mini|Eine Deklaration der Diggers aus dem Jahr 1649. Die Diggers waren eine christliche Bewegung in England, die mit anarchistischen Agrarkommunen versuchte die Gesamtgesellschaft zu verändern. Zu den Vorläufern des Anarchismus werden Personen und Gruppen gezählt, die mit ihren Schriften und dokumentierten Handlungen Kernaspekte des Anarchismus vertraten, noch bevor sich der Anarchismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als politische Philosophie herausbildete. Diese Kernaspekte umfassen die Kritik am Prinzip der Herrschaft und an hierarchischen Institutionen sowie die Betonung der Freiheit als gesellschaftlich notwendigem Ordnungsprinzip und die Schaffung von selbst verwalteten Gemeinschaften.
Geschichte Vorgeschichte Die meisten zeitgenössischen Anthropologen, Ethnologen, Vor- und Frühgeschichts-Forscher, Historiker sowie Anarchisten stimmen allgemein darin überein, dass für Jahrtausende, also für die längste Zeit vor jeder aufgezeichneten Geschichte die menschlichen Gesellschaften ohne eine herrschende Klasse existierten, welches ebenso durch die moderne Ethnologie und Untersuchung aller indigenen Kulturen bestätigt wird, so existieren alle staatenlosen Kulturen, welche zugleich immer egalitäre Kulturen waren und teilweise noch heute sind, ohne eine gesonderte Gruppe von etablierten Autoritäten oder formalen politischen Institutionen. Nach dem kanadischen Professor Harold Barclay, muss der Anarchismus als eigenständige Perspektive bzw. die Gentilstruktur welche wir auf dem gesamten Planeten auf allen Kontinenten in abgewandelter Form wiederfinden – bereits lange zuvor schon in der Altsteinzeit entstanden sein, bevor der Mensch aus Afrika in alle Welt emigrierte, nur so lassen sich die universalen anarchen Strukturen weltweit, welche Kriege und Ausbildung von Privilegien weniger verhinderten und gerade damit faktisch unmöglich machten, erklären. So lebten die Menschen den größten Teil ihres Daseins seit Jahrtausenden in vollständig autonomen und absolut autarken selbst verwalteten Gesellschaften ohne je eine institutionalisierte Regierung oder politische Klasse zu benötigen. Das Aufkommen des Staates ist regional sehr unterschiedlich, so begannen die frühesten Staatsbildungen in Mesopotamien bereits im 4 Jt. v. Chr. in Form von Stadtstaaten, wonach die Stadt Eridu, den sumerischen Königslisten nach, angeblich die älteste aller Städte sein soll. Während für die meisten afrikanischen und amerikanischen Regionen die Staatsbildungen erst mit den Entdeckungsfahrten und Eroberungen der europäischen Seefahrer einsetzten, für manche Regionen Afrikas jedoch gar erst im 19. Jh. mittels des Kolonialismus und Imperialismus der europäischen Mächte einsetzte.Harold Barclay: Völker ohne Regierung: eine Anthropologie des Anarchismus. Kahn & Averill, London 1982. Nach dem Aufstieg der hierarchisierten staatlichen Klassen-Gesellschaften in Mesopotamien und der Entstehung vieler weiterer Stadtstaaten wie z. B. Adab, Kish, Larsa, Lagasch, Nippur, Shurrupak, Ur und Uruk ab dem 4 Jt. v. Chr., sowie der darauffolgenden Ausbreitung der Sklaverei durch Handel und Unterwerfung benachbarter Kulturen beinahe über den gesamten vorderen Orient den Stromläufen des Euphrat und Tigris folgend, womit ebenfalls die monarchische Herrschaftsform dort eingeführt wurde, somit eine Stadt-Staatenbildung überall dort wo der Einfluss der frühen Reiche hinreichte erfolgte. Sowie die Kenntnis von bronzenen Waffen und Schwertern (damit auch Krieg und Staat) archäologisch nachweisbar wird, – Ägypten ab 3150 v. Chr., China ab 1766 v. Chr. und Indien ab 1386 v.Chr, womit auch dort Sklaverei archäologisch und historisch nachweisbar wird – sprich die Errichtung des Staates, die alten Gentil-Strukturen wurden somit zersprengt, womit Privilegien und Ungerechtigkeit, Sklaverei und Brutalität, Etatismus und Zentralismus überhaupt erst ermöglicht wurden. Doch erst im 1. Jahrtausend v. Chr. werden die anarchistischen Ideen auch als eine klar formulierte kritische Reaktion auf die politischen Herrschafts-Institutionen einerseits im antiken China mit den Schriften der Taoisten und andererseits im antiken Griechenland mit den Philosophenschulen der Kyniker, der Epikureer, der Hedonisten, der Eudaemonisten, der Schule der Skeptiker sowie am klarsten formuliert in der Schule der Stoiker schriftlich fassbar, die Zurückweisung der Sklaverei, die Berufung auf das Naturrecht, sowie die eindeutige Ablehnung des Staates und aller weiteren hierarchischen sozialen Beziehungen welche danach trachteten die Herrschaft von einigen wenigen Menschen über die große Masse aller anderen Menschen zu legitimieren.Harold Barclay: Völker ohne Regierung: eine Anthropologie des Anarchismus. Kahn & Averill, London 1982.
Chinesisches Altertum Der Historiker Peter Marshall bezeichnet den Daoismus als „ersten klaren Ausdruck anarchistischer Sensibilität“ und dessen Hauptwerk Daodejing von Laozi als „einen der größten anarchistischen Klassiker.“Peter Marshall: Demanding the Impossible – A History of Anarchism. HarperCollins, London 1992. Zitiert nach: Horst Stowasser: Anarchie! Idee, Geschichte, Perspektiven. Edition Nautilus, Hamburg 2007, S. 181. Die Taoisten lehnten Regierungen ab und strebten ein Leben in natürlicher und spontaner Harmonie an, wobei der Einklang des Menschen mit der Natur eine bedeutende Rolle spielte. Der Daoismus entwickelte im Laufe der Zeit ein regelrechtes System politischer Ethik und verzichtete auf Kulte und die Ausbildung einer Priesterkaste. Der Daoismus war damit auch die wichtigste Gegenströmung zum autoritären und bürokratischen Konfuzianismus, der später zur chinesischen Staatsreligion wurde.Horst Stowasser: Anarchie! Idee, Geschichte, Perspektiven. Edition Nautilus, Hamburg 2007, S. 181ff.
Noch klarer sind die anarchistischen Tendenzen in den Schriften des chinesischen Philosophen Zhuangzi (ca. 365–290 v. Chr.). Er lehnte jede Form der Regierung ab und beschrieb im Gegensatz dazu eine taoistische Idealgesellschaft von freien, selbstbestimmten Individuen. Das persönliche Wohlergehen jedes einzelnen Menschen wachse in dem Maße, wie es der Allgemeinheit wohl ergehe, schrieb Zhuangzi beispielsweise in seinem Werk Huai Nan Tzu.Horst Stowasser: Anarchie! Idee, Geschichte, Perspektiven. Edition Nautilus, Hamburg 2007, S. 182.
Ähnliche anarchistische Elemente sieht Horst Stowasser auch im Buddhismus, insbesondere in der Tradition des Zen-Buddhismus.Horst Stowasser: Anarchie! Idee, Geschichte, Perspektiven. Edition Nautilus, Hamburg 2007, S. 183ff.
Antike mini|Diogenes von Sinope auf einem Gemälde von Jean-Léon Gérôme. Diogenes gehörte zu den frühen Gesellschaftskritikern und predigte die Bedürfnislosigkeit als Grundlage der Freiheit. Erste Vorläufer des Anarchismus in Europa finden sich in der griechischen Philosophie der Antike. Der Historiker Max Nettlau sieht die bloße Existenz des Wortes „An-Archia“ als Beleg, „dass Personen vorhanden waren, die bewußt die Herrschaft, den Staat verwarfen.“Jochen Schmück: Anarchie – Zur Geschichte eines Reiz- und Schlagwortes. Zit. n. Max Nettlau: Geschichte der Anarchie. Band I: Der Vorfrühling der Anarchie. Ihre historische Entwicklung von den Anfängen bis zum Jahre 1864. Berlin 1925 [erw. Reprint o. O.: Bibliothek Thélème 1993], S. 17. Auch Christian Meier ist der Ansicht, dass die negative Bedeutung, die der Begriff Anarchie schon in der griechischen Antike erlangte, sich auf die Existenz „konkreter anarchistischer Gruppen“ zurückführen lässt. Diese Gruppen vertraten jedoch nach seiner Auffassung keine erklärt anti-etatistischen Auffassungen, vielmehr handelte es sich bei ihnen um die „wild brüllende Herrenlosigkeit eines Volksauflaufs“ oder um die „freche Unbeherrschtheit eines Matrosenlagers.“ Vgl. Ludz und Meier: Anarchie, Anarchismus, Anarchist. S. 50.
