mini|Kostümwettbewerb (2005) mini|Im Nadelöhr (2006), rechts der Schottenkahn mini|Beim Nadelöhr (2012) mini|Stocherkahnrennen (2023)

Das Tübinger Stocherkahnrennen ist ein traditionelles Bootsrennen studentischen Ursprungs auf dem Neckar und ein lokal und überregional bedeutendes, bekanntes touristisches Ereignis. Es findet jährlich – seit einigen Jahren immer am Fronleichnamstag – statt, Teilnehmer sind hauptsächlich lokale studentische Gruppen mit ihren Stocherkähnen. Das Stocherkahnrennen zählt zu den Höhepunkten des universitären Sommersemesters, bei schönem Wetter verfolgen regelmäßig rund 15.000 Zuschauer die Veranstaltung.

Geschichte und Bedeutung

Das Rennen wurde 1956 von Mitgliedern der Studentenverbindung Tübinger Lichtenstein ins Leben gerufen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Verwendung von Stocherkähnen in Tübingen bereits eine lange Tradition. Die erste bildliche Darstellung eines Stocherkahns im Zusammenhang mit Tübingen stammt aus dem 16. Jahrhundert, dargestellt in der Cosmographia Sebastian Münsters. Erste Bildbelege über eine Nutzung von Stocherkähnen zu Vergnügungszwecken durch studentische Verbindungen finden sich schließlich im 19. Jahrhundert.Hug/Mielke 2000, S. 8–14.

Das Stocherkahnrennen selbst entwickelte sich aus einer Einweihungsfeier für den neu erworbenen Stocherkahn der Studentenverbindung. Die Lichtensteiner traten mit ihrem Kahn „Bluthund“ (heute Kahn #77) gegen sechs weitere Studentenverbindungen an. Das erste Schiedsgericht stellte die AV Virtembergia, da sie mangels Kahn nicht teilnehmen konnte, seither wird das Rennen regelmäßig durch den Verlierer des Vorjahres organisiert. Bereits in den Anfangszeiten des Wettbewerbs nahmen Mannschaften in Verkleidungen am Stocherkahnrennen teil. Seit 1967 wird daher zusätzlich zum Sieg im Wettrennen ein Preis für die originellste Kostümierung vergeben.Das Teilnehmerfeld der ursprünglich auf Studentenverbindungen begrenzten Veranstaltung wurde im Laufe der Zeit auch für andere Gruppierungen geöffnet. Inzwischen ist die Veranstaltung fester Bestandteil des städtischen Veranstaltungskalenders und eine touristische Attraktion, die regelmäßig 10.000 Besucher, in der Spitze sogar zwischen 15.000 und 20.000 Besucher zählt.

Ähnliche Traditionen in Großbritannien mini|Im Ziel nach dem Boat Race (2002) Ähnliche studentische Stocher-Traditionen existieren unter der Bezeichnung „Punting“ (engl.: to punt = staken, stochern) im britischen Oxford und Cambridge.

Wettkampfbedingungen

Zum Rennen zugelassen sind lediglich unmotorisierte Stocherkähne aus Holz. Eine Mannschaft besteht aus acht Personen inklusive des „Stocherers“, wobei sieben davon versuchen, mit Hilfe der Hände den Kahn weiter zu beschleunigen oder sich der anderen Kähne zu erwehren. Mit Ausnahme der Stocherkahnstange sind Hilfsmittel jedweder Art untersagt. Die Details der Wettkampfbedingungen unterliegen häufigen Änderungen und entsprechen den Vorgaben des Stocherkahngerichts, das sich aus Mitgliedern der ausrichtenden Gruppierung zusammensetzt und jährlich wechselt. mini|Kostümparade (2019) Das Stocherkahnrennen beginnt traditionell mit einer Kostümparade aller Stocherkahnmannschaften auf dem Neckar. Die zuletzt rund 50 teilnehmenden Kähne und ihre Mannschaften präsentieren sich dabei den Zuschauern und der Jury des Stocherkahngerichts in selbst gebastelten Verkleidungen. Aus allen Teilnehmern wird von einer Jury der Sieger des Kostümwettbewerbs gekürt, der einen Sonderpreis erhält.mini|Der Stau am Nadelöhr (2019)Das anschließende Wettrennen führt um die Tübinger Neckarinsel herum. Die Länge der Wettkampfstrecke beträgt etwa 2,5 km, der Zieleinlauf des Siegers erfolgt nach rund zwanzig Minuten. Startpunkt ist eine Fußgängerbrücke westlich der Insel, von der aus die Insel nördlich umfahren werden muss. Der Wendepunkt befindet sich unmittelbar östlich der Insel, an einem Pfeiler der angrenzenden Neckarbrücke. Statt eines einfachen Wendemanövers muss der Pfeiler jedoch in Form einer Schleife umfahren werden. Der entscheidende Rennabschnitt ist dadurch der als Nadelöhr bezeichnete Zwischenraum zwischen Neckarinsel und Neckarbrücke, da er von jeder Mannschaft zweimal durchfahren werden muss. Er ist regelmäßig Schauplatz von Rangeleien, wenn sich die Stocherwege der an der Spitze liegenden, ausfahrenden Mannschaften mit denen des ebenfalls zur Wende ansetzenden Hauptfeldes kreuzen und sich die Teilnehmer somit gegenseitig blockieren. Nach Absolvierung des Nadelöhrs wird die Neckarinsel stromaufwärts im Süden umfahren, das Ziel befindet sich hinter der Eisenbahnbrücke der Ammertalbahn an der Westspitze der Insel. mini|Die Verlierer des Rennens kurz vor dem Lebertrantrinken (2023) Der Abschluss des Wettbewerbs mit Pokalvergabe und Lebertrantrinken fand früher auf dem sogenannten Bügeleisen, nahe dem Ziel am Westende der Neckarinsel, statt und heute auf einem Floß. Traditionell erhalten die Sieger des Rennens den Wanderpokal zusammen mit einem von der Stadt Tübingen gestifteten Fass Bier und verpflichten sich zur Ausrichtung der abendlichen Siegesfeier. Die Mitglieder des Verliererteams müssen vor den Augen der Zuschauer pro Kopf jeweils einen halben Liter Lebertran austrinken und fungieren üblicherweise im Folgejahr als Veranstalter für das Rennen, was zugleich mit einer einjährigen Auszeit als Teilnehmer verbunden ist. Lebertran gibt es auch für wegen Regelwerksverstößen disqualifizierte Kähne. Ein Spanferkel als Sonderpreis geht an die Mannschaft mit der besten Kostümierung.

