mini|Kopf einer Statue Ptolemaios’ XII., Paris, Louvre, Ma 3449

Ptolemaios XII., genannt Theos Philopator Philadelphos Neos Dionysos (; * zwischen 115 und 107 v. Chr.; † Februar/März (?) 51 v. Chr.), Spottname Auletes (), war ein König von Ägypten. Er war ein Sohn des Ptolemaios IX. Soter II., bestieg 80 v. Chr. den Thron (Krönung in Alexandria jedoch erst 76 v. Chr.), wurde 58 v. Chr. vertrieben und ging nach Rom. 55 v. Chr. konnte er seine Wiedereinsetzung mit römischer Hilfe erreichen und war daraufhin erneut bis zu seinem Tod (51 v. Chr.) ägyptischer König. Den Beinamen Neos Dionysos wählte er aufgrund des vorherrschenden Kultes des Gottes Dionysos, der dem ägyptischen Osiris entspricht. Er ist der Vater Kleopatras VII.

Herkunft Es ist nicht überliefert, wer die Mutter von Ptolemaios XII. war. In der Forschung werden meist zwei verschiedene Ansichten vertreten. Nach der einen Theorie war er der Sohn von Kleopatra V. Selene, der zweiten Gattin von Ptolemaios IX., nach anderer Auffassung dagegen das unebenbürtige Kind einer unbekannten Frau (vielleicht einer vornehmen Ägypterin) von Ptolemaios IX. Die letztere Meinung vertritt die Mehrzahl der Historiker, unter anderem Werner Huß.

Zur Begründung seiner These führt Huß mehrere Gründe an: Pausanias gibt an, dass Kleopatra Berenike III. das einzige legitime Kind des Ptolemaios IX. gewesen sei, und dementsprechend bezeichnen der antike Historiker Pompeius Trogus und Cicero den Ptolemaios XII. als Nothos („Bastard“).Pausanias 1,9,3; Pompeius Trogus, Prolog zu Buch 39; Cicero, de lege agraria 2,42; unklar allerdings pro Sestio 57. Außerdem suchte Kleopatra Selene im Jahr 75 v. Chr. zu erreichen, dass ihre beiden Söhne von Antiochos X. in Ägypten zur Herrschaft gelangten. Wäre sie aber auch die Mutter von Ptolemaios XII. gewesen, hätte sie ihm wohl kaum die Herrschaft streitig gemacht. Schließlich könnte Ptolemaios’ XII. Beiname Philopator (= Vaterliebender) ein Hinweis darauf sein, dass er seine Legitimität nur väterlicherseits ableiten konnte und diese im Gegenzug durch die Wahl seines Beinamens besonders betonte. Dass er in Rom seine Anerkennung als ägyptischer Herrscher nur schwer durchsetzen konnte, wäre auch mit einer illegitimen Herkunft leichter erklärbar.W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 672f.

Dagegen spricht die Angabe des Marcus Iunianus Iustinus, dass Ptolemaios IX. zwei Söhne von Kleopatra Selene hatte,Marcus Iunianus Iustinus 39,4,1. dafür, dass sie die Mutter des Ptolemaios XII. (und seines Bruders, des Ptolemaios von Zypern), war, da ansonsten unbekannt wäre, was mit diesen zwei Söhnen weiter geschah. Dies erscheint aber immerhin angesichts der schlechten Quellenlage möglich. Der Historiker Hans Volkmann glaubt aber wegen Iustinus’ Bemerkung und aus weiteren Gründen, dass Ptolemaios XII. ein legitimer Sohn des Ptolemaios IX. von Kleopatra Selene war.H. Volkmann: Ptolemaios 33. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band XXIII, 2, Stuttgart 1959, Spalte 1748f. Christopher Bennett vertritt schließlich die Ansicht, dass die erste Gattin des Ptolemaios IX., Kleopatra IV., die Mutter des Ptolemaios XII. gewesen sei.Christopher Bennett: Ptolemaios XII. Anmerkung 5.

