mini|Zerstörungen am Offizierskasino des V. US-Korps, 11. Mai 1972

Die Mai-Offensive war eine Reihe von sechs terroristischen Sprengstoffanschlägen, die die linksextreme Rote Armee Fraktion (RAF) zwischen dem 11. und 24. Mai 1972 in der Bundesrepublik Deutschland verübte. Zwei der Anschläge richteten sich gegen Militäreinrichtungen der USA, zwei gegen Polizeibehörden, ein Anschlag gegen den Richter Wolfgang Buddenberg und einer gegen das Hamburger Springer-Verlagsgebäude. Insgesamt wurden dabei vier Menschen ermordet und 74 verletzt. Die parallele Polizeifahndung führte bis Juli 1972 zur Festnahme von zehn Gründungsmitgliedern der RAF, von denen einige beim Stammheim-Prozess (1975–1977) als Haupttäter angeklagt und verurteilt wurden.

Vorbereitung Seit der Baader-Befreiung (14. Mai 1970) hatte die RAF fast zwei Jahre lang einige Banküberfälle, Einbrüche in Meldeämter und zahlreiche Fahrzeugdiebstähle verübt, um das Leben als gesuchte Straftäter in der Illegalität aufrechtzuerhalten. Politisch begründete, terroristische Anschläge kamen erst später hinzu. Sie sah sich daher auch in der extremen Linken starker Kritik ausgesetzt. Bis dahin waren mehrere RAF-Mitglieder von der Polizei festgenommen und mit Petra Schelm das erste Mitglied der Gruppe erschossen worden. Außerdem hatten drei Mitglieder die Gruppe verlassen und umfangreiche Aussagen gemacht. In der hauptsächlich von Meinhof verfassten Schrift Das Konzept Stadtguerilla kündigte die RAF im Mai 1971 eine „revolutionäre Intervention“ an.

Im Januar 1972 mietete Thomas Weisbecker von einem Studenten eine Wohnung in Frankfurt am Main, Inheidener Straße 69. In deren Umfeld mieteten andere RAF-Mitglieder vier weitere Wohnungen. Gerhard Müller bestellte von Frankfurt aus telefonisch Chemikalien im ganzen Bundesgebiet, nach seinen Angaben 500 kg Ammoniumnitrat und 250 kg Kaliumnitrat. In einem verlassenen Basalt-Werk in Oberaula stahlen RAF-Mitglieder 187 Sprengkapseln und 64 Zünder. Aus diesem Material stellten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Holger Meins und Jan-Carl Raspe in der Wohnung Inheidener Straße verschiedene Bomben her. Die Anschlagsziele wurden kurzfristig von Fall zu Fall gemeinsam ausgewählt, wobei Baader die letzten Entscheidungen traf.Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 291 f.

Verlauf Hauptquartier des V. US-Korps in Frankfurt am Main hochkant|mini|Anschlagsopfer Paul A. Bloomquist, 1966 alternativtext=Gedenktafel|mini|Gedenktafel am Kasino der Frankfurter Goethe-Universität Am 11. Mai 1972 um 18:59 Uhr explodierten binnen weniger Sekunden drei Bomben mit insgesamt 80 kg TNT Sprengkraft im I.G.-Farben-Haus in Frankfurt am Main. In jenem Gebäudekomplex war damals das Hauptquartier des V. Korps der US-Armee, das United States European Command und das Hauptquartier der Central Intelligence Agency (CIA) in Deutschland untergebracht. Zwei Bomben explodierten im Eingangsportal, die dritte im Offizierskasino. Glassplitter töteten den Oberstleutnant Paul A. Bloomquist. Ein Glassplitter drang durch den Hals ins Gehirn ein. Mehrere Menschen flohen instinktiv in den Keller des Gebäudes. 13 Personen wurden verletzt. Der Sachschaden wurde auf 3,1 Millionen D-Mark beziffert.Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 285.

Zuvor am selben Tag fuhren Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe mit einem gestohlenen Wagen zum Gebäudekomplex und meldeten den anderen Beteiligten, Andreas Baader und Holger Meins, dass es möglich wäre, die Bomben zu platzieren, ohne kontrolliert zu werden.

Am 14. Mai ging ein Bekennerbrief des „Kommandos Petra Schelm“ bei der dpa in München ein. Der Brief begründete den Anschlag so:

In der Wohnung Inheidener Straße fand man neben Bombenmaterial Zeitungsberichte vom 11. Mai 1972 zum Befehl von US-Präsident Richard Nixon, im laufenden Vietnamkrieg alle Häfen Nordvietnams zu verminen und zu blockieren sowie einige Großstädte des Landes zu bombardieren. Demnach hatte die RAF den Anschlag seit längerem vorbereitet, aber das Datum spontan gewählt.Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 286.

