mini|James P. Johnson am Klavier um 1921. James Price Johnson, James P. Johnson oder Jimmy Johnson, (* 1. Februar 1894. Auch Carlo Bohländer u. a. Reclams Jazzführer, 1989. in New Brunswick, New Jersey; † 17. November 1955 in New York, N.Y.) war ein US-amerikanischer Pianist und Komponist. Er gilt als „Vater des Stride-Pianos“ und hat in dieser Eigenschaft eine Reihe weiterer Jazzpianisten maßgeblich beeinflusst, darunter Fats Waller, Duke Ellington, Count Basie, Don Lambert und Thelonious Monk.
Leben Kindheit James P. Johnson wuchs als jüngstes von fünf Kindern auf. Prägende musikalische Eindrücke seiner Kindheit waren die von seinen Eltern veranstalteten Ring-Shouts,Jasen/Jones, S. 69. denen Johnson bis tief in die Nacht lauschte, und das Klavierspiel seiner Mutter, von der er sein erstes Klavierstück, „Little Brown Jug“, lernte. Als die Familie 1902 nach Jersey City zog und seine Mutter das Klavier verkaufen musste, um die Umzugskosten bezahlen zu können, trieb sich der junge James P. vor Bars und Kneipen herum, wo er den Ragtime-Pianisten, wegen ihrer Fähigkeiten im Umgang mit Klaviertasten und Frauen Tickler genannt, zuhörte und sich mit Gitarrespielen, Singen und Tanzen ein paar Münzen verdiente. In diese Zeit fällt auch sein erster, mit einem Quarter bezahlter Job als Pianist, den er in einem Bordell absolvierte, der aber laut Johnson nicht zählte.Davin, S. 46. Außerdem machte Johnson über einen älteren Bruder die Bekanntschaft einiger Tickler, die auf dem Weg von Baltimore oder Alabama nach New York in Jersey City Station machten.
In Sinfoniekonzerten, die er ab 1905 in New York besuchte, schulte Johnson seine orchestralen Klangvorstellungen, während die klassisch-romantische Klaviermusik in den Cafés in Harlem ihm pianistische Virtuosität vermittelte. Er beschloss, als Tickler sein Leben zu bestreiten.
Ragtime-Pianist Etwa ab 1911 spielte Johnson in verschiedenen Cabarets und Clubs im Wechsel mit anderen Pianisten, von denen er sich viele zeitgenössische Spielmethoden, harmonische Progressionen, Improvisationsmuster, Melodiefiguren und persönliche Besonderheiten abhörte, anhand deren er fortan seinen persönlichen Stil auf der Grundlage des Eastern Ragtime stetig weiterentwickelte. Den eigentlichen Start seiner Karriere sah er selbst im Jahr 1913.Brown 1986, S. 53. Hatte Johnson bis dahin viele aktuelle Hits des Tages in seinem Repertoire, begann er nun, seine ersten eigenen Ragtimes zu erarbeiten. Obwohl ein Verleger Interesse an Johnsons Musik bekundete, kam es in dieser Zeit nicht zu Veröffentlichungen, da Johnson noch keine Noten schreiben konnte und niemanden fand, der seine Stücke für ihn aufschrieb. Erst in den 40er Jahren wurden einige seiner Rags im Druck veröffentlicht, allerdings meist in verkürzter Form, zum Beispiel „Gut Stomp“: wahrscheinlich komponiert zwischen 1914 und 1917, danach die prototypische Notenpublikation 1940, bis hin zur improvisatorisch deutlich weiter entwickelten Version als Tonaufnahme (Blue Note 24-B, 17. November 1943). Von der Mutter eines Freundes ermuntert, ließ er sich von 1913 an von Bruto Giannini systematisch in Harmonielehre, Kontrapunkt und Klavierspiel unterweisen und dabei auch erstmals an die Bedeutung und Methodik des klassischen Klavier-Fingersatzes heranführen.Brown 1986, S. 70. Johnson setzte seine Streifzüge durch die Cabarets und Bars von Harlem fort, um anderen Pianisten zuzuhören, und machte dabei die Bekanntschaft der besten „Tickler“ New Yorks: Luckey Roberts, Eubie Blake und Willie The Lion Smith. Unter ihrem Einfluss eignete er sich die Fähigkeit an, in allen Tonarten mit der gleichen Leichtigkeit und Virtuosität zu spielen, ein besonders bei der Begleitung von Sängern gefragtes Können. Ab 1914 nahm auch die Komposition von Songs in Johnsons Leben einen breiteren Platz ein. Nachdem er inzwischen das Notenschreiben erlernt hatte,Brown 1986, S. 84. begann er für Musical Shows Songs beizusteuern. Mit diesen Grundlagen gehörte Johnson bald zu den besten Ragtime-Pianisten New Yorks. In den folgenden Jahren erweiterte Johnson seine musikalischen Aktivitäten, nahm seine erste Klavierrolle auf (1917) und veröffentlichte erstmals eine Komposition. In der Zeit bis 1920 reiste Johnson in unterschiedliche Bundesstaaten und nahm dabei alle Gelegenheiten wahr, sich musikalisch weiterzubilden.Brown 1986, S. 105f. 1920 machte er die Bekanntschaft von George Gershwin, der wie Johnson Klavierrollen aufnahm. In dieser Zeit avancierte er zum besten Pianisten New Yorks, der in dem Ruf stand, in cutting contests und auf Rent Parties unschlagbar zu sein und seine Position aktiv zu verteidigen.