Regelmäßig kommt es zu Auseinandersetzungen um die Art und Weise der konkreten Austragung. Da das Reglement im Wortlaut häufig geändert wird, tauchen diesbezüglich immer wieder Unstimmigkeiten auf. So wurden 2003 die Regeln vor dem Rennen derart verschärft, dass nur studentische Gruppierungen zum Rennen zugelassen wurden. Daraufhin wurde dieses Rennen von vielen Stocherkahnfahrern boykottiert und ein weiteres, offenes Rennen im Anschluss ausgetragen. Diese scharfe Trennung wurde im Folgejahr jedoch aufgehoben.

Resultate Ergebnisse des Stocherkahnrennens seit 1956 Jahr Siegermannschaft Verlierermannschaft Kostümpreis Anzahl KähneBelege 1956 Tübinger Lichtenstein — 6 1957 Ev. Studentenkreis „Schwaben“ Lichtenstein — 8 1958 Akademische Verbindung Igel — 9 1959 Akademische Turnverbindung Arminia — 14 1960 Akademische Verbindung Igel — 18 1961 Akademische Turnverbindung Arminia Ev. Studentenkreis „Schwaben“ — 21 1962 Akademische Verbindung Igel — 29 1963 Verbindung Normannia Eberhardina – Markomannia — 35 1964 Verbindung Normannia AV Guestfalia Tübingen — 38 1965 Verbindung Normannia — 1966 Akademische Turnverbindung Arminia Christliche Pfadfinder — 1967 Verbindung Normannia Tübinger Burschenschaft Derendingia 41 1968 Akademische Turnverbindung Arminia Ghibellinia Landsmannschaft Schottland 35 1969 Akademische Turnverbindung Arminia Schottland 14 1970 Verbindung Normannia Schottland 23 1971 KStV Rechberg Cheruskia Ghibellinia 22 1972 Verbindung Normannia Königsgesellschaft Roigel 14 1973 Verbindung Normannia Roigel 19 1974 Landsmannschaft Ulmia Rechberg Roigel 16 1975 Ulmia Turnerschaft Hohenstaufia Normannia 13 1976 Verbindung Normannia Arminia Roigel 21 1977 K.St.V. Alamannia Roigel Roigel 12 1978 Alamannia Stochdorphia 16 1979 Ulmia Schottland Stochdorphia 18"Tübinger Blätter", Bürger- und Verkehrsverein Tübingen e. V., 1979, S. 121 1980 Verein Deutscher Studenten Eberhardina – Markomannia Roigel 22 1981 Verbindung Normannia Rechberg 21 1982 Akademisch-Musische Verbindung Stochdorphia Hohenstaufia/Ulmia Stochdorphia 21 1983 AV Virtembergia 24 1984 Alte Straßburger Burschenschaft Germania AV Föhrberg Stochdorphia 28 1985 Tübinger Burschenschaft Derendingia Hohenstaufia Studentengemeinschaft Sachsenhaus 27 1986 Akademische Verbindung Igel Straßburger Burschenschaft Arminia 27Tübinger Blätter, Bürger- und Verkehrsverein Tübingen e. V., 1986, Seite 99 1987 Akademische Verbindung Igel Fachschaft Zahnmedizin Cheruskia 27 1988 Akademisch-Musische Verbindung Stochdorphia Alamannia / Schottland Akademische Verbindung Laetitia / Roigel 32 1989 Akademische Verbindung Igel / Team „Brutus“ Hohenstaufia / Tübinger Wingolf Laetitia / Roigel 35Tübinger Blätter, Bürger- und Verkehrsverein Tübingen e. V., 1989, Seite 117 1990 Team „Iltis“ Rechberg / Sängerschaft Hohentübingen / Team Albrecht-Bengel-Haus Verein Deutscher Studenten 33 1991 Team „Iltis“ Guestfalia Roigel 31 1992 Pegasus Corps Franconia Corps Franconia 1993 Team „Brutus“ 35 1994 Team „Brutus“ Stochdorphia Roigel 36 1995 Team „Brutus“ Palatia Roigel 40 1996 Pegasus Arminia Arminia 36 1997 Spleinix Sängerschaft Hohentübingen Roigel 42 1998 Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Laetitia Roigel 38 1999 Sleipnir Studentenwohnheim Geigerle