Ramnidhi Gupta (bengalisch: ; * 1741 in Kumartuli, Kalkutta; † 1839 in Kalkutta),Dagegen: „1148–1235“ BS (Bangla San, umgerechnet 1741–1828/29) nach Ashok Damodar Ranade: Music Contexts: A Concise Dictionary of Hindustani Music. Promilla & Co Publishers, Neu-Delhi 2006, S. 132, ISBN 978-8185002637 Kurzform Nidhu Gupta, bekannt als Nidhu Babu, war ein indischer Komponist, Dichter und eine einflussreiche Persönlichkeit im Musikleben von Kalkutta. Auf ihn geht die bengalische Version des Tappa, eines klassischen Stils der nordindischen Musik zurück. Sein bekanntestes Werk ist die Gedichtsammlung Gitaratna.

Leben Nidhu Babu wurde als Ramnidhi Gupta in eine Familie von Ärzten (kaviraj) der Vaidya-Kaste (auch Baidya) geboren, einer Oberschicht, die zu den Brahmanen gezählt wird. Sein Vater hieß Hari Narayan. Er wuchs im damals aristokratischen Bezirk Kumartuli im Norden des Stadtzentrums auf, dem Namen nach ein „Töpferviertel“, das bis heute für die Herstellung von Töpferwaren und Tonfiguren bekannt ist. Neben seiner bengalischen Muttersprache lernte er Persisch und von einem christlichen Angestellten etwas Englisch. Einige Kilometer nördlich fand 1757 die Schlacht bei Plassey statt, bei der die Streitkräfte der Ostindien-Kompanie den letzten unabhängigen Nawab von Bengalen besiegten und die Briten sich die politische Vorherrschaft über diesen Landesteil sicherten. Zu den weiteren äußeren Ereignissen der frühen Lebensjahre gehört der Aufstand von Mir Qasim, einem von den Briten eingesetzten Nawab von Bengalen. Britische Truppen beendeten den Aufstand 1764 in der Schlacht von Buxar. Buxar liegt im Westen des heutigen Bundesstaates Bihar, wenig entfernt von der Stadt Chhapra, in der Nidhu Babu 1776 der zweite Leiter und später bis 1794 Chef der Steuereinzugsbehörde im Dienst der Ostindien-Kompanie war.

Vermutlich erhielt Nidhu Babu in seiner Jugend in Kalkutta Unterricht in klassischer Musik. Als Angestellter in Chhapra hatte er einen muslimischen Lehrer (Ustād) angestellt, der ihm muslimische Lieder beibrachte. Als Nidhu Babu merkte, dass der Ustad nicht bereit war, ihn mit den Geheimnissen seiner Gharana (Musiktradition) vertraut zu machen, wollte er nicht länger yavana-Lieder singen (Sanskrit yavana und Pali yona, von Persisch yauna bezeichnete im alten Indien einen „Ionier“, also Griechen, allgemein Ausländer und hier einen muslimischen Einwanderer). Stattdessen nahm er sich Hindi-Lieder vor, die er in Bengali übersetzte und mit den Melodiefolgen klassischer Ragas versah.

Um 1794 kündigte er seinen Job in Chhapra und kehrte nach Kalkutta zurück. Er hatte viel Geld – vermutlich nicht durch Bestechung – angesammelt, das er wahrscheinlich in Kalkutta in eine Handelsgesellschaft (Agency House)Agency House. Banglapedia investierte. Die Einkünfte aus einer solchen Unternehmung würden sein fürderhin finanziell unabhängiges und standesgemäßes Leben erklären, bei dem er nicht auf die Unterstützung eines Zamindars angewiesen war. Es gehörte zu seinen Charaktereigenheiten, nie auf Bestellung ein Lied vorzutragen. Sein Rufname setzt sich aus einer Kurzform des Vornamens Ramnidhi und dem Ehrentitel Babu zusammen, der in Bengalen üblicherweise einem kultivierten Mann der feinen Gesellschaft zukam, der mit dem Familienerbe im Hintergrund einen luxuriösen Lebenswandel führte.

Zu einer Dame namens Shrimati, die in Kalkutta lebte, hatte Nidhu Babu eine enge Beziehung. Sie war die Konkubine von Mahananda Roy, des Leiters (diwan) der Steuerbehörde des Distrikts Murshidabad. Er dürfte ihr Musiklehrer gewesen sein, sie kommt anspielungsreich in zahlreichen seiner Liebesgedichte vor. Zeitgenossen erwähnen, Nidhu Babu habe seine besten Gedichte unter dem Einfluss von Alkohol verfasst, ohne jedoch die Kontrolle über sich zu verlieren. Der Genuss von Wein war in der damaligen Gesellschaft üblich und akzeptiert.

