S. 200f. überliefert.

Aufgewachsen ist Weissmann in Frankfurt am Main, wo sein Vater Ignatz Isidor Weissmann (1863–1939) von 1894 bis 1937 Chasan der liberalen Hauptsynagoge war. Nach dem vor Ostern 1911 u. a. mit seinen Mitschülern Hermann Schmidt-Fellner und Selmar Spier abgelegten Abitur am Goethe-Reformgymnasium studierte er 1911 ein Semester Jura in Heidelberg,Selmar Spier: Vor 1914 – Erinnerungen an Frankfurt – geschrieben in Israel. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1961, , S. 121. danach bis 1914 die Fächer Philosophie, Kunst- und Musikgeschichte an der Münchner Universität. In Heidelberg erhielt er Kompositionsunterricht bei Philipp Wolfrum, in München bei Walter Braunfels. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wagte er den ersten Schritt für eine Dirigentenkarriere und wurde Korrepetitor unter Ludwig Rottenberg an der Oper Frankfurt (1914/16). 1916/17 wurde er als zweiter Kapellmeister ans Stadttheater Stettin engagiert. Von 1917 bis 1921 arbeitete er als freier Konzertkapellmeister und Korrepetitor in Berlin, Frankfurt und München. In allen drei Städten trat er auch als Komponist in Erscheinung. 1920 wurde er an der Philosophischen Fakultät der Münchner Universität mit einer Dissertation über den Komponisten Georg Abraham Schneider (1770–1839) zum Doktor der Philosophie promoviert. Es folgte 1921 ein Engagement als Korrepetitor und Dirigent an die Staatsoper Berlin, wo er bis 1924 unter Max von Schillings und Erich Kleiber arbeitete. Gleichzeitig begann auch Weissmanns jahrelange enge Zusammenarbeit mit dem Berliner Schallplattenkonzern Carl Lindström AG, für dessen Marken Parlophon und Odeon er bis 1933 rund 2.000 Schallplatteneinspielungen musikalisch leitetevgl. Parlophon/Beka Electric Hauptverzeichnis 1928/29, S. 40–42, Diskographie bei Damians 78s sowie Wahl S. 20 f.. 1924 wechselte er als erster Kapellmeister ans Opernhaus von Münster (1924/25), anschließend in gleicher Funktion ans Opernhaus in Königsberg in Preußen. (1926/27). Von 1926 bis 1932 war er ständiger Gastdirigent der Dresdner Philharmonie. Ab 1930 kam es zur vermehrten Zusammenarbeit mit Rundfunkorchestern in Stuttgart und Hamburg. 1931 wurde er neben Ernst Kunwald Dirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters, des vormaligen Blüthner-Orchesters, das im Herbst 1932 mit den Berliner Philharmonikern fusionieren musste. Mit den Berliner Philharmonikern konnte er bis Januar 1933 nur vier Konzerte dirigieren und eine Schallplatte (Ouvertüre zu Richard Wagners Oper Rienzi) einspielen.

1929 heiratete er seine langjährige Verlobte, die deutsche Sopranistin Meta Seinemeyer, die, an Leukämie schwer erkrankt, wenige Stunden nach der Trauung verstarb. Weissmann hatte die Sängerin bei all ihren Parlophon-Einspielungen und zahlreichen Konzerten in Dresden und Berlin begleitet.Eine ausführliche Diskographie der Aufnahmen, welche die Sopranistin Meta Seinemeyer (1895–1929) bei Parlophon machte und bei denen Weissmann das Begleitorchester (Grosses Opernorchester [Etikett]) dirigierte, bietet Vicki Kondelik seinemeyer.com. Copyright 2002.Zum Verhältnis Weissmann-Seinemeyer siehe auch youtube.com

Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten sah sich 1933 auch Frieder Weissmann als Künstler jüdischer Abstammungvergleiche: Stengel-Gerigk, S. 313. unmittelbar in seiner Existenz bedroht. Er verließ Deutschland im Juni 1933 und ging in die Niederlande, wo er mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam und dem Orchester der AVRO-Rundfunkgesellschaft Hilversum konzertierte. Es folgten von 1934 bis 1937 halbjährliche Aufenthalte – im Wechsel mit Holland – in Argentinien, wo er in Buenos Aires Konzerte bei Radio Splendid und am Teatro Colón dirigierte. In Buenos Aires heiratete Weissmann, der 1935 die argentinische Staatsbürgerschaft erlangt hatte, auch 1937 seine zweite Ehefrau Rosita Chevallier-Boutell. Nach seinem USA-Debüt Ende 1937 mit dem Cincinnati Symphony Orchestra verlegte er 1938 seinen Hauptwohnsitz nach New York, wo er im Sommer 1939 mit einer Reihe von Open-Air-Konzerten mit den New Yorker Philharmonikern im Lewisohn-Stadium Aufsehen erregte. Schallplatten nahm er nun zunächst bei Columbia Records (u. a. mit Risë Stevens), ab 1945 bei RCA Victor auf – eine Verbindung, die bis um 1950 bestand. Von 1939 bis 1947 leitete Weissmann, der 1944 amerikanischer Staatsbürger wurde, das New Jersey Symphony Orchestra und von 1942 bis 1958 das Philharmonische Orchester von Scranton (Pennsylvania).Bunz 2016. Als Nachfolger von Artur Rodziński übernahm er von 1950 bis 1953 die Leitung des Orquesta Filarmónica de La Habana in Havanna, Kuba. Parallel zu den Festengagements entfaltete Weissmann ab 1945 eine rege Aktivität als Gastdirigent in den USA, in Kanada (Toronto, Montreal, Vancouver), Mexiko und den Niederlanden. Nach 1954 konzentrierte er sich auf Europa und wurde dort vor allem in Italien gefeiert, z. B. für einen Zyklus von Mahler-Symphonien, den er bereits Ende der 1950er Jahre begann und im März 1974 in Florenz mit der Aufführung von Mahlers Zweiter Sinfonie beschloss.Bunz 2016, S. 344f.

mini|Weissmann mit dem Odeon-Künstler-Orchester und Richard Tauber in einer Aufnahme von Grüß' mir mein Wien aus der Operette Gräfin Mariza (1932). Weissmann war eine zentrale Gestalt in der deutschen Schallplattenindustrie zwischen 1921 und 1933. Er war Lindströms zuverlässiger Hausdirigent,Vergleiche: Hauptverzeichnis 1928/29, wo ihm auf S. 40 attestiert wird: „Auffassung und Durchführung des von ihm bearbeiteten musikalischen Stoffes ist meisterhaft, seine Anpassungsfähigkeit an die besondere Aufgabe einer Schallplattenaufnahme außergewöhnlich. Die von Dr. Weißmann dirigierten Aufnahmen zeichnen sich durch ganz besondere Farbenpracht aus.“ der in der Regel bei den Aufnahmen das Orchester der Berliner Staatsoper, die Staatskapelle Berlin, bzw. einen aus Mitgliedern dieses Orchesters bestehenden ad-hoc-Klangkörper dirigierte. Weissmann arbeitete nicht nur bei der Einspielung zahlreicher Gesangs- und Opernaufnahmen mit den führenden Gesangs-Solisten der 1920er Jahre wie Gitta Alpár, Vera Schwarz und Richard Tauber zusammen, sondern leitete auch viele Aufnahmen rein orchestraler Musik ernsten wie heiteren Charakters. Sein Repertoire war äußerst breit gefächert und umfasste Operette und leichte Klassik ebenso wie die Hauptwerke der sinfonischen Literatur. Unter seiner Leitung entstanden zahlreiche Schallplattenerstaufnahmen, z. B. die erste Gesamteinspielung aller Beethoven-Sinfonien 1924/25. Herausragend sind seine elektrischen Einspielungen von Respighis Römische Brunnenauf Parlophon P.8523 (mx. 2–21 358/359) und P.8524 (mx. 2–21 360/361) und Tschaikowskis Ouverture auf das Jahr 1812akustisch auf Parlophon P.1654 (mx. 6652, 6621) und P.1655 (mx. 6622, 6623), vgl. Hauptverzeichnis 1925/26, S. 17, und elektrisch auf Odeon O-6603 (xxB.8029, xxB.8030) und O-6604 (xxB.8031, xxB.8032) auf. Er begleitete den Cellisten Emanuel Feuermann bei Max Bruchs Kol Nidreiauf P.9500 (mx. 2-21 649 und 2-21 650), aufgenommen am 27. Januar 1930 und die Pianisten Moriz Rosenthal und Karol Szreter bei ihren Einspielungen von Chopins Klavierkonzert Nr. 1Parlophon P.9559 (mx. 2-21 697) Piano Concerto No. 1 in E minor, op. 11 (Chopin), aufgenommen am 1. Mai 1930 (dismarc.org) und Beethovens Klavierkonzert Nr. 4.Parlophon P.9061 (mx. 2-8943 und 2-8942), P.1962 (mx. 2-8945 und 2-8946)(dismarc.org) Zu Weissmanns amerikanischen Einspielungen zählen Opernaufnahmen mit zahlreichen Stars der Metropolitan Opera wie den Sopranistinnen Zinka Milanov, Licia Albanese, Helen Traubel, dem Tenor Jan Peerce und dem Bariton Leonard Warren, sowie ein Konzert für Viola von Henri Casadesus,Henri Casadesus (* 30. September 1879 in Paris – gest. am 31. Mai 1947 in Paris), Geiger und Musikverleger Henri Casadesus welches ursprünglich Händel zugeschrieben worden war, mit William Primrose und der wohl ersten Schallplatteneinspielung von Max Bruchs Schottischer Fantasie Es-Dur für Violine und Orchester op. 46 mit dem Geiger Jascha Heifetz als Solisten.

