mini|hochkant|Frédéric Chopin, Fotoporträt von Louis-Auguste Bisson um 1849 Die 24 Préludes op. 28 sind ein zwischen 1836 und 1839 komponierter Klavierzyklus von Frédéric Chopin. Die französische Erstausgabe widmete Chopin dem befreundeten Verleger, Klavierbauer und Konzertveranstalter Camille Pleyel.

Die stilbildende und epochale Sammlung gilt als ein Gipfelwerk seines Schaffens. Mit ihr knüpfte er an Das wohltemperierte Klavier des von ihm verehrten Johann Sebastian Bach an, der in den beiden Teilen 48 Präludien und Fugen systematisch durch alle Dur- und Molltonarten geführt hatte. Neben Bach haben auch andere Komponisten den Zyklus beeinflusst. Mit der Spannung zwischen düsterer Melancholie, poetischer Melodieseligkeit und kraftvoll aufflammender Leidenschaft dokumentiert die Sammlung die Stimmungsbreite des Chopinschen Œuvres ebenso wie dessen wegweisende Harmonik.

Obwohl Chopin gesundheitlich angeschlagen war, konnte er das Werk während seiner Zeit auf Mallorca vollenden. Mit der französischen Schriftstellerin George Sand wollte er dort dem Klatsch der Pariser Gesellschaft entkommen und das milde Klima genießen. Sand hielt ihre Eindrücke in dem Reisebericht Ein Winter auf Mallorca fest und ging in ihrer 1854/55 veröffentlichten Autobiografie Geschichte meines Lebens auch auf die Préludes ein.

Der 1839 veröffentlichte Zyklus wurde von Zeitgenossen wie Robert Schumann und Franz Liszt gewürdigt. Während Schumann mit einer gewissen Distanz reagierte, erkannte Liszt den zukunftsweisenden Charakter der Sammlung, die später Komponisten wie Claude Debussy, Alexander Skrjabin und Sergei Rachmaninow inspirieren sollte. Der pianistische Anspruch reicht von einfachen Stücken, die an eine Mazurka oder ein Nocturne erinnern, bis zu Werken, die mit den Etüden vergleichbar sind. Wie andere Kompositionen Chopins wurden einige der Préludes als Filmmusik verwendet.

Musik Die Préludes entfalten sich jeweils aus einem motivischen Kerngedanken, der häufig nur einen Takt oder Taktteil umspannt. Dabei bindet die zyklische Abfolge die einzelnen Stücke in eine übergeordnete Dramaturgie ein. Die Form ist proportioniert, die Entwicklung des Materials verzichtet auf fließende Grenzen oder verschleierte Phrasen. In der Regel handelt es sich um einfache zwei- oder dreiteilige Liedformen.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 265. mini|Prélude Nr. 1 Die 24 Stücke bewegen sich, beginnend mit C-Dur, in einem aufsteigenden Quintenzirkel durch alle 24 Dur- und Molltonarten.S. Alan Walker: Fryderyk Chopin. A life and times Kindle-Ausgabe. Position 6153. Das Eröffnungsstück im 2/8-Takt (Agitato) verweist nicht nur auf Chopins erste Etüde aus op. 10,Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 265. sondern in der aufsteigenden und über beide Hände verteilten Figur auf Bachs C-Dur-Präludium aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers. Da der Tenor dem Sopran jeweils mit dem ersten Ton der Melodie vorgreift, entsteht eine wellenförmige Bewegung.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 583. mini|Die ersten 7 Takte des a-Moll-Préludes

Das verstörende zweite Prélude (Lento) beginnt in e-Moll und erreicht erst über G-Dur und D-Dur die abschließende Tonika a-Moll. Die Begleitung der Linken enthält die schärfsten Dissonanzen in Chopins Œuvre.S. Alan Walker: Fryderyk Chopin. A life and times Kindle-Ausgabe. Position 6205. Diese Dissonanzen waren bei Chopins direkten Vorgängern unbekannt, kamen in Bachs Musik aber nicht selten vor, wie etwa die ostinate Begleitung im zweiten Satz des Italienischen Konzerts belegt.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 108. James Huneker sprach von „unbestimmter Tonalität“, hielt es für „hässlich, elend“ und „verzweifelt“. Die schwerfällige Entwicklung erinnere an eine Depression, ja einen Lebensüberdruss. Gerald Abraham bemerkte, dass die Tonika nicht einmal in Richard Wagners Tristan-Vorspiel so deutlich umgangen werde wie in diesem Stück.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 197. mini|Prélude Nr. 3 Nach dem düsteren und grüblerischen Werk zeigt das dritte Prélude (Vivace) einen deutlichen Kontrast.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 266. Die rotierende Sechzehntel-Begleitung, die an das Surren eines sich drehenden Rades erinnert, bildet den harmonischen Rahmen und umkreist in jedem Takt einen Dreiklang mit hinzugefügter Sexte. Sie leitet ein aus vier Takten bestehendes Thema der rechten Hand ein, das sich überwiegend in Terz- oder Sextparallelen bewegt.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 584. In Takt 11 wird die Struktur unterbrochen; das durch die fallende Sekunde hervorgehobene Motiv wird nun wiederholt und zur bislang ausgesparten Subdominante C-Dur weitergeführt (Takt 18). In der Coda übernimmt die rechte Hand die wirbelnde Sechzehntel-Bewegung. Dieser überraschende Einfall bestätigt, dass die Figur mehr als nur eine Begleitung war.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 111.