Nidhu Babu führte eine eigene Form des bengalischen Gesangsstils akhrai ein. 1805/06 scharte er Musiker um sich, mit denen er diesen Stil aufführte und bald zum mit Abstand führenden akhrai-Sänger wurde. 1808 gründete er die Kalabat Baithaki Ganer Majlish-Musikschule. In der Anthologie Gitaratna von 1837 veröffentlichte Nidhu Babu 554 eigene Lieder samt Angaben zu den Ragas und Talas, in denen sie aufgeführt werden sollten.Sitansu Ray: Classical Musical Literature in Bengal. A Brief Survey. In: Banerjee (Hrsg.), S. 49. Laut Banglapedia sind in Gitaratna 96 Tappa-Lieder enthalten. Im Lauf seines Lebens komponierte er „über 500 Tappa-Lieder“ (Chakrabarty Mohit: Rabindra Sangeet Vichitra. Concept Publishing, Neu-Delhi 2006, S. 264). Gitaratna aus Sanskrit gita, „klassisches Lied“ und ratna, „Geschenk“.

Kulturelles Umfeld In Bengalen schuf die britische Verwaltung mit der Einrichtung des Permanent Settlement-Gesetzes von 1793 die Regelung ihrer Steuereinnahmen, festigte das Landrecht der Großgrundbesitzer (Zamindare) und erhöhte zugleich die Abgabenlast der Bauern. Die Schicht der reichen Landbesitzer und von Städtern, die durch Handel mit der britischen Verwaltung zu Geld kamen, vergrößerte sich um diese Zeit. 1817 wurde in Kalkutta das Hindu College (heute Presidency University) gegründet, um für Schüler aus meist liberalen Hindu-Familien eine westliche Erziehung und Englischunterricht anzubieten. Nidhu Babus kulturelles Umfeld war eine bengalische Oberschicht aus Babus, die westlichen Einflüssen weitgehend gleichgültig oder ablehnend gegenüberstand. Sie bestand aus der traditionellen Bildungselite, Grundbesitzern und neureichen Geschäftsleuten. 1839, im Todesjahr von Nidhu Babu, bestimmten gut 60 Familien das Kulturleben der Stadt.

Zum Musikgeschmack der Neureichen gehörten sowohl einfache, oft derbe Volksmusik, als auch verfeinerte klassische Stile. Für die breite Unterhaltung gab es die Liedgattungen jhumur, kavi, panchali und tarja, die von Vishnuismus und besonders dem Kult um Radha und Krishna geprägt waren. Vor allem die erotisch-vulgären kheur-Lieder begeisterten das Publikum. Unter den drei klassischen Stilen diente der kirtana der Vishnu-Verehrung. Im ältesten klassische Stil mangalakavya wurden auf unterschiedliche Weise die Tugenden populärer Götter besungen. Den strengen Dhrupad-Stil pflegten Mitglieder der Bishnupur-GharanaTóth Szabi: Vishnupur Gharana.Chakrabarty, S. 41f

Die Babus waren in ihrer Mehrheit Anhänger einer konservativen brahmanischen Weltsicht, gegen die der Hindu-Reformer Ram Mohan Roy (1772–1833), einer der Begründer des Hindu College, einen schweren Stand hatte. Die kulturellen Verbindungen zwischen Hindus und Muslimen im 18. Jahrhundert waren ausgesprochen gut und drückten sich in einer gemeinsamen klassischen (hindustanischen) Musik aus. Zeitgenössische persische Kultur galt auch in Bengalen als modern, und Nidhu Babu soll von der Poesie des persischen Dichters Hafis (1320–1389) stark beeinflusst gewesen sein.

Der Lebensstil der gehobenen Gesellschaft war bequem, verlief in ruhigen Bahnen und erlebte in seiner Vergnügungssucht manchmal seltsame Auswüchse. So gab es gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Kalkutta einige Leute aus dieser Schicht, die sich zu einem „Vogel-Club“ (pakshir dal) zusammenfanden. Ihr Leiter hieß Sivachandra Thakur, er wird als Buffo des Geschäftsmannes und Kunstförderers Nabakrishna Deb (auch Raja Nubkissen, 1733–1797) bezeichnet. Die „Vögel“ trafen sich an ihrem Platz unter einem Banyanbaum, um gemeinsam Haschisch zu rauchen. Jeder von ihnen trug den Namen eines Vogels und musste in einer „Vogelsprache“ sprechen oder zumindest vogelartige Laute von sich geben. Eines Tages hockten sie in Käfigen. Nidhu Babu brachte ihnen Musik bei, wofür sie ihn als ihren „Meister“ verehrten. Zwei Vogelmenschen erlangten später eine gewisse Bekanntheit als Sänger von baithaki-Liedern (Musik zum „Sitzen“, klassische Kammermusik), der eine trug außerdem selbst komponierte, holprige Verse vor. Einige in Gedichtsammlungen erhaltene „Vogel-Lieder“ stellen ansprechende, in klassische Ragas gesetzte Kompositionen dar und könnten darauf hinweisen, dass Nidhu Babus Teilnahme an den Sitzungen der „Vögel“ nicht nur des Rausches wegen erfolgte.Chakrabarty, S. 33f

