mini|Sherlock Holmes, Kohlezeichnung von Sidney Paget, 1904
Sherlock Holmes [] () ist eine 1886 vom britischen Schriftsteller Arthur Conan Doyle geschaffene Kunstfigur, die in seinen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert spielenden Romanen als Detektiv tätig ist.
Besondere Bedeutung für die Kriminalliteratur erlangten Doyles Werke durch die beschriebene forensische Arbeitsmethode, die auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlussfolgerung beruht. Dabei dient zumeist Holmes’ Freund und Begleiter Dr. Watson als Chronist der Ermittlungen und Vermittler für die Leser. Holmes gilt bis heute weithin als Symbol des erfolgreichen, analytisch-rationalen Denkers und als Stereotyp des Privatdetektivs. Der Kanon um den Detektiv umfasst 56 Kurzgeschichten und vier Romane.
Die Sherlock-Holmes-Serie Allgemeines mini|Holmes (rechts) und Dr. Watson. Illustration von Sidney Paget
Sherlock Holmes lebt in der Baker Street 221b, London, einer damals fiktiven Adresse, da zu Conan Doyles Zeit die Baker Street nur bis zur Nr. 85 durchnummeriert war. Die Stelle, an der Baker Street 221 heute liegt (sie wurde 1930 verlängert), wäre zur Zeit der Sherlock-Holmes-Geschichten die Upper Baker Street gewesen. Die Anfügung B bezeichnete die Wohnung im ersten Stock! Dort beginnen oft die Geschichten mit Rat suchenden Klienten, die von Holmes’ besonderen Fähigkeiten gehört haben und den Detektiv aufsuchen, um ihn um Hilfe zu bitten. Sherlock Holmes arbeitet als „beratender Detektiv“ (im Original consulting detective), das heißt, er beschäftigt sich mit Mysterien, die von Privatklienten an ihn herangetragen werden. Holmes sieht sich damit als Ergänzung oder Alternative zum police detective (). Mitunter bittet auch die staatliche Polizei (z. B. in Gestalt des Inspektors Lestrade von Scotland Yard) um Holmes’ Unterstützung. Der Detektiv kommt dabei stets durch ungewöhnliche Schlussfolgerungen und innovative Deduktionen zum richtigen Täterprofil und Motiv und widerlegt damit meist die Ermittlungsergebnisse der Polizei.
Manchmal wird Holmes durch die Zeitungslektüre oder durch Neuigkeiten aus der Londoner Gesellschaft, die sein treuer Begleiter und Biograf Dr. Watson ihm zuträgt, auf für ihn interessante Geschehnisse aufmerksam und nimmt ohne Auftrag die Ermittlung auf oder mischt sich in die Arbeit der Polizei ein. Als „letzte Instanz“ greift er häufig in dem Moment ein, wenn anderen die Klärung der Situation geradezu unmöglich erscheint. Die Aufklärungsarbeit des Detektivs steht im Mittelpunkt der Geschichten, die sich nicht alle mit der Verbrechensbekämpfung befassen: Laut Doyles eigener Schätzung ist in etwa einem Viertel der Geschichten gar kein Verbrechen begangen worden.A.C. Doyle in einem Brief an Ronald Knox (Link veraltet)
Erzählperspektive Erzähler der meisten Geschichten ist der praktisch veranlagte, bodenständige Dr. Watson, der enge Freund und zeitweilige Mitbewohner des Detektivs, dem die Rolle des Chronisten zufällt.
In vier Geschichten wird Holmes selbst zum Erzähler: in The Lion’s Mane (dt. Die Löwenmähne) und The Blanched Soldier (dt. Der erbleichte Soldat) ist Holmes der alleinige Ich-Erzähler; The Musgrave Ritual (dt.: Das Musgrave-Ritual) und The Gloria Scott (dt. Die Gloria Scott) sind in Form einer Schachtelgeschichte gestaltet: die Binnenhandlung ist eine von Holmes erzählte Erinnerung, Watson wird zum Zuhörer und Erzähler der kurz einleitenden Rahmenhandlung.
