mini|François Pouqueville, im Hintergrund Ioannina (Henriette Lorimier, 1830) François Charles Hugues Laurent Pouqueville (* 4. November 1770 in Le Merlerault, Normandie; † 20. Dezember 1838 in Paris) war ein französischer Diplomat, Arzt, philhellenischer Schriftsteller, Entdecker und Historiker.
Zuerst als eine Geisel des Osmanischen Sultans, später als Generalkonsul von Napoleon Bonaparte am Hof von Tepedelenli Ali Pascha in Ioannina, bereiste er in den Jahren 1798 bis 1820 ausgiebig das von den Türken besetzte Griechenland.
Durch seine weitreichenden diplomatischen Aktivitäten und seine Veröffentlichungen wurde er zu einem bekannten Gründervater der philhellenischen Bewegung in Europa und trug maßgeblich zur Befreiung der Griechen und der Wiedergeburt der griechischen Nation bei.
Jugend: Pfarrer und Revolutionär Schon in jungen Jahren zeigte sich sein besonderes Talent für das Schreiben. Er begann einen Briefwechsel mit seinem jüngeren Bruder Hugues und seiner Schwester Adèle, den sie ihr Leben lang fortsetzen sollten. Die drei hatten zeit ihres Lebens eine enge Beziehung. Seine unzähligen ausführlichen Briefe an seine Geschwister sind noch heute eine außergewöhnliche Quelle für die Details des Alltags eines Reisenden, Entdeckers und Diplomaten zur Zeit der Französischen Revolution, des Ersten Kaiserreichs unter Napoleon und der Restauration der Monarchie zur Jahrhundertwende von 1800.
mini|links|Die Kirche von Le Merlerault François Pouqueville studierte am Collège von Caen, bevor er dem Priesterseminar in Lisieux beitrat. Er wurde Diakon und im Alter von 21 Jahren zum Priester geweiht. Danach war er als Vikar in seiner Heimatregion Montmarcé aktiv. Obwohl er anfangs für seine Überzeugung als junger königstreuer Pfarrer bekannt war, wurde er von seiner eigenen Kirchgemeinde geschützt, als der unkontrollierte revolutionäre Mob während der Terrorherrschaft säubernde Massaker gegen Aristokraten durchführte.
Wie viele junge französische Aristokraten begann Pouqueville, die aufkommende demokratische Bewegung zu unterstützen. So war er der Sekretär der Hauptversammlung von Le Merlerault, als diese am 14. Juli 1793 die neue Verfassung annahm.
Mit 23 Jahren war er Assistent des Bürgermeisters (1793). In den Ereignissen der Französischen Revolution fand er seine Berufung, weshalb er aus dem geistlichen Stand austrat und 1794 Lehrer und 1795 Gemeindeangestellter in Le Merlerault wurde. Sein ganzes Leben lang blieb er jedoch feuriger Christ.
mini|hochkant|Pouqueville im Jahr 1805 (Henriette Lorimier) Die Abkehr von der Kirche, seine klaren Reden für die Republik und seine offene Kritik des Papsttums machten ihn aber zum Angriffsobjekt der wiederauflebenden Royalisten in der Normandie. Pouqueville musste sich erneut verstecken – vermutlich in CaenDe ma solitude. Notizen und Tagebuch von François de Pouqueville, 1795, nicht veröffentlicht –, bis die royalistischen Truppen, die von Charettes Chouans-Banden verstärkt worden waren, bei Quiberon in der Emigrantenschlacht durch die Republikanische Armee unter Lazare Hoche und später bei der Belagerung von Toulon und in Paris durch Napoleon Bonaparte geschlagen worden waren.
Nachdem François Pouqueville nach Le Merlerault zurückgekehrt war, begann er eine Ausbildung zum Chirurgen beim lokalen Arzt Nicolas Cochain, der sein Freund am Collège von Caen gewesen war. Später stellte er ihn seinem Freund Antoine DuboisProfessor A. Dubois liebte Pouqueville wie seinen eigenen Sohn. Jahre später, am 13. Dezember 1810, schrieb hingegen François Pouqueville an Ruffin: Wir waren zerstritten, wie Freunde es sein können, weil ich die Robe abgelegt hatte fürs Schwert … Dubois betrachtete mich als sein eigener Ruhm, und er wurde wütend, als ich abtrünnig wurde. Sie können sich seinen wirklich komischen Zorn nicht vorstellen: „Es braucht zwölf Dinge, um Arzt zu sein. Du hast elf. – Und welche fehlt mir? – Du weisst nicht, wie man Geld verdient. – Abrenuntio, sagte ich ihm.“ (Une Correspondance inédite de François Pouqueville. Édouard Champion, Paris 1921.) vor, der Professor an der Medizinischen Fakultät in Paris war und später Arzt von Kaiserin Marie-Louise war, als sie 1811 Napoleon II. zur Welt brachte.
