Mit den Bautechniken im Alten Ägypten sind die technischen Aspekte des Bauens in der altägyptischen Architektur gemeint. Grundsätzlich lassen sich drei verschiedene Bauweisen unterscheiden: Bauten aus pflanzlichem Material, Lehmziegelbau und Steinbau.

In prähistorischer Zeit dienten als Skelett für den Wohnbau Hölzer und Palmstämme, die mit Schilfrohr oder Papyrusmatten behängt wurden. Da nur sehr spärliche archäologische Reste dieser Bauform vorhanden sind, müssen Rückschlüsse gezogen werden aus Niederschlägen in späteren Bauformen, der Wiedergabe in frühen Schriftzeichen und den Bauten, die teilweise noch heute Verwendung finden als einfache Bauformen (beispielsweise für vorübergehende Schutzhütten und Ställe).

Daneben entwickelte sich aus dem luftgetrockneten Lehmziegel eine Bauweise, die die Entwicklung der ägyptischen Wohnkultur entscheidend bestimmte. Die ägyptischen Lehmziegel wurden aus dem lehmhaltigen Nilschlamm hergestellt. Seit der Naqada-I-Zeit war dieser das wichtigste Baumaterial. Diese „ökonomische“ und klimatisch vorteilhafte Bauweise machte zu allen Zeiten den Hauptteil der Wohnbauten und zeitweise auch der Sakralbauten aus. Sind zwar von vielen altägyptischen Städten nur noch die Steingebäude erhalten, so sind auch von dieser Bauweise insgesamt zahlreiche archäologische Reste vorhanden, die dazu ein gutes Bild ermöglichen.Über den Lehmziegelbau, der bisher in der Forschung weniger Beachtung gefunden hat als der Steinbau, ist noch immer eine Arbeit von A. J. Spencer aus dem Jahr 1979 Standard: A. J. Spencer: Brick Architecture in Ancient Egypt. Westminster 1979.

Demgegenüber blieb der Steinbau für alle Zeit ein Luxus für Bauten mit Ewigkeitsansprüchen wie Gräber und Tempel, in der Absicht, „den Fortbestand des Gottkönigtums und der göttlichen Mächte zu sichern“.D. Arnold: Lexikon der ägyptischen Baukunst. Zürich 1994, S. 246. In Ägypten kam es etwa ab der 1. Dynastie zur Einführung des Steinbaus. Höhepunkte des Steinbaus waren der Djoser-Bezirk in Sakkara zu Beginn der 3. Dynastie, die Pyramiden von Gizeh aus der 4. Dynastie und die Steintempel in Luxor aus dem Neuen Reich.

In den letzten Jahrzehnten führten neue Analysemethoden der Naturwissenschaften zu einem wiedererwachenden Interesse an ägyptischer Werkstofftechnik und Technologie. So werden nun für die archäologischen Quellen ganz andere technologische und sozio-ökonomische Fragen gestellt.Paul T. Nicholson, Ian Shaw (Hrsg.): Ancient Egyptian Materials and Technology. Cambridge 2000, S. 1. Beispielsweise konnte durch neue petrographische Methoden eine viel präzisere Herkunftsbestimmung der Gesteine vorgenommen werden, die für die jeweiligen Bauten verwendet wurden, was auch neue Informationen zu Organisation und Technik des Bauens bietet.Rosemarie Klemm, Dietrich D. Klemm: Steine und Steinbrüche im Alten Ägypten. Berlin u. a. 1993. Trotzdem stehen gerade den zahlreichen archäologischen Quellen oftmals noch keine vollständigen Auswertungen bezüglich Einzelaspekten gegenüber. Beispielsweise ist die ägyptische Tür zwar sowohl archäologisch als auch literarisch sehr gut belegt, es gibt aber noch keine neuere Publikation dazu, die alle Grabungsberichte und Tempel- und Gräberpublikationen heranzieht.Hellmut Brunner: Artikel Tür und Tor. In: W. Helck, W. Westendorf: Lexikon der Ägyptologie. Band VI, S. 778. Die einzige umfangreiche Publikation dazu stammt aus dem Jahr 1936: O. Koenigsberger: Die Konstruktion der ägyptischen Tür. Glückstadt 1936.

