Archytas von Tarent (; * wohl zwischen 435 und 410 v. Chr.; † wohl zwischen 355 und 350 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph, Mathematiker, Musiktheoretiker, Physiker, Ingenieur, Staatsmann und Feldherr.
Archytas wirkte in seiner Heimatstadt, der griechischen Kolonie Tarent in Apulien. Als Philosoph gehörte er zur Richtung der Pythagoreer. Bekannt ist er vor allem durch seine freundschaftliche Beziehung zu Platon, durch die angeblich von ihm erfundene fliegende Taube und durch ein Gedankenexperiment, mit dem er die Unendlichkeit des Universums beweisen wollte. Von seinen Schriften, die insbesondere Themen der Mathematik und der Musik behandelten, sind nur wenige Fragmente erhalten geblieben.
Als Wissenschaftstheoretiker war Archytas Optimist. Er meinte, wissenschaftliche Erkenntnis sei leicht zu gewinnen, wenn man über die richtige Methode verfüge. Besonderes Gewicht legte er auf die Mathematik als Grundlagenwissenschaft. Seine bedeutendste mathematische Leistung war die Lösung des Problems der Verdoppelung des Würfels. Sie zeigt, dass er über eine für seine Zeit außergewöhnliche methodische Vielfalt verfügte. Zur musikalischen Harmonielehre trug er mit seiner mathematischen Theorie harmonischer Intervalle bei. In der Optik versuchte er für die Spiegelung und in der Akustik für die unterschiedlichen Tonhöhen eine Erklärung zu finden. Seine wissenschaftlichen Leistungen, von denen wegen der Spärlichkeit der überlieferten Angaben nur wenig bekannt ist, fanden in der antiken Nachwelt und bei modernen Wissenschaftshistorikern Anerkennung.
Eine maßgebliche Rolle spielte Archytas politisch und militärisch als leitender Staatsmann und Stratege seiner Heimatstadt und eines von ihr geführten Bundes griechischer Kolonien Süditaliens. Seine militärischen Erfolge verschafften ihm hohe Autorität. Innenpolitisch setzte er sich für sozialen Ausgleich ein, wobei er es für möglich hielt, ein Gerechtigkeitskonzept wissenschaftlich zu begründen und damit Konsens herbeizuführen.
Leben Archytas’ Vater hieß wahrscheinlich Hestiaios. Nach anderen, weniger glaubwürdigen Angaben war sein Name Mnesagoras, Mnasagetes oder Mnesarchos. Ansonsten ist über die Herkunft des Archytas nichts bekannt. Seine Geburt lässt sich nur ungefähr datieren; sie fällt wohl in die Zeit zwischen 435 und 410 v. Chr.Siehe dazu Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 6; Bernard Mathieu: Archytas de Tarente, pythagoricien et ami de Platon. In: Bulletin de l’Association Guillaume Budé, Jg. 1987, S. 239–255, hier: 240. Offenbar war seine Familie reich; die anekdotische Überlieferung zeigt ihn als Großgrundbesitzer.Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 18; George C. Brauer: Taras. Its History and Coinage, New Rochelle 1986, S. 45 f.
Wissenschaft
Cicero berichtet, der philosophische Lehrer des Archytas sei Philolaos von Kroton gewesen.Cicero, De oratore 3,34,139. Das ist plausibel, aber nicht gesichert.Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 7, 34, 46; Monte Ransome Johnson: Sources for the Philosophy of Archytas. in: Ancient Philosophy 28, 2008, S. 173–199, hier: 181. Philolaos gehörte der Schule der Pythagoreer an, die sich auf die Lehren des Pythagoras von Samos beriefen. Nach Angaben des römischen Schriftstellers Valerius MaximusValerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 4,1,ext.1. erhielt Archytas eine lange, gründliche Ausbildung in Metapont, einem traditionellen Zentrum des Pythagoreismus. Dort hatte im 6. Jahrhundert v. Chr. Pythagoras gelebt und gelehrt. Archytas fügte sich in die pythagoreische Tradition ein, doch das bedeutet nicht, dass er sie dogmatisch übernahm. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde er in erster Linie als eigenständiger Denker wahrgenommen, der an Themen und Ideen der Pythagoreer anknüpfte. Aristoteles unterschied klar zwischen den Auffassungen des Archytas und denen der „sogenannten“ Pythagoreer, mit denen er sich separat auseinandersetzte. – Von den Schülern des Archytas sind nur der Mathematiker Eudoxos von Knidos und ein Archedemos, den Platon schätzte, namentlich bekannt.Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 6–8. Vgl. zur Eigenständigkeit des Archytas als Philosoph Monte Ransome Johnson: Sources for the Philosophy of Archytas. in: Ancient Philosophy 28, 2008, S. 173–199, hier: 176 f.
