Der Paul Zsolnay Verlag ist ein von Paul Zsolnay 1924 in Wien gegründeter belletristischer Verlag, der unter anderem Werke von Egmont Colerus, Colette, Heinrich Eduard Jacob, Heinrich Mann, Franz Werfel und H. G. Wells veröffentlichte. Von seiner Gründung 1924 bis zur „Arisierung“ 1938 war er sowohl nach Anzahl der veröffentlichten Werke als auch nach Umsatz der größte belletristische Verlag Österreichs.Hall, 1985, Band II, S. 489 Seit 1996 gehört er zum Münchner Carl Hanser Verlag.

Geschichte Von der Gründung bis 1930 Neuerscheinungen 1924–1938auf Basis einer Liste der Deutschen Bücherei in Leipzig, zitiert nach: Hall, 1985, Band II, S. 489 f. Jahr Anzahl Jahr Anzahl 1924 18 1932 60 1925 21 1933 52 1926 23 1934 33 1927 26 1935 43 1928 44 1936 64 1929 47 1937 56 1930 66 1938 53 1931 46

1923 begann der erfolgreiche Blumenzüchter und Literaturliebhaber Paul Zsolnay mit den Vorbereitungen zur Gründung eines eigenen Verlages. Die hohe Inflation, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich und Deutschland vorherrschte, machte vielen Verlagen zu schaffen und brachte selbst erfolgreiche Autoren um große Teile ihrer Tantiemen. In diesem Umfeld wollte Zsolnay, der aus einer wohlhabenden Familie stammte und sich durch Blumenzucht in der Tschechoslowakei selbstständig gemacht hatte, und zu dessen Freundeskreis Dichter und Schriftsteller wie etwa Franz Werfel zählten, im Verlagswesen Fuß fassen.Hall, 1985, Band II, S. 482 mini|links|100px|Altes Logo mini|Heinrich Mann: Der Kopf. Original-Verlagseinband des Erstdrucks, 1925

Als Franz Werfel Verdi fertiggestellt hatte und es vertragsgemäß beim deutschen Kurt-Wolff-Verlag abliefern hätte sollen, bat Zsolnay Werfel, das Buch ihm zur Veröffentlichung zu überlassen. Er biete ihm bessere Konditionen und werde den zu erwartenden Erfolg des Buches, der dem Verlag die notwendige Bekanntheit verschafft, für den Aufbau eines eigenen Verlages nutzen. Werfel stimmte aufgrund der Inflationsprobleme, die dem Kurt-Wolff-Verlag und in der Folge auch seinem persönlichen Einkommen zu schaffen machten, zu.

Am 4. April 1924 veröffentlichte Zsolnay die erste Anzeige, in der er für Werfels Verdi warb; mit rasch verkauften 60.000 Exemplaren wurde das Buch der Grundstein des Verlages – bis 1933 erreichte die Auflage 250.000 Stück.Hall, 1985, Band II, S. 503 Erst am 6. Mai 1924 folgte die Eintragung des Paul-Zsolnay-Verlags als Buchhandel im Handelsregister in Wien. Als Prokurist arbeitete Felix Kostia-Costa (1887–1942)Eintrag für Felix Kostia in „The Central Database of Shoah Victims' Names“ für ihn. Am 14. August 1925 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine GmbH: Das Gründungskapital von 20.000 Schilling trugen Zsolnay (16.000) und Kostia-Costa (4.000) bei, die nun als Geschäftsführer fungierten. Als Prokurist kam im Oktober Stefan Halasz hinzu. Vom ersten Firmensitz in der Castelligasse 17 in Mariahilf übersiedelte der Verlag im Februar 1926 ins Palais Castiglioni in der Prinz-Eugen-Straße 30 auf der Wieden.

Als zweites Werk erschien von Zsolnays Schulfreund Hans Kaltneker das Drama „Die Schwester“. Das dritte Buch wurde am 21. Mai 1924 veröffentlicht: „Der Menschenfischer“ von John Galsworthy, einem Autor, der von Zsolnay für den deutschsprachigen Raum „entdeckt“ wurde. 1924 erschienen insgesamt 18 Werke, 13 ihrer Autoren zählten zum Freundeskreis der Zsolnays.

