Les Passions de l’âme (deutsch: Die Leidenschaften der Seele) ist ein Aufsatz von René Descartes aus dem Jahre 1649. mini|Les Passions de l’âme, Paris 1649 Descartes wollte darin die menschlichen Leidenschaften analysieren und wissenschaftlich erläutern. Im ersten Teil beschreibt Descartes zunächst ausführlich den Körper und dessen Funktion. Dann erläutert er den Begriff der Seele und auch ihre Funktionsweise. Im zweiten Teil widmet sich Descartes den Emotionen. Er betrachtet sie eingehend und geht detailliert auf ihre Funktion, ihre Symptome und ihre einzelnen Eigenschaften ein.
Erster Teil Zunächst wird klargestellt, dass man, um dieses Thema adäquat behandeln zu können, Körper und Seele als zwei getrennte und unabhängig voneinander funktionierende Dinge begreifen müsse. Dies sei nur dann möglich, wenn man die rein körperlichen Vorgänge dem Körper zuschreibe und die restlichen Vorgänge der Seele zuteilwerden lasse (Teil I, Artikel 2–3). Er schreibt in Artikel 4 alle Gedanken der Seele, und alle Arten der Wärme und Bewegung dem Körper zu. Die Funktionsweise des Körpers vergleicht Descartes mit einer Maschine. Er stirbt nicht durch das Verschwinden der Seele, sondern durch das Versagen wichtiger Organe. Die Seele entweicht dem Körper demnach als Folge seines Todes, nicht umgekehrt (Teil I, Artikel 5–6).
Wie der Körper funktioniert Descartes betrachtet zunächst den Aufbau und die Funktion des Körpers (Teil I, Artikel 7–16). Dabei geht er detailliert auf den Verlauf der Adern und das darin fließende Blut ein. Deren Beschreibung ist ebenso wie die Beschreibung des Herzens und der Muskelbewegungen im Grunde medizinisch korrekt (Teil I, Artikel 7; 9; 11), der wichtigste Punkt aber ist die Beschreibung des Gehirns und der damit verbundenen Nervenbahnen. Denn die Muskelbewegungen und die Sinneseindrücke hängen von den Nerven ab, „die alle wie feine Fäden oder Röhrchen aus dem Gehirn kommen“ und es mit dem Körper verbinden (Teil I, Artikel 7; 12). Hier spielt sich nun etwas Besonderes ab: Descartes beschreibt eine Art Gas, das wie „sehr feine Luft oder Aether“ (Teil I, Artikel 7) sich sehr schnell bewegen und durch die Nerven oder die Adern in großen Mengen ins Gehirn strömen kann (Teil I, Artikel 7–10). Dieses Gas nennt er „Lebensgeister“. Wegen ihrer feinen Art aber treten sie bald „durch die Poren der Gehirnsubstanz wieder aus, gelangen von da in die Nerven und Muskeln und setzen damit den Körper auf alle mögliche Art in Bewegung“ (Teil I, Artikel 10). In Artikel 11 beschreibt Descartes genau, wie die Lebensgeister, die aus dem Gehirn durch die Nerven strömen, die im Muskel befindlichen Lebensgeister anregen und dadurch Muskelkontraktionen hervorrufen und steuern, was die Bewegungen verursacht. Des Weiteren können auch unsere Sinneseindrücke den Lauf der Lebensgeister steuern und den Körper reflexartig auf zum Beispiel visuelle Eindrücke reagieren lassen.
Zu den reflexartigen Bewegungen zählt Descartes all jene, die wir den Tieren gleichhaben, wie das Essen, Atmen, Gehen und so weiter. Diese Bewegungen werden nicht von unserem Willen gesteuert, sondern resultieren aus der Öffnung und Schließung bestimmter Poren und der Freilassung der Lebensgeister in die Nerven und Adern, ausgelöst durch bestimmte Sinneseindrücke (Teil I, Artikel 11).
Wie die Seele funktioniert Alle Wirkungen, die nicht dem Körper zugeschrieben werden können, gehören demnach zur Seele. Diese hat zwei Zustände: die tätigen Zustände und die leidenden Zustände. Zunächst zu den ersten Zuständen, zu denen das „Wollen“ gehört, was das Wissen voraussetzt (Teil I, Artikel 19), und von dem es zwei Arten gibt. Dazu gehören die Gedanken, die sich nicht äußerlich zeigen, wie das gezielte Denken an einen bestimmten Gegenstand. Die zweite Art des Wollens endet in gezielten Bewegungen des Körpers, zum Beispiel bei der Bewegung der Beine, will man spazieren gehen.
