Zwei Männer in Betrachtung des Mondes ist ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Das Bild in Öl auf Leinwand im Format 35 × 44 cm gilt mit seinem Motiv als Inbegriff der romantischen Anschauung der Natur und Identifikationsbild der deutschen Romantik.Werner Busch: Caspar David Friedrich. Ästhetik und Religion. Verlag C. H. Beck, München 2003, S. 172.
Von dem Gemälde wurden mehrere Wiederholungen und Kopien angefertigt. Es gibt dazu die Variante Mann und Frau den Mond betrachtend. Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei der Betrachtung des Mondes in der Galerie Neue Meister in Dresden um die Urfassung.Metropolitan Museum (englisch), abgerufen am 2. Mai 2015.
Bildbeschreibung Motiv Das Gemälde zeigt zwei Männer auf einem Bergpfad, der von der Bildmitte nach links oben führt. Die vordere Figur ist mit einem graugrünen Umhang bekleidet, trägt ein schwarzes Barett und hält mit der rechten Hand einen Stock. Die hintere Figur stützt sich mit dem rechten Arm auf die Schulter des Nebenmanns. Sie ist im Vergleich schlanker, trägt einen graugrünen Mantel, aus dem ein weißer Kragen hervorlugt, und eine schwarze Kranzmütze, mit Sturmband unter dem Kinn befestigt. Beide miteinander offenbar recht vertrauten Männer schauen auf das Neulicht des Mondes im Erdschein sowie einen Planeten rechts davon, die zu Frühlingsbeginn in der Dämmerung hell am westlichen Abendhimmel leuchten.
Eine entwurzelte moosbewachsene Eiche, die am oberen Bildrand in die Krone einer Fichte reicht, rahmt die Szene ein. Die Eiche wird von einem verwitterten Felsblock gehalten. Links erhebt sich ein weiterer Fels. Im Hintergrund fällt das Gelände auf einer tieferen Ebene ab, von der mit Tannenspitzen ein Wald angedeutet ist. Den Vordergrund beherrschen der Stumpf eines abgeschlagenen Baumes und ein großer dürrer am Boden liegender Ast. Eine braune Tönung des Bildes vermittelt die Dämmerung des Abends.
Malweise Die Grundierung der Leinwand erfolgte mit Kreide oder Gipsgrund. Eine zweite pigmentierte Grundierung bringt einen hellgelben bzw. ockerfarbenen Ton. Darauf zeichnete der Maler mit Bleistift und Rohrfeder die Linien des Gegenständlichen. Die Bildgegenstände wurden nun mit jeder sehr dünn aufgetragenen farbigen Lasur konkretisiert. Wobei auch bei dunkel dargestellten Objekten die gelbliche Grundierung durchscheint. So durchtränkt das schwache Mondlicht die gesamte Bildfläche. Die Mondsichel wurde zum Schluss mit deckendem Weiß aufgetragen und wirkt effektvoll als Lichtquelle.Katalog der Ausstellung Caspar David Friedrich. Winterlandschaften. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, Dortmund 1990, S. 75–81. Mit der farbig durchscheinenden Imprimatur, bei der das Licht von der hellen Grundierung reflektiert wird, steht Friedrich in der kunsttechnologischen Tradition von Malern wie Anthonis van Dyck oder Thomas Gainsborough.
Struktur und Ästhetik Im Unterschied zu den anderen Fassungen schneiden sich im Dresdner Bild die waagerechte Mittelachse des Bildes und die rechte Senkrechte des goldenen Schnitts im Leuchtpunkt des Abendsterns. Die obere Waagerechte des goldenen Schnitts verläuft durch das Auge des älteren Mannes. Werner Busch sieht durch das ästhetische Maßsystem Ursprung und Ziele sowie die tiefere Bedeutung des Bildes markiert. Die geometrische Figur des Bildes tritt hier als Mittlerin auf. Die Transzendenzerfahrung der beiden Männer oder von Mann und Frau wird durch die ästhetische Erfahrung gestiftet.Werner Busch: Caspar David Friedrich. Ästhetik und Religion. Verlag C. H. Beck, München 2003, S. 185.
Wie in vielen anderen Bildern Friedrichs fehlt der Mittelgrund. Der begehbare Vordergrund ist von der aufgehellten Hintergrundzone kontrastiert und somit der Abgrund, vor dem die beiden Männer stehen, erfahrbar gemacht. Durch die bräunliche Lasur wirkt das Bild in einem Sepia-Licht nahezu monochrom, changiert lediglich in Braun- und Grautönen. Die Naturformen erscheinen im Gegenlicht des Mondes bizarr.
Bilddeutung In der kunsthistorischen Literatur lassen sich vier miteinander streitende Deutungsmuster erkennen: ein naturmystisch-frühromantisches, ein religiöses, ein politisches und ein biografisches Deutungsmuster.
Natur und Religion Das Bildmotiv mit seiner sanften melancholischen Grundstimmung gilt als der Inbegriff der romantischen Anschauung der Natur. Die beiden Männer in meditativer Haltung beim Betrachten der Mondsichel und des Abendsterns wirken als Rückenfiguren in ihrer vermittelnden Funktion als Stellvertreter des Betrachters. Das Bild wird überwiegend in seiner metaphorischen Anlage als kontemplative Betrachtung gesehen, ohne dass deren Gegenstand deutlich wird und ist damit ein Kontemplationsangebot für den Betrachter.Werner Busch: Zu Verständnis und Interpretation romantischer Kunst. In. Romantik. Annweiler 1987, S. 48 (Digitalisat).
Helmut Börsch-Supan plädiert für die Gegenüberstellung von immergrüner Fichte und abgestorbener Eiche als Symbole christlicher bzw. überwundener heidnischer Lebensauffassung, erkennt den Weg als Lebensweg und den zunehmenden Mond als Christus. Ohne einen religiösen Bezug symbolisiert die Eiche Geschichtlichkeit und Vergänglichkeit, die immergrüne Tanne die sich erneuernde Kraft der Natur. In der naturmystisch-frühromantischen Deutung besteht zwischen dem begehbaren Vordergrund und dem sich im Hintergrund ausdehnenden unendlichen Kosmos eine metaphysische Spannung.Werner Busch: Caspar David Friedrich. Ästhetik und Religion. Verlag C. H. Beck, München 2003, S. 177.
Demagogen Die politische Deutung des Bildes wird mit der Altdeutschen Tracht der beiden Männer begründet. Im Entstehungsjahr des Bildes wurden die Karlsbader Beschlüsse gefasst, die zur Demagogenverfolgung führten, in deren Rahmen auch die Gesinnungstracht der „Demagogen“ verboten wurde. Der Maler leistete einer solchen politischen Interpretation Vorschub. Karl Förster berichtete in seinen Lebenserinnerungen von einem Besuch im Dresdner Atelier am 9. April 1820 über eine Bemerkung Friedrichs, als ihm dieser das Bild Zwei Männer in Betrachtung des Mondes zeigte: „‚Die machen demagogische Umtriebe‘, sagte Friedrich ironisch, wie zur Erklärung.“Carl Förster: Biographische und literarische Skizzen aus dem Leben und der Zeit Karl Förster’s. Dresden 1846, S. 157.
Die Bemerkung „demagogische Umtriebe“ wird mit Friedrichs zahlreichen Darstellungen von Personen mit Altdeutscher Tracht verknüpft und damit werden dem Maler politische Intentionen gegen die Demagogenverfolgung unterstellt. Allerdings entstanden die zeichnerischen Vorlagen für diese Bekleidung und die meisten diesbezüglichen Bilder vor dem Verbot der Altdeutschen Tracht durch die Karlsbader Beschlüsse im Jahr 1819.
Bildpersonal und Ort Die Identifizierung des Bildpersonals kann der Deutung des Bildes zuarbeiten. Johan Christian Dahl übermittelt die Version, dass es sich bei dem linken Mann um August Heinrich, 1818 bis 1820 Schüler von Friedrich, und bei dem im Umhang um Christian Wilhelm Bommer, Bruder von Friedrichs Frau Caroline, handelt.Brief von Johan Christian Dahl an die Königliche Gemäldegalerie. Acta die Königl. Gemäldegallerie betr. 1840–1844, Cap. VII, No. 35, S. 66 f. Gegen diese Variante spricht bei der Datierung auf das Jahr 1819 das jugendliche Alter von Heinrich (25) und Bommer (18).Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 356. Nach einer Mitteilung von Friedrichs Freund Wilhelm Wegener soll sich der Maler selbst und seinen Lieblingsschüler August Heinrich darstellen. In der Kombination Frau/Mann wäre dann Friedrichs Frau Caroline an Stelle von Heinrich platziert.
