Ein Donjon [] (französisch) ist ein Wohnturm und zugleich Wehrturm einer mittelalterlichen Burg des französischen Kulturraums. mini|Donjon von Schloss Vincennes, im 13. und 14. Jahrhundert Hauptaufenthaltsort der französischen Könige
Der Begriff geht auf das gallo-römische dominiono, ‚Hauptturm‘, und dieses auf lateinisch dominus, ‚Herr‘, zurück, denn der Donjon wurde vornehmlich vom Burgherrn bewohnt. Der englische Begriff dungeon geht auf den französischen Begriff donjon zurück, allerdings verschob sich hier die Bedeutung später zu Kerker, während der dem Donjon entsprechende Turm als Keep bezeichnet wird. Der Donjon bildet entweder als Hauptturm den Kern der Burg oder tritt als besonders starker Mauerturm auf. Vom Bergfried, dem unbewohnten Hauptturm vieler Burgen im deutschsprachigen Raum, unterscheidet sich der Donjon durch seine grundsätzliche Eigenschaft als Wohnturm, weshalb auch vergleichsweise größere Grundflächen üblich sind.
Die auch in der Fachliteratur noch weit verbreiteten Begriffe donjon und keep werden von der internationalen Forschung zunehmend durch historisch belegbare Bezeichnungen wie tour maîtresse oder great tower ersetzt.
In seiner ursprünglichen, mittelalterlichen Bedeutung bezeichnet der Begriff donjon den gesamten Feudalsitz innerhalb einer Burganlage, nicht nur den Wohnturm. In italienischen Quellen bedeutet dongione (aus dem französischen Donjon) sogar den gesamten Herrenbesitz.
Der französische Donjon mini|hochkant=0.7|Rekonstruierte Motte von Saint-Sylvain-d’Anjou
Zur Zeit der Merowinger bewohnten die Könige des Fränkischen Reichs – ebenso wie der Adel – mit Gräben und Palisaden befestigte Höfe auf ihren Kammer- oder Allodialgütern, meist nahe den Ackerflächen im Flachland oder den Verkehrswegen in Tälern gelegen, und begaben sich im Verteidigungsfall in Fliehburgen, die oft auf Anhöhen gelegen oder im Wald oder Sumpf versteckt waren. Unter den Karolingern wurden manche dieser Höfe zu prächtigen, aber wenig befestigten Königspfalzen ausgebaut, während der niedere Adel seine Höfe allmählich stärker befestigte, vor allem seit den Wikingereinfällen, indem er auf natürlichen oder künstlichen Hügeln hölzerne Turmhügelburgen, genannt Motten, errichtete. Während diese Türme oft nur im Verteidigungsfall genutzt wurden, entstanden an ihrer Stelle bald auch steinerne Wohntürme, die beheizbar waren, mehr Geschosse enthielten und ständig bewohnt wurden.
Vor allem in Frankreich und England (dort als Keep bezeichnet) sind schon im 11. Jahrhundert große Donjons bzw. Keeps errichtet worden (beispielsweise Schloss Loches an der Loire). Auf die britische Insel gelangte dieser Bautyp im Zuge der normannischen Invasion des angelsächsischen Englands. Im deutschen Sprachgebrauch werden diese frühen Beispiele oft als „anglonormannische Wohntürme“ bezeichnet. Wilhelm der Eroberer ließ etwa Windsor Castle ab 1078 als Holzburg auf einem künstlichen Hügel errichten, an deren Stelle im 14. Jahrhundert der 24 m hohe steinerne Round Tower entstand.
Die Entwicklung des Donjontyps mini|Einer der beiden ältesten steinernen Wohntürme Frankreichs: Der Donjon der Burg Langeais (Indre-et-Loire) mini|Der shell keep der Burg Gisors mit dem etwa 70 Jahre später entstandenen Donjon mini|Die drei „Donjons“ der Burg Falaise in der Normandie mini|Der Grundriss der drei Donjons von Falaise. Gut erkennbar ist das Bestreben, den großen Hauptraum des älteren Donjons durch zusätzliche Kammern zu erweitern
Die Ursprünge des französisch-normannischen Donjons sind umstritten. Einige Forscher sehen einen Zusammenhang mit byzantinischen und nahöstlichen Traditionen, die während der ersten Kreuzzüge nach Westeuropa importiert wurden. Andere führen die ersten steinernen Wohntürme auf die im Hochmittelalter noch häufig erkennbaren Reste römischer Bauwerke zurück. Vielleicht dienten auch die hölzernen Türme der zahllosen Motten als direkte Vorbilder. Solche Holztürme waren stark brandgefährdet (insbesondere durch Brandpfeile) und schon aus diesem Grund wehrtechnisch unzulänglich, aber auch als dauerhaft bewohnte Residenzen nur bedingt geeignet.