Die Seele könne demnach mit dem Körper interagieren und sei, obwohl Descartes’ Dualismus nach eigenständig, mit dem ganzen Körper untrennbar verbunden. Der Ort, an dem sie aber besonders mit dem Körper interagieren kann, ist das Gehirn. Descartes spricht hier von einer kleinen „Eichel“, die sich in der Mitte des Gehirns befindet und wo die Lebensgeister besonders aktiv sind (Teil I, Artikel 30–36). Descartes schreibt dieser Eichel deshalb eine solch besondere Rolle zu, weil sie im Gehirn keinen Gegenpart hat. Damit ist sie der perfekte Sammelpunkt für alle Sinneseindrücke, die der Körper empfängt, und kann mittels der Lebensgeister Reaktionen hervorrufen oder der Seele zuspielen. In der Eichel hat die Seele ihren Hauptsitz und „[…] strahlt nach dem ganzen Körper vermittels der Lebensgeister, der Nerven und selbst des Blutes […].“ (Teil I, Artikel 34). An einem Beispiel zeigt Descartes, wie die Sinneseindrücke die Lebensgeister in der Eichel in Bewegung bringen und die Seele durch ebendiese mit dem Körper interagieren kann:
„Sehen wir z. B. ein Thier auf uns zukommen, so malt das zurückgeworfene Licht seines Körpers zwei Bilder von ihm, eines in jedem unserer Augen, und diese Bilder erzeugen zwei andere mit Hülfe des Sehnerven in der inneren Fläche des Gehirns […]; von dort strahlen diese Bilder durch Vermittlung der […] Lebensgeister in der Weise nach der kleinen Eichel, welche von diesen Geistern umgeben ist […]. So bilden beide Bilder im Gehirn nur eines auf der Eichel, was unmittelbar auf die Seele wirkt und sie die Gestalt des Thieres sehen lässt.“ (1, 35).
Die Seele erkennt das Tier und kann es anhand von Erinnerungen als gefährlich einstufen. Diese Information wird dann wieder von den Lebensgeistern aufgenommen, die zurück in die Eichel strömen. Der Körper kann dann mit einem Flucht- oder Verteidigungsmechanismus reagieren, indem die Lebensgeister bestimmte Poren des Herzens verengen oder erweitern und so den Puls steuern und die Muskeln der Beine durch die Nerven in Bewegung setzen (Teil I, Artikel 35f). So kann die Seele durch das Stimulieren der Eichel den Körper so bewegen, wie es ihrem „Willen“ entspricht. Ebenso kann sie durch das gezielte Anstoßen der Lebensgeister in der Eichel Erinnerungen im Gehirn wachrufen, auf die sie sich besinnen will (Teil I, Artikel 42).
Erinnerungen spielen auch in einem anderen Sinn eine Rolle. Descartes erklärt in einem späteren Kapitel: „Zwischen Seele und Körper besteht nämlich eine solche Verbindung, dass, wenn eine körperliche Handlung einmal mit einem Gedanken verbunden worden ist, dann das eine von beiden auch das andere später hervorruft. [Aber es] werden nicht immer dieselben Handlungen mit denselben Gedanken verbunden.“ Damit erklärt er, warum Menschen verschieden auf dieselben Reize reagieren. Als Beispiel gibt er an, dass eine Katze, obwohl ein beliebtes Haustier, bei einigen Menschen auf Widerwillen stößt. Dies sei so, weil man als Kind vielleicht eine schlechte Erfahrung mit einer Katze gemacht hat, und obwohl man sich selbst nicht mehr erinnert, hat das Gehirn das Bild der Katze mit einem negativen Gefühl verbunden. Und so spürt die Seele den Widerwillen immer aufs Neue, wenn im Gehirn die Erinnerung an Katzen geweckt wird (Teil II, Artikel 136).
Über die Leidenschaften Die leidenden Zustände der Seele sind die Leidenschaften. Obgleich sie durch die Sinneseindrücke und den Lauf der Lebensgeister geweckt werden können (Teil I, Artikel 27), scheint ihre Wirkung nur in der Seele zu liegen. Durch die Leidenschaften tritt deutlich die enge Verbindung zwischen Körper und Seele zutage, da diese von der Bewegung der Lebensgeister bewirkt, unterhalten und verstärkt werden. Descartes definiert die Leidenschaften der Seele in Artikel 28 wie folgt:
„Man kann sie auch Empfindungen nennen, weil die Seele sie ebenso wie die Gegenstände der äußeren Sinne empfängt und nur so kennen lernt; aber noch besser werden sie Erregtheiten genannt, da dieser Name nicht bloß allen Veränderungen in der Seele beigelegt werden kann, d. h. allen aufsteigenden Gedanken, sondern hauptsächlich, weil von allen ihren Gedanken keine sie so stark bewegen und erschüttern als diese Leidenschaften.“ (Teil I, Artikel 28)
Zu den Leidenschaften gehören alle Empfindungen oder Emotionen wie Freude, Zorn und ähnliches. Es ist für Descartes wichtig zu erkennen, dass echte Leidenschaften nicht vorgetäuscht werden können. Gegenstände oder Situationen kann man sich zwar lebhaft ins Gedächtnis rufen und auch im Traum klar erkennen, „[a]ber man kann nicht in derselben Weise getäuscht werden bezüglich der Passionen, da sie so nah und unserer Seele so innerlich sind, dass sie sie unmöglich empfindet, ohne dass sie tatsächlich so geartet sind, wie sie sie empfindet“. (Teil I, Artikel 26, Seite 19 in der Meiner-Ausgabe 2014)
Wie unverwechselbar die Leidenschaften sind, lässt sich auch an ihrer beharrlichen Intensität bemerken. Es ist nämlich so, dass keine Leidenschaft von uns allein durch unseren Willen geweckt werden kann. Dies liegt daran, dass sie ja durch die Lebensgeister geweckt und erhalten wird, die mit den Sinnen in Verbindung stehen. Wollten wir uns jetzt aber durch bloßen Willen und ohne äußeren Einfluss einer Emotion hingeben oder in bestimmten Situationen erwecken, so müssten wir uns ganz auf eine Erinnerung besinnen, was die Lebensgeister im Gehirn dazu anregt, die Orte aufzusuchen, in denen die Erinnerung liegt, um dann mit der Seele zu interagieren und Leidenschaften zu wecken. Dass aber allein die Lebensgeister und nicht unser Wille für die Erweckung der Leidenschaften zuständig ist, bedeutet im Umkehrschluss auch, dass diese auch nicht vom Willen kontrolliert werden können. So bleiben die Leidenschaften so lange akut, wie wir dem Reiz ausgesetzt sind, der die Lebensgeister aktiviert hat: (Teil I, Artikel 46)
Auf diese Weise kann man versuchen, dem Reiz zu entkommen oder zumindest seine Reaktion zu kontrollieren. Zum Beispiel kann ein Erzürnter die zum Schlag erhobene Faust bremsen oder der Verängstigte kann die Beine an der Flucht hindern (Teil I, Artikel 45f).
Descartes geht noch auf einen scheinbar weit verbreiteten Irrtum ein, nachdem die Leidenschaft im Herzen (und nicht im Gehirn) entstehen würde. Diese Fehlannahme ließe sich durch den Verlauf der Nerven erklären: Die Veränderung der emotionalen Lage durch die Bewegung der Lebensgeister wird mittels eines kleinen Nerven, der vom Gehirn in das Herz langt, automatisch dorthin weitergeleitet. Daher empfindet man viele Emotionen im Herzen, obwohl sie nicht dort entstehen (Teil I, Artikel 33).
Zweiter Teil Im zweiten Abschnitt der „Leidenschaften der Seele“ widmet sich Descartes den Leidenschaften im Einzelnen und betrachtet insbesondere die sechs ursprünglichen Leidenschaften und deren Nutzen: Die letzten Ursachen der Leidenschaften in der Seele seien zwar die Lebensgeister, aber um eine genaue Erkenntnis um die Leidenschaften zu erhalten, müsse man sie genauer beobachten. Denn auch wenn die meisten Leidenschaften durch die Sinneseindrücke erweckt werden, gibt es noch andere Auslöser. Dazu gehören die Tätigkeiten der Seele, der Zustand des Körpers oder zufällig entstehende Eindrücke im Gehirn. Allerdings gibt es weniger Leidenschaften als äußere Eindrücke und nicht auf jeden Eindruck reagieren wir in jeder Situation mit einer Leidenschaft, dies geschieht nur, wenn jener wichtig für uns ist (Teil II, Artikel 51f).
Es sollen hier nun die wichtigsten Leidenschaften genannt werden und ihr Sinn, ihre „Symptome“ und körperlichen Ursachen sowie ihre Wirkungen auf den Körper untersucht werden.
Die sechs ursprünglichen Leidenschaften Zu den sechs ursprünglichen Leidenschaften gehören: Verwunderung, Liebe, Hass, Trauer, Freude und Begierde.
Die Verwunderung