mini|320px|„Kunst-Geschichten“ = Berichte von neuesten technischen Apparaturen, „Literatur-Geschichten“ = Berichte von neuesten wissenschaftlichen Arbeiten im vorliegenden Fall aus dem Feld der Medizin und Meteorologie. Titelseite der Breslauischen Sammlungen, 1718, der seinerzeit führenden deutschen naturwissenschaftlichen Zeitschrift.

Der Begriff Literaturgeschichte hatte bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Bedeutung „Berichte aus der gelehrten Welt“ und wurde seit etwa 1830 neu definiert als Feld der nationalen sprachlich fixierten Überlieferung, innerhalb derer die künstlerisch gestalteten Werke maßgeblich sind.

Geschichte Die Geschichte der Literaturgeschichtsschreibung birgt einen Bruch mit der Wende ins 19. Jahrhundert. Diejenigen, die zwischen 1750 und 1850 Literaturgeschichte schrieben, gaben ihr originäres Thema – die Berichterstattung aus den Wissenschaften – Ende des 18. Jahrhunderts auf, und machten gerade das zum Gegenstand, was bislang für unwissenschaftlich, außerhalb der Literatur liegend, galt: Dichtung, Fiktionen.

Der Themenwechsel hatte zur Folge, dass mit dem 19. Jahrhundert das Wort „Literatur“ neu definiert werden musste. Als „Bereich der sprachlichen Überlieferung“ wurde die Definition dabei so gestaltet, dass die Fachwissenschaften weiterhin ihre Arbeiten in „Literaturverzeichnissen“ listen konnten. In der sprachlichen Überlieferung nahmen jedoch – so die neue These der Literaturgeschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts – die sprachlichen Kunstwerke einen zentralen Platz ein – als der Kern der nationalen Überlieferungen, als das Feld der ewig diskutierten Werke, das Feld der durch ihre Ästhetik herausragenden Werke, so die Versuche, zu erklären, warum Dramen, Gedichte und Romane „Literatur im engeren Sinne“ sein sollten. Im Folgenden soll das Entstehen der Literaturgeschichtsschreibung mitsamt dem von ihr vollzogenen Themenwechsel knapp skizziert werden.

Von der Polyhistorie zur Literaturgeschichte, 1500–1650 Die moderne Literaturgeschichtsschreibung beginnt im 16. und 17. Jahrhundert als der Versuch, über die Wissenschaften – und das ist bis in das 19. Jahrhundert die „Literatur“ – Bericht zu erstatten. Anfänglich – das Aufkommen des Buchdrucks steigert die hier bestehenden Hoffnungen – gilt die Arbeit Großwerken, die das gesamte Wissen der Gelehrsamkeit systematisch wie Bibliotheken geordnet in sich bergen sollen. Die Polyhistorik scheitert jedoch bereits in ihren ersten Ansätzen. Das Problem ist dabei weniger das Aufkommen der Naturwissenschaften. Schwierig verlaufen die polyhistorischen Projekte vielmehr, da sie von Anfang an in ideologische Fixierungen ausarten: Ihre Autoren versuchen, philosophisch-theologische Aussagen darüber zu treffen, wie das Wissen und der mit ihm erfasste Kosmos geordnet sind. Die Ordnungsvorhaben werden unverzüglich als scholastische, rückwärtsgewandte gebrandmarkt, die Werke selbst kommen inhaltlich bei allen Ordnungsbestrebungen kaum über das Kompilieren von bereits vorhandenen Informationen heraus. Wer sie bedienen will, muss sich mühselig in die Ordnungsgedanken der Verfasser einarbeiten, er hantiert sodann mit schweren Bänden, die in nur wenigen Bibliotheken verfügbar sind. Kritik an bestehendem Wissen, Fachdiskussionen, finden sich in den polyhistorischen Werken kaum.

Mit dem 17. Jahrhundert gewinnen drei neue Gruppen von Werken Bedeutung: das alphabetisch sortierende Lexikon, die bibliographisch ausgerichtete „Historia Literaria“ oder „Geschichte der Gelehrsamkeit“ und das literarische Journal.