Frieder Weissmann verstarb am 4. Januar 1984 in Amsterdamvgl. nach Frank/Altmann 1936 und supplement to the 1984 necrology (Music Library Association) 1986, S. 755. und wurde zwei Tage später auf dem Friedhof Zorgvlied an der Seite des holländischen Malers Carel Willink, dem wenige Monate vorher verstorbenen Ehemann von Weissmanns Freundin Sylvia Willink, beerdigt.Bunz 2016, S. 360.

Am 22. April 2021 um 13:30 Uhr sollte ein Stolperstein vor den alten Eingang des Concertgebouw (Amsterdam) für Frieder Weissmann verlegt werden. Aufgrund von COVID-19 wurde die Verlegung erst am 18. August des Jahres um 13:00 Uhr durchgeführt.

mini|Frieder Weissmanns Grab auf dem Amsterdamer Friedhof Zorgvlied

Tondokumente (Auswahl) mini|Stolperstein für Dr. Frieder Weissmann DISMARC.org zählt 680 Einträge zu Weissmann auf.vgl. Dismark

Akustische (Trichter-)Aufnahmen auf Parlophon in Berlin, Dirigent: Frieder Weissmann. P.1265 (mx. 5593, 5594) Franz Schubert, h-moll Symphonie Unvollendete, 1. Satz Allegro moderato P.1266 (mx. 5595, 5590) 1. Satz (Schluß), 2. Satz Andante con moto P.1267 (mx. 5591, 5592) 2. Satz Andante con moto (Fortsetzung und Schluß) P.1420 (mx. 5698, 5699) Franz Liszt, Les Préludes, symphonische Dichtung I und II P.1421 (mx. 5700, 5701) Franz Liszt, Les Préludes, symphonische Dichtung III und IV P.1422 (mx. 5702) Franz Liszt, Les Préludes, symphonische Dichtung V P.1454 (6177, 6178) Bizet, Einleitung + Chor der Straßenjungen, I. Akt Die Rückseite mx. 6133 enthält eine Aufnahme von GMD Eduard Mörike.

aus: Parlophon / Beka [etc.] Hauptverzeichnis 1925/26, S. 8–9.

Elektrische Aufnahmen auf Parlophon in Berlin, Dirigent: Frieder Weissmann.

a) Ouverturen: P.9049 (mx. 20 086/087 W) Don Juan (Mozart), Ouverture P.9050 (mx. 20 088/089 W) Alessandro Stradella (v. Flotow), Ouverture P.9051 (mx. 20 098/099 W) Mignon (Thomas), Ouverture P.9074 (mx. 20 100/101 W) Martha (v. Flotow), Ouverture P.9088 (mx. 20 150/151 W) Das Nachtlager vor Granada (K. Kreutzer), Ouverture P.9089 (mx. 29 171/172 W) Die weiße Dame (Boeldieu), Ouverture P.9103 (mx. 20 173/174 W) Die Italienerin in Algier (Rossini), Ouverture

b) symphonische Musik: P.9072 (mx. 20 146/147 W) Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria (L.van Beethoven, op. 91) 1. Teil (2 Plattenseiten) P.9073 (mx. 20 148/149 W) dto., 2. Teil (2 Plattenseiten) Symphonie c-dur (Jenaer Symphonie), auch eine unbekannte Jugendsymphonie Beethovens genannt - nach alten Stimmen des Akademischen Konzerts in Jena für die Aufführung eingerichtet und herausgegeben von Fritz Stein. P.9119 (mx. 20 175 W) 1. Satz, 1. Teil Adagio - Allegro vivace / (mx. 20 176 W) 1. Satz, 2. Teil Allegro vivace P.9120 (mx. 20 177/178 W) 3. Satz Adagio cantabile P.9188 (mx. 20 536/537 W) 3. Satz Menuetto - Maestoso und Finale (Allegro) P.9206 (mx. 20 599 W) Cavalleria Rusticana (Mascagni) Intermezzo sinfonico P.9214 (mx. 20 365 W) Sommernachtstraum (Mendelssohn) Hochzeitsmarsch / (mx. 20 366 W) Sommernachtstraum (Mendelssohn) Scherzo P.9230 (mx. 20 650/651 W) Ungarische Rhapsodie No. 2 (Liszt) P.9231 (mx. 652/653 W) Hoffmanns Erzählungen (Offenbach) Zwischenspiel und Menuett

aus: Parlophon / Beka Electric Hauptverzeichnis 1928/29, S. 40–42.

c) Opernmusik: