mini|hochkant=1.5|Bekanntes Foto des Baker-Tests. Die durch die Druckwelle hervorgerufene Wilson-Wolke hat sich teilweise aufgelöst und gibt den Blick auf die Wassersäule und den blumenkohlförmigen Explosionspilz sowie die Flotte von Zielschiffen frei. Die Palmen am Strand waren schwarz und weiß angestrichen worden, um die Höhe der erwarteten Flutwelle messen zu können.

Die Operation Crossroads war die zweite Kernwaffentestoperation der Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Sie umfasste die beiden Nukleartests Able und Baker auf dem während des Pazifikkriegs von den Vereinigten Staaten eroberten Bikini-Atoll, jeder mit einem TNT-Äquivalent von 23 kT: Test Able war eine am 1. Juli 1946 von einer Boeing B-29 abgeworfene und in 158 Metern Höhe über der Lagune gezündete Mk.3-Plutonium-Implosionsbombe, baugleich mit der Fat Man, die über Nagasaki abgeworfen wurde. Test Baker am 25. Juli 1946 war eine Unterwasserzündung einer baugleichen Bombe in 27 Metern Wassertiefe.Operation Crossroads: Fact Sheet. Naval Historical Center; Stand: 3. Dezember 2015. Ein dritter geplanter Test, Charlie, sollte am 1. März 1947 in noch größerer Tiefe stattfinden, wurde jedoch abgesagt.Stefan Terzibaschitsch: Operation Crossroads. Die Atomwaffenversuche der U.S. Navy beim Bikini-Atoll 1946. In: Marine-Arsenal, Band 20, Podzun-Pallas-Verlag, 1992, S. 5.

An der Operation Crossroads waren insgesamt über 42.000 Soldaten, hauptsächlich Angehörige der United States Navy, und zivile Wissenschaftler beteiligt; darüber hinaus 149 Begleitschiffe und insgesamt 100 Zielschiffe sowie 156 Flugzeuge.Operation Crossroads: Composition of Joint Task Force One. Naval Historical Center; Stand: 3. Dezember 2015. Die beiden Kernwaffentests waren die ersten Tests, die vor den Augen der Weltöffentlichkeit stattfanden. Über einhundert Reporter waren anwesend, ebenso militärische und wissenschaftliche Beobachter aus aller Welt, unter anderem aus der Sowjetunion.W.A. Shurcliff: Bombs at Bikini. The Official Report of Operation Crossroads. Wm. H. Wise & Co., Inc, New York 1947, S. 36.

Ziel der Tests war die Erforschung der Auswirkungen von Kernwaffenexplosionen auf Schiffe und deren Einsatzfähigkeit, aber auch auf anderes militärisches Gerät wie Fahr- und Flugzeuge sowie militärische Ausrüstungsgegenstände, die auf den Schiffen den Tests ausgesetzt wurden. Auch eine größere Zahl von Versuchstieren wurde den Auswirkungen der Explosionen ausgesetzt, um die direkten, aber auch langfristigen Auswirkungen der Strahlungsexposition zu untersuchen. 15 Zielschiffe wurden durch die Explosionen versenkt (fünf beim Test Able,Operation Crossroads: Target Ships Sunk During Test Able, 1 July 1946. Naval Historical Center; Stand: 3. Dezember 2015. zehn bei BakerOperation Crossroads: Target Ships Sunk During Test Baker, 25 July 1946. Naval Historical Center; Stand: 3. Dezember 2015.), die übrigen zum Teil sehr schwer beschädigt. Über 90 % der Zielschiffe wurden schwer radioaktiv kontaminiert, besonders durch den Baker-Test gelangen den begleitenden Wissenschaftlern umfangreiche Erkenntnisse über unmittelbar auftretenden, lokal stark konzentrierten radioaktiven Niederschlag.W.A. Shurcliff: Bombs at Bikini. The Official Report of Operation Crossroads. Wm. H. Wise & Co., Inc, New York 1947, S. 168. Die indigene Bevölkerung des Bikini-Atolls, 167 Mikronesier, wurden vor den Tests auf das bis dahin unbewohnte Atoll Rongerik umgesiedelt, wo sie vollständig auf externe Versorgung angewiesen waren. Durch die starke radioaktive Kontamination des Atolls und der Lagune, des Trinkwassers sowie der lokalen Flora und Fauna ist eine Rückkehr der Ureinwohner zum Bikini-Atoll bis heute unmöglich.A Short History of the People of Bikini Atoll; Stand: 28. März 2010.