Er konnte nach Werfel noch weitere Schriftsteller vom Kurt-Wolff-Verlag abwerben, darunter Heinrich Mann, Max Brod und H. G. Wells. Zu den erfolgreichsten Autoren des Verlages zählte in den ersten Jahren neben Werfel und Mann vor allem John Galsworthy. Zudem erschienen gesammelte Werke von einigen bereits etablierten Autoren, die ebenfalls große Bedeutung für den Erfolg des jungen Verlages hatten. Neben einer achtbändigen Ausgabe der früheren Romane Manns etwa die gesammelten Werke von Max Brod und Felix Salten, gefolgt von H. G. Wells, Pearl S. Buck (ab 1933), Sinclair Lewis sowie von Theodore Dreiser.

Die Übersetzungsliteratur prägte das Programm so stark, dass der Journalist Leopold Thaler 1926 die Verlagsräume als „Literaturministerium für Äußeres“ bezeichnete. Bekannte Übersetzer waren z. B. Clarisse Meitner, Eva Mertens, Lise Landau, Leon Schalit und Berta Zuckerkandl. Bis 1938 fanden sich gleich vier Träger des Literaturnobelpreises im Verlag: John Galsworthy, Sinclair Lewis, Roger Martin du Gard und Pearl S. Buck.

Ab 1927 gab der Verlag mehrere Jahrbücher heraus. Das erste erschien 1927, Mit zwölf Kunstdrucktafeln, die handschriftliche Äusserungen der Verlagsautoren faksimiliert wiedergeben. Diese waren gebeten, zum Thema Deutschland und Europa eine Stellungnahme abzugeben. Der Verlag legte zusätzlich das Faksimile eines Partiturblatts aus Mahlers X. Sinfonie bei, die der Verlag zuerst 1924 herausgegeben hatte. Im Jahr 1931 konnte noch ein letztes Jahrbuch herausgegeben werden, dieses enthielt zwei Originalbeiträge von Franz Werfel und zwölf faksimilierte Bildbeigaben, davon zwei von Egon Schiele. Das Verlagsverzeichnis aller 1927 lieferbaren Werke führte 62 Titel an, mit Heinrich Mann, Der Untertan im 105. Tausend.

Das Unternehmen ging aus den Inflationsjahren als größter und erfolgreichster Verlag Österreichs hervor. Während viele andere Verlage in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen schließen mussten oder bestenfalls ausgeglichen bilanzierten, schrieb der Zsolnay-Verlag sowohl 1928 als auch 1929, dem Jahr, in dem die Weltwirtschaftskrise ihren Ausgang fand, Gewinne und expandierte.

Weltwirtschaftskrise und NS-„Machtergreifung“ (1930–1934) Von der Weltwirtschaftskrise zunächst verschont, glaubte der Verlag an eine weitere, wenn auch abgeschwächte, Expansion. 1930 wurde beschlossen, das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft (AG) umzuwandeln, um weniger auf Fremdkapital angewiesen zu sein. Diese Umwandlung erfolgte per 13. Februar 1931. Die Vorstandsmitglieder, die insgesamt 500.000 Schilling als Eigenkapital einzahlten, waren nun neben Paul Zsolnay und Felix Kostia-Costa auch der Rechtsanwalt Paul Neumann. Als Prokuristen fungierten nun neben Stefan Halasz auch Richard Lehnert und Grete Geiringer.

Der Verlag verkaufte seine Bücher in Auflagen, die kein anderer österreichischer Verlag ansatzweise erreichen konnte. Zsolnays erste Veröffentlichung, Werfels Verdi, hielt 1933 bei einer Auflage von 250.000 Stück, Fülöp-Millers Der heilige Teufel – Rasputin und die Frauen bei 170.000 Stück, Walter von Molos Der Schiller-Roman hielt bei einer Auflage von 100.000 Exemplaren und Theodore Dreisers Eine amerikanische Tragödie bei 80.000.

