Das Lewis-Maschinengewehr () ist ein um 1910 in den Vereinigten Staaten entwickeltes leichtes Maschinengewehr. Der Entwickler Isaac Newton Lewis konnte die Verantwortlichen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten nicht von seiner Waffe überzeugen und fand andere Abnehmer. Das MG wurde vom Vereinigten Königreich und weiteren mit dem Britischen Weltreich verbundenen Staaten vor allem im Ersten Weltkrieg eingesetzt. In der Zwischenkriegszeit nutzten es verschiedene Konfliktparteien in verschiedenen Auseinandersetzungen. Obwohl es technisch nicht mehr zeitgemäß war, wurde es noch im Zweiten Weltkrieg und auch später eingesetzt.
Das Lewis-Maschinengewehr ist an dem aufgesetzten Tellermagazin und dem markanten Kühlmantel des Laufes zu erkennen. Einige Konstruktionsmerkmale sind in der Waffentechnik einzigartig. Das MG wurde in verschiedenen Varianten mit unterschiedlichen Magazingrößen als Infanteriewaffe, Fahrzeug- und Flugzeugbewaffnung sowie Flugabwehrwaffe verwendet.
Geschichte Samuel McClean und Ormond Mitchell Lissak Der erste Entwurf stammte von dem US-amerikanischen Erfinder Samuel Neal McClean, der im Jahr 1900 das Unternehmen McClean Arms & Ordnance Company in Cleveland gegründet hatte. Mit großem finanziellen Aufwand versuchte McClean, ein wassergekühltes Maschinengewehr zu konstruieren. Er geriet darüber jedoch in finanzielle Schwierigkeiten und war gezwungen, seine Firma zu verkaufen; trotzdem blieb er Generaldirektor des Unternehmens. Von 1908 bis 1910 arbeitete er mit dem US-Army-Offizier Ormond Mitchell Lissak zusammenThe National cyclopædia of American biography, Band 26. James T. White & Company, New York 1937, S. 37–38 und entwickelte mit ihm gemeinsam einen wassergekühlten Gasdrucklader mit Schneckenmagazin. Es war ein komplizierter Entwurf, der zu Ladehemmungen neigte und deswegen in den Tests der US Army und der US Navy durchfiel. 1909 wurden McCleans Patente dem Waffenhersteller Colt zum Kauf angeboten, doch das Unternehmen lehnte mit der Begründung ab, diese wären anderen Patenten zu ähnlich. Mangels kommerzieller Erfolgsaussichten wurde die McClean Arms & Ordnance Company im Dezember 1909 geschlossen,Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 8. und McCleans Patente wurden von seinen Geldgebern auf die 1910 neu gegründete Automatic Arms Company übertragen.
Isaac Lewis mini|hochkant|Isaac Newton Lewis Isaac Newton Lewis war als Offizier der US Army in frühe Versuche mit dem von McClean entworfenen Maschinengewehr involviert.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 8–9. Anfang 1910 kamen McCleans Geldgeber auf Lewis zu und versprachen ihm einen großen Anteil am Unternehmen, falls er den Entwurf von McClean zu einem gebrauchstüchtigen Maschinengewehr weiterentwickeln würde.Chinn: The Machine Gun. 1951, S. 278. Lewis überarbeitete daraufhin das Maschinengewehr und stellte es von Wasser- auf Luftkühlung um, da er glaubte, dass es ansonsten gegen die bereits auf dem Markt erhältlichen wassergekühlten Maschinengewehre keine Chance hätte. Um die Zuverlässigkeit zu verbessern, überarbeitete er die Schließfeder, die im Originalentwurf McCleans als Schraubenfeder um den Gaskolben des Gasdruckladesystems angeordnet war, wo sie schnell erhitzte und an Spannung verlor. Lewis verlagerte die nun als Spiralfeder ausgebildete Schließfeder vor den Abzug, um die Wärmeaufnahme zu verlangsamen. Zusätzlich ersetzte er das unhandliche Schneckenmagazin durch ein einfacheres System. Im September 1910 unterzeichnete er vereinbarungsgemäß einen Gesellschaftsvertrag mit der Automatic Arms Company und bestellte vier Prototypen im Kaliber .30-06 bei dem Waffenhersteller Savage Arms. Um diese zu perfektionieren und zu vermarkten, ließ er sich ein Jahr von der US Army beurlauben.
Misserfolg in den USA, Erfolg in Europa mini|Amerikanische Piloten bei der Erprobung, 7. Juni 1912 Lewis präsentierte das Maschinengewehr mit Unterstützung von General Leonard Wood hochrangigen Vertretern der US Army. Dabei versuchte er jedoch William Crozier, den Chef des für Waffenentwicklungen zuständigen Ordnance Departments, zu umgehen. Dies geschah zum einen auf Grund gegenseitiger persönlicher Abneigung, zum anderen glaubte Lewis, dass Crozier Colt als Lieferanten bevorzugen würde. Das Ordnance Department erkannte jedoch die Ergebnisse der inoffiziellen Versuche nicht an.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 9–10. Lewis konnte daraufhin Capt. Charles DeForest Chandler, den Leiter der Aeronautical Division, U.S. Signal Corps, von einem weiteren inoffiziellen Versuch mit einem Wright-Model-B-Doppeldecker überzeugen. So wurde am 7. Juni 1912 am College Park Airport in College Park zum ersten Mal ein Maschinengewehr von einem Flugzeug aus verwendet, um Bodenziele zu treffen:
Dieses Ereignis wurde in den Medien als Aufhänger für eine mögliche zukünftige Kriegsführung aus der Luft aufgegriffen,Chinn: The Machine Gun. 1951, S. 275–277. doch die Führung der US-Streitkräfte sah keine Verwendung für bewaffnete Flugzeuge.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 10.
Lewis konnte die US Army nicht von seiner Entwicklung überzeugen und verließ sie frustriert 1913, bevor er nach Europa reiste, um sein Maschinengewehr dort zu vermarkten.Spencer C. Tucker: World War I: The Definitive Encyclopedia and Document Collection. ABC-CLIO, 2014, ISBN 978-1-85109-965-8, S. 955 Bereits die ersten Kontakte mit britischen und belgischen Vertretern waren erfolgversprechend. Lewis eröffnete daraufhin die Tochtergesellschaft „Armes Automatiques Lewis SA“ in Belgien und plante, eine Fabrik in Lüttich zu errichten, nahm aber dann doch ein lukratives Angebot des Waffenherstellers Birmingham Small Arms Company (BSA) aus England an. Mitte 1913 hatte BSA 50 Lewis-Maschinengewehre in sieben verschiedenen Kalibern in Handarbeit gefertigt, welche dann von Lewis’ Unternehmen potenziellen Käufern, unter anderem Deutschland, angeboten wurden.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 10–11. Die Versuche mit Lewis-Maschinengewehren als Flugzeugbewaffnung gegen Bodenziele wurden im Dezember 1912 in Belgien und im November 1913 in England auf dem Truppenübungsplatz Bisley fortgeführt.Chinn: The Machine Gun. 1951, S. 282.
Im September 1913 testete die US Army einen von BSA gefertigten Prototyp im US-amerikanischen Standardkaliber als möglichen Ersatz für das leichte Benet-Mercie. Der Prototyp war jedoch mangelhaft auf die starke Patrone angepasst und daher anfällig für Ladehemmungen und Defekte. Die Ausschreibung gewann daraufhin das schwere Vickers-Maschinengewehr.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 13.
Als am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg begann, bestellte die britische Regierung eine größere Menge Lewis-Maschinengewehre.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 11.
Massenproduktion mini|Britische Arbeiterin stellt Abzugsbügel für Lewis-Maschinengewehre her, 1918 Das für die Massenproduktion vorgesehene Modell wurde überarbeitet, indem die Durchmesser der Kühlrippen und der Ummantelung leicht reduziert wurden. Die Zuverlässigkeit des Magazins wurde verbessert, was allerdings dessen Kapazität von 50 auf 47 Patronen absenkte. Die wichtigste Änderung war jedoch die Umstellung vom aufschießenden auf einen zuschießenden Verschluss. So konnte die Patronenkammer zwischen den Feuerstößen abkühlen.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 12.
Um die Nachfrage nach dem Maschinengewehr bedienen zu können, baute BSA eine neue Fabrik und konnte anfangs 150 Stück in der Woche fertigen. Da dies nicht ausreichte, finanzierte 1915 die britische Regierung den Aufbau einer größeren Fabrik, um die Produktion auf 500 Stück pro Woche zu steigern. Bis zum Ende des Jahres 1916 konnte die Produktionskapazität auf 1000 Stück pro Woche verdoppelt werden. Anfang 1918 wurde das „ausgezeichnete Lewis-Maschinengewehr“ bei den Mittelmächten als „die hauptsächlichste Waffe des englischen Heeres“ angesehen. Insgesamt produzierte BSA bis 1919 etwa 145.000 Stück für die britische Regierung und bot die Waffe noch bis zum Zweiten Weltkrieg zum Verkauf an.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 15.
Gleichzeitig versuchte auch Kanada, sein Kontingent für den Kriegseinsatz mit modernen Waffen auszurüsten. Beim amerikanischen Waffenhersteller Savage Arms, der zuvor die ersten Prototypen hergestellt hatte, wurden im Juli 1915 die ersten 500 Stück bestellt. Da Savage Arms weitere Produktionskapazitäten hatte, stellte das Unternehmen für Großbritannien zusätzliche Lewis-Maschinengewehre her. Bei einigen von Savage Arms produzierten Waffen wurde eine ungenügende Wärmebehandlung festgestellt, sodass manche von BSA nachgearbeitet werden mussten.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 16. Savage Arms stellte bis Juni 1918 etwa 50.000 Stück für die USA her.
Der französische Rüstungshersteller Hotchkiss et Cie verhandelte über eine Lizenz, aber die französische Regierung veranlasste, dass sich der Hersteller auf das schwere Maschinengewehr Hotchkiss M1914 konzentrieren sollte. Nur etwa 4400 Lewis-Maschinengewehre in Flugzeugausführung wurden von dem deutlich kleineren französischen Hersteller Darne hergestellt.
Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg mini|BSA-0,5-Zoll-Maschinengewehr Nach dem Ersten Weltkrieg erwarben die Niederlande eine Lizenz und produzierten im Arsenal Artillerie-Inrichtingen bis 1940 etwa 10.000 Stück. Weitere Lizenzproduktionen fanden ebenfalls nach dem Ersten Weltkrieg in Japan statt.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 69.
Die Produktion in England und den USA endete kurz nach dem Waffenstillstand. BSA nutzte die Waffe als Basis für einige Weiterentwicklungen, unter anderem für einen Prototyp mit Gurtzuführung. Das „Light Infantry Model“ hingegen war als Selbstladegewehr ausgelegt, dessen Kühlrippen gegen einen Vorderschaft aus Holz ausgetauscht wurden. Ein weiterer Prototyp war ein Flugzeugmaschinengewehr in Zwillingsausführung, bei dem die Trommelmagazine seitlich angeordnet waren. Keiner der Entwürfe kam jedoch über den experimentellen Status hinaus.Grant: The Lewis Gun. 2014, S. 26–28. 1924 entwickelte BSA eine Waffe für das größere Kaliber 12,7 × 81 mm (0,5 Zoll) als Flugzeugbewaffnung. Wegen der optischen Ähnlichkeit wird die Waffe gelegentlich fälschlicherweise als Lewis-Maschinengewehr im Kaliber .50 bezeichnet. Die neuen Entwicklungen weckten aber weder das Interesse der britischen Streitkräfte noch anderer potentieller Käufer.Chinn: The Machine Gun. 1951, S. 412–415.
Aufgrund der vielen überschüssigen Waffen und der gegen Ende der 1920er-Jahre beginnenden Weltwirtschaftskrise hatten die britischen Streitkräfte zunächst keine Pläne, das Lewis-Maschinengewehr zu ersetzen. Erst als Anfang der 1930er-Jahre erste Abnutzungserscheinungen auftraten, führten die britischen Streitkräfte 1935 das Bren-Maschinengewehr ein. 1937 entwarf BSA eine neue Variante des Lewis-Maschinengewehrs mit einigen Eigenschaften des Bren (Magazin und Hauptfeder), doch der Vorschlag wurde nicht angenommen.
Ab 1937 wurde in der britischen Armee das Lewis als Flugzeugbewaffnung durch die Vickers K ersetzt. Das britische Unternehmen Soley Armament Company unterbreitete einen Vorschlag, wie man überschüssige MKIII in Bren-ähnliche Infanteriewaffen umwandeln könnte. Doch auch diese Umrüstung fand keinen Anklang. Als Großbritannien allerdings zu Beginn des Zweiten Weltkriegs einen großen Bedarf an Maschinengewehren hatte, wurden überschüssige Lewis-Maschinengewehre in Flugzeugausführung in ähnlicher Weise auf den Bodeneinsatz umgerüstet.
Modelle Modell 1914/Mk I (BSA für das Vereinigte Königreich)