Fußballgott (auch in der Schreibweise Fußball-Gott) ist ein im Sportjournalismus und Fußballjargon verwendeter Begriff mit zwei verschiedenen Bedeutungen: Zum einen die personenbezogene Verwendung, die sich auf einzelne Spieler, gelegentlich auch auf Trainer, bezieht, die nach Einschätzung durch Sportreporter oder das Publikum „Göttern gleich Fußball zu spielen“ vermöchtenAnsgar Kreutzer: Arbeit und Muße. 2011. und denen auf dem Platz alles gelinge.Christian Schütte: Matchwinner und Pechvögel. 2006.

In einer weiteren Bedeutungsebene steht die Bezeichnung – meist in emotionalisierter Ohnmachtssituation oder ironisch geäußert – für „eine höhere Fußballinstanz auf metaphysischer Ebene […], die insbesondere für ausgleichende Gerechtigkeit“ sorgeChristian Schütte: Matchwinner und Pechvögel. 2006, S. 361. oder – bei Anrufung vor einem Spiel – sorgen solle, dies aber nicht immer tue.

Begriffsverwendung im Fußballjargon Gerade weil es im Fußball öfters zu knappen und unerwarteten Siegen oder Niederlagen kommt, sehen sich Sportmoderatoren, Trainer, Spieler, Club-Verantwortliche und Fans in der Kürze der Zeit in ErklärungsnotMarco Nadler: Fußball & Religion. 2008, S. 152. und schieben die Verantwortung für den Spielausgang unter anderem dem Fußballgott zu.

Der Gebrauch von Ritualen werde nach Emile Durkheim im Fußball wie im religiösen Umfeld als ganz ähnlich funktionierende Bestätigung eines Kollektivs gesehen.Marion Müller: Fußball als Paradoxon der Moderne: Zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball, Springer-Verlag, 14. Mai 2009. Ebenso hätten antike Kulte und moderner Sport Parallelen in magischen wie religiösen RitualenErik Zyber: Zwischen Abseits und Jenseits, Zeit Online, 19. Februar, 2007., Riten und Begriffsverwendungen. Die Parallelen erstrecken sich ebenso auf moderne religiöse Praktiken und Vorstellungen.Marco Nadler: Fußball & Religion. 2008, S. 20, Kapitel 1.2.2: Parallelen zwischen Religion und Fußball.Benjamin Reimold: Die religiöse Dimension der Sportart Fußball und deren Bedeutung für die Schule. 2008.Franciska Bohl: Parallelen zwischen Fußball und Religion, Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg, 11. Juni 2006. Der Gottesbegriff werde ebenso in der „Sensationsrhetorik der Medien“ erhöhend oder dramatisierend in der Form eines „Fußballgottes“ verwendet. Ein überzogener Leistungsanspruch beim Sport, der sich auch in der Vergötterung bzw. übertriebener individueller Heraushebung einzelner Spitzenathleten abbildet, ist bereits im 19. Jahrhundert angesichts der olympischen Bewegung von der Kulturkritik wie von christlicher Seite abgelehnt worden.Henning Eichberg: Die Veränderung des Sports ist gesellschaftlich: die historische Verhaltensforschung in der Diskussion: Diskussionsband, LIT Verlag, Münster 1990, S. 24 ff. Der evangelische Theologe Helmut Thielicke warnte 1966 im Zusammenhang mit dem Leistungssport, wo der „Übermensch“ kultiviert werde, sei der „Unmensch“ nicht weit.

Der Spieler – ein Fußballgott Im deutschen Sprachraum fand eine der bekanntesten medialen Bezeichnungen eines Spielers als „Fußballgott“ im Endspiel der Weltmeisterschaft 1954 in Bern statt. In den ersten acht Minuten der ersten Halbzeit verschuldete der deutsche Torwart Toni Turek ein Tor der Ungarn, steigerte sich jedoch und verteidigte sein Tor mit außergewöhnlichen Paraden. Eine davon, die zum sogenannten Wunder von Bern beitrug, kommentierte der Hörfunkreporter Herbert Zimmermann mit:

Die Verwendung des Wortes „Fußballgott“ schlug hohe Wellen; Kirchenvertreter tadelten sieSebastian Schneemelcher: Die Geschichte der BRD im Geschichtsunterricht anhand der Fußballweltmeisterschaften 1954, 1974 und 1990. GRIN Verlag, München 2008, ISBN 978-3-638-93716-0. und der damalige Bundespräsident Theodor Heuss stellte fest: Hessischer Rundfunk, Mischa Ehrhardt: Fußballwelten (3) – Heiliger Rasen und Fußballgötter, 29. April 2006. Zimmermann wurde zum zuständigen Intendanten beordert und musste sich noch einmal öffentlich für seine blasphemische Wortwahl entschuldigen. Es wurde diskutiert, ob Zimmermann weiterhin als Sportreporter arbeiten dürfe.Marco Nadler: Fußball & Religion. 2008, S. 159. Neben den „Helden von Bern“ wurde auch später gelegentlich die Benennung „Fußballgötter“ auf die ganze Mannschaft übertragen.Suppenwürfel für Fußballgötter, Buchbesprechung im Spiegel Nr. 10, 7. März 1994.