Zwei weitere Geschichten, His Last Bow (dt. Seine Abschiedsvorstellung) und The Mazarine Stone (dt. Der Mazarin-Stein) werden in der dritten Person erzählt. Im Roman A Study in Scarlet (dt. Eine Studie in Scharlachrot) wird die Ich-Erzählung Watsons durch einen längeren Einschub über Ereignisse der Vergangenheit unterbrochen, der ebenfalls in der dritten Person erzählt wird.
Themen und Stil mini|Blue Plaque in der Baker Street
Die Themen der Geschichten sind breit gefächert. Es geht um zwischenmenschliche Probleme in allen Gesellschaftsschichten, geheime Organisationen, kriminelle Bünde, Kryptogramme, Diebstähle, verschwundene Personen, Drohungen und Erpressungen, scheinbar unerklärliche Todesfälle, Staatsgeheimnisse und Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit.John S. Whitley in The Return of Sherlock Holmes (Introduction), S. VI, Wordsworth, London, 2000.
In der Regel steht ein außergewöhnlich anspruchsvolles Rätsel oder Verbrechen im Vordergrund. Neben besonders scharfsinnig entworfenen kriminellen Plänen und deren Vereitelung geht es häufig um die unbewältigte Vergangenheit eines Menschen, die plötzlich in sein jetziges Leben einbricht. Der Autor verarbeitet in seinen Geschichten auch eigene Einsichten und Meinungen und bringt in einigen Fällen ein soziales oder politisches Anliegen zum Ausdruck. So lässt Holmes bspw. in einigen Geschichten die Täter entkommen, da er die Tat für moralisch gerechtfertigt hält oder der Ansicht ist, dass das Leben die Schuldigen bereits genug bestraft hat.
Eine wichtige Rolle für die Wirkung der Geschichten spielen die pointierten Dialoge zwischen Holmes und anderen, oft Watson. Ein Beispiel:
Entstehung Im Jahr 1886 skizzierte Doyle, als er als Arzt in Southsea, Hampshire, tätig war, erste Entwürfe zu einer Geschichte um einen rational arbeitenden Detektiv namens Sherrinford Holmes, der mit seinem Freund Ormond Sacker in der Baker Street 221b in London lebt.David Stuart Davis in The Best of Sherlock Holmes (Introduction), S. V-VI, Wordsworth, London, 1998. Doyle war es ein Anliegen, eine neue Art von Kriminalgeschichte zu schreiben, in der nicht der Zufall, sondern die Beobachtung und Analyse zur Lösung der Fälle führen würde: Sir Arthur Conan Doyle Memories and Adventures, 1924, siehe auch: Sparknotes
Rückblickend sagte Doyle 1927 in einem Interview: „In meiner Freizeit las ich Detektivgeschichten. Mich störte sehr, wie altmodisch sie geschrieben waren. Der Detektiv kam scheinbar immer zu einer Lösung. Entweder durch Zufall, oder es wurde überhaupt nicht erwähnt, wie. Das stimmte mich nachdenklich. Ich fand, man will eine Erklärung, wie er zu seinen Schlussfolgerungen kommt. So hatte ich die Idee, wissenschaftliche Methoden in die Detektivarbeit einzubeziehen.“ (ab 1:30 Minute)
Die erste Geschichte, der Roman A Study in Scarlet (Eine Studie in Scharlachrot), wurde 1887 in Beeton’s Christmas Annual veröffentlicht. Doyle hatte die Hauptcharaktere mittlerweile in Sherlock Holmes und John Watson umbenannt. Der erste Roman fand bei Publikum und Kritik wenig Beachtung, erregte aber die Aufmerksamkeit des amerikanischen Herausgebers John Marshall Stoddart, der eine Kriminalgeschichte für seine geplante britische Literaturzeitschrift Lippinscott’s suchte. 1890 veröffentlichte er The Sign of Four (dt. Das Zeichen der Vier). Auch dieser zweite Roman blieb weitgehend unbeachtet. Erst die Veröffentlichung der ersten kürzeren Erzählung A Scandal in Bohemia (dt. Ein Skandal in Böhmen) im The Strand Magazine 1891 erreichte ein breites Publikum und führte zu einer wachsenden Popularität der Geschichten und des Hauptcharakters Sherlock Holmes.David Stuart Davis in The Best of Sherlock Holmes (Introduction), S. VI–VIII, Wordsworth, London, 1998.
