mini|Hasan al-Bannā mini|Hasan al-Bannā mit Gefolgschaft (1935) Hasan al-Bannā (vollständig ägyptisch-arabisch Hassan Ahmed Abdel Rahman Mohamed El Banna, ; * 14. Oktober 1906 in Mahmudiyya (etwa 50 Kilometer östlich von Alexandria); † 12. Februar 1949 in Kairo) war ein ägyptischer Lehrer. Er war 1928 Gründer und erster geistlicher Führer (muršid ʿāmm) der Muslimbruderschaft, einer der einflussreichsten islamistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche islamistische Organisationen berufen sich auf al-Bannās Ideen und die seiner Nachfolger. Von seinen Anhängern wird al-Bannā wie auch der Lehrer Sayyid Qutb wegen seiner Ermordung als „der Märtyrer-Imam“ (al-Imām aš-šahīd) tituliert.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020) (= Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient. Band 19). Münster 2024, ISBN 978-3-643-25119-0, S. 108 ff.
Bannās Sohn Said Ramadan ist der Vater des Islamwissenschaftlers und Publizisten Tariq Ramadan sowie des islamischen Predigers und Buchautors Hani Ramadan. Der liberale Islam-Gelehrte Gamal al-Banna war der jüngere Bruder von Hasan al-Bannā.
Jugend und Ausbildung Hasan al-Bannā wurde 1906 in Mahmudiyya, einer kleinen Provinzstadt am Rande des Nildeltas geboren.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 11. Er wuchs in kleinbürgerlichen, traditionsverbundenen Verhältnissen auf. Sein Vater Ahmad al-Bannā as-Sāʿtī war Uhrmacher und hatte einen Laden, in dem er Grammophonplatten verkaufte.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 22. Zwar besaß er keinen formalen akademischen Abschluss,Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 25. doch hatte er die Ausbildung an einer religiösen Schule (Madrasa) durchlaufen, besaß eine beachtliche BüchersammlungKrämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 26. und gehörte dem Schādhilīya-Orden an.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 63. Auch verfasste er Bücher zu religiösen Themen.Vgl. Krämer: Hasan al-Banna 2010, S. 2–6 Hasan al-Bannā war das erste Kind seiner Eltern. Sein Vater war zur Zeit seiner Geburt 25, seine Mutter 17.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 38. Ab 1915 besuchte Hasan die „Religionsschule des rechten Handelns“ (Madrasat ar-Rašād ad-Dīnīya) von Scheich Muhammad Zahrān, einem Lehrer, dem er sich lebenslang verbunden fühlte.Vgl. Krämer: Hasan al-Banna. 2010. S. 7. Als Zahrān drei Jahre später die Schule verließ, wechselte Hasan auf die staatliche Grundschule in Mahmudiyya.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 40. In Mahmudiyya schloss Hasan al-Bannā Freundschaft mit mehreren Anhängern der Hasafīya-Bruderschaft, einem Zweigorden der Schādhilīya. Einer von ihnen war Ahmad as-Sukkarī, der später eine führende Rolle in der Muslimbruderschaft spielen sollte.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 65.
1919 wurde Hasan al-Bannā im Lehrerseminar in der nahegelegenen Provinzhauptstadt Damanhur zugelassen, obwohl er das Mindestalter von 14 Jahren noch nicht erreicht hatte.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 53. In Damanhur verstärkten sich al-Bannās Verbindungen zur Hasafīya. So besuchte er fast täglich das Grab von Hasanain al-Hasafī (gest. 1910), dem Gründer dieser Bruderschaft, nahm Unterricht bei einem ihrer Scheiche und beteiligte sich an ihren wöchentlichen Hadhra-Versammlungen.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 66. Am Wochenende konnte er in das weniger als 20 Kilometer entfernte Damanhur zurückkehren.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 67. 1923 schloss er mit weniger als 17 Jahren das Lehrerseminar von Damanhur erfolgreich ab.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 71.
Im Ramadan 1923 fuhr al-Bannā zum ersten Mal nach Kairo, um die Eingangsprüfung für das Dār al-ʿulūm abzulegen, einer Art Pädagogischen Hochschule für Arabischlehrer an staatlichen und privaten Grundschulen.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 71, 73. Wie er in seinen Memoiren schreibt, war er empört über die Freigeisterei (ilḥād) und Zügellosigkeit (ibāḥīya), die er in Kairo sah. Besonders entrüstet war er über die Aktivitäten der Theosophischen Gesellschaft, die in Kairo eine Akademie eröffnet hatte. Hier griffen, wie er schreibt, Muslime, Christen und Juden in Reden und Vorträgen die alten Religionen an und verkündeten eine neue Offenbarung.Hasan al-Bannā: Memoirs. 1982, S. 110. Während seiner Ausbildung am Dār al-ʿulūm verbrachte al-Bannā seine freie Zeit in Buchhandlungen und Bibliotheken sowie in religiösen Zirkeln.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 91. Seine wichtigste Bezugspersion in diesen Jahren war der islamische Aktivist und Publizist Muhibb ad-Dīn al-Chatīb,Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 95. der 1926 die Gesellschaft der muslimischen jungen Männer und die Wochenzeitschrift al-Fath gründete.