Das Lexikon tritt das Erbe der Polyhistorik als das Werk an, das das Wissen selbst anbietet. Universallexika bleiben dabei rare Projekte. Der Markt expandiert mit Fachlexika und ab dem Anfang des 18. Jahrhunderts mit kleinen Lexika, Zeitungs- oder Conversations-Lexica, die Wissen in Kürze im tragbaren Format bieten, ausgerichtet auf die Zeitungen, die selten Informationen zu den historischen Schauplätzen mitliefern.

mini|400px|Titelseite J. F. Reimmann, Historia Literaria (1710).

Die „Historia Literaria“ oder „Geschichte der Gelahrheit“ (heute Gelehrsamkeit) wird zum bibliographischen Projekt. Sie bietet kleine Nachschlagewerke, die die Wissenschaften nach allen Fachgebieten und Forschungsfragen ordnen und untergliedern, und dabei Punkt um Punkt notieren, welche Werke im jeweiligen Gebiet von Wissenschaftlern welcher Nation verfasst, die wichtigsten sind. Gekauft werden diese Nachschlagewerke primär von Studenten und angehenden Wissenschaftlern, die nach ihnen in ihren eigenen wissenschaftlichen Arbeiten Fußnoten setzen können.

Das literarische Journal wird in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zum Renner auf dem Buchmarkt. In monatlichen Ausgaben bietet es Überblick über die wichtigsten wissenschaftlichen Neuerscheinungen und – bei naturwissenschaftlicher Ausrichtung – Erfindungen. Die Berichte bieten Exzerpte aus den besprochenen Werken samt Seitenangaben zu wichtigen Zitaten. Zu den einzelnen Nummern erhält der Bezieher in der Regel am Ende des Jahres ein Register, das es ihm ermöglicht, sein wissenschaftliches Journal als Fachlexikon zu benutzen. Karriere macht das literarische Journal um 1700 vor allem, da es sich zum Träger eines fortgesetzten Raisonnements über aktuelle Debatten der Forschung entwickelt, und dabei öffentlichen Debatten aus Politik und Religion Raum bietet.

Im Lauf des 18. Jahrhunderts öffnen sich die wichtigsten literarischen Journale dem Bereich der belles lettres, der damit ein zentrales Feld im Austausch über Literatur wird.

Der Siegeszug der belles lettres, 1600–1750 Der Buchmarkt untergliederte sich früh in zwei Bereiche: den der Literatur für die Gelehrten und den der Veröffentlichungen für das breitere lesende Publikum, das Gebetbücher, Heiligenleben, populäre Historien, vor allem aber Zeitungen verlangte. Beide Bereiche waren im Design deutlich voneinander unterschieden. Kostbar und fein gedruckt, vor allem auf Latein erschien die Literatur in den vier Wissenschaften Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie. In lieblos gesetzten mit einfachen Holzschnitten ausgestatteten Publikationen sprach dagegen die billige Massenware das Publikum an.

Mit dem 17. Jahrhundert entsteht ein neuer, dritter Markt, der der belles lettres. Bereits der Name ist Programm: Die hier gebotenen Publikationen gehören zum gehobenen Marktsegment, zu den lettres, den Wissenschaften, der Literatur – indes nicht zur pedantischen akademischen Gelehrsamkeit, sondern zu einem Feld, das sich eher durch seine Annehmlichkeit auszeichnet, durch Geschmack und Anspruch. Feine Kupferstiche sind hier statt billiger Holzschnitte geboten, Französisch und elegante moderne Landessprachen, statt Gelehrtenlatein oder abgeschmackter Sprache aus dem niederen Schrifttum. Zum Markt der belles lettres gehören aktuelle skandalöse Historien, Romane, Memoires, Reiseberichte, Journale. Das Publikum ist aristokratisch, bürgerlich-städtisch, es umfasst die Frauen, denen die akademische Gelehrsamkeit verwehrt ist, und den gelehrten Leser, der neben seinem Fach noch Interessen am aktuellen Geschehen hat.

Der neue Markt rangiert im Englischen unter dem französischen Wort oder unter dem Wort „polite literature“; in Deutschland ist er im ausgehenden 17. Jahrhundert der Bereich der „galanten Wissenschafften“, ab Mitte des 18. Jahrhunderts: der Bereich der „schönen Wissenschaften“, oder, eleganter, der „schönen Literatur“.