Wirkung Nidhu Babu wurde in der bengalischen Musikwelt zunächst durch seine Verfeinerung der akhrai-Lieder bekannt. Das Wort kommt von ākhrā und bezeichnet einen Club, in dem besonders klassische Musik geübt und gespielt wird. Der Ursprung des akhrai dürfte am Anfang des 18. Jahrhunderts in Shantipur im Distrikt Nadia zu finden sein. Der akhrai-Stil von Shantipur war mit Einlagen von kheur-Liedern leichter konsumierbar gemacht und gelangte in dieser volkstümlichen Form im Lauf des 18. Jahrhunderts nach formalen Verbesserungen auf halbem Weg bis Kalkutta. Einen weiteren Schritt in Richtung zu einem klassischen Stil unternahmen in Kalkutta noch vor Nidhu Babu der professionelle Musiker Ramjoy Sen (er war ein Ustad) und ein weiterer Musiker. In Kalkutta trat Maharaja Nubkissen Bahadur aus dem nördlichen Stadtviertel Shobhabazar als Förderer von akhrai hervor. Sein Hausmusiker Kuluichandra Sen war mit Nidhu Babu verwandt. Beide begannen, was als „Reformierung“ des akhrai bezeichnet wurde, indem sie die rhythmischen Strukturen (Talas) komplexer gestalteten und klassische Melodieformen hinzufügten. Sie entwickelten Talas wie pirebandi für die Eröffnung, dolan (lebhaft), sabdaur (schnell) und mor für den abschließenden Höhepunkt. Aus dem akhrai wurde ein baithaki gan, ein qualitätvoller Kammermusikstil. Nidhu Babu löste den Stil aus seiner sprachlichen und musikalischen Banalität.

Um 1805 organisierte er zwei akhrai-Amateurgruppen, die in den höheren gesellschaftlichen Kreisen auftraten und bald so bekannt wurden, dass die Sänger des ursprünglichen Stils von der Bildfläche verschwanden. Es entstanden weitere akhrai-Gruppen in verschiedenen Stadtvierteln, Nidhu Babu selbst leitete die Gruppe von Baghbazar, die am erfolgreichsten war. Zur Gesangsbegleitung dienten die Fasstrommel dholak, die Langhalslaute sitar und die Violine. Möglicherweise kam hier zum ersten Mal eine europäische Violine in der nordindischen Musik zum Einsatz.Sukanta Chaudhuri: Calcutta, the Living City. Vol. 1. The Past. Oxford University Press, New York 1990, S. 182 Nidhu Babu beließ die erotischen Themen der kheur-Lieder, dennoch klangen seine Versdichtungen in diesem Genre nie vulgär. Als Ragamelodien verwendete er bhairavi, behag, kalangra, kamod, khat, khambaj lalit, lalit-bhairav, paraj und surat.

Akhrai war nach Nidhu Babus Umarbeitung zu einem hochkomplizierten Stil geworden, der nur von einem sachkundigen Publikum gewürdigt werden konnte. Bald verlor der Stil daher an Popularität und bis 1828 war er aus Kalkutta verschwunden. Außerdem hatten die verfeinerten und von ihrer Derbheit gereinigten Anteile der kheur-Lieder ihre Anziehungskraft eingebüßt, sodass um 1831 Mohanchand Basu, ein Schüler von Nidhu Babu, aus akhrai den „Halb“-akhrai-Stil generierte, indem er akhrai mit kavi-Liedern vermischte. Kavi ist eine von zahlreichen volkstümlichen Liedformen, die als Kavigan-Volksliedwettbewerb von zwei Gruppen aufgeführt werden.Kavigan. Banglapedia Über diese Entwicklung soll sich Nidhu Babu recht verärgert gezeigt haben, unabhängig davon blieb „Halb“-akhrai in den unteren Bevölkerungsschichten bis Anfang des 20. Jahrhunderts populär.