Stride-Piano Das Jahr 1921 war für James P. Johnson von besonderer Bedeutung. Er nahm für QRS Klavierrollen auf, darunter sein Bravourstück „Carolina Shout“ (das er 1918 bereits einmal auf einer Rolle eingespielt hatte). Nach dieser Klavierrolle lernten sowohl Fats Waller als auch Duke Ellington das Initialstück des Harlem-Stride-Piano. Außerdem wurde in diesem Jahr die erste Schallplatte mit Johnson produziert („Harlem Strut“ auf dem Label Black Swan) und er lernte den 17-jährigen Thomas Waller kennen, den er, nach dem unerwarteten Tod von dessen Mutter Adeline († 1920) und nach dessen Hinauswurf durch Wallers sehr religiösen Vater Edward, familiär und musikalisch unter seine Fittiche nahm, und umfassend im klassisch fundierten Jazz-Klavierspiel unterwies.Jasen/Jones, S. 76. In den 1920er Jahren war Johnson ein vielbeschäftigter Mann. Neben seinen Verpflichtungen für QRS war er in seiner Eigenschaft als musikalischer Direktor der Tournee-Revue Plantation Days 1923 in England, er nahm Schallplatten auf und schrieb die Musik zu zwei erfolgreichen Broadway Shows, 1923 Runnin' Wild (aus der die beiden Standards „Old Fashioned Love“ und „Charleston“Johnsons „Charleston“ ist die bekannteste Melodie zum gleichnamigen Gesellschaftstanz der Zwanziger Jahre. Die 1920er Jahre wurden unter anderem die Charleston-Ära genannt, wohl nicht wegen der Musik, eher wegen der exzentrischen Tanzschritte und der dazu aufgekommen Charleston-Mode mit kurzen Kleidern aus hauchdünnem Stoff. stammen) und 1928 „Keep Shufflin'“ (zusammen mit Fats Waller). Darüber hinaus komponierte er zahlreiche Songs, unter anderem den Klassiker „If I Could Be with You One Hour Tonight“. Außerdem wandte er sich der Komposition von Orchesterwerken zu, von denen „Yamekraw“ 1928 mit Fats Waller als Solist uraufgeführt wurde.Jasen/Jones, S. 79. Ab 1927 setzte Johnson verstärkt auf Schallplattenaufnahmen als Einkommensquelle. In diese Zeit fallen seine legendären Begleitungen von Sängerinnen wie Ethel Waters und Bessie Smith, der „Kaiserin des Blues“, insbesondere ihr „Backwater Blues“.
Komponist Anfang der 1930er Jahre hingegen konzentrierte Johnson sich auf den Broadway. Während „Sugar Hill“ wenig erfolgreich war, lief die Show „Harlem Hotcha“, bei der er mit Andy Razaf (Text) und Don Redman (musikalischer Direktor) kooperierte, wesentlich besser. In der Weltwirtschaftskrise wurden Gelegenheiten für Plattenaufnahmen und damit die Einkünfte, die man als recording artist erzielen konnte, immer spärlicher. Johnson zog sich aus dem Nachtleben Harlems weitgehend zurück und beschäftigte sich erneut mit musiktheoretischen Inhalten sowie der Komposition umfangreicher Orchesterwerke. Während der Depressionszeit entstanden eine Symphonie, eine Suite und ein Klavierkonzert. In späteren Jahren kamen noch ein Ballett, eine Oper, Sonaten sowie eine Sinfonische Dichtung hinzu.Brown 1986, S. 218f.