Die Literaturbesprechung steht dem neuen Markt zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch mit Vorsicht gegenüber. Das Journal de Sçavans oder ihm nacheifernd die Deutschen Acta Eruditorum sind wissenschaftliche Journale. Deutlich bestimmt sie jedoch mit dem Boom des Journalmarkts, der Ende des 17. Jahrhunderts sich abzeichnet, das Bestreben, die sich ausweitende Leserschaft zu befriedigen. Zu diesem Zweck lassen die populäreren Blätter regelmäßig einzelne Rezensionen von Publikationen aus dem Bereich der belles lettres zu, die zwar nicht zur Literatur im aktuellen Sinne gehören, jedoch breiteres Interesse auch der Gelehrtenschaft beanspruchen können. So rezensieren die Deutschen Acta Eruditorum 1713 gänzlich ungeniert die skandalöse Atalantis Delarivier Manleys, ein als Roman getarntes Enthüllungsbuch angeblicher Machenschaften der letzten Londoner Administration. Der neue Besprechungsgegenstand gewinnt jedoch erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Kraft, als die Poesie national geführte Diskussionen erobert.

Die Poesie wird Gegenstand der nationalen Literaturdebatte, 1720–1780 Die „belles lettres“ sind nur indirekt ein Vorläufer unserer heutigen Literatur. Im Deutschen lebt ihr Markt mit dem Markt der Belletristik fort, und das kennzeichnet die wichtigsten Unterschiede: Man kann von den „Literaturen“ der Nationen sprechen, es gibt jedoch nur eine einzige Belletristik. Literatur wird diskutiert von Literaturkritikern und Literaturpäpsten. Die Belletristik blieb dagegen ein Markt ohne sekundären Diskurs. Die Belletristik umschließt die Literaturen, doch bietet sie unendlich viel mehr – nahezu alles, was breiteres Interesse beansprucht, ist im Buchhandel Belletristik.

Unsere heutige Vorstellung von Literatur entsteht, als nach 1720 die nationale Poesie – sie tut dies anfänglich vor allem in Deutschland – das Interesse der Gelehrsamkeit auf sich zieht.

Poesie ist im 17. und 18. Jahrhundert wenig mehr als der Bereich der gebundenen Sprache. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts entwickelte sich die Oper in ihren Spielformen des italienischen und des französischen Stils zum zentralen Ort der poetischen Produktion. Lyrik wurde veröffentlicht, um vertont zu werden. Hinzu kam, verachtet von jedem, der Geschmack hatte, die Panegyrik und die gesamte kommerzielle Gedichtproduktion, die zu Beerdigungen, Hochzeiten und Jubiläen in Auftrag gegeben wurde. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sieht man die Poesie am ehesten in einer Krise – korrumpiert überall dort, wo sie in Auftrag gegeben verfasst wird, und skandalös, wo sie sich dem Opern-Betrieb und der galanten Lieddichtung anbietet. Die 1720er und 1730er erleben eine massive Kritik an den Opern, gerade von gelehrter Seite aus. Im Interesse der öffentlichen Moral fordern im deutschsprachigen Raum Johann Christoph Gottsched und seine Mitkritiker eine Neuausrichtung der Poesie, in der die aristotelische Poetik zum Zuge kommen soll. Die Oper, das Lied, die Cantate werden dabei nicht abgeschafft, jedoch wird festgelegt, dass der öffentliche Austausch diesen Bereichen nicht gilt – er gilt, und dies können die Verfasser aktueller Journale, da sie über Öffentlichkeit verfügen, festlegen – einer Poesie, die der Nation dient, große verantwortungsbewusste Autoren hervorbringt, wichtige Diskussionen zulässt.

Das Ergebnis ist im Verlauf des 18. Jahrhunderts eine Zweiteilung des Marktes: Auf der einen Seite besteht der Markt der belles lettres fort, er entwickelt sich als internationaler Markt der Belletristik. Auf der anderen Seite können es Autoren im Verlauf des 18. Jahrhunderts zunehmend riskieren, „anspruchsvolle“ Dichtung zu schreiben, Dichtung, die sich erst in dem Moment verkauft, in dem die Kritik sie bespricht und ihre Lektüre empfiehlt. Es entsteht eine öffentlich diskutierte Poesie gegenüber einem Markt, der der Trivialisierung überlassen bleibt.