Der Bekennerbrief forderte, die Bombardierung Vietnams zu beenden und alle US-Streitkräfte von dort abzuziehen. Er endete mit dem Aufruf „Schafft zwei drei viele Vietnams!“ Diese Parole stammte aus einer Kampfschrift Che Guevaras und war seit 1967 in der APO gängig.Ingo Juchler: Die Studentenbewegungen in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland der sechziger Jahre: eine Untersuchung hinsichtlich ihrer Beeinflussung durch Befreiungsbewegungen und -theorien aus der Dritten Welt. Duncker & Humblot, 1996, ISBN 3-428-08556-6, S. 237, Fn. 152.

Polizeibehörden in Augsburg und München Am 12. Mai 1972 um 12:15 Uhr und 12:18 Uhr explodierten zwei Bomben in der dritten und vierten Etage der Polizeidirektion Augsburg am Prinzregentenplatz (→Hauptartikel).Holger Sabinsky-Wolf: Als der RAF-Terror nach Augsburg kam, Augsburger Allgemeine vom 23. Februar 2018, abgerufen am 3. Oktober 2020. Die zweite Bombe verletzte sechs Polizisten und einen Arbeiter. Eine dritte Bombe zündete nicht. Die Ermittler machten Baader, Raspe und einen weiteren Mann für die Tat verantwortlich.Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 286 f. Nach Jutta Ditfurth, Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 339, wurden fünf Polizisten verletzt.

Um 14:15 Uhr warnte eine Anruferin die Landesbesoldungsstelle in München, in sieben Minuten werde im benachbarten Landeskriminalamt eine Bombe zünden, das Amt sei zu räumen. 400 Personen waren im LKA beschäftigt, 300 in der Landesbesoldungsstelle. Daraufhin flohen die Gewarnten auf den Parkplatz des Amtes. Dort explodierte um 14:20 Uhr eine in einem Pkw versteckte Bombe. Der Wagen war zuvor in Neu-Ulm entwendet worden. Die Bombe verletzte zehn Personen, darunter ein Kind, und verursachte Sachschäden, die auf 588.000 D-Mark beziffert wurden. Unter anderem wurden etwa 100 Pkw beschädigt.Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 287. Benachbarte Fahrzeuge wurden zum Teil durch die Explosion angehoben und flogen, über mehrere Meter hinweg, auf andere Pkw. In einem Umkreis von bis zu 190 Metern wurden Glasscheiben zerstört. Eine Angestellte schildert den Anschlag im Stammheim-Prozess wie folgt:

Ein „Kommando Thomas Weisbecker“ erklärte in einem Bekennerbrief vom 16. Mai, abgesandt in der Schweiz: Ein „Exekutionskommando“ der Augsburger und Münchner Polizei habe Weisbecker am 2. März 1972 überrascht und ermordet. Die Fahndungsbehörden könnten kein RAF-Mitglied „liquidieren [...], ohne damit rechnen zu müssen, dass wir zurückschlagen werden.“Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 288.

BGH-Richter in Karlsruhe Am 2. März 1972 war auch Weisbeckers Freundin Carmen Roll festgenommen worden. Sie wurde mit einer Vollnarkose betäubt, um ihre Fingerabdrücke abzunehmen. Am 3. März 1972 hatte Manfred Grashof einen Polizisten bei einem Schusswechsel tödlich getroffen und war selbst schwer verletzt worden. Nur Tage nach seiner Notoperation hatte Wolfgang Buddenberg, der zuständige Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof (BGH), Grashof in eine Gefängniszelle bringen lassen, die er zum „Bestandteil des Zentralkrankenhauses“ erklären ließ. Die Zelle blieb Tag und Nacht beleuchtet. Grashof durfte sie zwei Monate lang nicht verlassen und keinen Besuch empfangen. Die Zellen über und unter ihm waren leer. Als ihm täglicher Hofgang erlaubt wurde, wurde er so gefesselt, dass seine Wunden wieder aufrissen.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 326.