Holz-Mattenbau Entstehung und Entwicklung mini|hochkant|Stangengerüst von Mattenhütten am Beispiel einer Kajüte eines Schiffsmodells

Wenn auch nur sehr spärliche archäologische Reste der frühesten Bauformen vorhanden sind, so lassen sich doch Rückschlüsse ziehen aus Niederschlägen in späteren Bauformen, der Wiedergabe in frühen Schriftzeichen und den Bauten, die teilweise noch heute Verwendung finden als einfache Bauformen.H. Ricke: Der Grundriss des Amarna-Wohnhauses. Leipzig 1932, S. 6 f.

Die ursprünglichste Bauform sind vermutlich Rundbauten, und zwar sowohl als Wohnbau als auch als Tempel, wenn auch Rechtecksbauten seit der vordynastischen Zeit in Gebrauch waren. Vorgeschichtliche Rund- und Ovalbauten in Merimde, Omari und Maadi waren Holzpfostenkonstruktionen, die mit Schilfmatten verkleidet wurden. Daneben konnten dort auch Silos nachgewiesen werden, die halb in den Boden eingetieft und mit Lehmwänden versehen waren. Nach Manfred Bietak haben erst die Einführung des quaderförmigen Lehmziegels und die anspruchsvollere Architektur der dynastischen Zeit zur Ablösung der Rundbauten durch die rechteckige Bauform geführt. Als Übergangsform ist der ovale und rechteckig-ovale Grundriss anzusehen.Manfred Bietak: Artikel Rundbauten. In: W. Helck, W. Westendorf (Hrsg.): Lexikon der Ägyptologie. Band V. Wiesbaden 1984, Spalten 318–320.

Mit dem Bedürfnis nach festen Wohnsitzen der sesshaftwerdenden Nomaden hängt die Entwicklung vom Holzmattenbau (Skelettbau) zum Ziegelbau (Massivbau) zusammen. Man kann zunächst von einem Vermischungsprozess und Nebeneinander wesensverschiedener Bauformen ausgehen. Beispielsweise wurden Holz-Mattenbauten auch mit Lehmpatzen versehen. Man wird so lange mit vergleichbaren Bautechniken und -formen zu rechnen haben, bis sich die angenommene Aufspaltung in Ziegel- bzw. Holzmattenbauweise vollzogen hatte.H. Ricke: Bemerkungen zur ägyptischen Baukunst des Alten Reiches. Band 1, Kairo 1944, S. 21.K. Kuhlmann: Rohrbau. In: W. Helck, W. Westendorf (Hrsg.): Lexikon der Ägyptologie. Band 5, Wiesbaden 1984, Spalte 289.

Die alte Bauweise wurde nie ganz aufgegeben. In geschichtlicher Zeit fand sie teilweise noch in den Kajüten auf Schiffen Niederschlag und wurde weiterhin von Hirten für vorübergehende Schutzhütten und Ställe verwendet.K. Kuhlmann: Artikel Rohrbau. In: W. Helck, W. Westendorf (Hrsg.): Lexikon der Ägyptologie. (LÄ) Band V, Wiesbaden 1984, Spalte 288.

Bauweise mini|hochkant|Zeltstangensäulen im Ach-menu des Thutmosis III. Dieses stellt wohl in Stein umgesetzt einen mit einem Zelt überdachten Hof dar. mini|hochkant|Fayence-Kammern im Djoser-Bezirk in Sakkara, Nachbildung der Holz-Mattenarchitektur in Stein mit aufgerollter Mattentür.