Roigel 43 2000 Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Germania Roigel 46 2001 AV Cheruskia Corps Borussia Roigel 2002 Evangelisches Stift Tübingen Straßburger Burschenschaft Arminia Normannia 2003 Fachschaft Sport Corps Franconia Akademische Gesellschaft Stuttgardia Tübingen Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Leibniz Kolleg Leibniz Kolleg 2004 Verbindung Normannia Hohenstaufia Akademischer Skiclub Tübingen – ASCT 2005 Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Burschenschaft Germania Tübingen Königsgesellschaft Roigel 2006 Professorenkahn Claus Hipp Corps Borussia Fachschaft Geologie 2007 Tübinger Stocherkahnverein Sängerschaft Hohentübingen Akademische Gesellschaft Stuttgardia Tübingen 2008 Carusos Sänger Tübinger Wingolf Fachschaft Geowissenschaften 55 2009 Fachschaft Zahnmedizin Verein Deutscher Studenten Fachschaft Geowissenschaften 47 2010 Team Oktopus Alte Straßburger Burschenschaft Germania Team Geowissenschaften 2 54Bericht und Video über das Rennen 2010 in: Schwäbisches Tagblatt (03.06.2010) 2011 Fachschaft der Sportwissenschaftler AV Guestfalia Tübingen Fachschaft Geowissenschaften 56Bericht und Video vom Rennen 2011 im Schwäbischen Tagblatt (24.6.2011) 2012 Sportwissenschaftlerinnen Schottland Jugendhaus Lustnau 54 2013 Fachschaft der Sportwissenschaftler Straßburger Burschenschaft Arminia Fachschaft Geowissenschaften 55Stocherkahnrennen in Tübingen: Turbulente Wasserschlacht auf dem Tübinger Neckar beim Stocherkahnrennen. Schwarzwälder Bote, 30. Mai 2013 18:15 Uhr. Südwest Presse Ulm, 2. Juni 2013 17:00 2014 Akademisch-Musische Verbindung Stochdorphia Akademische Verbindung Igel Fachschaft Geowissenschaften 57Stocherkahn-Rennen lockt Tausende an die Neckarinsel Schwäbisches Tagblatt, 19. Juni 2014 18:45 2015 Ehemaligste Fachschaft Sport Sängerschaft Hohentübingen Jugendhaus Lustnau 47Offizielle Seite des Stocherkahnrennens 2015Bericht und Video vom Rennen 2015 im Schwäbischen Tagblatt (4.6.2015)60. Stocherkahnrennen Tübingen 2015, Film (45 Min.) des SWR-Fernsehens, gesendet am 21. 6. 2015 in SWR3: Programmhinweis2016Ehemaligste Fachschaft SportCorps BorussiaFachschaft Geowissenschaften522017Akademische Turnverbindung ArminiaAlte Straßburger Burschenschaft GermaniaFachschaft Geowissenschaften532018Team Orang UkahnVerein Deutscher StudentenFachschaft Umweltnatur- und Geowissenschaften562019NicariaAV GuestfaliaFachschaft Umweltnatur- und Geowissenschaften532020 – 20212022NicariaLandsmannschaft GhibelliniaFachschaft Umweltnatur- und Geowissenschaften432023Akademische Turnverbindung ArminiaTurnerschaft HohenstaufiaFachschaft Umweltnatur- und Geowissenschaften/Akademischer Skiclub Tübingen46Stocherkahnrennen lockt tausende Zuschauer an den Neckar in Tübingen2024Team Orang UkahnAlte Turnerschaft PalatiaAkademischer Skiclub Tübingen432025Akademische Turnverbindung Arminia (ATV Arminia 1)Alte Straßburger Burschenschaft GermaniaAkademischer Skiclub Tübingen472026Nicaria Burschenschaft Germania TübingenFachschaft Medizin44 Weitere Quellen: Tübinger Blätter, Schwäbisches Tagblatt.

Siehe auch

Liste der Studentenverbindungen in Tübingen Eberhard Karls Universität Tübingen Category:Stocherkahnrennen in Wikimedia Commons

Sonstige Rezeption

Literatur