Gründung und Aufbau der Muslimbruderschaft 1927 trat Hasan al-Bannā eine Stelle als Volksschullehrer in Ismailia am Sueskanal an.Krämer: Der Architekt des Islamismus. 2022, S. 116. Dort gründete er mit sechs Arbeitern der Sueskanal-Gesellschaft im Jahre 1928 die Muslimbruderschaft (ǧamʿīyat al-iḫwān al-muslimīn) zur Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und der Unterstützung wohltätiger Aktionen. 1930 erbaute die Gruppe in Ismailia eine eigene Moschee. Über ihr wurde eine Schule für 200 Knaben errichtet.Vgl. Lia: The Society of the Muslim Brothers. 1998, S. 40. Ein wichtiger Weggefährte al-Bannās in dieser Zeit war Muhammad Saʿīd al-ʿUrfī, ein syrischer Gelehrter und Politiker aus Deir ez-Zor, der wegen seiner Widerstandsaktivitäten gegen die französische Mandatsmacht aus Syrien verbannt worden und nach Ägypten ausgewichen war. Er beriet al-Bannā beim Aufbau seiner neuen Organisation und empfahl ihm, die von ihm gegründete Knabenschule nach dem Ort, an dem Mohammed seine erste Offenbarung erhalten hatte, „Islamisches Hirā'-Institut“ (maʿhad Ḥirāʾ al-islāmī) zu nennen.Hasan al-Bannā: Memoirs. 1982, S. 173–176.
Al-Bannās Missions- und Bildungsaktivitäten stießen allerdings bei einigen Gelehrten auch auf Ablehnung. Einer von ihnen verbreitete, dass sich al-Bannā von seinen Anhängern als Gott verehren lasse. Al-Bannā berichtet in seinen Memoiren, dass er den Gelehrten zusammen mit verschiedenen Muslimbrüdern zu Hause aufsuchte, um das Missverständnis auszuräumen.Hasan al-Bannā: Memoirs. 1982, S. 198–201. 1933 zog al-Bannā nach Kairo um und verlegte auch den Sitz der Bruderschaft dorthin.Hasan al-Bannā: Memoirs. 1982, S. 44.
Die Daʿwa-Reden Al-Bannās frühes Denken lässt sich vor allem anhand seiner Schriften erkennen, die er in der vereinseigenen Zeitschrift al-Ichwān al-muslimūn veröffentlichte. Dazu gehören unter anderem seine beiden Reden Ilā aiyi šaiʾ nadʿū n-nās („Wozu rufen wir die Menschen?“; Mitte 1934) und Daʿwatu-nā („Unsere Daʿwa“; 1935).Zur Datierung vgl. Israel Gershoni u. James Jankowski: Redefining the Egyptian Nation, 1930–1945. Cambridge 1995. S. 235. Darin wies er auf die Notwendigkeit der Daʿwa hin, der inneren Mission unter Muslimen, die den Bezug zum Islam verloren hatten. Diese Daʿwa sollte seiner Auffassung nach auch mit modernen Mitteln wie Zeitungen, Theaterstücken, Filmen, Grammophon (ḥākk) und Radio (miḏyāʿ) erfolgen.Vgl. Daʿwatu-nā in ar-Rasā'il ath-thalāth. Kairo: Dār aṭ-ṭibāʿa wa-n-našr ca. 1977. http://www.2muslims.com/directory/Detailed/227082.shtml#methods (hier ist das Grammophon nicht übersetzt).