Das expressive e-Moll-Prélude (Largo) führt erneut in dunkle Bezirke. Die Kantilene hebt mit einem „aufstöhnenden Oktavsprung“ an, sinkt allmählich nieder, wirkt resigniert, ja depressiv. Die Bewegung geht nach unten.So Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 266. Mit der abwärts gerichteten Chromatik, den Vorhalten und Dissonanzen der begleitenden Achtel-Akkorde wird die Funktionsharmonik hinterfragt. Die Dominanten werden nicht in die Tonika aufgelöst, sondern folgen anderen Kräften. So ist das gis des vierten Taktes nicht etwa der Leitton, der zum a führen würde; er wird vielmehr zum Ton g gelenkt. Das dis wiederum lässt eine Auflösung nach d erwarten, schreitet aber zum c in Takt 5 weiter.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 588. mini|Der Anfang des D-Dur-Préludes Das fünfte Prélude in D-Dur (Allegro molto) wirkt wie eine zweistimmige Figurationsstudie. In ihr arbeitet Chopin mit dem Gegensatz zwischen zwei- und dreiteiligem Metrum. Die viertaktige Einleitung mit dem Widerspiel zwischen 6/16 und 3/8 wird in der Mitte und am Ende des Werkes ritornellartig wiederholt.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 266. Im Notenbild ist das absteigende Motiv (mit kleiner und großer Sekunde) an den Achtelbalken zu erkennen, mit denen die Töne grafisch verbunden werden. Da der Rhythmus nicht mit dem der übrigen Sechzehntel-Figurationen übereinstimmt und dem Metrum zuwiderläuft, entsteht ein polyrhythmischer Effekt.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 589. Dass man den einleitenden Abschnitt als 2/4-Takt mit drei auftaktigen Sechzehnteln verstehen kann, ist auch auf die Alberti-Bässe zurückzuführen.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 200.

Das sechste Prélude in h-Moll (Lento assai) wird von Tonrepetitionen geprägt. Der monotone Orgelpunkt erinnert an tröpfelnden Regen und wirkt ähnlich wie im 15. Stück, dem sogenannten Regentropfen-Prélude. Er liegt über der eigentlichen Gesangslinie, die von der linken Hand gespielt wird.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 266. In der zweiten, chromatisch bestimmten Phrase der Takte 6 bis 8 entwickelt sich eine weitere Melodie.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 589.

Das nur 16 Takte umfassende, bereits 1836 vorliegende A-Dur-Prélude (Andantino) erinnert an eine Mazurka. Trotz seiner Schlichtheit bietet das pianistisch anspruchslose Stück in Takt 12 mit einem weitgriffigen Fis-Dur-Septakkord einen leuchtenden Höhepunkt.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 267. Die Töne der kleinen Terz ais und cis – auf der Klaviatur zwei schwarze Tasten – werden dabei mit dem Daumen der rechten Hand angeschlagen, so dass der Akkord nicht arpeggiert werden muss. mini|Der erste Takt des fis-Moll-Préludes Das spannungsvolle fis-Moll-Prélude (Molto agitato) verlangt große Virtuosität. Die von der Rechten gespielten Zweiunddreißigstel-Girlanden über der Melodielinie erinnern an eine Etüde. Wie in dem eröffnenden As-Dur-Stück aus op. 25 kennzeichnete Chopin die Ornamente grafisch, indem er die Noten klein schrieb und stechen ließ.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 591. Dem punktierten Sekundmotiv (cis–d–cis) wird eine dritte rhythmische Ebene hinzugefügt, da die ersten drei Töne der Begleitfigur als Triolen notiert sind.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 267.

Das E-Dur-Prélude (Largo) ist durchgehend im Bassschlüssel notiert und bewegt sich in den tiefen Lagen des Klaviers. Unter einer akkordischen Triolenbewegung der rechten Hand verläuft eine Melodie der Linken mit punktiertem Rhythmus. Die oberen Töne der Triolen bilden ein Motiv, das in Sekundschritten auf- und absteigt. Das Stück zeichnet sich durch reiche Harmonik aus und erreicht in Takt 8 in der Tonart As-Dur einen dynamischen Gipfel.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 590–591.

Das kurze cis-Moll-Prélude (Allegro molto) besteht aus einem viermaligen Wechselspiel zwischen herabrieselnden Fünftonfigurationen und Akkorden in der tiefen Lage. Chopin orientierte sich vermutlich an Franz Schuberts As-Dur-Impromptu op. 90 Nr. 4, das eine ähnliche Struktur aufweist.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 593.

Das H-Dur-Prélude (Vivace) ist eine lyrische Miniatur, die sich aus fortlaufenden und wiegenden Achtelfiguren in beiden Lagen zusammensetzt.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 267. Die oberen Töne bilden ein Grundmotiv aus Sekunden, das über der wellenförmigen Bewegung hörbar ist. Das Klangkolorit ist zwar für Chopin typisch, weist aber auch Schumannsche Züge auf.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 589.

mini|Der Beginn des gis-Moll-Préludes Das gis-Moll-Prélude (Presto) erinnert an eine Repetitionsetüde. Die obligaten Wiederholungen hinterlassen einen zerrenden Eindruck.Christoph Rueger: Frédéric Chopin. 24 Préludes op. 28. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 267. Mit 81 Takten ist es das bislang längste Stück der Sammlung und wird – hinsichtlich der Zahl der Takte – nur von den Werken in Des- und As-Dur übertroffen. Es wirkt, als würden beide Hände einen abgehackten und aggressiven Rhythmus in die Klaviatur hämmern. Die Linke vollführt eine hüpfende ¾-Bewegung, während sich die Rechte in einer auf- und absteigenden Linie nahezu durchgehend in Achteln bewegt. In dieser Linie wird jeder Ton, der nicht auf der Zählzeit liegt, in der folgenden Zählzeit wiederholt.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 593.