Politische und militärische Aktivität Tarent hatte ab ungefähr 473 v. Chr. eine demokratische Verfassung,George C. Brauer: Taras. Its History and Coinage, New Rochelle 1986, S. 27 f. und Anm. 5; Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 17 f. stand aber im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) auf der Seite Spartas, dessen Mischverfassung von monarchischen und aristokratisch-oligarchischen Elementen geprägt war, und stellte sich damit gegen das demokratische Athen. Sparta war die Mutterstadt von Tarent, das einst von spartanischen Kolonisten gegründet worden war. Syrakus, die Vormacht im griechisch besiedelten Teil Siziliens, zählte ebenfalls zu den schließlich siegreichen Feinden Athens. Nach dem Ende des Krieges nahm Tarent eine freundliche Haltung gegen Syrakus ein und hielt sich aus den militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Tyrannen Dionysios I. von Syrakus und einer 393 gebildeten Liga süditalischer Griechenstädte heraus. Nachdem der Tyrann 379/378 die führende Stadt der Liga, Kroton, erobert hatte, übernahm Tarent die Führung der Liga, wohl im Einvernehmen mit Dionysios, und entwickelte sich zur Führungsmacht im festländischen Teil der Magna Graecia, der griechisch besiedelten Teile Siziliens und des süditalischen Festlands. Nun begann eine Blütezeit der Stadt. In diese Periode, die siebziger und sechziger Jahre des 4. Jahrhunderts v. Chr., fiel die politisch-militärische Glanzzeit des Archytas, der bereits eine vorteilhafte Ausgangslage vorfand und dann die Gunst der Verhältnisse zu nutzen wusste. Militärisch war Tarent damals eine regionale Großmacht, es war etwa so stark wie Athen vor dem Ausbruch des Peloponnesischen Krieges und verfügte über eine bedeutende Flotte. Nach Angaben, die Strabon überliefert, konnte die Stadt 30.000 Infanteristen und 4000 Kavalleristen aufbieten.George C. Brauer: Taras. Its History and Coinage, New Rochelle 1986, S. 31, 43–45; Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 5, 9–11; Pierre Wuilleumier: Tarente des origines à la conquête romaine, Paris 1939, S. 62–66.
mini|Der Aktionsraum des Archytas. Für Tarent ist der griechische Name Taras angegeben. Die Umstände von Archytas’ Aufstieg zu einer führenden Stellung sind nicht dokumentiert. Sicher ist jedenfalls, dass er sich militärisch auf außergewöhnliche Weise bewährte. Der kaiserzeitliche Philosophiegeschichtsschreiber Diogenes Laertios, der sich wahrscheinlich auf Angaben des gut informierten Philosophen Aristoxenos stützte, hob rühmend hervor, dass Archytas als Einziger siebenmal von seinen Mitbürgern zum Feldherrn (Strategos) gewählt wurde, obwohl das Gesetz keine Wiederwahl nach dem Ende der einjährigen Amtszeit zuließ.Diogenes Laertios 8,79. Gemeint war wohl, dass er siebenmal hintereinander einem Kollegium von gewählten Feldherren angehörte, obwohl unmittelbare Wiederwahl verboten war, da man einer gefährlichen Machtkonzentration vorbeugen wollte. Offenbar wurde die gesetzliche Vorschrift durch einen Volksbeschluss eigens für Archytas außer Kraft gesetzt. Diese Sonderregelung illustriert das außerordentliche Vertrauen, dessen er sich erfreute. Als Befehlshaber besaß er Sondervollmachten, die mit seinem Titel strategós autokrátor verbunden waren; er durfte wohl militärische Entscheidungen nach eigenem Ermessen fällen, unterstand aber letztlich der Aufsicht der Volksversammlung seiner Mitbürger. Einmal legte er das Feldherrnamt nieder, angeblich infolge von Machenschaften neidischer Gegner; darauf erlitten die Tarentiner prompt eine Niederlage, womit seine Unersetzlichkeit bewiesen war.Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 10–14; Pierre Wuilleumier: Tarente des origines à la conquête romaine, Paris 1939, S. 68–71.
Als führender Staatsmann und Stratege Tarents war Archytas zugleich Oberkommandierender der Streitkräfte der Liga. Deren Zweck war hauptsächlich der gemeinsame Kampf der griechischen Siedler gegen ihre traditionellen Gegner, die einheimischen Italiker, gegen die Tarent schon im 5. Jahrhundert v. Chr. mit wechselndem Erfolg vorgegangen war. Die Feldzüge des Archytas gegen die Italiker waren alle erfolgreich.Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 9–14; Pierre Wuilleumier: Tarente des origines à la conquête romaine, Paris 1939, S. 70–73.
Verhältnis zu Platon Zur Bekanntheit des Archytas in späterer Zeit trug vor allem seine Beziehung zu Platon bei. Den später berühmten athenischen Philosophen lernte er kennen, als dieser bei seiner ersten Italienreise (388/387 v. Chr.), bevor er Dionysios I. in Syrakus aufsuchte, einen Aufenthalt in Tarent einlegte. Archytas wurde Gastfreund (xénos) des Atheners. Platon war wohl in erster Linie an Archytas’ Mathematikkenntnissen interessiert, weniger an seinen philosophischen Ansichten. Das Gastfreundschaftsverhältnis beinhaltete gegenseitige Verpflichtungen zu beiderseitigem Vorteil, war aber nicht notwendigerweise mit einer engen persönlichen Freundschaft verbunden. Die späte Überlieferung, der zufolge Platon von Archytas philosophische Erkenntnisse erhoffte oder sogar sein Schüler wurde, ist nicht vertrauenswürdig.Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 32–35, 37, 41; Bernard Mathieu: Archytas de Tarente, pythagoricien et ami de Platon. In: Bulletin de l’Association Guillaume Budé, Jg. 1987, S. 239–255, hier: 246 f.; Monte Ransome Johnson: Sources for the Philosophy of Archytas. in: Ancient Philosophy 28, 2008, S. 173–199, hier: 182 f. Unglaubwürdig ist auch eine späte Legende, der zufolge Platon auf Befehl des syrakusischen Tyrannen versklavt und von Archytas gekauft und freigelassen wurde.Alice Swift Riginos: Platonica, Leiden 1976, S. 90 f.