Programmatischen Charakter hat die folgende Passage aus Daʿwatu-nā, die deutlich macht, welche weitgehenden Vorstellungen al-Bannā mit der Daʿwa und dem Islam verband:
In beiden Schriften wandte sich al-Bannā auch gegen den zu seiner Zeit verbreiteten Nationalismus (qaumīya), insbesondere gegen diejenigen Formen, die mit Überlegenheitsgefühl und Aggression verbunden waren.Vgl. Daʿwatu-nā S. 18–23, engl. Übers. http://www.2muslims.com/directory/Detailed/227082.shtml#nationalsim Ihm stellte er einen eigenen islamischen Nationalismus gegenüber, der allein auf die Verbundenheit (wilāya) mit Gott gegründet sein sollte.Vgl. seine Schrift Ilā aiyi šaiʾ nadʿū n-nās S. 45, engl. Übers.: http://www.2muslims.com/directory/Detailed/227148.shtml#nationalism_basis Die „islamische Kolonialherrschaft“ (istiʿmār islāmī) der Vergangenheit, so meinte er, sei wesentlich humaner gewesen als der Kolonialismus der Gegenwart, weil der muslimische Kolonialherr (al-mustaʿmir al-muslim) die Länder nur erobert habe, um das „Wort der Wahrheit“ (kalimat al-ḥaqq) zu erhöhen und die Lehren des Korans zu verbreiten.Vgl. Ilā aiyi šaiʾ S. 66, engl. Übers.: http://www.2muslims.com/directory/Detailed/227148.shtml#humanitarianism
Der offene Brief „Hin zum Licht“ Im Oktober 1936 wandte sich al-Bannā mit einem offenen Brief mit dem Titel Naḥwa n-nūr („Hin zum Licht“) an den ägyptischen König Faruq und andere politische und religiöse Persönlichkeiten der islamischen Welt und rief sie darin dazu auf, sich aktiv für eine islamische Gesellschaftsordnung einzusetzen. Die Muslime, so forderte er, sollten sich darauf besinnen, dass Gott sie im Koran (Sure 3:110) als die beste Gemeinschaft bezeichnet habe, die den Menschen erstanden sei. Im Gegensatz zu dem europäischen Nationalismus, wie er in den Formeln „Deutschland über alles“, „Italien über alles“ oder „Britannien, herrsche!“ zum Ausdruck komme, sei dies allerdings nicht im Sinne von Asabiyya und falschem Stolz zu verstehen. Vielmehr ziele das Gemeinschaftsgefühl, das der Islam generiere, auf die Verwirklichung eines ethischen Prinzips ab, nämlich des im Koran genannten Gebietens des Rechten und Verbietens des Verwerflichen.Vgl. al-Bannā: Naḥwa n-nūr S. 87 In Englisch. Deutsche Print-Fassung siehe weiter unten Al-Bannā setzte sich in dieser Schrift für eine Rückkehr zum ursprünglichen Islam und die Errichtung einer islamischen Ordnung ein. Die allgemeinen Statuten des Islam, so meinte er, seien die besten, die es je in der Geschichte der Menschheit gegeben hatVgl. al-Bannā: Naḥwa n-nūr S. 98f. In Englisch. Zu den politischen, juristischen und administrativen Reformen, die er in dieser Schrift forderte, gehören: Eliminierung des Parteienwesens und Führung der politischen Kräfte der Umma in eine vereinigte Front Reform der Gesetzgebung in Übereinstimmung mit der islamischen Scharia in allen Einzelheiten Stärkung des Heeres, Vermehrung der Mannschaften der Jugend, Entzündung ihres Kampfgeistes auf der Grundlage des islamischen Dschihad Stärkung der Beziehungen zwischen den islamischen Ländern, insbesondere zwischen den arabischen Ländern, um das ernsthafte Nachdenken über die Angelegenheit des verlorenen Kalifats zu erleichtern Verbreitung des islamischen Geistes in den Regierungsbehörden Beobachtung des persönlichen Verhaltens der Beamten, weil es keinen Unterschied zwischen persönlichem und beruflichem Leben geben darf Festlegung der Arbeitszeiten in der Weise, dass sie die Erfüllung gottesdienstlicher Pflichten ermöglicht Eliminierung von Korruption und Günstlingswirtschaft Ausrichtung aller regierungsamtlichen Vorgaben (Feiertage, Dienstzeiten) an den islamischen Vorschriften Einstellung von Azhar-Absolventen in militärischen und administrativen Ämtern.Vgl. al-Bannā: Naḥwa n-nūr (109f) deutscher Text des kompletten Aufrufes: Aufbruch zum Licht, in Andreas Meier, Hg.: Politische Strömungen im modernen Islam. Quellen und Kommentare. Bundeszentrale für politische Bildung, BpB, Bonn 1995, ISBN 3-89331-239-0; sowie Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1995, ISBN 3-87294-724-9, S. 78–84. Diese Ausgabe auch als Sonderaufl. der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen mit gleicher ISBN. Alle Ausgaben sind gekürzte Versionen von Der politische Auftrag des Islam. Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Originalstimmen aus der islamischen Welt. Peter Hammer, Wuppertal 1994, S. 175–185, mit Einleitung des Hg.- In Englisch
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