Gelegentlich wird der karolingische Granusturm der Aachener Kaiserpfalz als wegweisendes Vorbild der späteren Wohntürme angesehen, doch dürfte er eher für den Staatsschatz und als Verteidigungsturm gedacht gewesen sein, denn die Wohnräume befanden sich in anderen Gebäuden. Die ältesten steinernen Wohntürme Frankreichs stammen noch aus dem 10. und frühen 11. Jahrhundert. Der teilweise erhaltene Turm in Langeais (Indre-et-Loire) ist wie sein Gegenstück in Doué-la Fontaine (Maine-et-Loire) eine Frühform des Donjontyps. Diese frühen Vorläufer sind allerdings eigentlich noch nicht als Türme anzusprechen. In beiden Fällen handelt es sich um repräsentative Hallen mit massiven Untergeschossen, bei denen der Wehrcharakter eine untergeordnete Rolle gespielt haben dürfte.
Ab dem späten 11. Jahrhundert wurden besonders in England die hölzernen Haupttürme der Turmhügel mit hohen Ring- bzw. Mantelmauern umgeben. Auf dem Festland haben sich nur wenige Beispiele dieses Burgentyps erhalten. Besonders charakteristisch ist der shell keep der Motte von Burg Gisors (Eure, um 1100). Etwa 70 Jahre später entstand hier innerhalb des Mantels ein großer polygonaler Donjon. Der Typus des shell keeps wurde auf dem Kontinent offenbar nicht weiterentwickelt, während auf den britischen Inseln einige Beispiele zu riesigen Haupttürmen mit offenem Innenhof ausgebaut wurden (Windsor Castle).
Im 11. und 12. Jahrhundert entstanden unter anderem die Donjons der Burgen Loches (Indre-et-Loire), Chinon (Indre-et-Loire), Caen (Calvados), Falaise (Calvados), Arques-la-Bataille (Seine-Maritime), Château-Thierry (Aisne), Dreux (Eure-et-Loir) und Provins (Seine-et-Marne). Diese frühen Donjons wurden meist über rechteckigen Grundrissen aufgemauert.
Als einer der ältesten runden Donjons gilt der Hauptturm der Burg Fréteval (Loir-et-Cher). Zahlreiche Forscher meinen, die runde Form sei entwickelt worden, um dem Bau eine höhere Stabilität gegen Unterminierungsversuche zu verleihen und dem Beschuss durch Steinschleudern (Bliden) und Katapulten besser widerstehen zu können. Wahrscheinlich spielten hier jedoch eher ästhetische und praktische Gründe eine Rolle, jedenfalls entstanden weiterhin mehr rechteckige als runde Haupttürme. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts experimentierte man mit zahlreichen Grundrissformen, manchmal scheinen etwa die Ecktürme den eigentlichen Kernbau zu übertreffen (Burg Ambleny, Aisne). Der Donjon der Burg Étampes (Essonne) wurde über einem kleeblattförmigen Grundriss errichtet. mini|hochkant|Der Donjon von Houdan (Yvelines) mit seinen halbrunden Ecktourellen Runde Ecktürme bzw. Tourellen als Ergänzung rechteckiger oder ovaler Grundrisse erscheinen erstmals im 12. Jahrhundert (Houdan, Yvelines). Schließlich setzte sich weitgehend die Form eines rechteckigen Baukörpers mit runden oder quadratischen Ecktürmen durch. Ein früher Vertreter dieses Typs wird in Nemours (Seine-et-Marne) bis heute bewohnt und fand bis nach Irland seine Nachfolger. Die relativ einfache und preiswerte Bauform wurde hauptsächlich vom niederen Adel gewählt. Im 13. und 14. Jahrhundert wurden jedoch auch Donjons des Hochadels und der Krone nach diesem Muster errichtet (Burg Vincennes). Besonders im südlichen Frankreich entstanden noch bis ins 15. Jahrhundert ähnliche Haupttürme.
Die geographische Lage der meisten Beispiele verdeutlicht, dass der Bautypus des Donjon wohl im mittleren Loiregebiet (Grafschaft Anjou) entwickelt wurde, also im Grenzbereich zur Normandie. In der Normandie wurde der Donjon durch die Integration kleinerer Nebenräume weiterentwickelt (Burg Falaise) und diese Innovation nach England übertragen.
