Werner Kraft (* 4. Mai 1896 in Braunschweig; † 14. Juni 1991 in Jerusalem) war ein deutsch-israelischer Bibliothekar, Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Lyriker jüdischer Herkunft. Er lebte nach seiner Emigration aus Hannover seit 1934 bis zu seinem Tod in Jerusalem und verkörperte als ausschließlich Deutsch schreibender Schriftsteller neben seinen Freunden Gershom Scholem, Ludwig Strauss und Ernst Simon das „Leben der deutschen Sprache in Jerusalem“.Rudolf Lennert: Über das Leben der deutschen Sprache in Jerusalem. In: Neue Sammlung. Jg. 6 (1966), S. 617–627, ein Aufsatz, der die drei Freunde Werner Kraft, Ludwig Strauss und Ernst Simon würdigt. „Es handelt sich (…) darum, daß eine Sprache und ihre Literatur ihr Leben weiterführen, weit von ihrem Boden entfernt und nach einem inneren Aufbruch wie diesem mit keiner Emigration und keinem Exil der Geschichte vergleichbaren; einem Abbruch, der eine neue Welt mit einer neuen Sprache aufbauen wollte und der für Jahrzehnte alle persönlichen Beziehungen zu der verlassenen unmöglich machen mußte, ausgenommen die unter engsten Freunden“ (ebd., S. 617). Lennert betont, dass es sich um „das Noch-Leben, Noch-Wirken der deutschen Sprache ‚in Jerusalem‘“ (S. 618) handele – eine Feststellung, die fast 50 Jahre später mit dem Aussterben dieser Gruppe deutsch-jüdischer Emigranten nicht mehr gilt: Die Sprachinsel der ‚deutsche Sprache in Jerusalem‘ ist endgültig erloschen.

Leben Herkunft Werner Kraft stammt sowohl von mütterlicher als auch väterlicher Seite aus einer jüdischen FamilieAusführlich: David Henry Marlow: Uncovering their names and stories. 300+ years of a German-Jewish family 1697-2024. New York 2025 (s. Literatur), S. 301-307: The Isensteins in Hannover; S. 308-341: The Krafts. „Mein Vater war ein guter Mann, und mir war er alles. Er stammt aus Calbe an der Saale“,Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Mit einem Nachwort von Jörg Drews. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973 (Bibliothek Suhrkamp. Bd. 356), S. 7, man beachte das versteckte Zitat aus Matthias Claudius’ „Bei dem Grabe meines Vaters“ schreibt er zu Beginn seiner Erinnerungen „Spiegelung der Jugend“. „Meine Mutter stammt aus Hannover. Sie war kraftvoll. Weil mein Vater in den Geschäften kein Glück hatte, lag die Sorge für die Familie auf ihr.“ Eduard Kraft (1855–1916) lebte als Kaufmann zunächst in Elberfeld, ihn „besuchte die Schwermut, gerade weil er so freudig war und lange am Rhein gelebt hatte“.Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973, S. 7 Die Mutter Else, geb. Isenstein, (1868–1923) war die Tochter des hannoverschen Kaufmanns Julius M. Isenstein (1834–1914) und dessen Frau Anna Isenstein, geb. Rosenhain (1839–1926), deren Grab auf dem Jüdischen Friedhof an der Strangriede erhalten ist. Das großväterliche „Seiden-, Manufaktur- und Modewaarengeschäft I.M. Isenstein“ befand sich von 1871 bis 1881 im Zentrum Hannovers, in der Packhofstraße 13 (vorher, ab 1866, in der Seilwinderstraße 12). Die „Hannoversche Holzstifte-Fabrik Isenstein“, die ebenfalls dem Großvater gehörte, lag in der hannoverschen Oststadt (in der Cellerstraße 135, ab 1887 in der Nikolaistraße 14 und 1909–1914 in der Steinriede 4).Adreßbuch, Stadt- und Geschäftshandbuch der Königlichen Residenzstadt Hannover und der Stadt Linden. - Hannover. Führer durch die Stadt und ihre Bauten. Hrsg. vom Architekten- und Ingenieurverein zu Hannover. Red.: Theodor Unger. Hannover: Klindworth 1882. Neuausg. Hannover: Vincentz 1978, S. 243. 1896 betrieb der Vater Eduard Kraft in der Innenstadt von Braunschweig, im Bohlweg 39/40 (Ecke Hagenscharrn), eine „Glas-, Porzellan- und Steingut-, Gold- und Spielwarenhandlung“.Braunschweigisches Adreß-Buch für das Jahr 1899. Es ist das Geburtshaus von Werner Kraft.Johannes Graf: Von Braunschweig nach Jerusalem. Der deutsch-jüdische Schriftsteller Werner Kraft (1896–1991). In: Braunschweigisches Landesmuseum, Informationen und Berichte 3-4/1996, S. 35.

Kindheit, Jugend und Schulzeit

In Hannover wohnte die Familie Kraft hauptsächlich im Stadtteil Oststadt: Rambergstraße, Alte Celler Heerstraße, Lavesstraße und Fundstraße lauteten die Adressen. Im Gegensatz zu seinem eher praktisch veranlagten zwei Jahre älteren Bruder Fritz Kraft (1894–1917) entwickelte sich beim verträumten Werner die Leidenschaft fürs Lesen:

Von 1906 bis 1914 besuchte er die Leibnizschule in der Alten Celler Heerstraße (neben dem Gerichtsgefängnis, am heutigen Weißekreuzplatz) und legte im Jahre 1914 das Abitur ab. Zu seinen Mitschülern gehörten u. a. Ernst Blumenthal (später Kaufmann in Stockholm) und der spätere Arzt Harald Berkowitz. In seinen Erinnerungen schrieb Kraft über seine Schulzeit:

Die Lektüre des Kindes und Jugendlichen Werner Kraft wandelte sich allmählich in einer bestimmten Richtung:

Militärzeit, Studium und Ausbildung zum Bibliothekar

In der Buchhandlung Ludwig Ey am hannoverschen Steintor machte er 1913 die Bekanntschaft von Theodor Lessing,Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Frankfurt am Main 1973, S. 28–29. der dem Schüler entscheidende Anstöße gab und mit dem er bis zu dessen Tod 1933 verbunden bleiben sollte. Lessing vermittelte auch Krafts erste Veröffentlichung in der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift Die Aktion, eine Rezension von Rudolf Borchardts Gedicht Wannsee und Stefan Georges Gedichtband Der Stern des Bundes.Werner Kraft: Der „Stern des Bundes“ und „Wannsee“. In: Die Aktion. Jg. 4 (1914), 3. Mai, Spalte 394–397 Ein halbes Jahr lang versuchte er sich in einer Lehre als Bankkaufmann bei der Dresdner Bank in Hannover, deren Direktor Julius L. Isenstein (1856–1929) ein Verwandter mütterlicherseits war:Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Frankfurt am Main 1973, S. 41–42. Kommerzienrat Isensteins Grab ist auf dem Stadtfriedhof Stöcken in Hannover erhalten (Abt. A 25, Nr. 8, am Teich nahe der Brücke).

1915 begann Kraft in Berlin ein Studium der deutschen und französischen Philologie sowie der Philosophie zusammen mit seinem Vetter, dem Lyriker Paul Kraft (1896–1922).Thomas Piotrowski: Kraft, Paul. Geb. 28. April 1896 Magdeburg, gest. 17. März 1922 Berlin, Dichter. In: Magdeburger biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert. Magdeburg: Scriptum Verl. 2002, S. 381

In Berlin schloss er auch Freundschaft mit Walter Benjamin und Gerhard (Gershom) Scholem. Hier traf er erstmals persönlich den von ihm verehrten Schriftsteller Rudolf Borchardt. 1916 wurde er Soldat, allerdings blieb ihm das sogenannte Stahlbad an der Front erspart. 1916 bis 1919 diente er als Sanitätssoldat in Hannover, die überwiegende Zeit in den Wahrendorffschen Anstalten, im sog. Lazarett für Kriegshysteriker und Kriegsneurotiker (heute Klinikum Wahrendorff) in Ilten bei Hannover, ein Dienst, der den Zwanzigjährigen an den Rand des Selbstmords brachte.Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Frankfurt am Main 1973, S. 52–64. Überlebenshilfe waren ihm die Freundschaft mit Theodor Lessing und die Lektüre der Zeitschrift Die Fackel des Wiener Satirikers Karl Kraus„Ein junger Mann [= Werner Kraft], irgendwo bei Hannover, zur Zeit Krankenwärter, schreibt einen Brief, in dem die Worte stehen: '… eine Seele, die 'Sendung' geschrieben hat, ist nicht angreifbar'.“ Brief von Karl Kraus an Sidonie Nádherný von Borutin, 28. Dezember 1916. In: Karl Kraus: Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin 1913–1936. Auf der Grundlage der Ausg. von Heinrich Fischer und Michael Lazarus neu hrsg. und ergänzt von Friedrich Pfäfflin. Göttingen: Wallstein (Bibliothek Janowitz. Bd. 6), Bd. 1, S. 470, Brief Nr. 515. sowie der Bücher von Rudolf Borchardt – Kraus und Borchardt wurden bald seine geistigen Leitsterne – beide bekanntlich Männer jüdischer Herkunft, die sich zu dieser ihrer Herkunft nur schwer bekennen mochten:

Sein älterer Bruder Fritz Kraft, schon früh in der zionistischen Bewegung in Hannover aktiv, wurde ebenfalls Soldat. Als Angehöriger des kaiserlichen Levantekorps kämpfte er gegen britische Truppen in Palästina. 1917 kehrte er nahe Jerusalem von einem Patrouillengang nicht zurück und blieb vermisst.In der Predigthalle auf dem Jüdischen Friedhof an der Strangriede in Hannover erinnern große Tafeln an die Namen von 124 Kriegstoten, darunter auch an Fritz Kraft. Die Kriegergedenkstätte trägt die Inschrift: „Zu Ehren ihrer im Weltkriege gefallenen Söhne – die Synagogen-Gemeinde Hannover“.

Nach dem Krieg konnte Werner Kraft 1919 bis 1920 sein Studium zusammen mit den Schwestern Toni und Erna Halle, die er 1916 im Kreis um Gerhard Scholem in Jena kennengelernt hatte, in Freiburg im Breisgau fortsetzen; u. a. hörte er Philosophie bei Edmund Husserl und Martin Heidegger:Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Frankfurt am Main 1973, S. 86–94.

Zwecks Erlernung eines Brotberufs absolvierte er 1920 bis 1926 eine Ausbildung zum Bibliothekar, zunächst des gehobenen Dienstes. 1922 heiratete er Erna Halle (1923 wurde ihr Sohn Paul Caspar [später: Shaul] geboren). 1922 bis 1926 war er an der Deutschen Bücherei in Leipzig tätig.Thomas Blume: Intermezzo in Leipzig 1922–1926. In: Werner Kraft. 1896–1991. Bearb. von Jörg Drews. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft 1996 (Marbacher Magazin. 75), S. 19–21. In Leipzig wohnten Werner und Erna Kraft zusammen mit Ernas Schwester Toni Halle – damals Lehrerin an der Leipziger Israelitischen Mädchenschule – am Floßplatz.Barbara Kowalzik: Lehrerbuch. Die Lehrer und Lehrerinnen des Leipziger jüdischen Schulwerks 1912–1942, vorgestellt in Biogrammen. Leipzig: Leipziger-Univ.-Verl. 2006 (Leipziger Kalender, Sonderband 2006,1), S. 163f. 1925 promovierte er in Frankfurt am Main über Die Päpstin Johanna, eine motivgeschichtliche Untersuchung (mit Schwerpunkt auf Rudolf Borchardts Drama 'Verkündigung') bei Professor Franz Schultz (1877–1950), bei dem Walter Benjamin die Habilitation im selben Jahr misslang, und absolvierte das Examen zum höheren Bibliotheksdienst. 1927 reiste die Familie Kraft nach Italien und traf sich in Florenz mit den Freunden Hedwig und Hermann Scheiner, mit der Schwägerin Toni Halle und mit Erich Brauer, die aus Palästina gekommen waren. In Candeglia bei Pistoia traf er zum letzten Mal mit Rudolf Borchardt zusammen und führte mit ihm aufwühlende Gespräche.

Bibliotheksrat in Hannover

Seine Stelle an der Deutschen Bücherei in Leipzig wurde nicht verlängert, aber 1928 hatte – für ihn überraschend – seine Bewerbung an der Vormals Königlichen und Provinzial-Bibliothek (der heutigen Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek) in seiner Heimatstadt Hannover Erfolg. Nachdem zuvor seine Bewerbung bei der Staatsbibliothek in Lissabon für eine Stelle in Coimbra vergeblich gewesen war, schrieb er in seinen Erinnerungen: