Als Compositiones bzw. Compositiones medicamentorum wird die Mitte des 1. Jahrhunderts verfasste umfangreiche Sammlung medizinischer (pharmakotherapeutischer) Rezepte des römischen Arztes Scribonius Largus in lateinischer Sprache bezeichnet.

Quellen und Gliederung des Textes Stellung der Compositiones im zeitlichen Kontext Die Rezeptzusammenstellungen des Scribonius Largus wurden ungefähr zwischen 43 und 48 n. Chr.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 177. geschrieben. Sie liegen damit zeitlich zwischen den ebenfalls lateinisch geschriebenen Werken 'De medicina' von Celsus und 'Naturalis historia' des Plinius. Es gibt in den 3 Büchern zahlreiche Überschneidungen, möglicherweise wurden die gleichen Quellen benutzt. Viele von Scribonius Largus genannte Pflanzen finden sich auch bei Plinius, speziell im Band XX 'Medizin und Pharmakologie' und bei Celsus im Buch V 'Pharmakologie...'.

Allerdings stellt sich Scribonius Largus selbst als Praktiker dar, der weniger in Texten Informationen sucht, sondern sich mit seinen Kollegen austauscht. Er zitiert über 20 Ärzte, darunter auch den an anderer Stelle genannten Zopyros. Die Ärzte tragen häufig griechische Namen, auch die Krankheiten und die Heilmittel sind häufig griechisch oder lateinisch mit griechischem Synonym bezeichnet.

Gesamtaufbau des Buches Das Buch gliedert sich in ein Grußwort, 271 Rezepte und eine kurze Schlussbemerkung. Die Rezepte sind in Gruppen von 1 bis 5 Rezepten zu einer Krankheit oder einem Symptomenkreis zusammengefasst. In den ersten 162 Rezepten werden die Krankheiten des Menschen nach dem Schema „von Kopf bis Fuß“ beginnend mit Kopfschmerz und endend mit Fußgicht abgehandelt. Die Rezepte 163 bis 178 enthalten Mittel gegen Schlangengift und Antidote, 179 bis 200 gegen schädliche Stoffe wie Pilze oder Bilsenkraut. Danach legt Scribonius Largus in einem kurzen Zwischenabschnitt dar, dass sich die bisherigen Rezepte hauptsächlich mit der diaetetia beschäftigt hätten und die folgenden an den chirurgos richten. Ganz ist das nicht durchgehalten, viele der folgenden Rezepte haben aber in der Form von Pflastern (emplastra) einen Bezug zu Verwundungen und krankhaften Hautveränderungen.

Aufbau der einzelnen Rezepte Die Rezepte sind unterschiedlich lang, meistens für eine Erkrankung, manchmal auch für mehrere. Ab und an sind mehrere Rezepte in einem zusammengefasst, oder es sind Kommentare eingefügt. Sehr häufig ist aber der Aufbau: zu behandelnde Erkrankung, Auflistung der Ingredienzien mit genauen Mengenangaben, Beschreibung der Zubereitung, Angaben zur Verabreichung. Als Beispiel composition LXXXVII:

Inhalt Die Widmung Scribonius Largus beginnt seine Rezeptsammlung mit einem Gruß an den einflussreichen Freigelassenen Gaius Iulius Callistus.Deutsche Übersetzung in: Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 45–49: Scribonius Largus, Rezeptzusammenstellungen (aus dem Vorwort): Scribonius Largus an seinen Freund Callistus. Engagiert verficht er hier die Verwendung der Heilstoffe im Rahmen der ärztlichen Kunst zum Wohle des Patienten. Er beruft sich auf Hippokrates und nimmt Stellung zu einem damals ausgetragenen Streit um den bekannten Arzt Asklepiades.

Scribonius Largus in seinen Rezepten Scribonius Largus stellt sich in seinen Compositiones selbstbewusst als erfolgreich praktizierenden Arzt dar. Mehrfach verwendet er die Verbform: 'probo' = habe ich verwendet und für gut gefunden. Im Rezept CXVIII schreibt er gar: 'hoc ego iam stercus per os eicientem, quod signum mortiferum est, sanavi …'Scribonius Largus, Sergio Sconocchia 'Dadurch habe ich …, der schon Kot durch den Mund auswarf – ein totverkündendes Anzeichen – geheilt.'Wilhelm Schonack: Scribonius Largus, Deutsche Übersetzung.