Der Erfolg des Unternehmens nahm jedoch im Geschäftsjahr 1932/1933 ein Ende. Die Wirtschaftskrise schlug nun voll durch und statt Gewinnen schrieb das Unternehmen nun rund 35.000 Schilling Verlust. Die Entwicklung spitzte sich jedoch zu, als mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 ein großer Teil des Verlagsprogramms aufgrund von Autoren, die, zumindest nach dem Befinden der neuen Machthaber, Juden und/oder politische Gegner waren, nicht mehr verkauft werden durfte. Werke vieler Verlagsautoren landeten auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland. Zudem führte Deutschland neben der „Tausend-Mark-Sperre“ eine Devisenausfuhrbeschränkung ein, die österreichische Unternehmen von in Deutschland erzielten Umsätzen weitgehend abschnitt. Für die großteils von Deutschland abhängige österreichische Wirtschaft stellte dies eine Existenzbedrohung dar, und sie wurde vom neuen nationalsozialistischen Regime bewusst eingesetzt, um Österreichs Eigenständigkeit zu sabotieren. Auch Zsolnay machte bis dahin rund 70 % seines Umsatzes in Deutschland und wurde von dieser Maßnahme wirtschaftlich schwer getroffen.

1933/1934 betrug der Verlust aus genannten Gründen bereits beinahe so viel, wie das Eigenkapital ausmachte: 438.000 Schilling. 1933 wurden daher, um frisches Eigenkapital zu bekommen, neue Gesellschafter aufgenommen: der akademischen Maler und Zsolnay-Buchillustrator Rudolf Geyer sowie der Gründer des Bergland-Konzerns und Druckerei-Besitzer Kurt Walter erweiterten den Vorstand. Zudem suchte Zsolnay um finanzielle Unterstützung aus dem „Sanierungs-Begünstigungs-Gesetz“ an, dass die österreichische Regierung als Antwort auf die Wirtschaftskrise zur Unterstützung heimischer Unternehmen erlassen hat.Hall, 1985, Band II, S. 490–492

Neuausrichtung des Verlagsprogrammes (1934–1938) Als Reaktion auf die veränderte Situation in Deutschland, die einen großen Teil des Verlagsprogrammes Zsolnays als „unerwünscht“, da im Verständnis der Nationalsozialisten als „jüdisch“, deklarierte, und auch Boykottaktionen gegen „deutschfeindliche“ österreichische Autoren nach sich zog, standen Paul Zsolnay nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers Murray G. Hall „zwei Optionen offen: verkaufen oder radikal umstellen. Er [Zsolnay] wählte letztere Variante.“Hall, 1985, Band II, S. 493 Dieser Weg wurde bereits 1933 eingeschlagen, als im Zuge der veränderten Machtverhältnisse in Deutschland eine PEN-Tagung in Ragusa (Dubrovnik) zur Auseinandersetzung zwischen „arisch-nationalen“ und „jüdisch-oppositionellen“ Schriftstellern eskalierte. Auf beiden Seiten waren die Hauptakteure Autoren des Zsolnay-Verlages. Die Folge der PEN-Tagung war daher nicht nur eine Spaltung des PEN-Klubs, sondern auch eine Spaltung unter den Autoren des Zsolnay-Verlages.

Angesichts der Abhängigkeit vom deutschen Markt begann sich Zsolnay nun nach und nach von seinen jüdischen Autoren zu trennen. Diese Wandlung führte zu dem Paradoxon, dass der Verlag von der NS-Propaganda zwar weiterhin als „Judenverlag“ diffamiert wurde, der Verlag indes eine „Gleichschaltung“ mit nationalsozialistischen Vorstellungen vollzog. Zsolnay wandte sich an Theo Habicht, den von den deutschen Nationalsozialisten als „Landes-Inspekteur“ für Österreich eingesetzten NSDAP/AO-Funktionär, der Zsolnay wiederum an Professor Haasbauer in Linz, den „kulturellen Landesleiter“ der NSDAP verwies. Die Folgen dieser Annäherung waren, dass die NSDAP den „nationalen österreichischen Dichtern“ empfahl, bei Zsolnay zu veröffentlichen, und dass ein Vertrauensmann der NSDAP, Hermann R. Leber, ab dem Frühjahr 1934 als Leiter des Lektorats eingesetzt wurde. Leber fungierte von nun an als „Mittelsmann“ zwischen dem Zsolnay-Verlag und der NSDAP.Hall, 1985, Band II, S. 495