Der Chemiker Glenn T. Seaborg, langjähriger Vorsitzender der Atomic Energy Commission, nannte den Baker-Test „die erste nukleare Katastrophe“.Jonathan Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. IX.

Vorgeschichte Planungen Noch während des Zweiten Weltkrieges gab es 1944 bei den Wissenschaftlern in Los Alamos Überlegungen, die japanische Flotte in ihren Hauptstützpunkten durch gezielte Nuklearwaffeneinsätze zu zerstören; nach der fast vollständigen Vernichtung der japanischen Flotte in der See- und Luftschlacht im Golf von Leyte wurden diese Überlegungen jedoch zunächst zurückgestellt.W.A. Shurcliff: Bombs at Bikini. The Official Report of Operation Crossroads. S. 9. Nur wenige Wochen nach dem erfolgreichen Trinity-Test und kurz nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki brachte Senator Brien McMahon aus Connecticut in einer Rede am 25. August 1945 den Vorschlag ein, die verbleibenden japanischen Schiffe einer Nuklearwaffenexplosion auszusetzen, um damit die Wirksamkeit dieser Waffe auf Schiffe und Flotten zu untersuchen.W.A. Shurcliff: Bombs at Bikini. The Official Report of Operation Crossroads. S. 10. Er griff damit einen Vorschlag auf, den Lewis Strauss in einem Brief an den Marinestaatssekretär James V. Forrestal gemacht hatte.Lewis Strauss: Men and Decisions. Garden City, New York: Doubleday 1962, S. 208–209.

Lieutenant General Barney M. Giles, Mitglied des Stabes von General McArthur in Tokio, empfahl am 14. September 1945 die Zerstörung der japanischen Flotte durch einen Nukleartest, er berief sich dabei auf die Rede von Senator McMahon. Unterstützt wurde er hierbei von Major General Curtis E. LeMay.James P. Delgado: The Archeology of the Atomic Bomb: A Submerged cultural Resources Assessment of the sunken Fleet of Operation Crossroads at Bikini and Kwajalein Atoll Lagoons. National Park Service, Santa Fe, New Mexico 1991, S. 14.

Am 19. September fragte General Henry H. Arnold von den United States Army Air Forces bei der US Navy an, ob der Air Force zehn der 38 erbeuteten japanischen Schiffe für Waffentests zur Verfügung gestellt werden könnten. Diese Anfrage wurde von der Marine positiv beantwortet, da auch die US-Marine im Rahmen des Underwater Explosion Program des Bureau of Ships und des Bureau of Ordnance eine Untersuchung der Auswirkungen von Kernwaffenexplosionen auf Schiffe plante. Die US-Marine stellte ihre Pläne am 16. Oktober vor, Flottenadmiral Ernest J. King erläuterte in einer Pressekonferenz die Pläne eines Kernwaffentests, der 80 bis 100 Zielschiffe umfassen sollte und gemeinsam von Luftwaffe und Marine unter dem Kommando der Vereinigten Stabschefs durchgeführt werden sollte.W.A. Shurcliff: Bombs at Bikini. The Official Report of Operation Crossroads. S. 11. Unter diesen Zielschiffen sollten sich auch moderne Schiffe der US-Marine befinden, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der damit einhergehenden Verkleinerung der Flotte zur Disposition standen. Ende August 1945 hatte der Marineminister vorgeschlagen, die US-Marine von ihrer Kriegsstärke von 1200 Schiffen auf 400 Schiffe und 8000 Flugzeuge zu verkleinern.