Scribonius Largus bezieht sich auf etwa 20 noch lebende oder bereits verstorbene Arztkollegen, von denen er Rezepte übernimmt, mit denen er aber auch dissente Ansichten ausficht. Er erwähnt auch häufig Angehörige aus dem Umkreis des Kaisers Claudius (zum Beispiel CCLXXI: 'acopum, quo fere Augusta et Antonia usae sunt...'), um so seine Bedeutung und Nähe zu den Mächtigen der Welt darzustellen.

Die Krankheiten und Symptome Es werden circa 150 Gründe zur Anwendung einer Composition genannt. Dabei handelt es sich nicht um Krankheiten im Sinne des ICDPschyrembel, sondern um Symptome, Symptomkomplexe, mehr oder minder klare Krankheitsbilder und schädliche Substanzen. Eine genaue Zahl kann aus Abgrenzungsgründen schwer ermittelt werden: soll man 'Husten', 'Husten mit Auswurf', 'alten Husten' getrennt zählen? Ist 'harte Leber' zusammen mit 'Leberleidende' zu betrachten?

Es werden eine Reihe offensichtlicher Symptome körperlicher Beeinträchtigungen behandelt, wie Schmerz in verschiedenen Körperteilen, Fieber, der Komplex Husten/Schnupfen/Heiserkeit, Verdauungsprobleme mit Verstopfung, Schmerz und Durchfall, Vergiftungen, Verwundungen. Die Symptome werden genau beobachtet und beschrieben. Es wird zum Beispiel einem Rezept für Schwellung und Schmerz der Harnblase (CXLVI) ein Rezept mit dem weiteren Symptom 'die schwer Urin lassen können' (CXLVII) zur Seite gestellt. Die genaue Beschreibung in Rezept CI: …deren Kinnmuskel unter heftigen Schmerzen so stark gespannt sind, daß sie auf keine Weise den Mund öffnen können: die Griechen nennen diese Krankheit τέτανος findet sich im heutigen Krankheitsbild Tetanus/Wundstarrkrampf wieder. Scribonius Largus geht aber auch auf die Krankheitsdefinitionen seiner Zeit ein. Er hat Compositionen für Milzkranke (lienosos) oder Magenkranke (stomachios), meistens werden aber die Symptome beschrieben.

Die Heilmittel Die Rezepturen basieren gemäß Christian Schulze auf 242 Pflanzen, 36 Mineralien und 27 tierischen DrogenChristian Schulze, Rom, Scribonius Largus; eigene Zählung führt hingegen zu 194 Pflanzen, 31 Mineralien und 39 tierischen Drogen. Eine genaue Bestimmung ist kaum möglich, weil die Abgrenzung schwierig ist. So ist es Ermessensfrage, ob die verschiedenen Weinsorten als verschiedene Heilmittel beachten werden, ob man adeps = Fett gleichsetzt mit pinguis = Fett. Die folgenden Zahlen sind daher als Annäherungen zu betrachten. Die am häufigsten angeführten Stoffe sind Honig (50), Öl (40), Wein (50) und Essig (40). Sie dienen oft der Galenik und werden im Folgenden ausgeklammert.

Pflanzliche Stoffe Die pflanzlichen Stoffe reichen von in Italien heimischen Pflanzen, wie Kohl, Feige, Brenn-Nessel bis zu Pflanzen aus dem östlichen Mittelmeer und Asien, wie galbanum (Harz einer doldentragenden Pflanze aus SyrienGeorges), Myrrhe, zingiber = Ingwer. Viele werden nur wenige Male genannt. Die am häufigsten genannten Pflanzen oder Pflanzenprodukte sind Safran (40), Myrrhe (40), opium (30) und Pfeffer (30). Die meisten Pflanzen werden in der heutigen Medizin und Naturheilkunde nicht mehr verwendet. Opium allerdings, das wegen der in XXII beschriebenen Gewinnung sicher mit 'papaver somniferum' gleichgesetzt werden kann, wird damals wie heute gegen Schmerz und hartnäckigen Hustenreiz (XC – XCIII) eingesetzt. Auch andere Parallelen finden sich: Aloe in CXXXV genutzt zum 'Erweichen des Darms' wird auch jetzt noch als Laxans betrachtet.