Max Semrau vermutete Friedrich und seinen Freund Benjamin Friedrich Gotthelf Kummer an einem Steilufer auf Rügen.Max Semrau: Caspar David Friedrich, der Greifswalder Maler. Bilder aus Greifswalds Vergangenheit. Greifswald 1917, S. 19. Max Sauerlandt verortete die Bildlandschaft mit den beiden Männern im Harz.
Mond und Planet Friedrich war ein genauer Beobachter der Natur. In Skizzen hielt er Bäume, Landschaften und atmosphärische Erscheinungen fest, manche wurden später in einem Bild zusammengeführt und in konstruierten Zusammenhängen komponiert, einer Bildidee folgend. Im Mittelpunkt dieses Gemäldes steht der Mond. Seine Gestalt ist nicht der Vollmond, sondern die schmale Mondsichel des Neulichts beim Abenderst. Sie wird durch Wiedergabe des durch den Erdschein verursachten aschgrauen Mondlichts zur runden Mondscheibe ergänzt, umgeben von einem Hof. Der Mond wird in geringer Höhe über dem westlichen Horizont, und die Mondsichel deutlich geneigt gezeigt. Ein dem dargestellten ähnlicher Anblick ist in gemäßigten nördlichen Breiten während der Abenddämmerung zwischen Sonnenuntergang und Monduntergang um die Zeit des Äquinoktiums im Frühjahr zu sehen. Die scheinbare Helligkeit des Mondes würde jedoch nicht ausreichen, die Umgebung derart auszuleuchten. Neben dem Mond wird ein hell leuchtender Himmelskörper gezeigt, ebenfalls mit einem Hof. In der für diese Jahres- und Tageszeit relevanten Himmelsregion mit dem ekliptikalen Sternbild Stier gibt es nur den Roten Riesen Aldebaran, der hierfür in Frage kommen könnte. Dieser ist allerdings deutlich rötlich sowie beim Monduntergang nie rechts vom Mond zu sehen. Hierfür kommt also nur ein Planet in Frage, und es wären eine Konjunktion mit dem Jupiter oder mit der Venus als Abendstern denkbar. Die letzte vor der Erstellung des Bildes erfolgte Konjunktion in der dargestellten Konstellation fand am 28. März 1811 zwischen Jupiter und Mond statt. Der astronomische Horizont lag an diesem Abend von den Felsen verdeckt im unteren Bildbereich, also zutreffender Weise in Augenhöhe des unterhalb der beiden Personen befindlichen Betrachters der perspektivischen Szene.
Versucht man, vom Augenpunkt der beiden erhöht stehenden Beobachter beziehungsweise Betrachter ausgehend deren Anschauen anhand der angedeuteten Blickachsen nachzuvollziehen, so scheint es, dass diese abwärts verlaufen und konvergieren. Damit entsteht der Eindruck, sie schauten nicht auf zum Mond, sondern von ihrem Standpunkt aus auf ihn wie auf einen Gegenstand, der ihnen in nicht allzu weiter Entfernung vorschwebe. Diese Bildkonstruktion lässt sich auffassen als ein Hinweis auf die Unvereinbarkeit zwischen Wahrnehmung und Bildgegenstand. Friedrich konstruiere hier eine paradoxe Situation, die das Sehen selbst zum Schlüssel der Bildinterpretation mache.Reinhard Wegner: Kunst – die andere Natur (Ästhetik um 1800). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 30f. Die naturmetaphorische Deutung sieht den Mond als Symbol der sich wandelnden Zeit und sich unendlich wandelnden Natur, hier als Zeichen des Trostes.Werner Busch: Caspar David Friedrich. Ästhetik und Religion. Verlag C. H. Beck, München 2003, S. 176. In einer anderen Lesart steht der Mond als Symbol für eine unerreichbare romantische Sehnsucht.