Widmung Den ersten Sammelband Die Abenteuer des Sherlock Holmes widmete Doyle dem damals renommierten Joseph Bell, Doyles Chirurgie-ProfessorJürgen Thorwald: Die Stunde der Detektive. Werden und Welten der Kriminalistik. Droemer Knaur, Zürich und München 1966, S. 286–295 und späteren Vorgesetzten an der Universität von Edinburgh. Joseph Bell erstaunte seine Patienten damit, dass er bereits erste Diagnosen erstellte, bevor die Kranken ihr Anliegen schilderten. Bell betrachtete und beobachtete seine Mitmenschen sehr genau und zog daraus seine Schlüsse. Im Mai 1892 schrieb Doyle an Bell, der das lebende Vorbild seiner literarischen Figur war: „Sherlock Holmes habe ich ganz eindeutig Ihnen zu verdanken.“Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Sherlock Holmes, Haffmans Verlag 1992, Editorische Notiz im Anhang.
Holmes’ „Tod“ mini|links|hochkant|Holmes und Moriarty im tödlichen Kampf mini|Die Reichenbachfälle erreicht man heute via „Sherlock-Holmes-Fußweg“.
Da das regelmäßige Verfassen neuer Holmes-Geschichten zu viel seiner Zeit in Anspruch nahm, die er gerne für das Schreiben von historischen Romanen und Abhandlungen aufgebracht hätte, versuchte Doyle, sich von der Pflicht zu befreien, weitere Erzählungen rund um den Detektiv zu verfassen. So forderte er vom Strand-Magazin immer höhere Summen für weitere Geschichten, bis er für zwölf Kurzgeschichten 1000 Pfund in Rechnung stellte.Arthur Conan Doyle Biography auf www.classiccrimefiction.com Aufgrund des großen kommerziellen Erfolges der Detektivgeschichten konnten diese hohen Honorare jedoch bezahlt werden.
Deshalb plante Conan Doyle 1893, die Reihe mit dem Tod des Detektivs abzuschließen. Die Mutter des Schriftstellers, eine begeisterte Leserin der Geschichten, versuchte vergeblich, ihren Sohn von dem Vorhaben abzubringen. Im selben Jahr reiste Doyle mit seiner an Tuberkulose erkrankten Frau in die Schweiz, um an einer Kur teilzunehmen. Bei einem Besuch der Reichenbachfälle kam ihm die Idee für die letzte Kurzgeschichte, die das Leben von Holmes beenden sollte.
mini|hochkant|Sherlock Holmes in Meiringen, Schweiz (Plastik von John Doubleday)
Mit James Moriarty erschuf Doyle Holmes’ gefährlichsten Gegner, der dem Detektiv intellektuell ebenbürtig ist, seine Fähigkeiten aber als genialer Verbrecher zum Schaden der Menschheit einsetzt. Moriarty ist Holmes’ Alter Ego, ein „dunkles Spiegelbild“ des Helden der Geschichten.David Stuart Davis in The Best of Sherlock Holmes (Introduction), S. IX, Wordsworth, London, 1998. In The Final Problem (dt. Das letzte Problem), der letzten Geschichte in der Anthologie The Memoirs of Sherlock Holmes (dt. Die Memoiren des Sherlock Holmes), kommt es zu einem Kampf der Kontrahenten Holmes und Moriarty, bei dem sie schließlich gemeinsam in die Reichenbachfälle bei Meiringen in der Schweiz stürzen. Ein kompliziertes Kesselsystem macht die Bergung unmöglich.
Nach der Veröffentlichung vermerkte Doyle im Dezember 1893 in seinem Tagebuch „Killed Holmes“. 1896 verteidigte Doyle seine Entscheidung mit den Worten: David Stuart Davis in The Best of Sherlock Holmes (Introduction), S. IX–X, Wordsworth, London, 1998.
Die große Popularität, die Holmes inzwischen erlangt hatte, führte zu öffentlicher Trauer, so dass sich enttäuschte Leser in London schwarze Schleifen um den Oberarm banden oder schwarze Krawatten trugen. Doyle erhielt im Folgenden viele Briefe von Lesern der Detektivgeschichten, die sich empört über das abrupte Ende der Geschichten äußerten, über 20.000 Kunden kündigten zudem das Abonnement des Strand-Magazins.
Holmes’ „Wiederauferstehung“