Tierische Stoff Es wird das Fett (Henne, Schwein, Stier, …) und die Milch (Schaf, Esel, …) verschiedener Tiere eingesetzt, ob als Heilstoff oder zur Galenik bleibt unklar. Auch Frauenmilch wird genannt.

Die tierischen Stoffe stehen häufig der Volksmedizin oder magischen Vorstellungen nahe: Hoden des Krokodils (XIV), Haut der Sterneidechse (CLXIIII), Gehirn der Nachteule (XLIII).

Mineralische Stoffe Diese Stoffe stammen meist aus dem Bereich der Metallverarbeitung, wie zum Beispiel cadmia = grauer Hüttenrauch, aes = Erz, Kupfer, Bronze, aes ustum (gebranntes KupferPetrus Uffenbach (Hrsg.): Pedacii Dioscoridis Anazarbaei Kraeuterbuch […]. (ins Deutsche übersetzt von Johannes Danzius), Frankfurt am Main (bei Johann Bringern) 1610, S. 385–386.), flos aeris (Grünspan, d. h. KupferazetatDieter Lehmann: Zwei wundärztliche Rezeptbücher des 15. Jahrhunderts vom Oberrhein. Teil I: Text und Glossar. Horst Wellm, Pattensen/Han. 1985, jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 34), ISBN 3-921456-63-0, S. 176.). Interessant ist ein Komplex von Rezepten zur Versorgung von Wunden und Blutstillung (CCI – CCXIX). Einer zähen Masse aus Pflanzenpech und Wachs werden verschiedene mineralische Stoffe zugesetzt. Meist ist spuma argenti = „Silberschaum“ (rasch abgekühltes Blei(II)-oxidGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 392 (glet) und 462 (silberschum). oder Argentum nitricum = Silbernitrat (wird auch jetzt als Antiseptikum verwendet)) und Alaun (ein Adstringens) dabei.

Volksmedizin und Aberglaube Die lateinische Volksmedizin findet wenig Beachtung in dem Werk. Eine Ausnahme sind die bereits in 2.4.2 erwähnten tierischen Stoffe. Interessant ist das Rezept LXX: die Asche von Schwalbenjungen gegen Angina; das Gleiche findet sich auch bei Celsus (Buch IV,7). Astronomische Bezüge werden in XVI (Beginn der Medikamentennahme bei abnehmendem Mond) und CCII (Zubereitung bei Aufgang des Hundssterns) genannt.

Besondere Rezepte Die überwiegende Menge der Rezepte bringen den in 1.3 beschriebenen Aufbau immer ähnlicher Angaben zu Symptomen, Heilmittel, Zubereitung. Einige Rezepte heben sich davon ab und verdienen besondere Beachtung.

XVII: Nam sunt et … item ex iecinore gladiatoris iugulati particulam aliquam novies datam consumat. quaeque eiusdem generis sunt, extra medicinae professionem cadent, quamvis profuisse quibusdam visa sint. Dann gibt es Leute …, die ein Stück der Leber eines abgeschlachteten Gladiators neun Tage lang verzehren. Obwohl das außerhalb der ärztlichen Professionalität steht, hat man doch gelegentlich gesehen, dass es wirkt (eigene Übersetzung).

Scribonius Largus kann sich von dieser zweifelhaften Praxis nicht völlig distanzieren.

LXIIII: Scribonius Largus nimmt hier zu einer, anscheinend engagiert geführten Kontroverse Stellung: soll bei einer stark blutenden Verletzung der äußeren Gliedmaßen eine Art Druckverband aufgelegt, oder das betroffene Glied abgebunden werden. Scribonius Largus schlägt sich auf die Seite des Druckverbandes und sieht sich dabei im Einklang mit der Autorität Asklepiades.

Theriak Die compositiones enthalten auch zwei Rezepte zur Zubereitung von Theriak.Scrib. Larg. 165 f. Die Arznei Theriak, die eine ungeheure Rezeptionsgeschichte bis in die Neuzeit erfuhr, wirkt Scribonius zufolge als „Mittel gegen Tiergift […] bei Bissen, Stichen und beim Anhauch aller Schlangen wunderbar […] Gleichfalls bei aus beliebigem Grunde eingetretenen Quetschungen und bei Verzerrungen der inneren Teile und der Seiten und bei Brustschmerzen.“

Die Rezeptur des von Scribonius theriace primaScrib. Larg. 164. genannten Rezeptes enthält folgende Zutaten: