Bei den IX. Olympischen Spielen 1964 in Innsbruck wurde zum zweiten Mal ein Wettbewerb im Biathlon (offizieller Name: Moderner Winterbiathlon) ausgetragen.
Die Wettkämpfe fanden am 4. Februar in der nahe Innsbruck gelegenen Gemeinde Seefeld in Tirol auf einer Strecke statt, deren Maximalhöhe von 1356 Metern ü. M. nach neun Kilometern erreicht war. Die Gesamtsteigung betrug 792 Meter, der längste Anstieg ohne Unterbrechung führte 96 Meter bergauf. Wie schon 1960 wurde nur ein Biathlonrennen ausgetragen, der 20-Kilometer-Einzelwettkampf der Männer. In diesem gelang den Athleten der Sowjetunion ein Doppelsieg: Wladimir Melanin triumphierte vor Alexander Priwalow.
Als olympische Sportart wurde Biathlon sowohl vor als auch nach den Olympischen Spielen kontrovers diskutiert. Besonders kritisiert wurde, dass ein Fehlschuss mit zwei Strafminuten im Laufen kaum ausgeglichen werden konnte. Dadurch hatten die guten Schützen nach der Meinung vieler Beobachter einen deutlichen Vorteil gegenüber den besten Läufern. Dagegen fiel die Rückschau des Veranstalters sehr positiv aus, insbesondere weil die Zuschauerzahl deutlich höher war als bei der Olympiapremiere der Disziplin im Jahr 1960.
Medaillenspiegel Platz Land 20px|Gold 20px|Silber 20px|Bronze Gesamt 1 1 1 – 2 2 – – 1 1
Medaillengewinner Gold Silber Bronze Wladimir Melanin Alexander Priwalow Olav Jordet
Vorbereitungen
Biathlon in der Diskussion Biathlon war als olympische Disziplin auch nach der Olympiapremiere 1960 weiterhin umstritten, sodass die Frage nach der Beibehaltung der Sportart bei Olympia während einer Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geklärt werden musste. Auf dieser Sitzung, die Ende Januar 1964 in Innsbruck stattfand, äußerten sich lediglich Mitglieder des IOC Executive Boards kritisch, wohingegen sich die Präsidenten des Internationalen Skiverbandes (FIS) und der Internationalen Fünfkampfunion (UIPM) für die Sportart aussprachen. Eine Abstimmung, ob Biathlon weiterhin olympisch bleiben sollte, fiel mit 31 Zustimmungen und 5 Ablehnungen positiv aus.Minutes of the 61st Session of the International Olympic Committee (PDF; 94 KB), la84foundation.org, englisch. Abgerufen am 14. Juni 2023.
Nur wenige Tage nach der IOC-Sitzung fand in Seefeld ein Kongress der UIPM statt, der dritte, der sich speziell mit Biathlon befasste. Auf diesem Kongress, an dem Delegierte aus 15 Ländern teilnahmen, wurde die offizielle Einführung des Staffelwettbewerbs beschlossen – dieser wurde ab 1968 auch ins olympische Programm aufgenommen. Außerdem entschieden die Kongressmitglieder, in olympischen Jahren keine Weltmeisterschaften durchzuführen.Winter Biathlon Congresses, Modern Pentathlon, Biathlon and Olympism, la84foundation.org (englisch), S. 11f (PDF; 1193 KB). Erschienen 1983. Abgerufen am 14. Juni 2023.
Streckenbau und Probewettkämpfe mini|Das Logo des Österreichischen Olympischen Comités, das in Teilen für den Streckenbau zuständig war. Der Bau der Strecke, auf der das Biathlonrennen stattfand, begann im Sommer 1960 und dauerte etwa zweieinhalb Jahre, sodass die Loipen im Winter 1962/63 endgültig fertiggestellt werden konnten. Für die Planung zuständig war seitens des Internationalen Skiverbandes (FIS) der Verbandsbeauftragte Fred Rößner, der von Abgeordneten des Österreichischen Olympischen Comités beraten wurde.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Bau der Sportstätten – Biathlon (S. 42; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023.
Nachdem sich die Funktionäre schnell über den Ort und den Verlauf der Loipen geeinigt hatten, verabschiedeten sie am 2. Juli 1960 den Baubeschluss. Gut ein Jahr später inspizierte der spätere Technische Delegierte Ole Hederén die Strecke sowie die Schießstände und bezeichnete sie als vorbildlich.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Bericht des Sportausschusses – Moderner Winterbiathlon (S. 65; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023. Als erster größerer Testwettkampf in Seefeld fanden im Februar 1962 die Österreichischen Biathlonmeisterschaften auf den Olympiapisten statt. Ein Jahr darauf folgten die Biathlon-Weltmeisterschaften, bei denen der spätere russische Olympiasieger Wladimir Melanin siegte. Im Anschluss an diese Probewettbewerbe wurde die Strecke geringfügig vereinfacht, indem weitere Flachstücke eingefügt wurden. Im Sommer 1963 war der endgültige Zustand der Loipen hergestellt, sodass im Januar 1964 die Österreichischen Meisterschaften als „Generalprobe“ ausgetragen werden konnten.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Nordische Bewerbe – Endausbau der Loipen (S. 97; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023. Bis zum 24. Januar, anderthalb Wochen vor dem olympischen Rennen, war die Piste grundpräpariert, sodass die teilnehmenden Mannschaften die Strecke am 1. Februar offiziell besichtigen konnten.
Nach eigener Aussage achteten die Organisatoren bei der Streckenplanung besonders auf drei Punkte:Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Moderner Winterbiathlon – Auswahl der Wettkampfstrecke (S. 124; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023. Nach dem Start folgten zunächst einfache Streckenteile, ehe die ersten Anstiege gelaufen wurden. Auf Abfahrten wurde die Loipe so breit ausgelegt, dass die Athleten jederzeit ihre Fahrt bremsen konnten. Um die Sportler vor den Schießständen nicht zu sehr anzustrengen, waren die Pisten vor den Schießplätzen möglichst einfach gehalten, sie bestanden also aus flachem oder abfallendem Gelände.
Organisation Während für die Organisation des Langlaufs der Österreichische Skiverband zuständig war, bedienten Soldaten des Bundesheeres die Leitungen an den Schießplätzen. Für den Biathlonwettkampf wurden 76 Soldaten (darunter vier Offiziere und zwölf Unteroffiziere) benötigt, je 19 pro Schießanlage. Zuvor hatten die Angehörigen des Bundesheeres bereits beim Aufbau der Schießplätze geholfen. Oberster Verantwortlicher für das Schießen war der ehemalige Skilangläufer Balthasar Niederkofler, der 1933 mit der österreichischen Staffel die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft gewonnen hatte. In der Jury für das Biathlonrennen saßen insgesamt sieben Männer, drei Schweden, drei Österreicher und ein Sowjete. Unter den Schweden befanden sich unter anderem zwei frühere Olympiasieger im Modernen Fünfkampf, William Grut sowie Sven Thofelt.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Nordische Bewerbe – Biathlon: Jury (S. 103; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023. Letzterer hatte außerdem die Union Internationale de Pentathlon Moderne (UIPM) mitgegründet, die 1964 der Dachverband für den internationalen Biathlonsport war. Zur Besprechung verfügten die Jurymitglieder über ein Zimmer in einer Seefelder Weinstube, wohingegen das zuständige Rennsekretariat in einem Hotel in der Ortsmitte untergebracht war.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Nordische Bewerbe – Rennsekretariat (S. 99/100; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023.
Die Mannschaftsführer hatten sich die Quartiere für ihre Teams bereits während der Weltmeisterschaft im Jahr zuvor ausgesucht. Im offiziellen Bericht der Organisatoren hieß es, daher seien alle Teilnehmer mit ihrer Unterbringung während der Olympischen Winterspiele „sehr zufrieden“ gewesen.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Moderner Winterbiathlon – Unterbringung der Mannschaften (S. 125; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023. Meldeschluss für den Wettkampf war der Vormittag des 2. Februar; am Nachmittag des gleichen Tages wurden im Seefelder Kinosaal die Startnummern ausgelost. Die Siegerehrung fand um 17 Uhr des Renntages statt, etwa sechs Stunden nach Wettkampfende.
Vermarktung und Übertragung Am 11. November 1963 erschien in Österreich eine Sondermarkenserie, die aus insgesamt sieben unterschiedlichen Briefmarken mit unterschiedlichen Wertigkeiten bestand. Die Briefmarke, die einen Biathlonläufer zeigte, hatte den Markenwert von 1,20 Schilling und war damit die zweitgünstigste. Sie wurde in einer Auflage von 4 Millionen Stück ausgegeben und war 42 × 32,25 mm groß. Die Serie wurde noch vor den Olympischen Spielen in Großteilen verkauft.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Sondermarken, Sonderstempel/Die Markenwerte und Motive der Sonderserie (S. 224/225; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023.
Eine Eintrittskarte für die Biathlonwettkämpfe – es gab ausschließlich Stehplätze – kostete 30 Schilling und war damit genau so teuer wie ein Ticket für die meisten Langlaufwettbewerbe und etwas günstiger als die Karten für die Alpinwettkämpfe. Eine Dauerkarte für sämtliche nordischen Rennen, einschließlich Biathlon, kostete 300 Schilling, wobei sowohl den internationalen als auch den österreichischen Dachverbänden aller olympischen Sportarten jeweils zwischen zehn und 150 Freikarten zugesichert wurden. Insgesamt wurden 5000 Eintrittskarten aufgelegt, von denen ungefähr ein Viertel (zirka 1200 Stück) verkauft werden konnten. Gemeinsam mit den etwa 800 Freikarten wurden so 2000 Tickets ausgegeben. Diese brachten für die Organisatoren zusammen ungefähr 36.000 Schilling ein, was weniger war als in den meisten anderen nordischen Disziplinen.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Quartierausschuss (S. 230–237; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 14. Juni 2023.
An den Übertragungen des Biathlonwettkampfes im Rundfunk sowie im Fernsehen waren jeweils zehn Gesellschaften aus unterschiedlichen Ländern beteiligt. Dies waren weniger als beim Skispringen oder bei den meisten alpinen Wettbewerben, jedoch mehr als beispielsweise beim Rennrodeln oder bei den Bobwettkämpfen. Insgesamt waren an der Strecke 30 Reporterplätze vorbereitet, von denen 20 für den Rundfunk und 10 für das Fernsehen genutzt wurden.Organisationskomitee der IX. Olympischen Winterspiele in Innsbruck 1964 (Hrsg.): Quartierausschuss (S. 311; PDF; 21.663 KB) im Offiziellen Bericht der IX.Olympischen Winterspiele Innsbruck 1964. Abgerufen am 29. Mai 2010.
Wettkampf Reglement