Das tragende Gerüst des Holzmattenbaus bestand aus dünnen, senkrecht in die Erde gesteckten Stangen, die durch Querstangen miteinander verbunden waren. Solche Stangen erscheinen zum Beispiel auf Darstellungen von Götterkapellen. Auch die Form der „Zeltstangen“ im Festbau Thutmosis’ III. in Karnak (Ach-menuSein ausführlicher Name lautet Men-cheper-Ra-ach-menu, was so viel wie „Herrlich an Denkmälern ist Men-cheper-Ra (Thutmosis III.)“ oder auch „Erhaben ist das Andenken des Men-cheper-Ra“ heißt. Siehe Thomas Kühn: Zu Ehren Amuns – Die Bauprojekte Thutmosis’ III. in Karnak. In: Kemet. Heft 3/2001, S. 34.) dürften eine Übertragung ähnlicher Stangen, nämlich Zeltstangen, in Stein sein und ihre auffällige Form könnte etwas über die Art der im Mattenbau verwendeten Stangen aussagen: „Die Zeltstangensäule verjüngt sich nach unten, das eigentümlich geformte Kapitell ist mit Blättern bemalt, deren Spitzen nach unten weisen. Es handelt sich also um Pflanzenstängel, die mit ihrem oberen Ende in die Erde eingegraben sind und ihren Wurzelknoten (Kapitell) nach oben kehren, weil dieser so fest ist, dass Zapfenverbindungen mit Querstangen möglich sind.“H. Ricke: Der Grundriss des Amarna-Wohnhauses. Leipzig 1932, S. 7. Dazu passen auch die archäologischen Nachweise runder Pfostenlöcher bei vorgeschichtlichen Bauten beispielsweise in Maadi und Merimde.Oswald Menghin, Mustafa Amer: The Excavations of the Egyptian University in the Neolithic Site at Maadi. First Preliminary Report (1930–31). Kairo 1932, S. 16 f.Hermann Müller-Karpe: Handbuch der Vorgeschichte. Band 2: Jungsteinzeit. München 1998, S. 405.

Zur Wandung verwendeten die Rundhütten hauptsächlich vertikale und horizontal fortgeführte Pflanzenstängel, die verschnürt wurden. In der einfachsten Ausführung handelte es sich um ovale Windschirme, die zur windabgewandten Seite und oben offen waren. Als Gittergerüst waren sicherlich Palmzweigrippen oder auch Rohrstängel durch ihre natürliche Biegung besonders geeignet. Über erstere konnte als Bedachung eine korbartige Kuppel aufgesetzt werden, über letztere konnten Matten oder eine Gras- bzw. Strohbedeckung gelegt werden. In den frühzeitlichen Darstellungen scheint ein vertikales bzw. rechteckiges Linienmuster die Rohr- bzw. geflochtene Mattenwände darzustellen, während ein rautenförmiges Muster wohl das Stützgitter der gebogenen Dachkonstruktionen andeutet.K. Kuhlmann: Artikel Rohrbau. In: W. Helck, W. Westendorf (Hrsg.): Lexikon der Ägyptologie. (LÄ) Band V, Wiesbaden 1984, Spalte 292, Anmerkung 11; A. Badawy: Le dessin architectural chez les anciens Egyptiens. Kairo 1948, S. 47 ff.

Die Holzmattenbauten hatten vermutlich ein flaches oder gebogenes Dach. Beide Formen wurden in Felsgräbern nachgeahmt, die sowohl flache als auch gebogene Decken aufweisen und mit Mattenmustern bemalt sind und von gemalten Streifen oder plastisch modellierten Balken scheinbar getragen werden. Diese Dachkonstruktion erscheint im Stangengerüst der Kajüten von Schiffsmodellen, die wohl in gleicher Weise errichtet wurden wie die Mattenhütten an Land.H. Ricke: Der Grundriss des Amarna-Wohnhauses. Leipzig 1932, S. 8 f.

Monumentale Ausfertigungen dieser Bauweise, werden zum Beispiel im Djoser-Komplex in Sakkara in Stein umgesetzt dargestellt. In den blauen Kammern sind die Matten ganz eindeutig durch Fayence-Kacheln repräsentiert und auch die Zugänge der Mattenbauten aus auf- bzw. hinuntergerollten Matten sind in dieser Form dargestellt. Von solchen Bauten besitzen wir auch Darstellungen auf Rollsiegel-Abdrücken der 1. Dynastie. Es handelt sich dabei um die älteste erkennbare Form des oberägyptischen Palastes oder genauer gesagt seine Ausgangsform, die Ricke im Unterschied zum Mattenpalast als „Königszelt“ bezeichnet.H. Ricke: Bemerkungen zur ägyptischen Baukunst des Alten Reiches. Band 1, Kairo 1944, S. 27 ff.