Spätere Jahre mini|James P. Johnson, Fess Williams, Freddie Moore, Joe Thomas 1948. Fotografie von William P. Gottlieb. Mit dem neu erwachten Interesse an älteren Jazzstilen begann ab 1938 Johnsons zweite Karriere als Jazzpianist: Zunächst als Sideman in verschiedenen Bands tätig, war er in dem berühmten (mitgeschnittenen und wiederveröffentlichten) Carnegie-Hall-Konzert From Spirituals to Swing (Teil 2 folgte ein Jahr später) am 23. Dezember 1938 mit zwei Klaviersoli vertreten. Im direkten Anschluss daran entstand am 24. Dezember 1938 in den Havers Studios in New York ein Interview mit Alan Lomax für die Library of Congress, für das der ohnehin wenig gesprächige und allgemein eher bescheiden auftretende Johnson fälschlicherweise durch Lomax als „Blues-Sänger (sowie Pianist, Sprecher) aus Kansas City, Missouri“ registriert wurde. Hierzu spielte Johnson, zusätzlich zur Aufnahme eines biografischen Monologes mit dem Tonarchivtitel „Monologue on early life“ am Klavier, sowie gleichzeitig im Dialog mit Lomax, insgesamt sieben musikalische Titel für das Tonarchiv ein. Aus dieser archivarischen Auswahl wurde bislang nur der Einzeltitel „Pork And Beans“ (Komponist: Luckey Roberts) auf CD veröffentlicht (Document Records).Document Records, DOCD-5656, Titel Nr. 7 Die anderen sechs Archiv-Titel sind „Stop It, Joe“, „Blues“, „The Bull Diker's Dream“, „Ethel Waters Blues“, „Low Down Blues“, sowie der durch Alan Lomax höchstwahrscheinlich irrtümlich als „Snowy Water Blues“ erfasste „Snowy Morning Blues“.Library Of Congress, Tonarchiv – Interview und Tonaufnahmen James P. Johnson mit Alan Lomax 24. Dezember 1938. Obgleich James P. Johnson ab 1940 mit einer Reihe von Schlaganfällen zu kämpfen hatte, die ihn immer wieder zu längeren Ruhepausen zwangen,Brown 1986, S. 233ff. konnte er seine Aufnahmetätigkeit als Solist und Sideman in diversen Formationen bis 1949 fortsetzen. Der Tod seines Freundes Fats Waller 1943 hatte Johnson bereits in eine tiefe, persönliche Krise gestürzt, welche er mit der Aufnahme eines Memorial Albums mit Stücken Wallers zu überwinden suchte. Die gesundheitlichen Probleme machten ihm zwar das Sprechen immer schwerer, sein Klavierspiel scheint jedoch weitgehend unbeeinflusst geblieben zu sein.Lyons/Perlo, S. 308. 1951 beendete ein massiver Schlaganfall allerdings seine Karriere endgültig. Johnson, der die letzten Jahre seines Lebens gelähmt und pflegebedürftig war und 1954 einen vorzeitigen Nachruf in der Zeitschrift DownBeat erfuhr, starb im Queens Hospital in New York an den Folgen eines weiteren, seines achten Schlaganfalls. Lediglich 75 Personen gaben ihm das letzte Geleit.Jasen / Jones, S. 81.
Stil James P. Johnsons persönlicher Klavierstil basiert auf dem Eastern RagtimeBesonders deutlich wird dies an der Struktur zahlreicher eingespielter Stride-Titel, die oft dem gängigen Ragtime-Schema Introduction,A,A’,B,B’,A’’,Bridge,C folgen, wobei C in Abhängigkeit vom Tempo des Stückes unterschiedlich oft wiederholt und variiert wird. und dessen individuellen Ausprägungen im Spiel einzelner Pianisten, deren bedeutendste Vertreter Eubie Blake und Luckey Roberts zu Johnsons engsten Freunden zählten. Zusammen mit Elementen aus verschiedenen Strömungen des Blues, der romantischen Klaviertradition (Virtuosität, vollgriffige Akkorde), Einflüssen aus der Orchestermusik (Mehrstimmigkeit in beiden Händen unter Einsatz einer differenzierten Anschlagskultur) und zahlreichen Elementen anderer Tickler formte Johnson daraus den Klavierstil, der als Harlem Stride Piano oder kurz Stride Piano bekannt geworden ist. Indem er ein Vokabular pianistischer Motive formulierte, die jeder Stride-Pianist beherrschte und in seine Improvisationen einbaute, nahm er in der Entwicklung des Jazz-Pianos eine Schlüsselposition ein.Kast, S. 130. Johnsons eigener Stil ließ sich jedoch nicht auf typische Floskeln und Motive reduzieren (im Gegensatz etwa zu dem Stil Fats Wallers, der sich oft eines für ihn charakteristischen Vorrats an Motiven und Phrasen bedient).