Das im Jahr 1933 in Deutsches Reichssportabzeichen umbenannte Sportabzeichen – auch als Reichssportabzeichen bekannt oder ab 1937 als Deutsche Reichsauszeichnung für Leibesübungen bezeichnet – war eine Auszeichnung im Bereich des Breitensports, die im Nationalsozialismus in der Zeit von 1933 bis 1944 verliehen wurde. Mit der Verordnung vom 1. Juli 1937 wurde es zum Staatsabzeichen (Orden) erklärt.

mini|Deutsches Reichssportabzeichen in Silber

Vorgeschichte Im Deutschen Kaiserreich – Der Beginn eines Sportabzeichens Bereits im Deutschen Kaiserreich wurde damit begonnen, ein Sportabzeichen zu schaffen. Carl Diem war es, der die Initiative für die Organisation „eine[r] öffentlich[en] Auszeichnung“ ergriff, die im Rahmen der „allgemein[en] Körperertüchtigung“ angedacht war.Carl Diem zit. nach Scherer: Orden für Millionen. 75 Jahre Deutsches Sportabzeichen. 1988, S. 10.

Während der Olympischen Sommerspiele 1912 in Stockholm verfolgte der Sportfunktionär Diem das erfolgreiche Abschneiden der schwedischen sowie der amerikanischen Nation. Dabei sammelte er wertvolle Erfahrungen, die in seine Sportabzeicheninitiative einfließen sollten. Am 29. September 1912 stellte Carl Diem vor der Hauptversammlung des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele (DRAFOS) im Palast-Hotel in Berlin einen Antrag zur „Einführung eines deutschen Sportabzeichens“.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 2. Die geplante Auszeichnung sollte sich an den bestehenden Modellen aus den USA (Athletic Badge von 1904) und aus Schweden (Idrotts-Märket von 1907) orientieren. Diem präsentierte hierfür „den Vertretern der deutschen Turn- und Sportverbände“ das schwedische Material der Idrotts-Märket.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 1–3.Scherer: Orden für Millionen. 75 Jahre Deutsches Sportabzeichen. 1988, S. 12–13.

Am 21. Oktober 1912 wurde eine Besprechung zu einem deutschen Sportabzeichen abgehalten. Bereits am 10. November 1912 folgte die Verabschiedung der vorläufigen Bedingungen für den Erwerb eines Sportabzeichens auf der Hauptversammlung des DRAfOS. Des Weiteren wurde Carl Diem zum Generalsekretär des DRAfOS ernannt. Die verbindlichen Auszeichnungsbedingungen wurden am 21. März 1913 im »Stadion-Kalender« des DRAfOS veröffentlicht. Aufgrund der distanzierten Haltung der Deutschen Turnerschaft (DT) wurde die sportliche Auszeichnung nicht wie geplant als Deutsches Turn- und Sportabzeichen eingeführt, sondern erhielt den Namen Auszeichnung für vielseitige Leistungen auf dem Gebiet der Leibesübungen. Die ersten Prüfungen wurden am 7. September 1913 abgenommen. Unter anderem gehörte auch Carl Diem zu den ersten Personen, denen das Sportabzeichen verliehen wurde. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden die Leistungsabnahmen für ein Sportabzeichen eingestellt – fast 1300 Auszeichnungen wurden bis dato vergeben.Becker: Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882–1962). Bd. 1: Kaiserreich. 2009, S. 161–163.Buschmann & Lennartz: 75 Jahre Deutsches Sportabzeichen. 1988, S. 21.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 3, S. 48.Scherer: Orden für Millionen. 75 Jahre Deutsches Sportabzeichen. 1988, S. 13–14.

In der Weimarer Republik – Ausbau und Umbenennung Die distanzierte Haltung vonseiten der Deutschen Turnerschaft relativierte sich schrittweise nach Ende des Ersten Weltkrieges, sodass kooperierend an einer Fortsetzung eines Sportabzeichens mitgewirkt wurde. 1919 konnten die Sportabzeichenprüfungen in der Weimarer Republik wieder aufgenommen werden. Im Jahr 1920 folgte die Umbenennung in Deutsches Turn- und Sportabzeichen, wofür nun der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA) zuständig war. Carl Diem war bestrebt, weiterhin als Generalsekretär des DRA die Wahlmöglichkeiten auf die körperlichen Grundfertigkeiten zu begrenzen. Dennoch versuchten die Fachverbände kontinuierlich die jeweilige Sportart in eine der fünf Prüfungsgruppen aufnehmen zu lassen.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 5, S. 10–11.

Einen Meilenstein in der Entwicklung des Sportabzeichens stellte das Jahr 1921 dar – seit dem 29. Januar hatten alle Staatsbürger ab dem 18. Lebensjahr die Möglichkeit, das Deutsche Turn- und Sportabzeichen zu erwerben. Fortan waren auch Frauen zur Leistungserbringung zugelassen. Die erste Frau, die diese Auszeichnung verliehen bekam, war Adele Schacke vom Schwimmverein Göttingen 08.Günter Herkel: Sportorden für jedermann – 100 Jahre Deutsches Sportabzeichen. In: Website von Deutschlandradio Kultur. deutschlandradiokultur.de (abgerufen am 7. Februar 2014). Ein weiteres nicht außer Acht zu lassendes Kriterium war die Vereinsmitgliedschaft, die nicht mehr zwingendes Kriterium des Erwerbs war und somit zu einem zusätzlichen Anstieg der Verleihungszahlen führte. Am 14. März 1925 erweiterte der DRA nach langwierigen Verhandlungen das Sportabzeichen mit dem Reichsjugendabzeichen, wobei vorerst nur die männliche Jugend die Prüfungen ablegen durfte. Letztlich war es mit Genehmigung vom 17. November 1927 auch den Mädchen gestattet, das Reichsjugendabzeichen zu erwerben.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 6.Scherer: Orden für Millionen. 75 Jahre Deutsches Sportabzeichen. 1988, S. 20–22.

Als Ergebnis der wachsenden Spannungen zwischen den einzelnen Sportbewegungen und der sich aufbäumenden Ideologisierung innerhalb der jungen Republik erhielten Ende der Zwanziger Jahre weitere Sportabzeichen Einzug, die in Konkurrenz zum Deutschen Turn- und Sportabzeichen standen. Besonders zwischen der bürgerlich-nationalen Sportbewegung und der Arbeitersportbewegung entbrannten Konflikte. Die neu eingeführten Abzeichen gewannen schnell an Bedeutung, zumal die Verleihungszahlen des Deutschen Turn- und Sportabzeichens während der Weltwirtschaftskrise teilweise stark stagnierten und jeder Verband die eigenen Anhänger binden wollte. Auf bürgerlicher Seite entstand beispielsweise die „Leistungsprüfung des Deutschen Turnbundes“ (1928), das „Stahlhelm-Wehrkreuz“ (1930) und die „Leistungsprüfung des Reichskuratoriums für Jugendertüchtigung“ (1933). Im Arbeitersport wurde das „Arbeitersportabzeichen“ (1932) eingeführt, welches vom sozialdemokratisch ausgerichteten Zentralkomitee (ZK) verliehen wurde. Außerdem wurde für kommunistisch orientierte Arbeitersportler das Abzeichen „Bereit zum proletarischen Klassenkampf“ (1931) geschaffen.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 50–52.

Alle Sportabzeichen/Leistungsabzeichen orientierten sich prinzipiell am Deutschen Turn- und Sportabzeichen. Diese beinhalteten ebenso körperliche Vielseitigkeitsprüfungen im Bereich des Breitensports und waren zudem durch die wesentlichen Prüfungsbestandteile des Deutschen Turn- und Sportabzeichens gekennzeichnet. Dennoch unterschieden sich die Konkurrenzabzeichen durch zwei entscheidende Details. Zum einen wurde auf die Wehrkraft der Bewerber abgezielt. Besondere Leistungen standen hierbei im Vordergrund wie beispielsweise Kleinkaliberschießen, Tarnung, Gepäckmarsch, Gelände- und Hindernislauf, Kommando- und Kartenkunde, Entfernungsschätzen, Keulenzielwurf u. a. Zum anderen gab es die „politisch-ideologischen Prüfungsbestandteil[e]“, die die „persönliche Bewährung und Haltung“ als auch „Kenntnisse in 'völkischem' bzw. 'proletarischem Wissen'“ usw. des Athleten prüften.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 52. Nur das Arbeitersportabzeichen des Zentralkomitees löste sich von all diesen Besonderheiten und kann aus heutiger Sicht als gleichwertiges Konkurrenzabzeichen angesehen werden.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 51–53.

Entwicklung des Reichssportabzeichens im Nationalsozialismus Mit der nationalsozialistischen Diktatur begann eine neue Periode des Sports in Deutschland. Folgenschwere Probleme kamen auf Vereine und Verbände zu, die während der Weimarer Zeit gegründet worden waren oder mit der nationalsozialistischen Ideologie kollidierten. Auch der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen gab dem Druck der neuen Machthaber nach und löste sich 1933 auf (offizielles Datum der Auflösung: 10. Mai 1933). Damit händigte man den bürgerlich organisierten Sport den Nationalsozialisten aus. Eine der letzten Amtshandlungen des DRA war eine dem Regime angepasste weitere Namensänderung in Deutsches Reichssportabzeichen sowie Reichsjugendsportabzeichen (RJA), die noch im März desselben Jahres stattfand. Während dieser Umbruchphase beorderten die Nationalsozialisten für den Sport den SA-Gruppenführer Hans von Tschammer und Osten, der am 28. April 1933 zum Reichssportkommissar für Turnen und Sport (ab dem 19. Juli 1933 als Reichssportführer tätig) berufen wurde. Häufig verhinderten Machtkämpfe innerhalb bzw. zwischen den sportlichen Abteilungen eine Zusammenarbeit, sodass kein gemeinsames Ziel verfolgt wurde. Die Verleihung wurde nach Auflösung des DRA stellvertretend für den Reichssportkommissar bzw. -sportführer auf Ortsebene durchgeführt. Am 9. März 1934 ging aus dem aufgelösten DRA der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen (DRL) als neue oberste Sportbehörde im Deutschen Reich hervor. Sogleich wurden die Prüfungsbedingungen für das Reichssportabzeichen in geringem Umfang überarbeitet. Durch das Hinzufügen von wehrsportlichen Inhalten passte man das Reichssportabzeichen den „Erfordernissen des nationalsozialistischen Staates“ an.Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 13–14, S. 54. Ebenso oblag die Gestaltung des Abzeichens einiger Modifizierungen. Während der Verleihungszeit im Dritten Reich prangte fortan ein Hakenkreuz im unteren Bereich auf der Bandschleife und aus den Buchstaben DRA wurden die Buchstaben DRL (ab 1935).Luh: 75 Jahre deutsches Sportabzeichen. Sport und gesellschaftlicher Wandel. In: Beiträge zur Deutschlandforschung. Bd. 6. 1989, S. 13–14, S. 53–55.Scherer: Orden für Millionen. 75 Jahre Deutsches Sportabzeichen. 1988, S. 27–30. mini|Stoffausführung des Deutschen Reichssportabzeichen In Bronze