mini|Théodore Géricault konfrontierte mit seinem Gemälde Szene eines Schiffbruchs (Das Floß der Medusa) die Besucher der Pariser Ausstellung 1819 mit einem 3 Jahre zurückliegenden Schiffsunglück, indem er sie in die Rolle des Zuschauers versetzte: Nachdem die französische Fregatte Méduse an der westafrikanischen Küste auf Grund gelaufen war, baute man ein Floß, das 10 Tage im Meer trieb. Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher ist ein Werk des deutschen Philosophen Hans Blumenberg aus dem Jahr 1979. Darin behandelt er die Metapher des Schiffbruchs an Beispielen der Philosophie- und Literaturgeschichte von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Im Anhang Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit präsentiert er seine Metaphorologie, die besagt, dass es Einsichten gibt, die sich nicht in wissenschaftlicher Begrifflichkeit formulieren lassen, jedoch mit einer ganzheitlichen Bildlichkeit illustriert werden können.
Seefahrt als Grenzverletzung Ausgangspunkt des Autors ist das frühgriechische Weltbild: Der das bewohnbare Land umgebende Ozean wird von Göttern (Poseidon) und dämonischen Mächten beherrscht und ist somit für die Menschen als „Festlandlebewesen“ eine unberechenbare, orientierungswidrige, gesetzlose Sphäre und somit die naturgegebene Grenze ihrer Unternehmungen. Antike Autoren, z. B. Hesiod,Hesiod: Erga. s. Blumenberg, Hans: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Suhrkamp, Frankfurt 1979, S. 11 f. ISBN 978-3-518-22263-8. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. stellen folglich der Gefährdung der Seefahrt (Riffe, Stürme, Untiefen, Windstille) die Sicherheit des festen Landes (Hafen) gegenüber, gewinnen daraus ein Gefühl der Ruhe und warnen vor dem Leichtsinn und der Maßlosigkeit (Reichtum durch Handel) nautischer Unternehmungen.Blumenberg, S. 9 ff. Der Römer Lukrez greift diese Vorstellung auf und warnt vor den Risiken der Grenzüberschreitung aus Gewinnsucht.Blumenberg, S. 33. Horaz assoziiert die Hybris des Seefahrers mit den in göttliche Kompetenzen eingreifenden Aktionen des Prometheus und ruft in einer seiner Oden das von einem Sturm beschädigte Schiff in den Hafen zurück.Blumenberg, S. 14 ff.
Was dem Schiffbrüchigen bleibt mini|Das Narrenschiff des niederländischen Malers Hieronymus Bosch symbolisiert die Welt. Ähnlich der ebenfalls im Spätmittelalter entstandenen gleichnamigen Moralsatire Sebastian Brants präsentiert der Künstler dem Betrachter menschliche Laster und Torheiten, die zu dem von Montaigne befürchteten „Schiffbruch der Welt“ führen könnten. Die Situation der überstandenen Katastrophe, die in der Rezeptionsgeschichte von verschiedenen Autoren aufgegriffen und entsprechend ihrem Standort variiert wird, ist für Blumenberg „Figur einer philosophischen Ausgangserfahrung“:Blumenberg, S. 15.
Nach Diogenes LaertiusDiogenes Laertius VII 1,2. s. Blumenberg, S. 15. wurde der Stoiker Zenon von Kition durch ein solches Erlebnis Philosoph und VitruvVitruv: De archtectura VI 1–2. s. Blumenberg, S. 16. teilt mit, der Sokratiker Aristipp habe erkannt, dass nur solche Besitztümer wichtig sind, die man bei einem Schiffbruch retten kann. Diese Reduktion korreliert mit der antiken Theorie der Glückseligkeit (Eudaimonia) als „reine[r] Form des Weltverhältnisses“.Blumenberg, S. 22, 31.
Der Humanist Michel de Montaigne verbindet die Ausgangserfahrung mit „moralische[r] Autarkie“Montaigne: Essais I 38, II 14, 16, 17, II 9. III 1, 9. 12. Ders.: De la solitude. Essais I 38. s. Blumenberg, S. 18 ff.. Gewonnen werde „im Prozess der Selbstentdeckung“ der „Selbstbesitz“, d. h. die Substanz der Persönlichkeit. Das Bild der Seefahrt bedeutet für ihn, sich der „optischen Subjektivität“Blumenberg, S. 19., der täuschenden Hoffnung, zu überlassen, sich „für zu wichtig [zu] halten“. Durch Mäßigung in der festen Position des Landes (Selbstbesitz) könne man sich „aus dem allgemeinen Schiffbruch der Welt“Blumenberg, S. 20. retten lassen: durch sich selbst.
In der Zeit der AufklärungBlumenberg, S. 34. erfährt die Seefahrt-Metapher häufig eine Umwertung, indem das Wagnis und der Mut zum Aufbruch als positiv angesehen werden, z. B. bei FontenelleFontenelle: Dialogues des Morts. Ders.: Entretiens sur la pluralité des Mondes. s. Blumenberg, S. 34. oder Émilie du ChâteletMme du Châtelet: Discours sur le bonheur. s. Blumenberg, S. 39., die das Liegenbleiben im Hafen mit dem Verfehlen der Lebenschance und dem versäumten Glück gleichsetzt.Blumenberg, S. 39. Das Risiko der Seenot ist die Alternative zum Stillstand. Auch Voltaires Romanfiguren profitieren aus gefährlichen Erlebnissen: Candide muss für seine weitere Entwicklung die Erfahrung der Havarie machenBlumenberg, S. 38. und der Protagonist der philosophischen Erzählung Zadig wird belehrt, das Leben werde nur durch Prozesse angetrieben, die auch tödliche Folgen haben könnten.
Eine biographische Situation illustriert Goethe metaphorisch: Die Rettung aus einem Schiffbruch bedeute trotz der verlorenen Güter einen Gewinn für seine weitere Existenz.Goethe, Werke (Ed. E. Beutler), Bd. 23, S. 663 f., 875. s. Blumenberg, S. 22. Im Brief an Lavater vom 6. März 1776 schreibt er, dass er auf „der Woge der Welt“ mit dem Wagnis des Scheiterns Neues entdecken wolle. Entsprechendes sagt Faust in seinem Nachtmonolog bei der Betrachtung des Erdgeistzeichens.
In ähnlicher Weise wählt Friedrich NietzscheNietzsche: Die Fröhliche Wissenschaft I § 46, III § 124. s. Blumenberg, S. 23 ff. dieses Bild für die menschliche Existenz. Im Sinne Pascals würde er einen endlichen Wetteinsatz bei der Möglichkeit eines unendlichen Gewinns riskieren. Das setzt die Vorstellung eines Lebens von Anfang an auf dem unsicheren Meer voraus, mit der großen Wahrscheinlichkeit des Untergangs der scheinbar hilfreichen alten Gewohnheiten, deren Notbehelfe er nicht braucht (Gebälk, Bretterwerk der BegriffeNietzsche: Werke VI. s. Blumenberg, S. 25.). Aber es gebe eine Aussicht auf einen nach Havarie und Rettung freigewordenen Intellekt und die neue Erfahrung und Glückseligkeit des festen Bodens: Die Entdeckung der neuen Welt bedeutet für den Philosophen den „Gewinn des Wagnisses“ zum AufbruchNietzsche: Die Fröhliche Wissenschaft I § 46, IV § 289. s. Blumenberg, S. 26 ff.. Die Gefährdung ist eine Begleiterscheinung der Bewegung. Im Zarathustra-Fragment Vom GetümmelNietzsche: Werke XIV. s. Blumenberg, S. 24. wird beispielsweise die Titelfigur nach einem Schiffbruch an Land geworfen und springt mit dem Ausruf „Ich verliere mich selber“ zurück ins Meer.
Ästhetik und Moral des Zuschauers Die Erweiterung der Metapher konfrontiert einen nicht betroffenen Zuschauer an der Küste mit den vom Tod bedrohten Passagieren. Seit der Antike werden die Motive der Beobachter und ihre wissenschaftlichen Positionen, sowie die der Autoren, diskutiert: mini|Das Bild Das Wrack im Eismeer (1798) gestaltet die Thematik havariertes Schiff und Zuschauer. Da umstritten ist, ob Caspar David Friedrich wirklich der Maler des ihm zugeschriebenen Gemäldes ist, bleibt für den Betrachter viel Spielraum für die Interpretation dieser Allegorie des Scheiterns und der Rollen und Motive der Personen. Der Römer LukrezLukrez: De rerum natura II, V. s. Blumenberg S. 33. prägte diese Konfiguration mit der Vorstellung, vom Ufer aus in Seenot geratene Menschen „mit Genuss“ zu beobachten, und zwar nicht mit neugieriger Genugtuung über das Leid Anderer, sondern mit dem Bewusstsein des nicht betroffenen Standortes des Philosophen.Blumenberg, S. 31. D. h.: Genuss entsteht in diesem „epikureischen Lehrgedicht“ in Verbindung mit einem Gefühl einer sicheren Basis der Weltansicht durch die Distanz zur Wirklichkeit, zu der auch der Betrachter gehört, im Zusammenhang mit dem „Daseinserfolg der antiken Theorie“, der Glückseligkeit als „reine[r] Form des Weltverhältnisses“.s. Blumenberg, S. 22, 31, 56. Im Vergleich zu Epikur erfüllt jedoch bei Lukrez nicht mehr der erhabene Kosmos als Gegenstand den Betrachter mit einem Hochgefühl, sondern das Erlebnis der vor feindlichen Mächten bewahrten eigenen Stellung einer „Quasi-Außerweltlichkeit“.Blumenberg, S. 32. In der Nachfolge der Atomistik Epikurs gleicht sein Bild vom Universum dem eines anonymen „Stoffozeans[…], aus dem die Gestalten der Natur [in einer Identität von Katastrophe und Produktivität] wie Trümmer gewaltiger Schiffbrüche […] an den Strand der sichtbaren Erscheinungen geworfen werden“ – wie der Mensch bei seiner Geburt. Den sterblichen Zuschauer warnen diese Bilder des tückischen Meeres davor, seinen philosophischen Standort zu verlassen:Blumenberg, S. 32 ff. Der Mensch solle sich von der Furcht befreien, die durch zufällige Naturerscheinungen hervorgerufen werden, indem er sie in der Konsequenz für sich als gleichgültig ansieht.Blumenberg, S. 56. Entsprechend bemüht sich der Weise um eine Position außerhalb der Welt.
Montaigne (s. o.) fokussiert mit der Schiffbruchmetapher auch den Untergang des Staates oder der Welt und erblickt dabei den Menschen in einer Doppelrolle: Als stoischer Zuschauer eines staatlichen Untergangs, den er nicht verhindern konnte, interessieren ihn die Symptome. Seine Rolle als Betrachter sei zwar nicht ohne Mitleid, aber erwecke auch „angenehme Empfindungen“ und „Genuss“.Blumenberg, S. 21. Diese Gedanken ähneln denen des Lukrez, unterscheiden sich jedoch im Folgenden von ihnen: Der Mensch werde – und dies sei lebenserhaltend – neben positiven Eigenschaften in seinem Wesen auch durch Ehrgeiz, Eifersucht, Neid, Rachgier und Grausamkeit bestimmt, teils vermische sich selbst das Mitleid mit „bösartigem Wohlbehagen“, auf dem sicheren Ufer zu stehen und kein Wagnis eingegangen zu sein.
Als Konsequenz der Umwertung der Rolle des Menschen seit der Zeit der Aufklärung (s. o.) wird auch der Zuschauer stärker in den beobachteten Vorgang einbezogen. Er ist nicht mehr der distanzierte Außenstehende. Voltaire (s. o.) kritisiert den von Lukrez diagnostizierten Selbstgenuss und erklärt die Haltung der Beobachter prinzipiell als hilfsbereit und, wenn sie schon nicht helfen könnten, als nicht boshafte menschliche Neugierde,Voltaire: Curiosité. In: Dictionnaire Philosophique. s. Blumenberg, S. 40. einer Leidenschaft, die er als Bestandteil seines aktiven Wesens mit den Tieren gemeinsam habe. Allerdings widerspricht Abbé GalianiGalianis Brief an Madame d’Épinay, 1771. s. Blumenberg, S. 43. Voltaire und nimmt Lukrez in Schutz: Voraussetzung einer reinen Neugierde und Faszination der Zuschauer sei ein ungefährdeter Standort, wie der eines Theaterpublikums, das aus der Distanz sicherer Plätze fiktive Tragödien verfolgt.Blumenberg, S. 44. Sicherheit und Glück im Sinne Lukrez’ sind demnach Voraussetzungen der Neugierde.
Überlebenskunst Blumenberg bezieht die Konfiguration auch auf Lebenssituationen bekannter Persönlichkeiten bzw. historischer Ereignisse. Leitfrage ist, wie die Betrachter auf den Schmerz der persönlich Betroffenen reagieren. Dabei vergleicht der Autor die Verarbeitung leidvoller Erlebnisse (Goethe) mit dem Panoramablick auf eine Katastrophe im Kontext der Entwicklung der Weltgeschichte (Hegel).