Typologische Merkmale
Häufig entstand ein steinerner Donjon auf dem Hügelplateau einer Motte an der Stelle älterer Holzbauten, um den gewachsenen fortifikatorischen Bedürfnissen des Hochmittelalters zu entsprechen (Burg Bricquebec, Manche). Von den frühen „romanischen“ Donjons belegt besonders der Wohnturm der Burg Chambois (Orne) die Ableitung des englischen Keeps vom französischen (anglonormannischen) Donjon. Auch der grand donjon der Burg von Falaise hat seine englischen Gegenstücke in den Keeps der Burgen Corfe, Norwich und Portchester.
Die Grundform des befestigten Wohnturms wurde den jeweiligen topographischen Verhältnissen und praktischen wie auch wehrtechnischen und repräsentativen Erfordernissen angepasst. Manchmal stehen die Türme im Zentrum einer Burg (Burg Châteauguillaume, Lignac, Indre), oft auf älteren Turmhügeln oder natürlichen Felsköpfen oder Erhebungen. Sie können die Angriffsseite einer Wehranlage decken und hierzu von Schild- oder Mantelmauern begleitet werden. Gelegentlich sind die Wohn- und Wirtschaftsgebäude in einer umfangreichen Vorburg zusammengefasst, der Donjon steht isoliert oder wird von einer Ringmauer umgeben (Burg Saint-Vérain, Nièvre).
Die Grundrissform spielt als Merkmal eine sekundäre Rolle. Es gibt sowohl rechteckige als auch runde und polygonale Donjons, wobei die rechteckige Grundrissform die ältere ist. Besonders bei spätmittelalterlichen rechteckigen Donjons sind die Ecken häufig mit runden Tourellen besetzt, die manchmal zu Rundtürmen ausgebildet wurden (Burg Domeyrat, Haute Loire).
Einige der französischen Donjons werden von Gräben umgeben, waren also eigenständige Kleinburgen innerhalb einer Ringmauer (Louvre, Paris). Auch dies deutet darauf hin, dass gerade die hochmittelalterlichen Donjons nicht nur Wohn- und Repräsentationsbauten waren, sondern auch der (passiven) Verteidigung dienten.
Die Donjons von Trêves (Chênehutte-Trêves-Cunault, Maine-et-Loire), Dourdan (Essonne) und anderer Burgen sind als Ecktürme ausgebildet. Diese Beispiele deuten auf einen Funktionswandel der Haupttürme hin. Sie dienten offenbar nicht mehr nur als Refugien innerhalb der Burg, sondern sollten eine aktive Verteidigung der Wehranlagen ermöglichen. Die Turmbesatzung konnte schnell vom Turm auf die Wehrgänge wechseln, sich bei akuter Gefahr aber ebenso rasch zurückziehen. In Dourdan steht der Donjon frei im Graben vor der eigentlichen Burg, ähnlich wie in Seringes-et-Nesles (Burg Nesles-en-Dole, Aisne).
Gelegentlich springt der Donjon aus der Ringmauer vor und schützt etwa die gefährdete Angriffsseite einer Burg (Burg Mauvezin, Hautes-Pyrenees) und das Tor. Selten ist die gleichzeitige Funktion als Torturm.
Andere Donjons wurden an die Ringmauer angebaut oder später mit Gebäuden umgeben. Wie in Falaise oder Najac (Aveyron) wird manchmal ein älterer „romanischer“ Donjon von einem jüngeren „gotischen“ Rundturm überragt.
In Cruas (Ardeche) wurde ein ganzes befestigtes Dorf an das „Chateau de Moines“ mit seinem rechteckigen Donjon angebaut. Das mittelalterliche Ensemble ist heute vollständig unbewohnt.
Gelegentlich entstanden innerhalb einer größeren Burganlage mehrere Donjons bzw. Haupttürme. Die riesige Burg Falaise (Calvados) wird gleich von drei derartigen Bauwerken überragt. Der „grand donjon“ ist ein typischer anglonormannischer Wohnturm aus dem 12. Jahrhundert. Etwas später entstand der wesentlich kleinere „petit donjon“ als Anbau an den älteren Hauptturm. Im frühen 13. Jahrhundert wurde dem Ensemble noch der „Tour Talbot“ hinzugefügt. Der große Rundturm überragt die beiden hochmittelalterlichen Donjons und diente hauptsächlich militärischen Zwecken. Einen „doppelten“ Donjon besitzt die Burg in Niort (Deux-Sèvres). Beide Türme stehen im Abstand von 16 Metern und werden durch einen Zwischenbau verbunden. Auch das Schloss Excideuil weist einen doppelten Donjon auf.