Frühes Leben und Thronbesteigung mini|hochkant|Königstitulatur des Ptolemaios XII. in Hieroglyphen aus Athribis (Menu)

Wahrscheinlich gehörten Ptolemaios XII. und sein Bruder Ptolemaios von Zypern zu den Enkeln, die Kleopatra III. 103 v. Chr. vor dem Krieg gegen ihren von ihr vertriebenen Sohn Ptolemaios IX. im Asklepiostempel auf der Insel Kos in Sicherheit brachte. 88 v. Chr. geriet Ptolemaios XII. dann wohl mit den weiteren Enkeln Kleopatras III. in die Gefangenschaft des Königs Mithridates VI. von Pontos, der angeblich seine Töchter Mithridatis und Nysa mit Ptolemaios XII. und dessen Bruder verlobte (vor 84 v. Chr.).Appian, Mithridateios 23 und 111; Bürgerkriege 1,102.

80 v. Chr. wurde Ptolemaios XI. Alexander II. von einer aufgebrachten Menge umgebracht, nachdem er seine populäre Mitregentin Kleopatra Berenike III. getötet hatte. Danach machten die Alexandriner von ihrem alten Recht Gebrauch, sich ihren neuen Herrscher selbst zu wählen. Sie mussten allerdings schnell die Initiative ergreifen, da sich möglicherweise die damals unter der Diktatur Sullas stehende Weltmacht Rom wieder einmischen würde und auch die in Kilikien residierende Kleopatra Selene als wohl einzig noch lebender legitimer Ptolemäerspross für ihre Söhne vom Seleukiden Antiochos X. Anspruch auf den ägyptischen Thron erheben könnte (nachweislich tat sie dies fünf Jahre später). Da keine anderen männlichen Nachkommen eines Ptolemäerkönigs mehr lebten, ließen die Alexandriner dem damals in Syrien weilenden Ptolemaios XII. durch Boten mitteilen, dass sie ihn zum neuen König wünschten. Der Umworbene nahm die Wahl gerne an. Gleichzeitig wurde sein Bruder Ptolemaios zum (von Ägypten unabhängigen) König von Zypern gekürt; durch diese Herrschaftsteilung sollten wohl dynastische Machtkämpfe verhindert werden.Porphyrios bei Felix Jacoby: Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrH) 260 F 6,26. Unter Sullas Führung unterließ Rom vorläufig eine Einmischung in die ägyptische Königswahl. Dennoch bestand für Ptolemaios XII. seit Beginn seiner Herrschaft ständig die Gefahr, dass Rom sein Reich annektieren würde unter Berufung darauf, dass Ptolemaios X. Alexander I. Ägypten testamentarisch der Weltmacht vermacht habe.Cicero, de lege agraria 2,41f.

Die Thronbesteigung von Ptolemaios XII. fand kurz vor dem 11. September 80 v. Chr. statt. In der offiziellen Zeitrechnung überging der neue König die kurze Regierungsepisode seines Vorgängers Ptolemaios XI. und seiner Mitregentin Kleopatra Berenike III. und schloss stattdessen sein 1. Regierungsjahr direkt an das letzte (37.) Regierungsjahr seines Vaters Ptolemaios IX. an.Ägyptische Urkunden aus den Staatlichen Museen Berlin, Griechische Urkunden (BGU) 6,1292; dazu W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 673f.

Den Kulttitel Theos Philopator (= Vaterliebender Gott) legte sich Ptolemaios XII. sofort nach seiner Thronbesteigung zu. Es liegt aufgrund papyrologischer Daten nahe, dass er erst etwas später, Anfang 79 v. Chr., auch den Beinamen Philadelphos („Schwesterliebender“) annahm, nämlich als er seine Voll- oder Halbschwester Kleopatra VI. heiratete, und dass er mit dem Titel die Eintracht des Königshauses propagandistisch herausstellen wollte.W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 674f. Den Titel Neos Dionysos wählte Ptolemaios XII. wahrscheinlich, weil Dionysos schon lange als Schutzgott seiner Dynastie galt; außerdem betrachtete er sich wohl als dessen Inkarnation und fühlte sich ihm persönlich verbunden. Die Alexandriner nannten ihren König spöttisch Auletes („Flötenspieler“), weil er in seinem Palast musische Wettkämpfe veranstaltete, bei denen er gern selbst den Aulos spielte. Strabo, der dies überliefert, beurteilt diese Angewohnheit äußerst negativ und rechnet ihn zu den Herrschern, die am meisten am Niedergang des Ptolemäerreichs die Schuld trügen. Im Dionysoskult spielten jedoch musische Agone eine wichtige Rolle, und der Aulos gehörte dabei zu den Standardinstrumenten. Mit seinem Aulosspiel kam der König also wohl nicht nur seiner Leidenschaft nach, sondern erfüllte vor allem politische Repräsentationspflichten.Strabo, Geôgraphiká 17,1,11,796; dazu C. Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 16f.; W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 675. Möglicherweise nahm sich Ptolemaios XII. für die Wahl seiner Beinamen Philopator und Neos Dionysos auch seinen Vorfahren Ptolemaios IV. zum Vorbild.W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 675f.

