Liebe (Originaltitel Amour, Festivaltitel Love) ist ein Spielfilm des österreichischen Regisseurs und Drehbuchautors Michael Haneke aus dem Jahr 2012. Das kammerspielartige Drama handelt von einem pensionierten, gutsituierten Pariser Ehepaar (dargestellt von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva), dessen Liebe auf die Probe gestellt wird, nachdem die Frau einen Schlaganfall erlitten hat. Das Drehbuch zu Liebe war laut Haneke durch eigene Erlebnisse in seiner Familie inspiriert. beim Filmfestival von Cannes, 0:45 min ff. (englisch; abgerufen am 27. Mai 2012) Der Film ist eine Produktion der französischen Les Films du Losange, des deutschen X-Filme Creative Pool und der österreichischen Wega Film.
Hanekes Film, der am 20. Mai 2012 im Rahmen des Wettbewerbs der 65. Internationalen Filmfestspiele von Cannes uraufgeführt wurde, gewann mit der Goldenen Palme den Hauptpreis des Festivals. Es folgten zahlreiche weitere internationale Auszeichnungen, darunter 2013 ein Oscar und ein Golden Globe, jeweils in der Kategorie bester fremdsprachiger Film, sowie zwei BAFTA Awards und fünf Césars.
In Deutschland lief Liebe am 20. September 2012 in den Kinos an,Michael Hanekes LIEBE im Wettbewerb des Festival de Cannes bei x-verleih.de, 19. April 2012 (abgerufen am 27. Mai 2012) in Österreich einen Tag später.Hanekes „Amour“ geht für Österreich ins Oscar-Rennen. Auf derstandard.at, 4. September 2012 Der Kinostart in der Schweiz erfolgte am 4. Oktober 2012.
Handlung Die Feuerwehr bricht in einer geräumigen Pariser Innenstadtwohnung die Wohnungstür auf, nachdem die Nachbarn die Mieter lange nicht mehr gesehen haben. Polizeibeamte stoßen auf eine mit Klebeband versiegelte Tür. Als sie diese öffnen, finden sie die Leiche einer alten Frau, die offenbar schon längere Zeit tot ist. Der Leichnam ist auf dem Bett drapiert, festlich bekleidet und mit Blumen geschmückt.
In einer Rückblende werden die Mieter der großbürgerlichen Altbauwohnung mit Flügeltüren, holzvertäfelten Wänden und einem Konzertflügel vorgestellt – das nach vielen Ehejahren immer noch zärtlich miteinander verbundene Paar Georges und Anne. Beide sind kultiviert, (PDF; 5,8 MB) zu den Filmfestspielen von Cannes (französisch, deutsch, englisch; S. 1) um die 80 – Anne hat als Klavierlehrerin gearbeitet. Sie kehren eines Abends gutgelaunt von einem Schubert-Konzert von Annes früherem Schützling Alexandre im Théâtre des Champs-Élysées nach Hause zurück. Dort stellen sie fest, dass offenbar erfolglos versucht worden ist, in ihre Wohnung einzubrechen. Anne findet die Nacht über keinen Schlaf. Als das Ehepaar am nächsten Morgen gemeinsam frühstückt, fällt Anne plötzlich in einen katatonischen Zustand. Sie starrt für einige Minuten schweigend ins Leere und es gelingt ihr nicht mehr, Tee in ihre Tasse einzugießen. Diese Begebenheit verunsichert das Paar sehr.
Ein Arzt stellt bei Anne eine verengte Halsschlagader fest. Sie erleidet einen Schlaganfall und kehrt nach einer fehlgeschlagenen Operation im Krankenhaus nach Hause zurück. Ihre rechte Körperhälfte ist gelähmt und sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie hegt gegenüber ihrem Ehemann offen Suizidgedanken, obwohl sich Georges aufopferungsvoll um sie kümmert. Er hilft ihr beim Ankleiden, bei allen täglichen Verrichtungen und bei der Krankengymnastik. Später stellt Georges zeitweise zwei Pflegerinnen ein, eine entlässt er wieder.
Mit dem Fortschreiten von Annes Krankheit isoliert sich das Paar zunehmend, auch von der verzweifelten Tochter Eva. Diese lebt mit ihrer Familie in London und fände ihre Mutter besser in einem Pflegeheim aufgehoben. Georges will Anne, wie versprochen, bis zu ihrem Tod in der gemeinsamen Wohnung weiterpflegen. Anne kann sich kaum noch artikulieren, weigert sich zu essen und zu trinken oder ruft stundenlang um Hilfe. Georges erlebt Tag- bzw. Albträume. Er verliert die Beherrschung und ohrfeigt Anne, als sie sich eines Tages weigert, das mit einer Schnabeltasse zugeführte Wasser zu trinken, und stattdessen ausspuckt.
Als Georges eines Tages beim Rasieren erneut Hilferufe seiner Ehefrau vernimmt, setzt er sich zu ihr ins Schlafzimmer. Er erzählt ihr zur Beruhigung eine Geschichte aus seiner Jugend, als er unter Diphtherie litt. Dann erstickt er Anne unvermittelt mit einem Kopfkissen. Georges kauft Blumensträuße, dekoriert das Bett seiner toten Frau und versiegelt das Zimmer von außen. Später fängt Georges eine Taube ein, die sich in den Flur verirrt hat, nachdem er eine erste zuvor verscheucht hat. Er lässt das Tier aber frei und hinterlässt Briefe. In einer letzten Halluzination sieht Georges seine verstorbene Ehefrau an der Spüle stehen. Anne fordert ihn auf, mit ihr auszugehen. Georges nimmt daraufhin seinen Mantel und folgt ihr aus der Wohnung.
Eva geht später, ganz in Schwarz gekleidet, durch die leere Wohnung und nimmt auf dem Sessel des Vaters Platz.
Entstehungsgeschichte Gründe für das Projekt und Vorarbeiten Hanekes mini|hochkant|Michael Haneke in Cannes, 2009 Michael Haneke nannte die Zusammenarbeit mit Jean-Louis Trintignant und den Stoff selbst als Beweggründe, den Film zu realisieren. Als Ausgangspunkt für seine Überlegungen diente Haneke der Selbstmord seiner über 90-jährigen Tante, die ihn großgezogen hatte. Diese hatte laut Haneke unter schwerem Rheumatismus gelitten und die letzten Jahre allein in ihrer Wohnung gelebt, weil sie nicht in einem Altenheim untergebracht werden wollte. Sie habe den Regisseur selbst erfolglos um Sterbehilfe gebeten. Haneke zufolge sei das Hauptthema seines Drehbuchs nicht Alter und Tod, „sondern die Frage, wie man mit dem Leiden eines geliebten Menschen umgeht“.Liebe: Vorabdruck aus dem Buch ‘Haneke über Haneke’ – Gespräche mit Michel Cieutat und Philippe Rouyer. Berlin/Köln: Alexander Verlag, September 2012, 31 S. (Kindle Edition, 133 KiB).
Haneke beschäftigte sich mit dem Stoff seit 1992. Die Arbeit am Drehbuch wurde jedoch durch eine Schreibblockade unterbrochen. Haneke arbeitete normalerweise vor dem Schreibprozess das Skript genau aus. Bei Liebe war er sich aber über den Schluss der Geschichte nicht im Klaren. Er fing mit dem Schreiben an in der Hoffnung, dass ihm dieser bei der Arbeit einfallen würde, was sich aber nicht bewahrheitete.Huber, Christoph: Michael Haneke: „Bei mir ist der Schauspieler schon König!“ bei diepresse.com, 25. August 2012 (abgerufen am 14. September 2012) „Ich habe mich mit dem Drehbuch furchtbar gequält und der Eindruck blieb, daß es mir nicht gelungen ist, das Thema in den Griff zu kriegen“, so Haneke. Gleichzeitig stellte der Regisseur fest, dass die schweizerisch-kanadische Berufskollegin Léa Pool mit La dernière fugue (2010) eine ähnliche Geschichte um einen alten Mann, der von seiner Frau gepflegt wird, realisiert hatte. Daraufhin ließ er das Projekt zugunsten eines anderen ruhen. Er arbeitete nur noch sporadisch daran, bis sich seine Schreibblockade löste und er das Drehbuch eigenen Angaben zufolge zügig fertigstellen konnte. Haneke verfasste es eigens für Trintignant, nachdem er bereits die Skripte für Die Klavierspielerin (2001) sowie Caché (2005) eigens für Schauspieler (Isabelle Huppert und Daniel Auteuil) entwickelt hatte. Haneke bevorzugt diese Arbeitsweise, da er so „speziell für die Vorteile des jeweiligen Schauspielers schreiben und diese besonders herausarbeiten“ könne.
Haneke wollte vermeiden, ein Sozialdrama zu erzählen, und wählte daher, wie in seinen früheren Werken, ein gutbürgerliches Milieu, in dem er sich auch besser auskannte.Video-Interview „Ich bin allergisch gegen Sentimentalität.“ bei critic.de, 26. Mai 2012 (abgerufen am 13. September 2012) Er wollte den Fall von den finanziellen und sozialen Nöten entkleiden, damit nur das wesentliche menschliche Drama übrig bleibe, anstatt ein spezieller „Härtefall“, der mit Geld hätte gelöst werden können. Gleichzeitig legte er den Film als kammerspielartige Inszenierung an, der fast nur in der Wohnung des Paares spielt. „Wenn man alt und krank wird, beschränkt sich die Welt zunehmend auf die eigenen vier Wände; ich habe die klassische Form der Einheit von Ort und Handlung gewählt, weil das eine gewisse Strenge hat, das fand ich dem Thema Tod angemessen“, so Haneke.Wenn die Musik innehält – Interview mit Susan Vahabzadeh. In: Süddeutsche Zeitung, 20. September 2012, S. 12 Der Filmemacher wollte das Zeigen eines Krankenhauses oder der Behandlungen vermeiden, da er diesen „falsch verstandenen Naturalismus“ eher im Fernsehspiel aufgehoben sieht. In seiner Vorbereitung hatte er dennoch Krankenhäuser und Sprachkurse besucht, bei denen Patienten das Sprechen wiedererlernen. Haneke will sentimentale Effekte vermieden haben, da er „allergisch“ gegen Sentimentalität sei. Sie sei ihm „lästig oder unangenehm“.
Das Skript verfasste Haneke wie auch bei seinen früheren fremdsprachigen Produktionen in deutscher Sprache und ging es dann Satz für Satz mit seinem langjährigen Übersetzer durch. „Soviel Französisch kann ich, dass ich beurteilen kann, ob die Übersetzung auch genau das ausdrückt, was ich sagen wollte, auch weil meine Dialoge ja immer einem bestimmten Milieu entstammen, das ebenso in die andere Sprache transportiert werden soll, aber ich bin nicht in der Lage, einen französischen Dialog zu schreiben“, so Haneke.»Ich habe keine Phantasie!« bei artechock.de, 31. Mai 2012 (abgerufen am 13. September 2012)
Besetzung der Rollen
Haneke begann im Sommer 2009 mit den Arbeiten für das finale DrehbuchKorber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (68:00 min ff.) für Jean-Louis Trintignant, den er immer bewundert habe. Der Schauspieler, der als einer der großen Stars des französischen Kinos gilt,Jean-Louis Trintignant. In: Internationales Biographisches Archiv 39/2005 vom 1. Oktober 2005, ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 37/2012 (abgerufen via Munzinger Online) war dem Regisseur erstmals vor Jahrzehnten durch mehrere Filme (unter anderem Leichen pflastern seinen Weg, 1968) aufgefallen, da dieser die Dinge nach Meinung Hanekes nicht ausspiele, sondern sie nur andeute. Trintignant behalte auf diese Weise als Schauspieler sein „Geheimnis“ für sich.Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (27:00 min ff.) („[…] mich hat von Anfang an sein Blick fasziniert, sein stiller, insistierender Blick.“) Trintignant, der seine Filmkarriere Mitte der 2000er Jahre hatte ausklingen lassen und zurückgezogen auf dem Land lebte, war Haneke nicht bekannt, da er auch keine Kinovorstellungen mehr besuchte. Ursprünglich wollte er in keinem Film mehr mitwirken und war der Meinung, als Theaterschauspieler besser zu sein. vom 20. Mai 2012 (3:00 min ff.; abgerufen am 16. Juli 2012) Ein erster Kontakt kam durch die Vermittlung von Hanekes Filmproduzentin Margaret Ménégoz zustande, als Trintignant den Part des Erzählers für die französische Filmfassung von Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009) übernahm, von dem der Schauspieler angetan war. Als Trintignant von Haneke die männliche Hauptrolle des Georges in Liebe angeboten bekam, stand er dem Projekt zunächst ablehnend gegenüber („Als ich das Drehbuch gelesen hatte, fand ich es deprimierend. Ich sagte zu Haneke, ich werde den Film nicht machen. Aber ich bin froh, das Drehbuch gelesen zu haben. So weiß ich wenigstens, dass ich mir diesen Film nicht anschauen werde.“). Er konnte aber nachträglich durch Margaret Ménégoz umgestimmt werden. Sie habe Trintignant entgegnet, dass es ihm im Moment vielleicht nicht so gutgehe, aber wenn er den Film nicht mache, es ihm noch schlechter gehen würde. Tatsächlich sollte Ménégoz recht behalten und Trintignant ging es eigenen Angaben zufolge nach den Dreharbeiten „eher nicht schlechter“. Haneke gab später an, dass er ohne Trintignant Liebe nie realisiert hätte.Bettina Aust: Goldene Palme-Gewinner: Haneke über Liebe und Angst beim Filmemachen. In: Berliner Zeitung, 29. Mai 2012