Der Salafismus in Deutschland ist, laut Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz und einiger Landesbehörden für Verfassungsschutz, die gegenwärtig dynamischste islamistische Bewegung in Deutschland. Beim Salafismus handelt es sich um eine Richtung innerhalb des politischen Islam, die aus ihrer Perspektive Aspekte aus der Gründungszeit der Religion in den Vordergrund stellt. Die Verfassungsschutzbehörden kategorisieren den Salafismus als gefährliche und extremistische Ideologie, die versucht, durch intensive Propagandatätigkeit in Form der Daʿwa (Ruf zum Islam/Missionierung) die deutsche Gesellschaft entsprechend ihren Vorschriften zu missionieren und islamisieren.Salafistische Bestrebungen in Deutschland. Bundesamt für Verfassungsschutz und Landesbehörden für Verfassungsschutz, Köln, April 2012, S. 8
Salafistische Organisationen stehen unter Beobachtung von Verfassungsschutzbehörden, denen zufolge beinahe alle bekannten islamistischen terroristischen Strukturen und Personen in Deutschland salafistischen Strömungen zuzurechnen sind.Bundesamt für Verfassungsschutz: Salafistische Bestrebungen, abgerufen am 17. August 2012 mini|Salafistenversammlung 2011 in Koblenz, mit den bekannten Konvertiten Pierre Vogel und Bilal Philips als Redner.
Ursprünge und Definition Der neofundamentalistische Salafismus ist deutlich zu unterscheiden von den historischen Anfängen des Salafismus als modernistische Schule der Jahrhundertwende und anti-koloniale Bewegung. Nach der Enttäuschung in der arabischen Welt über die nationalistischen und sozialistischen Politikresultate, insbesondere über die Niederlage im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel, und nach dem Aufkommen der Islamischen Revolution im Iran 1979, erfuhren religiöse Strömungen in den muslimischen Staaten einen enormen Auftrieb. Dabei formierte sich auch eine neue Salafiyya-Bewegung.
Diese heutige Salafiyya-Bewegung hat sich jedoch weit von der modernen Schule entfernt. Für die Einstellung der neuen Formation verwendet Olivier Roy den präziser definierten Begriff des Neofundamentalismus, der sehr heterogene Gruppen umfasst.Olivier Roy: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. Pantheon, München 2006, RM Buch und Medien, Gütersloh 2007, BpB, Bonn 2007. ISBN 3-89331-731-7, S. 230 Er ist zweigeteilt in einen konservativen Teil sowie einen dschihadistischen Flügel.Olivier Roy: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. Pantheon, München 2006, RM Buch und Medien, Gütersloh 2007, BpB, Bonn 2007. ISBN 3-89331-731-7, S. 232 Der erste geht zurück auf die vormoderne Salafiyya wahhabitischer Prägung und hat sein geistiges Zentrum heute dementsprechend in Saudi-Arabien. Der dschihadistische Salafismus ist militant.
Dabei werden heute Wahhabismus und Salafiyya teilweise austauschbar verwendet. Die Wahhabiten sind Teil der vormodernen Salafiyya und gehören auch zur zeitgenössischen Salafiyya; von der modernistischen Salafiyya waren sie zunächst stark unterschieden. Diejenigen Wahhabiten, welche den Bezug auf Muhammad bin Abd al-Wahhab in ihrer Selbstbezeichnung vermeiden möchten, bezeichnen sich ebenfalls als Salafis und nehmen für sich in Anspruch, den „ursprünglichen“ Islam zu praktizieren, da auch ihnen die „Salaf“ (die „Altvorderen“) als Autoritäten dienen.
Während die modernistische Salafiyya durch Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte den Muslimen eine zivilisatorische Vorreiterrolle (wieder) verschaffen wollte/will, möchte der islamistische Neofundamentalismus die religiöse Zeituhr zurückdrehen und betrachtet die heutige Welt insgesamt als feindlich. Insofern steht er der Salafiyya der Jahrhundertwende diametral entgegen. Er gilt als die am schnellsten wachsende radikale Strömung des Islams.Stichwort:Hintergrund Salafismus Tagesschau.de. 22. Juni 2011, abgerufen am 25. Juni 2011 Es handelt sich um eine entterritorialisierte Bewegung, die losgelöst von jeder kulturellen „Verunreinigung“ die „wahre“ Religion praktizieren möchte.Olivier Roy: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. Pantheon, München 2006, RM Buch und Medien, Gütersloh 2007, BpB, Bonn 2007. ISBN 3-89331-731-7, S. 254f.