1797, im Alter von 27 Jahren, zog François Pouqueville von Le Merlerault nach Paris (1797). Unter Professor Dubois machte er schnell Fortschritte in Medizin und Chirurgie. Als Napoleon im nächsten Jahr den Ägyptenfeldzug vorbereitet, wurde Pouqueville vom Staatsminister Louis Antoine Fauvelet de Bourrienne als Teilnehmer der begleitenden Commission des sciences et des arts bestimmt.
Mit Träumen von Ruhm und Verdienst ging François Pouqueville in Toulon an Bord der französischen Flotte, die auf ihrer Reise nach Ägypten von Bonaparte angeführt wurde. Unterwegs nach Alexandria erlebte er die Eroberung MaltasNach der Eroberung Maltas ließen die Franzosen – in einer typischen großmütigen Geste – alle Gefangenen der lokalen Gefängnisse frei. Darunter war Orouchs, ein bekannter Pirat, der unverzüglich zur britischen Flotte reiste, um sich neu bewaffnen zu lassen und seine kriminellen Aktivitäten fortzusetzen. Weniger als ein Jahr nach seiner Befreiung in Malta attackierte er ein Handelsschiff mit Pouqueville als Passagier, den er gefangen nahm und an die Türken verkaufte. (François de Pouqueville: Notes biographiques, Voyage en Morée. 2009. S. 6–7.) und verbrachte die Tage an Bord, indem er den französischen Soldaten und Matrosen den Text der Marseillaise, der neuen französischen Nationalhymne, lehrte.
Ägypten: Bonaparte, Nelson und Piraten mini|Bonaparte besucht die Pestkranken in Jaffa (Antoine-Jean Gros, 1804) In Ägypten beauftragte General Kléber Pouqueville nach der ersten Seeschlacht bei Abukir (1798), mit Admiral Nelson über den Austausch von Gefangenen zu verhandeln.
Während der Treffen mit den wichtigsten Persönlichkeiten der britischen Admiralität entwickelte er rasch großen Respekt für Admiral Sidney Smith, der perfekt Französisch sprach und sich als mutiger, menschlicher und ehrenhafter Mann erwies. Sein Treffen mit Nelson erfüllte ihn hingegen mit Widerwillen, da dieser im Umgang mit den französischen Offizieren seinem Ruf für Brutalität und Abscheulichkeit gerecht wurde. In der Folge sprach Pouqueville von ihm nur noch unter dem Beinamen blutrünstiger Zyklop.
Nachdem François Pouqueville seine Mission erfüllt hatte und an Fieber erkrankt war, weshalb er seine wissenschaftlichen Forschungen nicht fortzusetzen vermochte, empfahl ihm Kléber, nach Frankreich zurückzukehren, um sich dort behandeln zu lassen. Pouqueville nahm in Alexandria das italienische Handelsschiff La Madonna di Montenegro, das am 26. Oktober 1798 nach Italien segelte. Mit von der Partie waren unter anderen Julien Bessières, Alexandre Gérard, Joseph Charbonnel und Jean Poitevin. Als sie sich Kalabrien näherten, wurden das Schiff von Barbaresken-Piraten attackiert. Die Franzosen wurden gefangen genommen und schnell von den übrigen getrennt, als sich eine Fregatte näherte, die die Piraten jagte. Ein Teil der Franzosen wurde vom Anführer der Piraten, Orouchs, auf seinem Schiff davongebracht; Pouqueville traf einige von ihnen später in Konstantinopel wieder. Pouqueville und seine Gefährten überzeugten den Kapitän ihres Boots, sie nach Zakynthos anstatt in ihren Heimathafen Tripolis zu bringen. Das Boot änderte aber den Kurs in Richtung Küste der Peloponnes, woraufhin das Schiff in einem Sturm beschädigt wird. Knapp an Vorräten und bedroht von weiteren Stürmen suchte das Schiff Zuflucht in der Bucht von Navarino, wo es von Türken aufgebracht wurde.
Gefangener des türkischen Sultans Peloponnes: Entdecker und Arzt mini|hochkant|Griechische Schönheit (Fürstin Helene Soutsou) von Louis Dupré (1820) Später wurde Pouqueville nach Tripolitsa gebracht, der Hauptstadt des Peloponnes, wo er im Gewahrsam des Pascha von Morea, Mustafa, gehalten wurde, da das Osmanische Reich mit Frankreich im Krieg war.
Mustafa Pascha empfing ihn mit Gleichgültigkeit, schützte ihn aber vor den Übergriffen der albanischen Soldaten, die ihn in der Gefangenschaft bewachten, und gab ihm eine anständige Unterkunft. Bald darauf wurde der Pascha abgesetzt und durch Achmed Pascha ersetzt.17 Jahre später traf Pouqueville Achmed Pascha in Larissa wieder, der dorthin verbannt worden war. Er brachte ihm etwas finanzielle Hilfe, aber der ehemalige Pascha starb bald darauf an Hunger. (Henri Dehérain: Une correspondance inédite de François Pouqueville. Édouard Champion, Paris 1921.)
Als der neue Pascha erfuhr, dass François Pouqueville erfahrener Arzt war, behandelte er ihn gut. Schließlich ernannte er ihn zum offiziellen Arzt seines Paschalik, nachdem er gesehen hatte, wie erfolgreich Pouqueville einigen Mitgliedern seiner Entourage geholfen hatte. Pouqueville nutzte die neue Situation und erkundete die umliegende Region sowie antike griechische Stätten. Er blieb während des harten Winters von 1798/99 in Tripolitsa.
Konstantinopel: Gefängnisse und Harems mini|Die Yedikule-Festung heute Im Frühjahr befahl der Sultan, Pouqueville und seine Mitgefangenen nach Konstantinopel zu bringen, wo sie für zwei Jahre in der Burg der sieben Türme (Yedikule) eingekerkert wurden.
Im Gefängnis trafen sie auf das Personal der französischen Botschaft, die dort in elenden Verhältnissen lebten und denen der Sultan trotz hartnäckiger Bitten der Briten die übliche diplomatische Behandlung verweigerte und sie nicht wie versprochen im Botschaftspalast, den sich die Briten angeeignet hatten, bleiben ließ. Pouqueville begab sich sogleich an das Lager des sterbenden Generaladjutanten Nicolas Rozé, konnte ihn aber nicht mehr retten. Rozé war französischer Vertreter auf den Ionischen Inseln und von Ali Pascha gefangen genommen worden. Einige Jahre später sollte Pouqueville Rozés Posten in Ioannina übernehmen.
François Pouqueville befreundete sich mit dem französischen Diplomaten Pierre Ruffin (1742–1824), der seit dem Beginn des Ägyptenfeldzugs inhaftiert war. Er behandelte ihn und gab ihn den Übernamen Nestor des Orients. Durch ihn konnte er sein Wissen als Orientalist vertiefen. Die beiden Männer korrespondierten noch lange nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis, bis Ruffin 1824 starb.
Da die Kerkermeister von Pouquevilles medizinischem Wissen erfuhren, erhielt er bald nach seiner Ankunft gewisse Bewegungsfreiheit. Es gelang ihm, heimlich die Umgebung der Festung und die privaten Gärten des Sultans im Topkapı-Palast zu erkunden. Mit Hilfe des Gärtners des Sultans, der sein Freund geworden war, gelangte er sogar in den Garten des Harems. Gelegentlich konnte er seine Wächter überzeugen, ihn durch die Stadt Konstantinopel und entlang des Bosporus bis zum Schwarzen Meer reisen zu lassen, um weitere französische Gefangene, die sich in einem entfernten Gefängnis befanden und ernsthaft krank waren, zu behandeln. Damals kam in den östlichen Mittelmeerregionen noch die Pest vor. Pouqueville war entschlossen, die richtige Behandlung zur Bekämpfung dieser schrecklichen Seuche zu erforschen. Seine Beobachtungen, die er nach seiner Rückkehr nach Paris als Forschungsarbeit publizierte, fanden hohe Anerkennung.
Seine schriftlichen Berichte über diese Exkursionen waren die ersten detaillierten Beschreibungen von Konstantinopel und seinen vielfältigen Bewohnern, ihrer Lebensart, Sitten und Gebräuche. Sie wurden in Europa mit viel Erstaunen und Neugier aufgenommen, da das Tor zu Asien seit der Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 von Westeuropäern praktisch unerforscht geblieben war.
mini|links|hochkant|Pascha (Michael Soutsos) von Louis Dupré (1825) Im Gefängnis lernte Pouqueville von Daniel Kieffer, Sekretär der Gesandtschaft, Neugriechisch. Er übersetzte Anakreon, Homer und Hippokrates und schrieb mehrere orientalistische Apologe wie Le Paria, ein kurzes burleskes Gedicht, La Gueuséide in vier Gesängen und als Sextett sowie einige einfachere Gedichte, die er Rose Ruffin widmete.