Innenpolitische Konsolidierung der Herrschaft Nach der Abdankung Sullas (79 v. Chr.) waren die rivalisierenden Senatoren zunächst zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich näher mit den ägyptischen Angelegenheiten befassen zu können. Doch ob sie nach der Festigung der Machtverhältnisse die Herrschaft von Ptolemaios XII. akzeptieren würden, ließ sich nicht absehen.

Vielleicht aufgrund innenpolitischer Widerstände fand die Krönung von Ptolemaios XII. nach ägyptischem Ritus erst 76 v. Chr. statt. Nicht der alte, einst von (zum rivalisierenden Ptolemäerzweig gehörigen) Ptolemaios X. eingesetzte Hohepriester des Ptah zu Memphis, Petobastis III. (* 121; † 76 v. Chr.), sondern erst dessen Sohn Psenptais III. (oder Psenptah III., * 90; † 41 v. Chr.) vollzog als 14-Jähriger diese Zeremonie in Memphis, wie aus der Grabschrift auf der Harris-Stele des Hohepriesters hervorgeht. Aus dieser ist weiters zu entnehmen, dass Psenptais III. den König nach dessen Krönung in Alexandria besuchte und zum „Propheten des Pharao“ ernannt wurde, sowie dass Ptolemaios XII. enge Kontakte mit ihm pflegte und daher mehrmals zu ihm nach Memphis in offizieller Mission kam. Bei einem dieser Besuche kam der König mit „seinen Frauen“, Kindern und Höflingen und residierte im Königspalast des Serapeumbezirkes zu Memphis.G. Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 196 und 258f.; W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 677.

Diese offizielle Inthronisierung war für Ptolemaios XII. sehr wichtig, da bereits 75 v. Chr. Kleopatra Selene für ihre beiden Söhne Anspruch auf Ägypten erhob. Sie schickte Antiochos XIII. und seinen Bruder nach Rom, die aber keine Unterstützung von der Weltmacht erhielten und unverrichteter Dinge wieder abreisen mussten.Cicero, in Verrem actio 2,4,61–68. Dafür zog der Senat im selben Jahr die lange Zeit zum Ptolemäerreich gehörige Kyrenaika als römische Provinz ein.Appian, Bürgerkriege 1,111.

Ptolemaios XII. suchte seine Herrschaft innenpolitisch durch Anknüpfung guter Beziehungen zu der mächtigen einheimischen Priesterschaft weiter zu konsolidieren. So sorgte er etwa dafür, dass deren bedeutendster Repräsentant, Psenptais III., über genügend Einkünfte von Tempeln aus ganz Ägypten verfügte. Außerdem verlieh er wichtigen Heiligtümern das begehrte Asylrecht, so dem Isistempel zu Ptolemais Hermeiou (14. März 75 v. Chr.), dem Isistempel in Theadelphia im Fayyum-Becken (29. Juli 70 v. Chr.), dem Tempel der Krokodilgötter in Euhemeria im Faijum (5. Mai 69 v. Chr.) und dem Ammontempel in Euhemeria (69/68 v. Chr.).Sammelbuch griechischer Urkunden aus Ägypten (SB) 3926; 6236; 6154; 6155. Das Bemühen des Königs, die Sympathien der Priesterschaft zu gewinnen, zeigt sich ebenso in seiner Sorge für die Sicherheit der Tempelschätze und in der Entfaltung einer ausgedehnten Bautätigkeit zur Errichtung von Heiligtümern. Er ließ eine große Zahl von Tempeln erbauen oder vollenden, und bei der Errichtung des Isistempels zu Philae dürfte er selbst in einer Zeremonie den Grundstein gelegt haben. Außerdem veranlasste er beispielsweise am 9. Tag des zweiten Monats Schemu (jul. Datum 15. Juni; greg. Datum 12. Juni) im Jahr 70 v. Chr. die Einweihungsfeier des Komplettbaus des Edfu-Tempels.W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 700ff.

Familienverhältnisse