Seit April 1972 hatten zwei Frauen im Auftrag der RAF Buddenbergs Wohnort und Arbeitsweg ausgespäht. Am 15. Mai 1972 gegen 12:35 Uhr detonierte eine mit Sprengstoff gefüllte Feldflasche unter dem Beifahrersitz seines Pkw (ein roter VW 1300) vor seiner Wohnung in der Klosestraße in Karlsruhe. Die Bombe war mit Magneten unter dem Bodenblech befestigt, ein Kabel verband ihren Zünder mit dem Anlasser des Pkw. Buddenbergs Frau Gerta löste die Explosion beim Starten des Wagens aus und wurde schwer verletzt. Sie konnte das Fahrzeug jedoch aus eigener Kraft verlassen. Der Beifahrersitz wurde auseinandergerissen, das Schiebedach des Pkw meterweit fortgeschleudert. Metallsplitter des Sprengkörpers und des Fahrzeugs flogen über 50 Meter weit. 29 Fenster umliegender Gebäude wurden zerstört. Ein Beifahrer wäre auf jeden Fall getötet worden. Buddenberg war jedoch an jenem Morgen zu Fuß zur Arbeit gegangen und hatte sich nicht wie sonst von seiner Frau fahren lassen. Das rettete sein Leben. Frau Buddenberg war aufgrund ihrer Verletzungen über mehrere Wochen in stationärer Behandlung und litt noch Jahre später unter Beschwerden. Im Stammheim-Prozess schildert sie ihre Erlebnisse wie folgt:

Kurz nach der Explosion rief sie: „Dies ist ein Anschlag der Baader-Meinhof-Gruppe. Bitte benachrichtigen Sie meinen Mann, Bundesrichter Buddenberg.“ Auf die Frage, ob sie und ihr Mann eine Befürchtung gehabt hätten, berichtet sie:

Das Bekennerschreiben des „Kommandos Manfred Grashof“ vom 20. Mai 1972 erklärte den Anschlag in Karlsruhe als „Bestrafungsaktion“: Buddenberg, „das Schwein“, habe Grashof vom Krankenhaus in eine Zelle verlegen lassen, „als der Transport und die Infektionsgefahr im Gefängnis noch lebensgefährlich für ihn waren“, und damit einen Mordversuch der Polizei an einem Wehrlosen wiederholt. Die RAF werde so oft weitere Sprengstoffanschläge gegen Richter und Staatsanwälte begehen, bis diese Rechtsbrüche gegen politische Gefangene einstellten.Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 288 f. Die Behandlung Rolls und Grashofs zeige einen „bereits institutionalisierten Faschismus in der Justiz“ und den „Anfang von Folter.“Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 340.

mini|Axel-Springer-Verlagshaus in Hamburg (2004)

Springer-Hochhaus Hamburg Am 19. Mai 1972 verübte die RAF einen Anschlag auf das Verlagsgebäude von Axel Springer in Hamburg, wo vier von dessen Zeitungen gedruckt wurden. Autoren zur RAF-Geschichte machen teilweise widersprüchliche Angaben zu Warnanrufen und zur Zahl der Verletzten.

Nach Stefan Aust erhielt die Telefonzentrale des Verlags um 15:30 einen ersten, einige Minuten später einen zweiten Warnanruf: „In fünf Minuten geht bei Ihnen eine Bombe hoch.“ Die Telefonistin habe das nicht ernst genommen, aber etwas später die Hausverwaltung über die Drohung informiert. Dann sei im Korrektursaal die erste Bombe explodiert. Gleich darauf habe ein weiblicher Anrufer gefragt, ob soeben eine Bombe hochgegangen sei, und nach dem Ja aufgelegt. Insgesamt seien 17 Arbeiter verletzt worden, zwei davon schwer. Nach einem anonymen Telefonhinweis am 20. Mai habe die Polizei neben der Rotation, der Direktion und in einem Putzmittelschrank je eine weitere, nicht explodierte Bombe gefunden.Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, München 2008, S. 246–248.

Nach Butz Peters, der Verlags- und Polizeiangaben folgt, erhielt die Telefonzentrale den ersten Warnanruf um 15:35, den zweiten um 15:37 Uhr. Beide hätten vor einer Bombenexplosion in fünfzehn (nicht fünf) Minuten gewarnt, der zweite habe ergänzt: „Räumt sofort das Haus, ihr Schweine!“ Nach der ersten Explosion um 15:41 neben (nicht in) dem Korrekturraum habe sich eine Frau um 15:43 danach erkundigt und sich für die bejahende Auskunft bedankt (nicht wortlos aufgelegt). Eine zweite Bombe sei um 15:45 Uhr in der sechsten Etage vor den Büros der Verlagsleitung explodiert, als dort eine Konferenz stattfand. Insgesamt seien 38 (nicht 17) Personen verletzt worden. Zwei der drei nicht explodierten Bomben seien am Folgetag im 12. Stock beim Gang zum Büro Axel Springers gefunden worden. Der Sachschaden betrug eine Million Mark.Butz Peters: Tödlicher Irrtum, Berlin 2007, S. 288, 289 und 765, Fn. 77.