Streit um Zuständigkeiten mini|William H. P. Blandy, Kommandant der Joint Task Force 1

Am 31. Oktober 1945 beauftragte General Arnold die Joint Staff Planners, ein Planungskomitee der Vereinigten Stabschefs, mit der Ausarbeitung genauerer Pläne für den Kernwaffentest. Am 13. November berief dieser Planungsstab ein Subkomitee, bestehend aus General Curtis LeMay, General W. A. Borden, Colonel C. H. Bonesteel, Captain G. W. Anderson, Jr., Captain V. L. Pottle und Commodore W. S. Patterson. Dieses Subkomitee, das sich in den nächsten sechs Wochen mit wichtigen Fragen zu dem bevorstehenden Test befasste, wurde als „LeMay Subcommittee“ bezeichnet.W.A. Shurcliff: Bombs at Bikini. The Official Report of Operation Crossroads. S. 11–12. Seine wichtigsten Aufgaben waren die Beantwortung der Frage, ob die Schiffe beim Test eine volle Ladung Munition und Treibstoff tragen sollten, und die Klärung des Oberkommandos über die aufzustellende gemeinsame Einsatzgruppe. Nach andauernden Streitigkeiten darüber, ob nun die US Army, die bereits am Manhattan-Projekt mitgearbeitet hatte, oder die US Navy, die bei dem Test einen Großteil des Materials und Personals zur Verfügung stellen würde, das Oberkommando erhalten sollten, ernannten die Vereinigten Stabschefs Vizeadmiral William H. P. Blandy am 11. Januar 1946 zum Kommandanten der Joint Task Force One.W.A. Shurcliff: Bombs at Bikini. The Official Report of Operation Crossroads. S. 12–13. Der Kandidat der US Army, General Leslie R. Groves, konnte sich nicht durchsetzen.Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 30. Zuvor hatten die Joint Chiefs of Staff am 28. Dezember 1945 den vom „LeMay Subcommittee“ ausgearbeiteten Plan für den Testablauf akzeptiert, der am 10. Januar 1946 auch von Präsident Harry S. Truman abgezeichnet wurde.

Unter dem Druck der Army war Admiral Blandy bereit, mehr Schiffe als ursprünglich geplant im Zentrum des Zielgebiets zu positionieren; General LeMays Forderung nach der vollen Munitionierung und Betankung der Zielschiffe lehnte er jedoch ab, da durch Folgeexplosionen und Brände mehr Schiffe versenkt werden könnten und so eine Evaluierung der Schäden, die durch die Explosion der Kernwaffe entstanden waren, erschwert würde.Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 126. Blandys Vorschlag, die Ergebnisse des Tests von einer Kommission der US-Marine auswerten zu lassen, traf auf starken Widerstand von Seiten Senator McMahonsJonathan Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 67. und der Army; aus diesem Grund setzte Präsident Truman zur Auswertung der Testergebnisse eine Kommission aus zivilen Wissenschaftlern ein, auch um die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass die Auswertung objektiv erfolgte.Jonathan Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 68–69.

Leslie Groves stand dem Nukleartest und dessen öffentlicher Durchführung sehr kritisch bis ablehnend gegenüber. Er befürchtete eine Lockerung und Verletzung der bisher sehr strikt gehandhabten GeheimhaltungJonathan Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 129 ff. und arbeitete nur sehr widerstrebend mit der Joint Task Force One zusammen.Jonathan Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 127.

Widerstände gegen den Nukleartest Widerstände gegen den geplanten Test regten sich vor allem von Seiten des diplomatischen Korps und verschiedenen Wissenschaftlern. Einige Wissenschaftler des Manhattan-Projekts, die sich vor dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki für einen öffentlichen Test als Demonstration anstelle des Einsatzes starkgemacht hatten, argumentierten nun, dass weitere Tests unnötig seien und eine Gefahr für die Umwelt darstellten. Eine Studie des Los Alamos National Laboratory warnte davor, dass das Wasser nahe einer Oberflächenexplosion „ein Hexenkessel von Radioaktivität“ sein würde.Jonathan Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 216. Als Admiral Blandy auf den Einwand einiger Wissenschaftler, dass die Auswirkungen der Nuklearexplosion auf die Seeleute nicht erforscht werden könnten, den Einsatz von Versuchstieren an Bord der Zielschiffe anordnete, erntete er heftige Kritik von Tierrechtlern und Tierschützern.James P. Delgado: The Archeology of the Atomic Bomb: A Submerged cultural Resources Assessment of the sunken Fleet of Operation Crossroads at Bikini and Kwajalein Atoll Lagoons. S. 21–22. Aus den gesamten Vereinigten Staaten trafen Beschwerdebriefe von Tierschutzorganisationen und Privatpersonen ein, auch im Ausland wurde zum Beispiel die US-Botschaft in London mit Protestschreiben überhäuft.Jonathan Weisgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. S. 157–158.