In den folgenden Jahrzehnten wurden noch mehrfach Spieler als „Fußballgott“ bezeichnet, in Deutschland waren dies etwa in Sprechchören Jürgen Kohler oder Alex Meier, in der Schweiz Marc Zellweger (in 14 Saisons über 500 Spiele für den FC St. Gallen) oder Erich Hänzi (beim BSC Young Boys) und in Österreich etwa Hans Krankl nach zwei Toren in Córdoba bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 beim 3:2-Sieg gegen die deutsche FußballnationalmannschaftStern Magazin, Band 55, 2002, Gruner & Jahr: Fußballgott bleibt Fußballgott. oder der Rekordspieler des SK Rapid Steffen Hofmann.

Guido Schröter veröffentlichte ab 2004 die Comicreihe Fußballgötter, die in der Samstag-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung erschien. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, der Fußball-Europameisterschaft 2008 und der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 erschien die Reihe täglich in verschiedenen Zeitungen und in Zusammenfassung wurden auch Comicalben unter demselben Titel publiziert.

Selbst Zweit-, Dritt- oder Regionalligavereine verwenden ab und zu die Bezeichnung „Fußballgott“ für einen besonders beliebten und erfolgreichen fußballerischen Lokalmatador. Obwohl Frauenfußball in den letzten Jahren eine größere Präsenz in den Medien erreicht hat, ist die Verwendung des Begriffes „Fußballgöttin“ nicht etabliert.

Auch im nicht-deutschsprachigen Raum sind Entsprechungen des Begriffes „Fußballgott“ bekannt und werden medial verwendet, etwa das dänische fodboldgudDen letkøbte fodboldgud, Berlingske Online, 11. Juni 2010. und im amerikanischen Englisch soccer god.An Earthly Realm for a Soccer God, The New York Times, 3 November 2008. Im Französischen gibt es le (semi-)dieu du foot(ball) („der [Halb]Gott des Fußballs“), im Japanischen findet der Begriff Kami allgemeine Verwendung für einen Gott und kann sich auch auf Personen beziehen, die auf ihrem Gebiet herausragend sind. Im Spanischen bezeichnet el dios del fútbol herausragende Spieler (z. B. Lionel Messi)., La Razón, 8. März, 2012.

Assoziierte Begriffe mini|Fußabdruck eines „Flankengottes“ auf dem „Walk of Fame“ vor dem Hamburger Volksparkstadion

Übermenschliche, (halb-)gottgleiche, mythologische Erhöhung von Personen findet sich bei weiteren sportjournalistischen Verwendungen

„Flankengott“: Diese Bezeichnung wird für einen Spieler verwendet, der sich dadurch auszeichnet, dass er häufig in einem Spiel zum genau richtigen Zeitpunkt und technisch perfekt den Ball von der rechten oder linken Seite so vor das Tor flankt, dass die Stürmer dadurch die Möglichkeit erhalten, Tore zu erzielen. Der Brite David BeckhamJürgen Krönig: Shoppen und Kicken – Wer hat mehr Macht über David Beckham – seine Frau Victoria oder Manchester United? Die Zeit, 9. März 2000. und die Deutschen Rüdiger Abramczik, Manfred KaltzEckhard Meinberg: Leibliche Bildung in der technischen Zivilisation. Über den Umgang mit dem Leibe (= Pädagogik – SportKultur – Philosophie. Bd. 3). Lit-Verlag, Berlin u. a. 2011, ISBN 978-3-643-11001-5, S. 79. und Reinhard „Stan“ Libuda erhielten von Fans und in den Medien diese Bezeichnung.

„Rehakles“: Nachdem der deutsche Fußballtrainer Otto Rehhagel die griechische Fußballnationalmannschaft bei der Euro 2004 in Portugal völlig unerwartet zum ersten und bisher einzigen Europameistertitel geführt hatte, gaben ihm die Medien den Spitznamen „Rehakles“,Diese Benennung war so populär, dass sie 2004 von der Gesellschaft für deutsche Sprache unter den Kandidaten für das Wort des Jahres gelistet wurde. im Deutschen ein Anagramm von Herakles (Herkules), Sohn des Zeus, der zwölf nahezu unlösbare Aufgaben bewältigte.Nach A. Kreutzer: Arbeit und Muße. 2011, schrieben die Salzburger Nachrichten am 19. Juni 2004: „eine Verschmelzung aus griechischem Halbgott und deutscher Gründlichkeit“. Im Griechischen wurde das Kofferwort zu Rehakles – Ρεχακλής verwendet, gebildet aus Ότο Ρεχάγκελ und Ηρακλής.

„El Salvador“ (‚der Erlöser‘), niederländ. de verlosser, auch mit Anspielung auf die Initialen J.C. seines Namens,Rotterdammers feliciteren Johan Cruijff (65), Geenstijl Online, 25. April 2012. war die Bezeichnung, die Johan Cruyff im katalanischen Barcelona von den Medien erhielt, nachdem er 1974 als Ideengeber und Motivator der Mannschaft den FC Barcelona nach 14 Jahren wieder zur Meisterschaft führte und in diesem Jahr dazu maßgeblich beitrug, Real Madrid im heimischen Estadio Santiago Bernabéu mit 0:5 zu schlagen. mini|Handschuhe eines „Torwart-Titanen“

„Torwart-Titan“: Die Titanen der griechischen Mythologie waren Riesen in Menschengestalt und ein mächtiges Göttergeschlecht – das griechische Wort τιταίνω titainō bedeutet „sich recken“. Diese Bezeichnung als „Torwart-Titan“ ist hauptsächlich mit dem langjährigen deutschen Nationaltorhüter Oliver Kahn verbunden,Die Kunst des Schwebens, Die Zeit, 8. November 2001. wird aber gelegentlich auch für andere Torhüter verwendet., BZ-Online, 29. Mai 2010.Vier Elfmeter gehalten. Daniel Klewer – Deutschlands neuer Torwart-Titan, RP-Online, 21. Dezember 2006.

Auch Körperteile von Spielern können (pars pro toto) in diese Überhöhung einbezogen werden. Hand: Während der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko erzielte Diego Maradona im Spiel Argentinien-England ein Tor mit der Hand, indem er den Ball über den vor ihm stehenden englischen Torwart faustete. Der Schiedsrichter gab das Tor, und Maradona sprach später von la mano de Dios (der „Hand Gottes“), die teilweise für das Tor verantwortlich gewesen sei.„Es war ein bisschen Maradonas Kopf und ein bisschen die Hand Gottes.“ (span.: un poco con la cabeza de Maradona y otro poco con la mano de Dios) Spiegel Online, Maradona Celebrates 20th Anniversary of „Hand of God“ Goal, Spiegel Online International, 23. Juni 2006 (englisch). Die Assoziation Hand Maradonas / Hand Gottes wurde in der Iglesia Maradoniana neureligiös-parodistisch weiterentwickelt, in der Maradona als D10S bezeichnet wird. Ferse: Die spanische Sportzeitung Marca brachte einen Bericht über ein Spiel zwischen Deportivo La Coruña und Real Madrid mit einem gelungenen Hackentrick von Guti unter dem Titel El Tacón de Dios („Die Ferse Gottes“).Titelblatt von Marca, 31. Januar 2010., SAZ Aktuell-Online, 31. Januar 2010. Kopf: Im französischen Sprachraum wurde der Übername Le divin chauve („Der göttliche Kahlköpfige“) mehreren Fußballspielern verliehen: dem Argentinier Alfredo Di Stéfano (trotz Halbglatze), dem Franzosen Fabien Barthez und dem Serben Slađan Đukić.

Der Fußballgott – eine metaphysische Fußballinstanz Nach Kreutzer besteht unter den Anrufern des „mythisch medial konstruierte[en] Fußballgott[es]“ kein Konsens, ob er „ein gerechter Gott [ist], der nach nachvollziehbaren ethischen Kriterien (bessere Leistung, fairere Mannschaft, […]) handelt“ oder ob sie „von einem Willkür-Gott aus[gehen], dessen Gunsterweis eben keiner Ethik und keiner Logik folge“. In einer Umfrage 2003 äußerten sich mehrere professionelle Fußballspieler zustimmend, dass es einen „Fußballgott“ gebe („Ich denke, dass es einen gibt. Man wird belohnt, wenn man hart arbeitet, wenn man Gas gibt.“).Dieter Matz, Jens Meyer-Odewald: Fußball in Deutschland. Geschäft oder Leidenschaft? Eine Standortbestimmung vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Miko-Edition, Hamburg 2003, ISBN 3-935436-11-4.