miniatur|Demonstration von Mitgliedern der FAU, einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft vor dem Kino Babylon in Berlin im Jahr 2010 Der Anarchismus hat in Deutschland eine lange Tradition. Er trat hier in erster Linie als revolutionäre Ideologie in der Arbeiterbewegung sowie als breit gefächerte Geistes- und Kulturbewegung auf.

Ab den 1870er Jahren entwickelte sich eine anarchistische Bewegung allmählich aus der Opposition innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Nach dem Ende der repressiven Sozialistengesetze 1890 wuchs die anarchistische Bewegung und wurde zu einer vielfältigen Kulturbewegung in der Literatur, den bildenden Künsten, der Psychologie und anderen Bereichen. Die gewerkschaftliche Organisation kam in der Weimarer Republik mit der FAUD, die zeitweilig etwa 150.000 Mitglieder hatte, zu einem Höhepunkt. Nach dem Aufstieg der Nationalsozialisten wurde die anarchistische Bewegung zerschlagen und die deutschen Anarchisten endeten in Konzentrationslagern, wurden zum Kriegsdienst gezwungen oder flüchteten ins Exil. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchten einige verstreute Kreise die Neuorganisation. Eine anarchistische Bewegung im größeren Rahmen gewann erst wieder im Zusammenhang mit der Westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre größere Bedeutung.

Geschichte Vorläufer miniatur|Ludwig Börne (1786 bis 1837) sprach sich im deutschsprachigen Raum als Erster für die Anarchie aus. Ludwig Börne (1786 bis 1837) sprach sich im deutschsprachigen Raum als Erster für Anarchie in der Gesellschaft aus, wiewohl er historisch nicht eindeutig dem Anarchismus zuzuordnen ist und wechselnde politische Positionen vertrat: „Nicht darauf kommt es an, dass die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muss vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen. Die Herrschaft kann nur beschränkt werden, wenn sie herrenlos [ist] – Freiheit geht nur aus Anarchie hervor. Von dieser Notwendigkeit der Revolution dürfen wir das Gesicht nicht abwenden, weil sie so traurig ist. Wir müssen als Männer der Gefahr fest ins Auge blicken und dürfen nicht zittern vor dem Messer des Wundarztes. Freiheit geht nur aus Anarchie hervor – das ist unsere Meinung, so haben wir die Lehren der Geschichte verstanden.“Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA) Zit. n. Gustav Landauer: „Börne und der Anarchismus“ (Erstveröffentlichung in: Sozialistische Monatshefte, Nr. 2, 1900), in: ders.: Erkenntnis und Befreiung. Ausgewählte Reden und Aufsätze, Frankfurt a. M. 1976, S. 20.

Eine erste Blüte anarchistischen Denkens entwickelte sich in Deutschland im Vormärz. Sie entstand aus der kritischen Auseinandersetzung intellektueller Kreise mit den Werken von Pierre-Joseph Proudhon, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Ludwig Feuerbach. 1843 versuchte der Schriftsteller Moses Hess freiheitlich-sozialistische Ideen in seinen Schriften Sozialismus und Kommunismus und Philosophie der Tat auszuarbeiten. Explizit freiheitliche Ideen wurden in Deutschland erstmals im Zirkel der Freien entwickelt, einer Gruppe um Bruno und Edgar Bauer. Sie gaben 1844 den Sammelband Berliner Monatsschrift heraus, den der Historiker Max Nettlau als erste Sammlung von anarchistischen Artikeln in deutscher Sprache bezeichnet.Max Nettlau: Der Anarchismus in Deutschland. Auszug aus seinem Buch La Anarquía a través de los tiempos. Max Stirner arbeitete als Mitglied des Zirkels ebenfalls mit an der Herausgabe des Sammelbands. Er gab im gleichen Jahr seine Schrift Der Einzige und sein Eigentum heraus, die großes Aufsehen erregte und auch später Anarchisten verschiedener Prägung beeinflusste. Der Schriftsteller Karl Grün kam 1844 zu ähnlichen Schlussforderungen. Durch dessen Schriften beeinflusst, gab der deutsche Arbeiter Wilhelm Marr in der Schweiz vom Dezember 1844 bis Juli 1845 die Blätter der Gegenwart für soziales Leben heraus. Die Zeitung wurde zum ersten deutschen Propagandaorgan für anarchistische Ideen in der Arbeiterschaft.

Durch die Revolutionen von 1848/49 und die Bekanntschaft mit Michail Bakunin wurden beispielsweise auch Carl Vogt, Arnold Ruge und Richard Wagner von anarchistischen Ideen beeinflusst. Bei Richard Wagner zeigte sich dies vor allem in den Schriften Die Kunst und die Revolution und Das Kunstwerk der Zukunft von 1849/50. Nach dem Scheitern der liberalen Demokraten und der Revolutionen von 1848/49 wurden anarchistische Ideen in Deutschland wieder breiter rezipiert. In Hamburg waren Edgar Bauer und Wilhelm Marr die wichtigsten Vertreter anarchistischer Ideen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Schrift Anarchie oder Autorität, die Marr 1852 herausgab. In gleichem Sinne wirkte Professor Karl Theodor Bayrhoffer in Hessen mit seiner Zeitung Die Hornisse. Übersetzungen von Proudhon erschienen in der Freien Zeitung in Wiesbaden und unter dem Einfluss von Karl Grün in der Trierschen Zeitung. Nach 1852 wurde die Verbreitung freiheitlicher Ideen im Zuge der Reaktionsära erstickt.

Erste anarchistische Agitation und die Sozialistengesetze (1870–1890) miniatur|Die Zeitschrift Freiheit von Johann Most wurde zum wichtigsten anarchistischen Propagandaorgan gegen die Sozialistengesetze in Deutschland. Die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation 1864 führte in vielen Ländern Europas auch zur Bildung zahlreicher proudhonistischer und kollektivistisch-anarchistischer Sektionen. Deutschland blieb von dieser internationalen Entwicklung durch seine politische Situation weitgehend ausgeschlossen. Auch die Deutschen Sozialdemokraten, die sich als Teil der Internationale konstituierten, hatten kaum einen Einfluss auf die IAA und maßen ihr auch keine große Bedeutung zu. Erst durch die Schriften von Professor Eugen Dühring wurden in Deutschland wieder anarchistische Ideen einem breiteren Publikum bekannt. Vor allem in seinem Werk Kursus der National- und Sozialökonomie von 1873 beschreibt Dühring seine sozietären bzw. anti-kratischen Vorstellungen, die praktisch identisch sind mit den Vorstellungen kollektivistischer Anarchisten. Die Ideen stießen unter den Deutschen Sozialdemokraten auf größeren Anklang und es bildete sich innerhalb der Partei ein oppositioneller Dühring-Zirkel um Eduard Bernstein und Johann Most. Weder Dühring noch seine Sympathisanten entwickelten jedoch in dieser Zeit eine eigenständige Agitation für den Anarchismus.

Ein erstes Zentrum der anarchistischen Bewegung im deutschsprachigen Raum entstand 1876 mit der Bildung einer Arbeitervereinigung in Bern, deren Mitglieder hauptsächlich aus Deutschland stammten. Gemeinsam mit Paul Brousse und Peter Kropotkin gab die Arbeitervereinigung von 1876 bis 1878 die Arbeiter-Zeitung heraus, die vor allem an Arbeiter in Deutschland gerichtet war. Dort entwickelte sich in diesen Jahren eine Agitation für den Anarchismus, deren wichtigste Exponenten August Reinsdorf, Emil Werner und Otto Rinke waren. Nach dem Beschluss des Sozialistengesetzes wurde die Bewegung gemeinsam mit der Sozialdemokratie weitgehend in den Untergrund gedrängt. Die meisten Anarchisten wurden in der Folgezeit verhaftet oder flohen vor einer drohenden Verhaftung.

