mini|Selbstbildnis (?) des Villard de Honnecourt (um 1230) Villard de Honnecourt (auch Wilars dehonecort oder Vilars dehoncort; * um 1200 in Honnecourt-sur-Escaut, Picardie; † nach 1235) war ein französischer Künstler des zweiten Viertels des 13. Jahrhunderts.

Leben Die einzige Quelle über Villards Leben und seine Tätigkeit an verschiedenen gotischen Bauhütten stellt das von ihm hinterlassene Musterbuch mit etwa 250 Zeichnungen und zusätzlichen Textinformationen dar. Sein Geburtsort unweit von Saint-Quentin, wo bis zum Jahre 1257 eine gotische Abteikirche entstand, lässt vermuten, dass er hier eine erste künstlerische Ausbildung erfuhr. An mehreren Textstellen seines Manuskripts erwähnt er Aufenthalte in anderen Ländern (Jai este en m[u]lt de tieres), darunter zweimal eine Reise nach Ungarn, ohne dass der Reisegrund mitgeteilt ist. An verschiedenen gotischen Bauprojekten hat er in unbekannter Funktion mitgearbeitet, wie das Kopieren von Bauzeichnungen der Kathedralen von Reims, Chartres, Laon und Lausanne belegt. Eine Anzahl von Skizzen „nach dem Leben“ (al vif)James Bugslag: ‚contrefais al vif‘: nature, ideas and the lion drawings of Villard de Honnecourt. In: Word & Image. 2001 17, no. 4. zeigt seine künstlerische Ausbildung, wohl als Bildhauer. Andere Zeichnungen beinhalten technische Erfindungen, darunter ein Perpetuum mobile.Jean Gimpel: The Medieval Machine. The Industrial Revolution of the Middle Ages. Holt, Rinehart and Winston, New York 1976, S. 114–146.

Das Skizzenbuch Das um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte Skizzenbuch befindet sich in der Bibliothèque nationale de France in Paris unter der Signatur MS Fr 19093. Das (unvollständig überlieferte) Manuskript umfasst 33 Pergamentblätter von 235 × 155 mm Blattgröße und enthält etwa 250 Zeichnungen. Die einzelnen Blätter wurden erst zu einem späteren Zeitpunkt, und wohl nicht mehr von Villard selbst, beschriftet.Wilhelm Schlink: War Villard de Honnecourt Analphabet? In: Fabienne Joubert, Dany Sandron (Hrsg.): Pierre, lumière, couleur – études d'histoire de l’art du Moyen Age en l’honneur d’Anne Prache. Paris 1999, S. 213–222. Ein Teil der Zeichnungen betrifft französische Kathedralen, die er ohne direkten Zugang zu den Bauzeichnungen nicht hätte kopieren können. Am ausführlichsten sind die Zeichnungen zur Kathedrale von Reims, von der er Aufrisse, Querschnitte und auch technische Details wie Schnitt und Verlegetechnik der Profilsteine notierte. Von den Kathedralen in Chartres und Lausanne zeichnete er die Rosenfenster, von der Kathedrale von Laon Grundriss und Aufriss der ungewöhnlichen oberen Turmgeschosse. Wenn seitens der Forschung aus Widersprüchlichkeiten und Problemen der Darstellung gefolgert worden war, dass Villard kein unmittelbares Verständnis von gotischer Architektur besessen habe, so ist zu berücksichtigen, dass es sich zum einen um stark verkleinerte Kopien der nicht erhaltenen Originalzeichnungen handelt, und dass diese zum andern die frühesten erhaltenen Architekturzeichnungen des Mittelalters überhaupt darstellen. Bei aller Uneinigkeit seitens der Forschung über den intendierten Verwendungszweck des Buches als persönliches Skizzenbuch oder Lehrbuch des Hüttenbetriebs stellt das Manuskript ein außerordentliches Kompendium des künstlerischen, architektonischen und technischen Wissens zur Zeit der gotischen Kathedrale dar.

Literatur Carl F. Barnes: The Portfolio of Villard de Honnecourt. (Paris, Bibliothèque Nationale de France, MS Fr 19093). A new critical edition and color facsimile. Burlington u. a. 2009. Carl F. Barnes: Villard de Honnecourt. The artist and his drawings a critical bibliography. Boston, Mass 1982. Hans R. Hahnloser: Villard de Honnecourt. Kritische Gesamtausgabe des Bauhüttenbuches ms. fr. 19093 der Pariser Nationalbibliothek. 2. Auflage. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1972, ISBN 3-201-00768-4. Roland Bechmann: Villard de Honnecourt. La pensée technique au XIIIe siècle at sa communication. Piccard, Paris 1991. Theodore Bowie (Hrsg.): The Sketchbook of Villard de Honnecourt. Indiana University Press, Bloomington/London 1959. Wolfgang Schenkluhn: Die Grundrissfiguren im Bauhüttenbuch des Villard de Honnecourt. In: Leonhard Helten (Hrsg.): Dispositio. Der Grundriß als Medium in der Architektur des Mittelalters (Beiträge des Internationalen Paul-Frankl-Kolloquiums aus Anlaß des 100. Geburtstages des Halleschen Instituts für Kunstgeschichte). Halle 2005, S. 103–120, Ill. XXVI–XXXII.

Matthias Untermann: Innen – Außen – Quer. Die Erfindung der Parallelprojektion und ihre Rezeption im Album des Villard de Honnecourt. In: Ursula Prinz u. a. (Hrsg.): Von Goldemail bis Stahlbeton. Neue Forschungen zur Kunstgeschichte. Kiel 2026, S. 59–71. Jean Wirth: Villard de Honnecourt, architecte du XIIIe siècle. Droz, Genf 2015, ISBN 978-2-600-00558-6 (verfügbar in der OPEN Online Library).

Weblinks

Villard de Honnecourt, Album de dessins et croquis. Digitalisat des Skizzenbuchs gallica.bnf.fr

Villard de Honnecourt, auf eckhart.de (Meister Eckhart und seine Zeit – Handwerk) Bauhüttenbuch, auf eckhart.de

Einzelnachweise

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