Ein ausgesprochener Staatskritiker war Aristippos von Kyrene (ca. 435–355 v. Chr.), der eine frühe Form des Hedonismus vertrat und Begründer des Kyrenaismus war. Vom Standpunkt der größtmöglichen individuellen Freiheit predigte er, dass sich der Mensch dem Staatsleben entziehen sollte. Aristippos verwarf darüber hinaus die Idee eines Vaterlandes und vertrat kosmopolitische Ideen. Aristippos von Kyrene soll Sokrates auf die Frage, ob er lieber zur herrschenden oder beherrschten Klasse im Staat gehören wolle, geantwortet haben: „Keiner von Beiden!“Georg Adler: Geschichte des Sozialismus und Kommunismus von Plato bis zur Gegenwart. Hirschfeld, Leipzig 1899, S. 47.
Ab dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung predigte Diogenes von Sinope (ca. 400–324 v. Chr.) die Rückkehr zum naturgemässen Leben. Er und die Schüler der von ihm begründeten Schule der Kyniker sahen die ursprüngliche Bedürfnislosigkeit als erstrebenswerten Zustand. Soziale Harmonie würde laut den Kynikern anstelle von gegenseitigem Kampf und gesellschaftlichem Konflikt herrschen, da sich diese aus der Gier des Menschen nach materiellem Besitz und dem Streben nach Ehre ergeben.
In den Lehren von Zenon von Kition (ca. 333–262 v. Chr.) sieht der Historiker Georg Adler zum ersten Mal in der Weltgeschichte die Ideen des Anarchismus entwickelt.Georg Adler: Geschichte des Sozialismus und Kommunismus von Plato bis zur Gegenwart. Hirschfeld, Leipzig 1899, S. 46ff. Zenon, der Begründer der Stoa, war ein großer Kritiker von Platons Ideal einer Gesellschaft, die mit absoluter Staatsmacht zu einem moralischen Zusammenleben finden sollte. Zenon entwarf im Gegensatz zu Platon sein eigenes Ideal einer freien staatenlosen Gemeinschaft, die der Natur des Menschen besser entsprechen würde. Anstatt dem schriftlichen Gesetz zu folgen sollten die Menschen durch innere Einsicht ihren wahren natürlichen Trieben folgen. Dies würde die Menschen zur Liebe zum Mitmenschen und zur Gerechtigkeit führen. Wie in der äußeren Natur Eintracht, Harmonie und Gleichgewicht herrschen, so würde dies dann auch in der menschlichen Gesellschaft gelten. Daraus folgt die Negation des Gesetzes, der Gerichte, der Polizei, der Schule, der Ehe, des Geldes, der staatlichen Religion und des Staates. Über alle Völkergrenzen hinaus würde der Mensch in vollkommenster Gleichheit leben. Jeder sollte freiwillig gemäß seinen Fähigkeiten arbeiten und je nach Bedürfnis konsumieren dürfen.
In der frühchristlichen Zeit gab es eine Vielzahl von Sekten, die ganz verschiedene Deutungen des christlichen Glaubens vertraten. Eine davon war im 2. Jh. in Alexandria die Sekte des Gnostikers Karpokrates. Er war der Gründer der christlichen Sekte der Karpokratianer, die den freien Kommunismus und die freie Liebe in ihren Gemeinschaften praktizierten.Mathias Schreiber, Matthias Schulz: Das Testament der Sektierer. In: Der Spiegel. 16/2009, abgerufen am 21. Mai 2012. Karpokrates' Sohn Epiphanes hielt die Lehren seines Vaters in der Schrift Peri dikaiosynes (dt.: Über Gerechtigkeit) fest. Für Karpokrates stellte sich die Gerechtigkeit Gottes als eine Gemeinschaft der Menschen in Gleichheit dar. Darüber hinaus habe Gott allen die Güter der Erde gleichmäßig geschenkt. Und auch den sexuellen Trieb habe er den Menschen eingepflanzt, weshalb man diesen nicht zügeln dürfe.Max Nettlau: Der Vorfrühling der Anarchie. Ihre historische Entwicklung von den Anfängen bis zum Jahre 1864. Verlag Der Syndikalist, Berlin 1925, S. 20ff. Die Karpokratianer in Alexandria sind vermutlich 202 während der Christenverfolgungen im Römischen Reich vernichtet worden.Theologische Realenzyklopädie, Artikel Alexandria I.
Mittelalter und Reformation mini|Der Laientheologe und Reformator Petr Chelčický (1390–1460) war ein Vorläufer des christlichen Anarchismus und entwarf in seinen Werken eine radikal-pazifistische Vision mit ausgesprochen anarchistischen Elemente.