Tätigkeiten Laut Verfassungsschutzbericht 2012 ist die Zahl der Salafisten in Deutschland von 3800 (2011) auf 4500 Personen im Jahr 2012 gestiegen.Friedrich sieht große Gefahr durch Salafismus Benno Köpfer, Islamexperte beim Verfassungsschutz Baden-Württemberg,Islamexperte aus BW schreibt über Radikalisierung in SWR Info, 25. August 2016 - abgerufen am 4. Januar 2017 gab im Jahr 2010 drei- bis fünftausend Salafisten in Deutschland an,Tübinger Terrorismus-Konferenz: Islamisten sehen sich als Fremde und Verfolgte, Schwäbisches Tagblatt, 11. September 2010 der Islamwissenschaftler Guido Steinberg sprach 2011 von vier- bis fünftausend Anhängern.Terror in Germany: An interview with Guido Steinberg by Raff Pantucci, ca. 2011
Dem Verfassungsschutz zufolge lebten im Oktober 2014 rund 6.300 Salafisten in Deutschland, davon 570 in Berlin.Salafistenszene in Deutschland wächst Im Mai 2016 sollen es 8350 sein davon 710 in Berlin. In Hamburg stieg die Zahl der Salafisten 2016 von 460 (Ende 2015)Verfassungsschutzbericht auf 670 (Ende 2016)Verfassungsschutzbericht auf 730 (Juni 2017).
Im September 2017 gab das Bundesamt für Verfassungsschutz ein Personenpotential von 10.300 Anhängern des Salafismus an. 3000 von ihnen wurden zu diesem Zeitpunkt in Nordrhein-Westfalen gezählt, darunter 780 als gewaltbereit eingestuft, wie der NRW-Verfassungsschutz mitteilte.Kölner Stadtanzeiger vom 11. Dezember 2017, Verfassungsschutz Zahl der gewaltbereiten Salafisten nimmt zu Im Dezember 2017 war die Zahl der Salafisten in Deutschland nach Angaben des damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen auf 10.800 gestiegen.Die Welt vom 10. Dezember 2017, Zahl der Salafisten in Deutschland so hoch wie nie
Laut Der Tagesspiegel „stellte der Verfassungsschutz 2019 bei dem radikalsten, größten und in Teilen gewaltorientierten Islamistenmilieu bundesweit einen Anstieg um 850 Personen auf 12.150 fest“ – das entspricht einem Anstieg um 7 % gegenüber dem Vorjahr.
Die Mehrzahl der salafistischen Einrichtungen in Deutschland ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz dem politischen Salafismus zuzuordnen. Dieser stütze sich auf intensive Propagandatätigkeit. Demgegenüber glaubten Anhänger des jihadistischen Salafismus, ihre Ziele durch Gewaltanwendung realisieren zu können.Salafistische Bestrebungen Es gäbe bundesweit (Stand: 2012) etwa 100 bis 150 vom Verfassungsschutz als „Gefährder“ bezeichnete Menschen, die tatsächlich zu Attentätern werden könnten.Parvin Sadigh: Gewaltausbrüche: „Salafismus ist eine maximale Protesthaltung“. In: Zeit Online, 8. Mai 2012. Abgerufen am 5. Juli 2013. Dazu gehört, unter anderem, die Lohberger Brigade.
Nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Todesfälle im Rahmen des syrischen Bürgerkriegs ist die salafistische Szene in Deutschland nach dem Stand von Ende 2020 gegenüber früheren Zeiten mittlerweile geschrumpft.Alexander Haneke, Geschwächte Islamisten, F.A.S. Nr. 43 vom 25. Oktober 2020, S. 2
Vereine Zu den bekannteren radikalen Vereinen zählen beispielsweise das 2005 verbotene Multikulturhaus sowie das im September 2007 aufgelöste Islamische Informationszentrum (IIZ) im Großraum Ulm/Neu-Ulm.Vgl. auch Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Piper, München/Berlin 2006, ISBN 978-3-492-04933-7; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, insbesondere S. 51–61 (Die Ulmer Gruppe). Der Verein Einladung zum Paradies (EZP), der zu den Salafisten gerechnet wird, wurde wegen seiner diskriminierenden Haltung gegenüber Frauen und Homosexuellen vom Verfassungsschutz beobachtet. Zu diesem Verein gehört auch der deutsche Konvertit Pierre Vogel, der besonders durch Video-Predigten im Internet missioniert. 2011 löste sich der Verein auf.
Missionierung und Propaganda
Neben der Internet-Propaganda hat seit 2012 die Missionsaktivität radikal-islamistischer Salafismusprediger wie Ibrahim Abou-Nagie im gesamten Bundesgebiet deutlich zugenommen, Schwerpunkte liegen in Nordrhein-Westfalen, Frankfurt am Main, Ulm und Berlin. Ziel der intensivierten Anstrengungen ist es laut Behörden des Verfassungsschutzes „Konversionen zum Islam salafistischer Prägung herbeizuführen und damit diese Form des religiös motivierten Extremismus in Deutschland weiterzuverbreiten.“
Über die Osterfeiertage 2012 verteilten Salafisten in 35 deutschen Städten kostenlose Ausgaben des Koran. In der von Abou-Nagie geleiteten Kampagne wurden nach Schätzungen bislang dreihunderttausend Exemplare verteilt. Verteilungsverbote einiger Städte wurden von salafistischen Helfern umgangen.Die Welt: Wie Salafisten Verbote von Koran-Ständen umgehen, vom 9. April 2012, abgerufen am 10. April 2012 Laut einer Umfrage von Info GmbH heißen zwei Drittel der jungen Türken in Deutschland die Verteilungsaktion gut, während ein ebenso großer Anteil bei den über 50-Jährigen die Aktion ablehnt. Bei den 30- bis 49-Jährigen überwiegt geringfügig die Ablehnung.Der Spiegel: Junge Deutsch-Türken finden Koran-Aktion gut, 16. August 2012, abgerufen am 17. August 2012.
Verbindung zum Terrorismus
Im Rahmen der Innenministerkonferenz im Juni 2011 warnten die deutschen Innenminister vor den Gefahren des zeitgenössischen, neofundamentalistischen Salafismus. Zum Abschluss des Treffens meinte der hessische Staatsminister des Inneren und Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Boris Rhein, der Salafismus sei der „Nährboden für islamistischen Terrorismus.“ Nach Kenntnissen des Verfassungsschutzes „sind fast alle hier (in Deutschland) bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen salafistisch geprägt bzw. haben sich in salafistischen Milieus entwickelt“.. Bundesamt für Verfassungsschutz und Landesbehörden für Verfassungsschutz, Köln, April 2012, S. 9 So waren alle Terroristen des 11. September 2001 Salafisten, genauer gesagt dschihadistische SalafistenDirk Baehr, Dschihadistischer Salafismus in Deutschland, in: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung, Bielefeld 2014, S. 231–249 (S. 233 ff.), darunter auch die drei Selbstmordattentäter der Hamburger Zelle.Süddeutsche Zeitung: Radikal-islamische Missionierung. Im Auftrag des Herrn, vom 9. April 2012, abgerufen am 10. April 2012 Auch die Mitglieder der Sauerland-Gruppe und deutsche Dschihadisten wie Eric Breininger sind dem fundamentalistisch-salafistischen Umfeld zuzuordnen. Im März 2013 wurden in Leverkusen, Bonn und Essen vier mutmaßliche Salafisten verhaftet, die einen Mordanschlag auf den Vorsitzenden der Bürgerbewegung pro Köln Markus Beisicht vorbereitet hatten. Dass der Salafismus die Durchgangsstation zum Terrorismus sei, sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen im Juni 2013.Lisa Caspari: "Deutsche Islamisten radikalisieren sich in Syrien", Zeit, vom 11. Juni 2013, gesichtet am 28. Juni 2013