Am 23. September 1883 versuchte August Reinsdorf gemeinsam mit zwei Mitstreitern einen Sprengstoffanschlag auf den deutschen Kaiser und sein Gefolge bei der Einweihung des Niederwalddenkmals. Wegen einer durchfeuchteten Zündschnur scheiterte der Versuch komplett. Alle drei Beteiligten wurden festgenommen und Reinsdorf und der mitbeteiligte Emil Küchler wurden hingerichtet. Zwei Jahre später wurde der 22-jährige Schustergeselle und Anarchist Julius Lieske für das Attentat auf den Führer der politischen Polizei in Frankfurt, Ludwig Rumpff, verantwortlich gemacht und hingerichtet. Die Urheberschaft konnte nie eindeutig bewiesen werden.Mommsen, Wolfgang J. / Hirschfeld, Gerhard: Sozialprotest, Gewalt, Terror. Klett-Cotta, 1982, S. 232. Polizeirat Rumpff, den man in linken Kreisen auch den Anarchistenfresser nannte, hatte bereits 1881 einen Spitzel in eine anarchistische Gruppe geschickt, um einen Anschlag auf ihn selbst zu ermutigen und um die Gruppe mit Schwefelsäure für den Anschlag auszustatten. Mit dieser Aktion konnte Rumpff später 44 Personen festnehmen, in deren Prozess aber Rumpffs Machenschaften vom Richter entdeckt wurden.Rudolf Rocker: Johann Most. Das Leben eines Rebellen. Verlag Der Syndikalist, Berlin 1924, S. 90ff. Der Mord an Polizeirat Rumpff war und blieb bis heute das einzige Attentat von Anarchisten in Deutschland.

Ab 1879 gab Johann Most in seinem Exil in London die sozialrevolutionäre Zeitschrift Freiheit heraus, die nach Deutschland geschmuggelt wurde. Die Zeitschrift wurde zum wichtigsten Blatt der revolutionär gesinnten Deutschen Arbeiter. Mit Ausnahme von einigen Artikeln von August Reinsdorf hatte die Freiheit in der Anfangszeit jedoch nur wenige Berührungspunkte mit dem Anarchismus. Max Nettlau bezeichnet den Kurs der Zeitung bis 1882 als eher „blanquistisch“.Max Nettlau: Der Anarchismus in Deutschland. Auszug aus seinem Buch La Anarquía a través de los tiempos. Erst nachdem Most 1882 London in Richtung Amerika verließ, vertrat er in seiner Zeitung kollektivistisch-anarchistische Positionen. 1886 entstand in London ein weiteres deutsches Organ des Anarchismus, Die Autonomie. Josef Peukert, ein ehemaliger Mitarbeiter von Most, und Otto Rinke gaben die Zeitung heraus und traten zunehmend in Opposition zu Most und der Freiheit. Die Autonomie vertrat den kommunistischen Anarchismus und machte die Ideen Kropotkins durch Übersetzungen seiner Artikel in Deutschland bekannt. Dort begann sich eine sozialistische Opposition zum sozialdemokratischen Reformismus zu bilden, die stark von den Zeitungen Die Autonomie und Freiheit beeinflusst wurde.

Die Rivalität zwischen den Gruppen Freiheit und Autonomie vergiftete die Stimmung unter den deutschsprachigen Anarchisten im Exil. Victor Dave, ein Mitarbeiter von Johann Most, griff Josef Peukert wegen seiner Freundschaft zum dubiosen Theodor Reuß an, der als Polizeispitzel arbeitete. Theodor Reuß war es mit der Hilfe Peukerts 1887 möglich, Johann Neve, einen Expedienten der Freiheit, der Polizei auszuliefern. Josef Peukert war sich dagegen keiner Schuld bewusst und griff Victor Dave und den Kreis der Freiheit an. Johann Neve starb schließlich nach neun Jahren Haft im Zuchthaus Moabit. Dieser sogenannte Bruderkrieg spaltete die deutsche anarchistische Bewegung im Exil und hatte auch Jahre danach noch schwerwiegende Folgen.

Wachstum und Vielfalt in der anarchistischen Bewegung (1890–1914) miniatur|Gustav Landauer war ab den 1890er Jahren eine der prägenden Figuren der anarchistischen Bewegung in Deutschland.